Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Der Plauderi», «die Schnalzerin» und der «Google-Hypochonder» – 5 Menschen, die man im Wartezimmer antrifft

Bild: shutterstock

30.08.16, 16:27 30.08.16, 16:43

Heute war bei mir verkehrte Welt. Also eigentlich nicht, denn ich musste bei einem Arztbesuch relativ lange warten – kennen wir ja. Nur war das dieses Mal meine eigene Schuld, denn ich hatte mir eine falsche Zeit notiert und war in der Folge eine halbe Stunde zu früh aufgekreuzt.  

Was anfangs ärgerlich anmuten mag, gab mir die Gelegenheit, den Mikrokosmos «Wartezimmer» mal wieder genauer unter die Lupe zu nehmen.  

Nicht nur erwartet einem in ebendiesem jeweils Literatur, von der man davor nicht wusste, dass man sie unbedingt lesen sollte – «Nasenhaarwuchs kompakt», «Darmhygiene leicht gemacht» und etwa 50 andere Broschüren, die einem mitteilen, woran man in Bälde sterben könnte – nein, man sieht sich auch mir allerlei Mitmenschen konfrontiert, die sich wartenderweise zu einem gesellen.  

Wie in manch anderer sozialen Situation, in der man sich beschränkten Raum mit fremden Leuten teilt, stellt sich dem braven Schweizer erst einmal die Grundsatzfrage: grüezi sagen oder nicht?

Ich bin Team grüezi. Immer. Am liebsten würde ich auf der Langstrasse allen Leuten einfach mal grüezi sagen und schauen, was passiert. Wahrscheinlich würde innert Kürze jemand ob dem Eingriff in seine Anonymitätszone die Polizei rufen.  

Wie dem auch sei. Haben sich im Wartezimmer denn alle mal hingesetzt (man könnte wohl auch über die Platzwahl einen Roman verfassen), kristallisieren sich oft gewisse Wartezimmer-Typen heraus.  

1. Der Plauderi

Trifft man per Zufall den Blick dieses Zeitgenossen, lächelt er einen übereifrig an. Lächelt man zurück, kommt oft eine total tiefgehende Frage wie: «Müend Sie au zum Dokter?» Da man schlecht mit «Nein, ich bin wegen des Salsakurses für Wühlmäuse und ihre Besitzerinnen hier» antworten kann, bestätigt man und bekommt in der Folge ein «Ich ebe au» (noooo shit, Sherlock) sowie die komplette Krankengeschichte seines Gegenübers geliefert. Im Detail. Gespickt mit Ausdrücken wie «Ja, Sie müssen sich so einen Darm mal von innen vorstellen, Sie» (muss ich?), «Gut, habe ich das Abführmittel früh genug genommen, sonst wär das also nicht so lustig gewesen für den Gastroenterologen, hehehe» (ja Gottlob, hehehe, ich will sterben) und «Für so öpis mues me sich ja nöd schäme» (pah, ich weiss jetz nöd so rächt).

2. Die Telefoniererin



Warten ist langweilig. Warum also dabei nicht ein bisschen mit der besten Freundin plaudern? Was oft harmlos mit der Nachfrage zum Befinden beginnt, artet am Ende gerne in eine Art schweizerdeutsches «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» aus, denn in der Beziehung harzt's («Weisch, ich hanem gseit, NA EIMAL, imfall, NA EIMAL, Silvio!»), der Chef ist ein Chauvi-Schwein und jetzt noch dieses medizinische Gebrechen.

Wo die Gesprächsblöcke über Tubel-Silvio und Chauvi-Chef mit 120 Dezibel durch den Raum schallten, wird die Stimme nun ganz leise, damit niemand mitbekommt, welches Körperteil denn Ursache für den Arztbesuch ist. Natürlich hören's trotzdem alle, weshalb eine Art Code verwendet wird. «Ja weisch, wieder s’Gliiche, woni det schomal gha han. Weisch det nach de Ferie. Ja, eifach chli wiiter hine und jetz bissts meh, als dasses brännt ...»  

Noch weiss die Telefoniererin nicht, dass, sobald sie das Gespräch beendet hat, der Plauderi schon in Achterstellung ist, um mit ihr zu eruieren, ob’s bei ihnen beiden vielleicht an derselben Stelle juckt ...

3. Das Paar

Etwas vom Schönsten, was man in Wartezimmern beobachten kann, sind ältere Ehepaare, die gemeinsam kommen. Was für eine wunderbare, romantische Geste, wenn man den Partner oder die Partnerin begleitet, wenn’s ihm/ihr schlecht geht. Da werden dann meist gemeinsam Magazine studiert.  

«Häsch gseh da, s’Lisi vo Ängland isch au scho 90i. Ja, das mit dere Diana, das isch eifach verruckt.»
«Mhm.»
«Ou lueg, de WAM. Das isch eifach en Guete. Sonen Guete, de WAM.»
«Mhm.»
«‹30 Arten, wie Sie Ihre Frühstückseier zubereiten können.› Mir händ amig na es 3-Minute-Ei gha und das hät au glanget.»
«Mhm.»
«Häsch Schmerze?»
«Mhm.»
«Würkli??»
«Was?»
«Öb Schmerze hegsch, hani gfrögt.»
«Ah, nenei.»

