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Der Fall Rahel K. – oder: Kampf der Extreme

Warum Extreme gefährlich sind und das wahre Drama vergessen geht...

09.10.14, 11:19 09.10.14, 13:14

Der Fall Rahel K. gibt zu reden. Und wie. 

Für diejenigen, an denen es vorbeigegangen sein sollte: Am 1. Oktober wurde eine 30-jährige Frau in Aarau von einem 24-jährigen Mann tätlich angegriffen, zu Boden gerungen und verletzt. Die Tat wird durch ein herannahendes Auto unterbrochen und der Täter flüchtet. Mittlerweile sitzt er in Untersuchungshaft. 

Soweit die Tatsachen, wie ich sie verstanden habe. Ein wirklich trauriges Ereignis, das mir für die junge Frau sehr leid tut. Warum aber hält sich so etwas so hartnäckig in den Medien? 

Nun, es trägt sich zu, dass es sich bei der Frau um eine Schweizerin und bei dem Mann um einen Asylbewerber handelt, um einen Eritreer. Das berichtende Medium, namentlich der «Blick», schlachtet die Geschichte in einer Art und Weise aus, dass einem – also mir zumindest – ein bisschen schlecht wird. Der Mann habe, als die Scheinwerfer des Autos ihn angeleuchtet haben, reagiert «wie ein Tier, das beim Essen gestört wird». Seriously, «Blick», ein Tier

Und natürlich sind nun ganz viele Leute ausser sich, die Kommentarspalten zu den entsprechenden Artikeln kann ich persönlich kaum lesen, ohne dass mir ein Schauer den Rücken runter läuft. 

Und zwar nicht nur der Kommentare wegen, die «ALLI UUSSCHAFFE» oder «ALLE AN DIE WAND STELLEN» fordern – nein, auch wegen denjenigen, die Aussagen wie «Ich hoffe, die wird nochmals verprügelt nach dieser Menschenhetze» oder «Ihr verfluechts Nazidräckspack, keis Wunder räched sich die Lüüt» treffen. 

What the fuck!

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sprang sogleich auf den Zug mit auf und offerierte Rahel K. ihre offenen Arme – leider etwas ungestüm und ein Mü zu öffentlich, sodass der Propagandaversuch doch relativ schlecht versteckt war. Aber auch dort trafen in den Kommentaren die extremsten Meinungen aufeinander. Man beschimpft sich, bezeichnet sich als Nazi und Gutmensch... 

Hier sind meine Probleme mit dieser Geschichte. Es sind derer zwei. 

1. Einmal mehr zeigen diese Geschehnisse, dass Extreme grundsätzlich gefährlich sind, auf welcher Seite auch immer sie sich befinden mögen. Die Rechte packt einen solchen Vorfall, bauscht ihn auf und schürt die Ängste der Bevölkerung für ihre eigenen politischen Zwecke. Die Linke aber ignoriert diese (sehr realen) Ängste, wie meist, komplett. 

Ich glaube, man kann heute nicht mehr ernsthaft behaupten, wir hätten kein immigrationspolitisches Problem in der Schweiz. Der Umgang mit ebendiesem ist es, der uns als Nation definiert/definieren wird, und dieser ist, wie gerade Vorfälle wie der um Rahel K. zeigen, noch immer katastrophal undifferenziert. 

2. Bei der ganzen Debatte darum, wo der Täter herkam, wohin man ihn schicken soll und was diese Geschichte politisch für Konsequenzen haben könnte, vergisst man eines: Ein Mensch wurde von einem Menschen angegriffen. Noch deutlicher: Eine Frau wurde von einem Mann angegriffen. Sie wurde verfolgt, bedroht, niedergerungen und geschlagen. Diese junge Frau ist fürs Leben traumatisiert. Ich habe in einigen Kommentaren sarkastische Aussagen darüber gelesen, dass sich Rahel K. zwar fürchte, sich aber mit einem Bild an die Öffentlichkeit traue. 

