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Die Einwohner Vancouvers haben sich längst daran gewöhnt, dass Obdachlose am Strassenrand liegen. bild: thomas schlittler

Thanksgiving auf den Strassen Vancouvers: Wo Miniröcke auf Obdachlose treffen

«Happy Holidays» steht auf dem Stadtbus, der in Downtown Vancouver darauf wartet, bis alle Passagiere eingestiegen sind. Es ist Montag, der 10. Oktober 2016: Kanada feiert Thanksgiving.

15.10.16, 15:07 16.10.16, 01:50
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Familien und Freunde treffen sich, um sich die Bäuche vollzuschlagen mit gefülltem Truthahn, gekochtem Schinken, Süsskartoffeln und sonstigen Leckereien. Die Kanadier sind heute dankbar dafür, dass sie genug zu essen auf dem Tisch haben – und für alles Gute, das ihnen im vergangenen Jahr wiederfahren ist.

Als alle Passagiere einen Sitzplatz gefunden haben, fährt der Bus davon. Er gibt den Blick frei auf ein Schaufenster, in dem Plakate hängen mit perfekt gestylten, bildhübschen jungen Menschen. Sie machen Werbung für den neuesten Look. Doch etwas passt nicht ins Bild: Direkt unter dem Schaufenster liegt ein rot-oranges Etwas, daneben eine blaue Einkaufsrolltasche. Es ist ein Obdachloser, der hier sein Nachtlager aufgeschlagen hat.

Selbst in der Granville Street, der Einkaufs- und Ausgehsmeile der Stadt, liegen Obdachlose auf dem Trottoir – sowohl bei Tag als auch bei Nacht. bild: thomas schlittler

Nur ganz wenige Passanten verlangsamen den Schritt und nehmen Notiz von diesem Menschenknäuel. Vermutlich sind es Touristen. Die grosse Mehrheit jedoch läuft am Schaufenster vorbei, als ob nichts wäre. Die Einheimischen haben sich längst an den Anblick von Obdachlosen gewöhnt.

Der neueste «Homeless Count» im März 2016 identifizierte 1'847 Obdachlose auf Vancouvers Strassen. Es ist die höchste Zahl, seit die Zählung 2005 erstmals durchgeführt wurde. Und in Wirklichkeit dürfte die Zahl deutlich höher sein, schreiben die Organisatoren. Denn erstens sind nie alle Obdachlosen auffindbar und zweitens wollen nicht alle an der Umfrage teilnehmen.

Die meisten Obdachlosen leben in Downtown Eastside. Es ist eine offene Drogenszene, wie es sie in Zürich in den 1990er-Jahren am Bahnhof Letten und auf dem Platzspitz gab. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, als ich am Nachmittag durch das Viertel laufe. Die Menschen sitzen hier mit ihren wenigen Habseligkeiten auf der Strasse, suchen nach Drogen und setzen sich auf offener Strasse Spritzen.

Nach Einbruch der Dunkelheit wage ich mich nicht mehr nach Downtown Eastside. Doch auch ein paar Blocks weiter ist das Drogen- und Obdachlosenproblem der Stadt offensichtlich: Auf der Granville Street, der Einkaufs- und Ausgehmeile Vancouvers, tummeln sich Obdachlose, Dealer und Drogensüchtige genauso wie Shoppingwütige und Partygänger. Vancouver ist eine boomende Stadt, die Immobilienpreise sind hier in den letzten Jahren so stark gestiegen wie kaum an einem anderen Ort.

«Willst du Koks oder ...»

Zu Kontakten zwischen den beiden Welten kommt es meist nur, wenn Randständige um Kleingeld oder eine Zigarette bitten. Als ich vor einem Pub eine rauche, fragt mich ein grossgewachsener, schlaksiger Mann mit ausgemergeltem Gesicht: «Hast du eine Zigarette für mich?» Ich gebe ihm eine, er bedankt sich höflich. Dann fragt er mich: «Willst du Koks oder ... ?» Den Namen der zweiten Droge verstehe ich nicht. Ohne nachzufragen schüttle ich freundlich lächelnd den Kopf und sage: «Nein danke.» Er wird fast etwas verlegen und entschuldigt sich dafür, dass er gefragt hat. Dann wünscht er mir einen schönen Abend und zieht davon.

Aus dem Innern des Clubs dröhnt laute Musik, im «Roxy» spielt heute eine Liveband.

Es ist erstaunlich, aber das Nebeneinander auf engstem Raum scheint relativ reibungslos zu funktionieren. Einige Szenen sind aber fast grotesk: Unmittelbar vor einem Nachtclub namens «Roxy» sitzt ein Obdachloser mit einem Bettelschild. Aus dem Innern des Clubs dröhnt laute Musik, im «Roxy» spielt heute eine Liveband. Der Mann in den abgetragenen Klamotten wippt im Takt der Musik hin und her, während Männer in schicken Hemden sowie Frauen in Highheels und Miniröcken an ihm vorbei in den Club gehen. Die Türsteher lassen den Zuhörer vor dem Eingang gewähren.

