Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Alleine in Kasachstan: So ist es, wenn in Paris schreckliche Dinge passieren – und du mit niemandem darüber reden kannst

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Reisen ist nicht immer Friede, Freude, Tralala. Es gibt Momente, in denen ich mich frage, was ich hier überhaupt mache. Alleine in Kasachstan. Weit, weit weg von den Liebsten zu Hause. Ich habe gerade einen der einsamsten Tage hinter mir, seit ich die Schweiz vor fünfeinhalb Monaten verlassen habe.

Draussen hat es geregnet, ich bin deshalb stundenlang in meinem schäbigen kleinen Hotelzimmer auf dem Bett gelegen.

In meinem Kopf drehten sich die Gedanken um die Ereignisse in Paris – wieder und wieder. Und das Schlimmste: Ich konnte mit niemandem darüber reden.

Es fällt schwer, die feige Gewalt gegen Unschuldige zu begreifen. Zu akzeptieren, dass man nichts dagegen machen kann, dass ein paar wenige Individuen eine ganze Stadt, ein ganzes Land, eine ganze Gesellschaft terrorisieren können. Diese Ohnmacht schnürt einem die Kehle zu.

Das Traurige ist, dass es die Terroristen schaffen, dass ich hier in Kasachstan bin, an ihre Gräueltaten denke, und die unzähligen wunderschönen Begegnungen, die ich hautnah erlebe, in den Hintergrund rücken.

Dabei habe ich erst gestern wieder drei tolle Menschen kennengelernt. Drei junge Kasachen, so unbeschwert, wie man es wohl nur mit anfangs zwanzig sein kann.

Dabei habe ich erst gestern wieder drei tolle Menschen kennengelernt. Drei junge Kasachen, so unbeschwert, wie man es wohl nur mit anfangs zwanzig sein kann. Sie sind neugierig, wollen DJ werden oder Musiker und träumen davon, andere Länder zu bereisen. Zudem sind sie alle drei Muslime.Sie haben mit den Anschlägen in Paris genauso wenig zu tun wie ich. Doch es wird Leute geben, die sie und ihren Glauben indirekt für das Morden mitverantwortlich machen. Einmal mehr wird der Islam zum Gesprächsthema. Und dabei wird nicht immer ein Unterschied gemacht zwischen den radikalen IS-Terroristen und den X-Millionen Muslimen, die ihre Religion friedlich ausleben.

Meine Fahrer auf dieser Etappe: Von Bukhara (Uzbekistan) nach Schymkent (Kasachstan)

Das ist das Traurigste an den feigen Anschlägen: Die Terroristen schaffen es, ein Klima des Misstrauens und des Hasses zu schaffen. Jeder denkt, dass jeder Muslim ein Terrorist sein könnte. Keiner vertraut dem andern. Niemand fühlt sich nirgendwo mehr sicher.

Auch ich bin nicht gefeit vor solchen Gedanken. Wenn man gar in einem Café in Paris einfach so abgeschlachtet werden kann, wie sicher ist es dann, in muslimischen Ländern wie dem Iran, Turkmenistan, Usbekistan oder Kasachstan bei Wildfremden ins Auto zu steigen? Diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf – und ich hasse mich dafür, dass ich den Terroristen soviel Platz zugestehe.

Doch ich werde es nicht zulassen, dass sie meine Gedanken steuern. Ich werde morgen wieder bei Wildfremden ins Auto steigen. Ich werde ihnen blind vertrauen und dafür mit unvergesslichen Erlebnissen belohnt werden.

Ich werde darüber schreiben und darauf hoffen, dass dem einen oder anderen Leser in Erinnerung gerufen wird: Stimmt, es gibt ja auch viel Gutes und Schönes in der Welt!

Der Terror ist zwar leider wahr, aber nicht die ganze Wahrheit.

Zur gleichen Zeit, als in Paris hunderte unschuldige Leben ausgelöscht wurden, haben tausende junge Paare Freudentränen vergossen wegen der Geburt ihres ersten Kindes. Teenager erlebten mit pochendem Herzen ihren ersten Kuss. Alten Omas wurde über die Strasse geholfen, alten Opas ein Platz im Bus freigemacht. Und irgendwo offerierte jemand einem Fremden einen Tee, ein Mittagessen, eine Mitfahrgelegenheit oder gar einen Platz zum Schlafen – einfach so.