Generell wurde Rahel K. stark kritisiert. Vielleicht zurecht. Ich für meinen Teil kenne ihre Motive nicht (und ich glaube, die kennt auch sonst niemand wirklich) und gehe deshalb davon aus, dass es sich um eine traumatisierte Frau handelt, die sich getraut hat zu reden. 

Sie ist eine von wenigen. 

Meiner Meinung nach sollten wir/die Medien/die Gesellschaft uns vielleicht – nebst dem Krieg ums Asylwesen – einmal darum kümmern, dass Geschichten wie die von Rahel K. zu einer schrumpfenden Dunkelziffer im Bereich der gewalttätigen Übergriffe führen. 

Die Tatsache, dass man aus dem Angriff ausschliesslich eine rein politische Debatte um die Ausländerpolitik macht, halte ich persönlich für eine Verhöhnung aller Opfer von Gewalt und sie zeigt einmal mehr, dass menschliche Schicksale für politische Meinungsmache verschreddert werden.

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • amade.ch 10.10.2014 00:44
    Highlight Wenn man nicht versucht, gewollt lustig zu klingen, wir der Text auf einmal viel besser. Gesehen soeben hier.

    Tatsächlich ist das eine seltsame Geschichte. Offenbar war es auch (mindestens ein wenig) das Ziel dieser Frau, mit der Story eine nun tatsächlich auf tiefstem Niveau stattfindende Diskussion auszulösen. Ziel erreicht. Ganz bestimmt bin ich keiner von denen, die finden, sie hätte die Gewalt verdient. Das hat niemand.
    6 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 10.10.2014 08:43
      Highlight Nun habe ich mir schlussendlich doch den Text im Blick abgetan. Hätte ich nicht tun sollen. Denn direkt bei diesem Zitat wurde mir übel: «Es gibt so viele, die sich fast nicht mehr trauen, frei herumzulaufen – nicht nur nachts! Das kann und darf einfach nicht sein.» Rahel K. fordert Handeln. Niemand hat Gewalt verdient und gleichzeitig hat niemand das Recht, weil er Opfer von Gewalt wurde, in den Medien gegen Ausländer zu hetzen. Wie hätte die Geschichte denn ausgesehen, wenn der Täter ein Eidgenosse gewesen wäre? Wäre sie dann weniger traumatisiert gewesen?
      7 4 Melden
  • nidlexii 09.10.2014 20:08
    Highlight mensch, tut das gut. endlich mal wieder eine stimme da draussen, die sich zu häme und zynismus an "beiden extremen" äussert. ich freue mich auf mehr davon.
    17 2 Melden
  • stef2014 09.10.2014 14:49
    Highlight Kompliment für den Mut, sich an dieses komplexe Thema zu wagen! Probleme differenziert zu benennen und anzugehen ist das Eine. Etwas anderes ist es, Medienkanäle missbrauchen um solche Ängste zu schüren, nein, sogar zu erschaffen! Das ist mein Fazit aus dem Text, was ich voll unterschreibe. Diese Polit-PR ist widerwärtig, Meinungsfreiheit hin oder her. Wir haben eigene Hausdämonen gezüchtet und wissen nicht mehr wie sie los werden. Arbeite im Asylbereich und verschliesse die Augen nicht vor solch tragischen Zwischenfällen. Es gibt aber auch eine andere Wahrheit. Aber wer will die schon hören?
    20 3 Melden
  • Jaing 09.10.2014 14:49
    Highlight Das Problem ist hier einmal mehr der Blick, der ein (wahrscheinlich) traumatisiertes Opfer vor die Kamera zerrt, um daraus Profit zu schlagen. Dasselbe tut er regelmässig bei Angehörigen von Opfer von Verbrechen, Unfällen etc. Das ist einfach nur widerlich, weshalb ich seit längerem auf Blick (online, Print schon immer) verzichte.
    13 3 Melden
  • Cardea 09.10.2014 14:04
    Highlight Ich kann nur jeder einzelnen deiner Aussagen zustimmen. Meiner Meinung hat der Blick mit dieser Geschichte (wieder einmal) ein neues Niveau-Tief erreicht. Ich sorge mich um die Schweizer Gesellschaft, wenn ich solche Artikel und vor allem die Kommentare darunter lese...
    18 4 Melden
  • ekriemler 09.10.2014 13:33
    Highlight Für mich etwas zu einfach gedacht. Mittlerweile gibt es einige Orte, wo man sich auch als Mann zu gewissen Zeiten besser nicht hinbegibt.
    Fürchte, wir haben durchaus ein Sicherheitsproblem, vor allem für Frauen, denn abends um 22:00 ist nicht besonders exotisch.
    11 6 Melden
  • little_miss_trouble 09.10.2014 12:36
    Highlight Danke! Du hast das aktuelle Thema gekonnt umschrieben und gut differenziert. Davon könnten sich viele Online-Kommentar-Schreiber (v.a. diejenigen, die vergessen zu denken, bevor sie schreiben) eine Scheibe abschneiden.
    9 1 Melden
  • ruedi 09.10.2014 11:47
    Highlight Du hast genau meine Meinung getroffen! So sehe ich es auch!
    15 3 Melden
  • philipp meier 09.10.2014 11:40
    Highlight kann denn jemand die ganz konkrete angst benennen, die ausländerinnen und ausländer auslösen?