4. Die Schnalzerin

Niemand von uns wartet gerne. Ist ja logisch. Und grade, wenn einem körperlich unwohl ist, macht das das Ausharren vor dem Aufruf des eigenen Namens doppelt mühsam. Trotzdem bleibt einem halt einfach nichts anderes übrig, als abzuwarten, Tee zu trinken oder mit dem Plauderi über seinen Fusspilz zu reden.  

Die Schnalzerin jedoch kann damit schlechter umgehen als der Durchschnitt. Anfangs ist sie noch eine Immer-wieder-auf-die-Uhr-Schauerin, wird dann sukzessive erst zur Laut-Atmerin, dann zur Leise-vor-sich-hin-Flüstererin und schliesslich zur Schnalzerin. Und zwar jedes Mal, wenn jemand aufgerufen wird, der nicht sie ist. Also immer. Auf das Schnalzen folgt dann auch gerne noch ein lautes Ausatmen und man bekommt das Gefühl, als wäre der Guten gerade die grösste Ungerechtigkeit im Universum missfahren. Gerne nimmt sie sich auch immer mal wieder ein Magazin vom Tischchen, nur um es dann nach einigem nervösen Blättern und einem weiteren Blick auf die Uhr wieder zurückzuknallen. Dies selbstverständlich begleitet wovon? Genau, einem Schnalzen.

5. Der Google-Hypochonder

Zum Schluss ist da noch der Google-Hypochonder. Er wird am Empfang namentlich begrüsst und sitzt anschliessend still in der Ecke, seinen Blick starr aufs Handy gerichtet, und wird mit der Zeit immer bleicher.

Netdoktor, Gutefrage und sein Dienstagshoroskop haben ihm allesamt dasselbe mitgeteilt: Das ist nichts Harmloses. Der Kopf tut weh, ihm ist leicht schlecht, er hat ein Ziehen im Unterbauch und seine Stimmung ist am Boden. Seine Symptome hat er auf egalwelchesymptomeduhastduwirststerben.com eingegeben und da stand deutsch und deutlich: Eisprung. Nur hat er leider einen Penis. Dann können's nur noch die Pocken sein. Die sind zwar ausgerottet, aber man weiss ja nie. Die Katze des Nachbars schaut schon seit Tagen irgendwie angeschlagen aus – die hat ihn bestimmt mit irgendwas Heimtückischem angesteckt. Mal «Pocken bei Katzen» googlen. Nach drei Minuten weiss er: Auch die Katze ist dem Tod geweiht. Rest in Peace, Henriette. Die Gebrechen, von denen der Plauderi den anderen Anwesenden erzählt, hat er innert Sekundenfrist selber auch, hat nun also Pocken, Katzenhusten und ist schwanger.  

Und so sassen sie alle beieinander, es plauderte und telefonierte und schnalzte, und eigentlich war ich fast ein bisschen enttäuscht, als ich am Ende doch noch aufgerufen wurde.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
22
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • maddiepilz 02.09.2016 11:45
    Highlight Ich stopf meine Kopfhörer in die Ohren und lese Zeitung - Problem gelöst. Ausser wenn die Schnalzerin so laut schnalzt, dass ichs durch die Kopfhörer höre. Dann ist alles zu spät.
    3 1 Melden
  • PeterBünzli 31.08.2016 22:57
    Highlight Na dann oute ich mich mal als Schnalzerin... 😂
    3 4 Melden
  • nele 31.08.2016 22:13
    Highlight Der Plauderi könnte eine Art Verarbeitungsmöglichkeit sein, nachdem man am Schalter mit "Sie sind doch die mit dem Wurm" angesprochen wurde
    4 0 Melden
  • nele 31.08.2016 22:10
    Highlight Nach der soll-ich-grüssen-Frage beschäftigt mich jeweils die sollte-ich-die Bauklötze werfenden Kinder anlächeln-frage
    6 1 Melden
  • SeKu 31.08.2016 09:32
    Highlight Also wenn jetzt sogar noch Yonni auf "Die X soundso Typen" macht, dann wird es schon ganz dünn hier.
    5 14 Melden
    • Yonni Meyer 31.08.2016 11:36
      Highlight Endlich bringt mich mal jemand mit dem Adjektiv 'dünn' in Verbindung.
      49 1 Melden
  • Matrixx 31.08.2016 06:39
    Highlight Es gibt noch die Nervösen.
    Die laufen im Wartezimmer auf und ab (üblicherweise Frauen in Highheels oder Geschäftsmänner mit Absatzschuhen, die so richtig klacken)
    Und dann alle 5 Minuten rausgehen und am Empfang fragen, wie lange es dann noch dauert. Und dann auf die Antwort "Tut mir Leid, es gab noch einen Notfall" so tun, als ob ihr Leiden wichtiger wäre und man den Finger des anderen auch 30 Minuten später noch zunähen kann.
    16 0 Melden
  • Aliyah 30.08.2016 22:31
    Highlight 6. Die Stillschweiger (ich zum beispiel🙈) Sitzen alle brav auf dem stuhl, peinliches Schweigen verbreitet sich im Wartezimmer, nervöse Blicke schweifen durch den Raum, schmerzverzerrte Gesichter links und rechts,..... Aber schweigen. Einfach nichts. Zack-wird jemand aufgerufen und alle in Gedanken "ändlich gohts wiiter!"
    39 0 Melden
  • 's all good, man! 30.08.2016 21:57
    Highlight Die Schnalzerin ist übrigens gerne auch im Zug oder auf dem Perron auf denselbigen wartend anzutreffen.

