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«I hätt no viu blöder ta ...»

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10 Tipps an mein 20-jähriges Ich.

24.07.16, 18:42 25.07.16, 06:27

Kürzlich sinnierte ich mit ein paar Freunden aus Kindertagen über die Vergangenheit. Übers «Räuber und Poli»-Spielen im Wald. Über das Nachschlagen von Wissenswertem im Lexikon. Über den Migros-Wagen. Süsse Nostalgie machte sich breit für eine Zeit, die an sich noch gar nicht so weit entfernt liegt; ausser man fragt meine Makeup-Beraterin, die mir unlängst in süsslichem Singsang ins Ohr flötete, es sei nun langsam Zeit, dass wir über eine Anti-Falten-Pflege nachzudenken begännen. Und mit «wir» meinte sie mich, denn sie ist circa 12 Jahre alt und hauttechnisch eine Mischung einem Pfirsich und einem Engel.  

Aber item.  

Die eigene Jugendzeit darf man durch eine romantische Brille sehen, finde ich. Das fanden auch meine Freunde und wir waren uns einig, dass das, was für uns die «gute alte Zeit» ist, schön war.  

Im Nachgang zu dieser Diskussion begann ich mir zu überlegen, ob ich diese Zeit auch damals schon so toll fand und die Antwort war ein deutliches Nein. Das lag vielleicht daran, dass ich während eines Grossteils davon eine Teenagerin war, für welche die Welt ja per definitionem ein bisschen düsterer und verwirrender sein soll, als sie es eigentlich ist.  

Vor einem Monat wurde mir die grosse Ehre zuteil, an meinem ehemaligen Gymi, der Kanti Schaffhausen, die Maturarede zu halten. Während der Vorbereitung wusste ich: 2000 Augen würden auf mich gerichtet sein, 260 davon würden Maturandinnen und Maturanden gehören – und natürlich sah ich mich zurückversetzt an den Moment, als ich dort in der St.Johann-Kirche sass, anno 1912. Ich redete also mit meinem 20-jährigen Ich und versuchte, ihm auf unterhaltsame Weise das eine oder andere mit auf den Weg zu geben (wer die ganze Rede lesen will, findet sie hier).  

1. Lerne alles, was du kannst, sei es schulisch oder nicht, und bleibe dabei wachsam und kritisch.  

2. Lass dir von niemandem sagen, wie einfach oder schwierig das Leben sei – finde das selbst heraus.  

3. Reise, wann immer du kannst, auch ohne grosses Budget, denn Bildung geht nicht nur ums Gehirn, sondern um dich als Ganzes, als Mensch, und je mehr von der Welt du gesehen und verstanden hast, desto facettenreicher werden deine Meinung, dein Charakter und letztlich auch dein Herz.  

Das waren die drei Tipps am Ende meiner Rede. Ich möchte nun hier noch weitere Dinge aufschreiben, die ich meinem jüngeren Ich – basierend auf meiner eigenen Geschichte – raten würde.  

4. Vergleiche dich nicht allzu sehr mit anderen, sondern folge primär deinen eigenen, inneren Maximen, die angepasst sind an das, was du kannst und was nicht, was deine Talente sind und was nicht, was deine Geschichte ist und was nicht – und verfalle dabei aber nicht in den Glauben, dass das bedeutet, dass du dich nicht mehr steigern oder wachsen musst.  

5. Auf die Schnauze fliegen ist okay, auch wenn's weh tut. Tu' auch mal richtig blöd, mach' Fehler, empfinde tiefe Reue. Das Kind, das Dreck gegessen hat, hat die besten Abwehrkräfte.

6. Sei neugierig und zwar so, dass es manchmal auch unangenehm werden kann oder weh tut. Stelle deine eigene Komfortzone in Frage und versuche, sie immer mal wieder zu verlassen, sei es auf Reisen, mit Essen, mit Begegnungen oder gar mit Beziehungen.  

7. Steh auch mal still. Sieh dich um. Verpass nicht die Schönheit einzelner Momente, weil schon wieder die nächsten in Planung sind.

8. Versuche, so wenig wie möglich mit Schubladen zu arbeiten. Vermeiden lassen sie sich nicht, unser Gehirn wäre sonst mit den Einzelablagen kapazitätstechnisch überfordert – sei aber bereit, Menschen, die du (z.T. relativ zügig) in eine bestimmte Schublade gesteckt hast, auch wieder rauszunehmen, selbst wenn das bedeutet, dass dein Stolz einen Kratzer davonträgt.  

9. Nimm's nicht so persönlich. Nimm's nicht so persönlich. Nimm's nicht so persönlich.  

10. Intellektuelle Fähigkeiten haben nichts mit Weisheit zu tun.  

Wenn ich ganz ehrlich bin, fühlt sich mein 34-jähriges Ich vom einen oder anderen dieser Tipps noch immer ertappt. Mit einigen habe ich soweit abgeschlossen, mit andern hadere ich heute noch.