Nach acht Stunden auf der Granville Street – ab und zu gönnte ich mir in der Wärme ein Bier – habe ich genug gesehen. Da ich Hunger habe, gehe ich bei McDonalds vorbei, einem der wenigen Orte, an dem es um drei Uhr morgens noch etwas zu essen gibt. Vor dem Eingang sitzt eine junge Frau am Boden unter einer Decke, neben ihr zwei Hunde und ein Koffer. Sie ist offensichtlich obdachlos, sieht aber nicht so mitgenommen aus wie viele andere.

Ein Limousine lädt Männer in Anzügen sowie Frauen in Highheels aus, während ein paar Meter daneben Menschen auf der Strasse schlafen. bild: thomas schlittler

Ich setze mich ein paar Meter neben ihr auf meinen Rucksack und frage: «Hast du Hunger?» Als sie bejaht, gebe ich ihr mein Chicken-Nuggets-Menu. Während sie auf meinen Rucksack aufpasst, hole ich mir ein neues.

Als ich zurück bin, frage ich die 26-Jährige, die sich mir als Bevan vorstellt: «Wieso leben hier so viele Menschen auf der Strasse?» Ihre Antwort: «Weil sie sich keine Wohnung leisten können.» Ich: «Gibt es keine Sozialhilfe in Kanada?» Sie: «Doch, ich kriege vom Staat 250 kanadische Dollar pro Monat (190 Franken). Aber das reicht nicht.» Ich: «Warum hast du keinen Job?» Sie: «Ich habe Probleme mit meiner Wirbelsäule und kann deshalb nicht arbeiten.»

«Mein Vater hat mich nur einmal zum Lachen gebracht, als er sich beim Essen verschluckt hat und beinahe erstickt ist.»

Bevan

Ich rede über eine halbe Stunde mit Bevan. Kann sie wirklich nicht arbeiten? Ist sie an ihrer Situation mitschuldig? Schwierig zu sagen. Gut möglich, dass sie in ihrem Leben ein paar schlechte Entscheidungen mehr getroffen hat als andere. Von etwas bin ich nach dem Gespräch aber überzeugt: Ein schönes Thanksgiving hatte Bevan in ihrem Leben bisher nie. «Mein Vater hat mich nur einmal zum Lachen gebracht», erzählt sie, «das war, als er sich beim Essen verschluckt hat und beinahe erstickt ist.»

Trotz allem schafft es Kanada auf Platz 6 der lebenswertesten Länder der Welt

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasionaria 16.10.2016 23:21
    Highlight Th. Schlittler
    Einmal mehr sehr einfuehlsam erzaehlt. Vielen Dank, dass Sie die Augen fuer alles und alle offen behalten.

    Ihre Schilderungen lassen mir Brechts Sprichwort in Erinnerung rufen:
    "Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an,
    und der Arme sagte bleich: ‚Wär ich nicht arm wärst du nicht reich."
    Diese Worte muessen natuerlich in groesserem Zusammenhang und nicht wortwoertlich gesehen werden.
    Es will auf die weltweit vorherrschenden Probleme aufmerksam machen: auf die ungerechte Verteilung von Vermoegen, Wohlstand und Macht.
    25 2 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 08:58
      Highlight Vielen Dank für das Kompliment! Mir kommt bei dem Thema immer Mani Matters Lied "Dene wos guet geit" in den Sinn ...
      4 0 Melden
  • Pana 15.10.2016 21:12
    Highlight Interessant. Ich war zwar noch nie in Vancouver, aber vor gar nicht so langen, galt es ja als eine der sichersten Städte der Welt. Die Beschreibung erinnerte mich da schon eher an Baltimore :D
    4 17 Melden
    • Danyboy 15.10.2016 23:09
      Highlight Unsicher ist Vancouver nicht. Ich habe vor 10 Jahren für 4 Monate dort gelebt, und es gab damals schon sehr viele Obdachlose. Gefährlich war die grosse Mehrheit allerdings nicht, viele haben psychische Probleme und sind recht harmlos. Die East Side um die East Hastings Street sollte man allerdings meiden, damals wie heute. Als ich diesen Sommer wieder drüben war, war es immer noch gleich, vielleicht noch einige Obdachlose mehr. Trotzdem eine tolle Stadt...
      20 1 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:03
      Highlight @Pana: Danyboy hat meine Antwort vorweggenommen. Ausser mitten in der Drogenszene fühlte ich mich nirgends unwohl. Die meisten Randständigen, mit denen ich direkt in Kontakt kam, waren sogar ausgesprochen freundlich. Stellvertretend dafür ist im Artikel die Begegnung mit dem Zigi-Schnorrer/Dealer.
      3 0 Melden
  • Luca Brasi 15.10.2016 18:59
    Highlight Da haben Sie ja ein zwiespältiges Thanksgiving erlebt. :(
    13 2 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:06
      Highlight Ja. Aber viel wichtiger ist: An jedem anderen Abend/Tag würde sich wohl ein ähnliches Bild zeigen ... :-(
      2 0 Melden
  • maweiss83 15.10.2016 17:09
    Highlight Ich war im 2012 für knapp 4 Wochen in Vancouver, auch mir waren die vielen Obdachlosen aufgefallen, der Gegensatz zu der Hochmodernen Stadt ist augenfällig. In der Schule, welche ich besucht habe, waren die 'homeless-people' nur am Rande ein Thema, vor allem wenn sich jemand durch das Betteln gestört gefühlt hat. Das es nun eine offene Drogenszene gibt, erschreckt mich. Hoffte ich doch, dass die Probleme gelöst worden sind.