    und, wenn ja: was heisst es, diese ängste ernst zu nehmen? aussprechen lassen? zuhören? oder gar politisch handeln? was hiesse politisch handeln? ausgangsrayons und -sperren oder einfach nur das, was in solchen fällen eh meist gemacht wird: den täter verurteilen und (was möglicherweise zu wenig gemacht wird), das opfer unterstützen?

    mir geht dieses «die ängste ernst nehmen» extrem auf den sack (pardon;). vor allem dann, wenn die aussage so diffus bleibt, wie die ängste, die man ernst nehmen sollte.
    25 10 Melden
    • Gelöschter Benutzer 09.10.2014 14:56
      Highlight Danke für deinen Kommentar! Mir geht es genauso und ich finde, dass dieser Beitrag seinem eigentlichen Anliegen keinen Gefallen tut, wenn Angst vor Ausländern hier als berechtigt - weil real - vorausgesetzt wird. Ich bin der Meinung, dass die Linke und die Presse in der D-CH eher zu viel falsches Verständnis für diese Ängste aufgebracht und damit mitgeholfen haben, diese überhaupt erst zu legitimieren. In der Romandie z.B. gab es keine Entsprechung zum Kampfbegriff "Dichtestress" und dort gibt es offenbar auch weniger Angst. Warum, wenn das Problem doch angeblich real ist?
      13 6 Melden
    • stef2014 09.10.2014 16:10
      Highlight Diese breitflächigen Ängste - ich wiederhole mich - sind eben meiner Meinung nach nichts anderes als Konstrukte von Medien und (rechter) Politik. Davon ausgeschlossen sind natürlich individuelle Ängste wie sie die Betroffene haben dürfte, was tragisch, natürlich und nachvollziehbar ist. Haben wir alle irgendwo. Hier wird aber nicht von einzelnen Ängsten vor z.B. sexuellen Übergriffen gesprochen, sondern eine Volkspanik ggü Asylbewerber/Ausländer angeheizt. Es wird schubladisiert und stigmatisiert, Ängste und Befürchtungen werden an Volks- oder Randgruppen festgemacht, nichts unbekanntes...
      11 8 Melden
  • Gelöschter Benutzer 09.10.2014 11:39
    Highlight Ich wüsste gerne, worin das immigrationspolitisches Problem in der Schweiz genau besteht. Hierzu lese ich selten Konkretes, auch hier nicht. Man ist sich einig, dass es Probleme gibt und verwendet das dann als Rechtfertigung um über Ausländer herzuziehen. Ich würde ausserdem sagen, dass das Problem mit rechtem Gedankengut hierzulande ein weitaus gravierenderes ist als die Linke, die "reale" Ängste ignoriert. Übrigens ein abstruser Begriff, Ängste sind für den, der sie empfindet immer real. Berechtigt sind sie deshalb noch lange nicht.
    24 10 Melden
    • ekriemler 09.10.2014 13:42
      Highlight Einerseits schlicht ein Massenproblem. Ueber 40% der "Schweizer" haben einen Migrationshintergrund.
      Weiter welche die glauben der Gastgeber habe sie gefälligst mit all ihren Macken zu akzeptieren, ihrerseits jedoch keinerlei Interesse für die hiesigen Gepflogenheiten zeigen.
      11 12 Melden
    • Gelöschter Benutzer 09.10.2014 14:50