Vielleicht war das ja mein 48-jähriges Selbst, das mir für einen Moment den Ellenbogen in die Rippen gedrückt und gesagt hat: «Remember?» Ich glaube, es tut uns gut, ab und an mal zurück zu schauen und unser Verhalten (damals und heute) kritisch zu hinterfragen, sonst geben wir uns nämlich mit 100 noch dieselben Tipps wie mit 20.

Und was würdet Ihr Euch raten? Damals und heute?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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23
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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 30.07.2016 09:21
    Highlight 1) Mache es so oder anders
    2) Lebe im Jetzt
    3) Plane für die Zukunft
    4) Verzeihe der Vergangenheit
    5) Bleib in Bewegung
    6) Steh auch mal still
    7) Umgib dich mit guten Menschen
    8) Trenne dich von Dingen
    9) Freue dich und lache viel
    10) Meditiere
    11) sieh die kleinen Dinge
    12) Verstehe die grossen Zusammenhänge
    13) ...
    1 0 Melden
  • Raembe 27.07.2016 06:41
    Highlight Ganz einfach: Das was dir in der Berufsschule über die Jobsituation erzählt wird, ist falsch. Lern mehr für die LAP. Treibe mehr Sport, hör auf deinen Chef zu hassen und geh im Sommer nach IBIZA.
    2 2 Melden
  • Bruno Wüthrich 25.07.2016 20:24
    Highlight Ich hoffe, dass ich im Verlaufe meines Lebens, das hoffentlich noch lange dauern wird, klüger und weiser geworden bin. Meinem 20-jährigen Ich jetzt noch etwas raten zu wollen, halte ich für verspätet. Trotzdem weiss ich heute, wo ich mich auf meinem Weg habe fehlleiten lassen, und was ich hätte besser machen können.

    Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die gesund sind, und bei denen sich bisher alles - zum Teil auf Umwegen - zum Guten gewandt hat. Ich empfand mein Leben nie als langweilig. Ich habe gelernt, durch Türen zu gehen, die sich öffnen, oder dafür zu sorgen, dass sie sich öffnen.
    7 1 Melden
    • Lichtblau 26.07.2016 19:44
      Highlight Find ich schön, Bruno.
      1 0 Melden
    • pamayer 28.07.2016 11:15
      Highlight fast ein wenig beneidenswert schön. wow!
      1 0 Melden
  • Toerpe Zwerg 25.07.2016 11:15
    Highlight - Ein hohes gesellschaftliches Ansehen mit 20 - bestehend aus sexueller Attraktivität, Coolness, Gästelisten - ist bereits mit 30 irrelevant. Es lohnt sich nicht, darin zu investieren,

    - Was Du von Anderen siehst, ist immer Fassade. Mit einer Fassade kann das eigene Leben nicht konkurrieren. Lass Dich nicht täuschen, vergleiche nicht.

    - Entwickle einen Plan, wo Du im Leben hin willst. Du kannst diesen immer ändern, aber ohne Plan kommst Du nirgends hin. Das Leben beschleunigt. Hatte man gerade noch alle vor sich, hat man bald alles verschlafen.

    - Profitiere von der Lebenserfahrung der Alten
    33 2 Melden
  • Miicha 25.07.2016 10:36
    Highlight Es ist wirklich nicht so wichtig was andere von dir denken. Die meisten Mitschüler siehst du sowieso nie wieder, also musst du ihnen auch nicht gefallen. 😁
    28 0 Melden
  • Fumo 25.07.2016 10:12
    Highlight Ich würde meinem 20 jährigen ich sagen:
    Du bist auf den Holzweg. Du hast recht, aber das will noch keiner wahrhaben. Krieche lieber jetzt in ein par Hintern, damit man später in deinen kriechen muss.

    Keine Lügen über "sei du selbst" oder "folge deine Träume und mach was dich glücklich macht".
    15 21 Melden
  • Anam.Cara 25.07.2016 07:27
    Highlight Interessante Frage.
    Ich würde mir z.B. raten:
    - manchmal ist "gut" absolut perfekt.
    - die Meinung der meisten Leute über dich ist wirklich, wirklich egal.
    - suche stets die Gesellschaft von Menschen. Von vielen Menschen. Aber vor allem von Menschen, die dir gut tun.