    Vielen Dank für den schönen Bericht!
    26 2 Melden
    • schnoogg 15.10.2016 18:46
      Highlight Diese konzentrierte, offene Drogenszene gibts meines Wissens schon seit den 80ern, nachdem dort u.a. eine psychatrische Klinik geschlossen wurde und die Stadt es versäumt hat, sich dieser Situation mit den nun obdach- und betreuungslosen Randständigen anzunehmen.
      Bin letztes Jahr eher zufällig die East Hastings Street runter gelaufen (anfangs noch eine sich entwichelnde Einkaufsstrasse), und ehe man sich versieht, ist man auf einmal mittendrin. War schon sehr krass, so etwas habe ich das noch nie gesehen und auch nicht erwartet in Vancouver, das immer wieder als Vorzeigestadt genannt wird.
      21 0 Melden
    • Danyboy 15.10.2016 23:12
      Highlight Schnoogg:
      Das stimmt, viele der Probleme entstanden damals als eine psychiatrische Klinik geschlossen wurde. Haben mir mehrere Vancouverites erzählt. Vancouver hat bei seinem rasanten Aufstieg in den letzten Jahren einige Leute links liegen gelassen. Schade, wo doch die Kanadier sonst doch recht sozial und offen sind. Angst hatte ich aber übrigens ausserhalb der Hastings Area nie in Vancouver.
      12 0 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:13
      Highlight Ja, das wegen der psychiatrischen Klinik hat man mir auch erzählt. Aber das ist ja schon ziemlich lange her und man hatte viele Jahre Zeit, um Fortschritte zu erzielen. Ich war 2008 schon einmal in Vancouver. Die Probleme sind mir damals schon aufgefallen. Jetzt hatte ich gehofft, dass es etwas besser geworden ist. Doch dem ist leider nicht so - im Gegenteil.
      2 0 Melden
  • lilie 15.10.2016 15:29
    Highlight Danke, Thomas, einmal mehr für den sehr lesenswerten Artikel! 👍

    Auch in der Schweiz gibt es ja leider Obdachlosigkeit. Und die Drogenproblematik sei unverändert, sagte man mir, auch wenn es keine offene Szene mehr gibt.

    Ich glaube, es ist für uns "Wohlbehütete" fast nicht nachvollziehbar, wie man auf der Strasse landen kann. Und trotzdem geschieht es, auch bei uns.

    Ich finde es übrigens ganz besonders rührend, dass du Bevan auf dein Gepäck hast aufpassen lassen - du hast ihr dein Vertrauen geschenkt, und ich bin sicher, sie hat das sehr geschätzt. ☺
    134 8 Melden
    • Snowdrum 15.10.2016 17:15
      Highlight Oo wollte keinen Blitz machen darum noch zwei extra ❤❤
      40 3 Melden
    • Thomas Schlittler 23.10.2016 09:19
      Highlight Liebe lilie
      Klar ist auch in der Schweiz nicht alles perfekt. Vergleichsweise empfinde ich unsere sozialen Probleme aber als Peanuts. Unser System ist definitiv sozialer als in Nordamerika - auch als in Kanada. Und die Schweizer Drogenpolitik erachte ich ebenfalls als vorbildlich. Natürlich gibt es nach wie vor auch bei uns viele Süchtige. Aber die meisten haben trotzdem ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Das ist schon ein Unterschied.
      3 0 Melden
    • lilie 23.10.2016 12:13
      Highlight @Thomas: Da hast du natürlich auch wieder recht. Bei uns bemüht man sich darum, auch diese Menschen aufzufangen.

      Dass in anderen Ländern weniger getan wird, dass man sich einfach "belästigt" fühlt, finde ich schwer zu verstehen. Mangelt es am Geld? Am Willen? Am Mitgefühl? An den politischen Strukturen?

      Aber selbst bei uns, wo sich die Regierungen bemühen, gibts ja auch noch zusätzlich private Initiativen wie z.B. die von Pfarrer Sieber. Solche Möglichkeiten bestehen doch auch in anderen Ländern, oder verstehe ich das falsch?
      1 0 Melden

Wer als Krebspatient alternativen Heilern vertraut, geht ein hohes Risiko ein

Eine Studie zeigt, dass die Sterberate bei alternativen Methoden wesentlich höher ist als bei schulmedizinischen Therapien.

Die Diagnose Krebs triff jedes Jahr mehr als 30'000 Schweizerinnen und Schweizer wie einen Keulenschlag. Plötzlich hängt ihr Leben an einem seidenen Faden, der Tod wird ihr ständiger Begleiter.

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