      Highlight Eine Ergänzung: Menschen, die die Tötung von Asylbewerbern fordern, auf eine Stufe zu stellen mit Menschen, die diese wiederum als Nazis bezeichnen, finde ich schon ein starkes Stück und völlig unverhältnismässig. Ich finde die Grundidee des Artikels gut und berechtigt, die Argumentation aber zweifelhaft. @ekriemler Meinen Sie Ihren Kommentar im Ernst? Was haben Sie für ein Problem mit Menschen mit Migrationshintergrund? "Massenproblem" ist schon wieder derart rechte Rhetorik, Sie erwarten nicht, dass man das objektiv ernst nehmen kann, oder?
      15 7 Melden
    • Yonni Meyer 09.10.2014 16:15
      Highlight Hier ein kleiner Einspruch meinerseits: ich stelle zu keiner Zeit Leute, welche die Tötung anderer legitimieren, und solche, die sich unverhältnismässig dagegen wehren, gleich. Ich sage, dass mich solche Kommentare ankotzen. Ich vergleiche sie aber nicht miteinander, noch stelle ich sie gleich.
      5 5 Melden
    • kettcar #mo4weindoch 09.10.2014 17:26
      Highlight Naja Yonni, vllt nicht bewusst aber irgendwie halt doch...
      4 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 09.10.2014 17:46
      Highlight Tut mir leid, in diesem Fall habe ich das missverstanden. Ich hatte diesen Eindruck, weil in der Überschrift von einem Kampf der Extreme die Rede ist und dann entspr. Beispiele folgen. Dem Ansatz des Artikels stimme ich zu, allerdings muss ich gestehen, dass die überwiegende Mehrheit der Kommentare, die ich in allen Medien lese, teils grenzwertig rassistisch sind, wohingegen ich linksradikale Meinungen nur sehr selten erspähe. Von daher habe ich vielleicht in deinen Beitrag etwas hineingelesen, was nicht beabsichtigt war, aus meiner Sicht sind diese Extreme einfach nicht gleich verteilt.
      3 1 Melden
    • ekriemler 09.10.2014 17:53
      Highlight Ich habe durchaus kein Problem mit Migranten/Ausländern/Schweizern mit Migrationshintergrund. Vielleicht denken Sie mal nach was geschieht, wenn Einheimische, wo auch immer, sich in der Minderzahl fühlen. Dann gleich mit der rechten Keule zuzuschlagen heisst wohl dass es an Argumenten mangelt.
      9 9 Melden
    • Gelöschter Benutzer 09.10.2014 19:02
      Highlight Ich habe in Ihrem Kommentar kein einziges Argument gefunden und es würde mich brennend interessieren, was Ihrer Meinung nach geschieht, wenn Einheimische sich in der Minderheit fühlen. "Rechte Keule" ist für mich eine ähnliche leere Phrase wie "Gutmensch". Was politisch rechts ist, ist nun einmal klar definiert. Meines Wissens nach ist Fremdenfeindlichkeit übrigens dort sehr häufig, wo Einheimische effektiv deutlich in der Mehrzahl sind.
      10 3 Melden
  • LeLaenz 09.10.2014 11:30
    Highlight danke für das!
    2 2 Melden
    • stiberium 09.10.2014 12:14
      Highlight Danke Yonni, dank Berichtschreibern wie dir gebe ich die Hoffnung nicht auf.
      7 3 Melden

Wegwerfgesellschaft der Herzen? Die Liebe in Zeiten der Freiheit

Am letzten Sonntag diskutierte ich in der Arena/Reporter-Sendung die ewige Liebe. Basis war der aktuelle Reporter-Film, welcher zwei Paare im hohen Alter begleitete (bitte vor allem den Film unbedingt anschauen, er ist unheimlich berührend).  

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