    Ich bin gespannt, was hier in den Kommentaren noch so zusammen kommt.
    26 3 Melden
  • Lami23 25.07.2016 05:52
    Highlight Wer sich alle Türen offen hält, wird immer im Gang stehen bleiben. Sprich, sei entscheidungsfreudig, und entscheide selbst! & Sei gnädig mit dir und den anderen.
    36 0 Melden
  • pamayer 25.07.2016 01:44
    Highlight wunderschön!
    mir als 20-jähriger hätte eine solche rede besser getan, als den moralischen stuss, den wir damals über uns ergehen lassen mussten.
    wunderschön. danke!

    ja, die tipps und das hadern damit ist mir sehr vertraut. wir bleiben dran.

    ist das 'anno 1912' ein simpler druckfehler oder steckt ein tieferer sinn oder höhrere mathematik dahinter, die ich trotz (oder wegen) gymnasium nicht verstehe?
    13 2 Melden
    • Yonni Meyer 25.07.2016 08:52
      Highlight Das war ein kleines Witzli. Obwohl mir das mit der schlechten Mathe durchaus zuzutrauen wäre. Habe schliesslich eine "Bastler-Matur" (musisch) gemacht.
      18 0 Melden
    • pamayer 25.07.2016 16:21
      Highlight Darf ich nachfragen, was hinter dem witzli steht, oder wissen die betroffenen nur zu gut Bescheid?
      2 2 Melden
    • Yonni Meyer 25.07.2016 18:33
      Highlight Hinter dem Witzli steckt weitaus weniger, als Sie denken: es sollte sich darüber lustig machen, wie lange meine Matur schon her ist.
      6 0 Melden
    • pamayer 28.07.2016 11:18
      Highlight und nun für alle ein "man ist nur so alt, wie man sich fühlt" ins poesiealbum.
      1 0 Melden
  • SeKu 24.07.2016 23:41
    Highlight 1. Verzeih dir.

    2. Behandle dich selbst mindestens so gut wie du die dir am nächsten stehende Person behandelst.
    23 2 Melden
  • Madison Pierce 24.07.2016 23:34
    Highlight Meine Jugend habe ich nicht nur in guter Erinnerung, sie war auch gut. Nur bewusst geniessen konnte ich das damals noch nicht, weil ich nicht wusste, dass es mal anders sein wird.

    Meinem jüngeren Ich würde ich raten, nicht so ängstlich zu sein für Entscheidungen und darauf zu vertrauen, dass es auch eine zweite oder dritte Gelegenheit gibt. Hatte bis jetzt noch nie eine Pause, keine grössere Reise, weil sich immer der nächste Karriereschritt angekündigt hat. Und ich hatte nie den Mut zu sagen "danke für das Angebot, aber ich bin zuerst mal drei Monate weg".
    22 0 Melden
    • Lami23 26.07.2016 17:54
      Highlight Dafür ist es auch jetzt noch nicht zu spät...
      6 0 Melden
  • Pinga 24.07.2016 23:12
    Highlight Ich habe meine Matura vor etwas mehr als einem Jahr gemacht. War jetzt ein Jahr lang unterwegs und merke selber, wie extrem ich in dieser kurzen Zeit vom behüteten Kind im Schulalltag zu einem, wenn auch sicherlich noch nicht ganz fertigen, Erwachsenen geworden bin, immer noch begleitet von den Eltern, aber nicht mehr beschützt. Ich habe mir deine ganze Rede durchgelesen und wollte kurz danke sagen dafür - ich glaube schöner kann man die Maturzeit nicht in Worte fassen :-D
    18 0 Melden
    • reamiado 02.08.2016 21:44
      Highlight Du sprichst mir ganz aus dem Herzen, bin in derselben Situation, ausser dass ich noch eine RS hinter mich bringen durfte.
      Die Maturrede ist wirklich echt stark geschrieben, hammer Arbeit, Yonny Meier! Die Worte sind motivierend, unterhaltsam und lehrreich!
      Danke für den Text und diesen Artikel. ((:
      3 0 Melden
  • JThie 24.07.2016 22:29
    Highlight Sehr schöner Artikel ❤️

    Was ich meinem jüngeren Ich sagen würde:
    Egal! Weg mit den Bedenken. Hör nicht auf die Anderen! Willst du es (machen)? Dann tu es! Keine falsche Scheu!

    Und ja... Manchmal muss ich mich auch heute noch daran erinnern.
    18 0 Melden
  • pinex 24.07.2016 20:17
    Highlight Nr 9🙏
    3 0 Melden
  • rodolofo 24.07.2016 19:12
    Highlight Ich würde mir raten:
    Sei genau so, wie Du bist!
    lass Dich nicht verunsichern, weder von Deinen Eltern, noch von Deinen Verwandten, noch von anderen Erwachsenen, noch von anderen Kindern!
    All diese Bedauernswerten wollen Dich verunsichern, damit sie Dich manipulieren können, weil sie ängstlich sind und wollen, dass Du "berechenbar" wirst, oder weil sie einsam sind und sie einen Pflegefall für sich haben wollen.
    Als kleines Kind warst Du ein Guru!
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    11 6 Melden

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