    - »Geschätzte Fahrgäste, unser Zug erhält wegen einer techni...«
    - »*LAUTSCHNALZ*«

    Begleitet von hektischem Hervorkramen des Mobiltelefons und sofortigstem Anruf beim Chef (am Morgen) oder dem Schätzeli (am Feierabend).
    27 0 Melden
  • lilie 30.08.2016 21:26
    Highlight "Eingriff in die Anonymitätszone" - made my day! 😂

    Ansonsten: Kenne keine der beschriebenen Typen. Geh auch nie zum Arzt. Und wenn, dann ignoriere ich meine Wartezimmergenossen konsequent.

    Ah, das wär auch noch ein Typ gewesen! 😆
    23 1 Melden
  • Luca Brasi 30.08.2016 21:10
    Highlight Was noch fehlt ist das Landei, das viel zu früh kommt und einen penetrant mit "Grüezi" anspricht und einen mustert um Charakterstudien für so einen neumodischen Blog zu betreiben...Ups... ;D

    Achtung: Dieser Kommentar ist ironisch zu verstehen.
    56 1 Melden
    • Yonni Meyer 31.08.2016 11:41
      Highlight Das sind die ALLERLETZTEN!
      10 0 Melden
    • Luca Brasi 31.08.2016 12:36
      Highlight :D
      2 0 Melden
  • LubiM 30.08.2016 19:23
    Highlight Das ist zum Schiessen!!!
    11 0 Melden
  • ch2mesro 30.08.2016 19:04
    Highlight danke für #5, jetzt weiss ich woran ich leide und das ich's mit tequila kurieren werde....yiiiihaaaa
    13 0 Melden
  • JThie 30.08.2016 18:02
    Highlight "Haben sich im Wartezimmer denn alle mal hingesetzt (man könnte wohl auch über die Platzwahl einen Roman verfassen), ..."

    Genau den Gedanken hatte ich letzte Woche im Wartezimmer auch!!! Ob es wohl darüber bereits Studien gibt?🤔
    21 0 Melden
    • nele 31.08.2016 22:11
      Highlight Und die Wahl der Magazine? Und der Lesestil??
      3 0 Melden
    • JThie 01.09.2016 06:49
      Highlight Stimmt 😱 so viele Studien wären möglich...
      1 0 Melden
    • nele 01.09.2016 20:57
      Highlight Mir schwirrt immer noch das wort platzwahl im kopf rum.. ich wähle, auf welche art ich platzen will. Platzsparend oder voll desaströs?
      2 1 Melden
  • pamayer 30.08.2016 17:12
    Highlight K ö s t l i c h.
    Danke!
    31 1 Melden
  • N. Y. P. 30.08.2016 16:43
    Highlight Perfekt beschrieben.
    Am meisten nerven mich die Schnalzerinnen. Weil dieses Geschnalze in unregelmässigen Abständen kommt.
    Und danach das Ausatmen !
    Da könnte man sich vergessen und sagen:
    "Ja, sie haben schwer zu tragen. Aleppo dagegen ist das reinste Kinderspiel."
    51 9 Melden
    • nele 31.08.2016 22:08
      Highlight Vielleicht kommt die Unregelmässigkeit daher, dass zwischen dem Geschnalze so voll mental ein Song gesingdacht wird. Wäre ev. eine Möglichkeit zum Überbrücken der Wartezeit: heiteres Songraten
      3 1 Melden

Innerer Dialog – Heute: Ü30

Vernunft: Okay Kinder, jetzt mal ganz im Ernst: Wir müssen über unsere Altersvorsorge reden.  

Eitelkeit: Ich würde ja mega gerne, aber Dinge, die mit «Alter-» beginnen, haben mit unserer Person leider rein gar nichts zu tun, sorry.  

Realismus: Mir sind 36i, Alti. Sportler i oisem Alter sind Rentner. Okay, ussert de Roger Federer, aber er isch ja au s’Chind vome Einhorn und em Duracel-Häsli. Hach, oise Roger.  

Rebellion: Wo sind die Zeiten hin, da wir auf Badasses wie …

Artikel lesen