Über diese Dinge wird nur selten geschrieben. Das heisst aber nicht, dass es sie nicht gibt, sie passieren Tag für Tag. Das sollten wir nicht vergessen! Sonst gewinnt die Angst die Oberhand – und die Terroristen haben ihr Ziel erreicht.

Meine Woche in Bildern

Etappe 24 von Bukhara nach Schymkent

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren Newsletter

16
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lizzie Bennet 15.11.2015 20:19
    Highlight Highlight Danke! Toller Text, du hast mir Mut gemacht.
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:02
      Highlight Highlight Liebe Lizzie
      Ich habe diesen Text auch geschrieben, um die Ereignisse für mich selbst einzuordnen und zu verarbeiten. Schön, dass ich nicht nur mir sondern auch dir Mut machen konnte!
      Beste Grüsse Thomas
  • tetragraph 15.11.2015 19:31
    Highlight Highlight Chapeau Thomas!
    Danke für die aufbauenden Worte und weiterhin alles Gute auf Deinem Weg.
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:04
      Highlight Highlight Lieber tetragraph
      Vielen herzlichen Dank - sowohl für das Kompliment als auch für die guten Wünsche für meine Reise. Dir ebenfalls alles Gute! LG
  • Tilia 15.11.2015 15:23
    Highlight Highlight Danke! Deine Reise hat ne Botschaft!
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:15
      Highlight Highlight Liebe Tilia
      Was für ein wunderschönes Kompliment, vielen Dank!
  • Arya Underfoot 15.11.2015 13:41
    Highlight Highlight Danke für diese treffenden Worte!

    Und weiter so mit deinen Berichten, ich freue mich immer auf Neues in deiner Rubrik! :)
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:21
      Highlight Highlight Liebe Arya
      Vielen Dank für das Kompliment. Ich werde mir weiterhin grosse Mühe geben, damit du dich auch in Zukunft auf meine Kolumnen freust. Hoffentlich bald wieder mit fröhlicheren Themen ...
      LG Thomas
  • Monti_Gh 15.11.2015 13:00
    Highlight Highlight Starke Worte!
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:22
      Highlight Highlight Danke!
  • Sveitsi 15.11.2015 10:06
    Highlight Highlight Ehrlicher Text - danke dafür!
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:31
      Highlight Highlight Liebe/r Sveitsi
      Hat mich ehrlich gesagt etwas Überwindung gekostet, den Text zu publizieren. Schreibe zwar mittlerweile seit fast sechs Monaten über meine Erlebnisse, das war aber mit Sicherheit die persönlichste Kolumne bisher. Deshalb freut es mich besonders, dass dir der Text gefallen hat. Vielen Dank! LG thomas
  • Nyu 15.11.2015 09:24
    Highlight Highlight Danke❤️
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:31
      Highlight Highlight Danke dir!
  • elpeyotl 15.11.2015 09:18
    Highlight Highlight Danke! Schön geschrieben!
    • Thomas Schlittler 18.11.2015 15:31
      Highlight Highlight Ich danke dir!

Allein unter Seebären – per Frachtschiff über den Pazifik

Lange nichts gehört – hatte Autostopp-Blogger Thomas Schlittler eine Panne? Mitnichten: Er hat bloss sein Vehikel getauscht – und weil der Mann mit dem Frachtschiff unterwegs war, dauerte eine Etappe schon mal zwei Wochen.

Tag zwei meiner Pazifik-Überquerung neigt sich dem Ende zu. In der Ferne sind ein paar Lichter anderer Schiffe zu erkennen. Ansonsten sehe ich nur das weisse Geländer, auf das ich meine Füsse gelegt habe, sowie die ersten Reihen der hunderten Container, die sich aufeinandergetürmt über das Deck verteilen.

«Freiheit, Freiheit», dröhnt Marius Müller Westernhagens Stimme aus meinen Kopfhörern. Ich muss schmunzeln. Wir Menschen sind schon lustig: Die Fahrt auf hoher See gilt als Inbegriff von …

Artikel lesen
Link to Article