Blogs

Bild: shutterstock

Bin ich eine Verräterin?

Darf man politisch auch mal für den bösen Feind sein, wenn man es für richtig hält?

06.09.15, 16:51

Meine letzte, hier auf Watson veröffentlichte Kolumne hatte riesige Resonanz. 

Mich freute das sehr, vor allem aus dem Grund, dass es sich um einen Versuch meinerseits handelte, meine politische Sicht- und Denkweise zugänglich zu machen, auch, oder vor allem, für Menschen, die anders denken als ich. Gleichzeitig war es mir u.a. wichtig, zu betonen, dass ich «Alle Rechten sind dumm»-Parolen für falsch halte und dass ich gewisse Skepsis den momentanen Vorgängen gegenüber durchaus nachvollziehen kann. Der Text sollte kein Angriff sein, sondern eine Erläuterung.

Ich rechnete bei der Publikation mit dem Ärgsten, denn wie immer, wenn Emotionen im Spiel sind, ging ich von Streit mit Gift und Galle aus. Umso überraschter war ich darüber, wie gesittet und positiv es in den Kommentaren zum Text zu und her ging. Natürlich waren da einige, die automatisch sofort auf Angriff schalteten, wie auch bei jedem anderen Artikel zur Flüchtlingskrise. Das finde ich zwar schade, aber es ist selbstverständlich ihr gutes Recht und auch hier kann ich das, nach Monaten der Auseinandersetzung zu diesem Thema, irgendwie verstehen.

Davon gab es jedoch, gerade für ein so politisches Thema, überraschend wenige.  

Auf der anderen Seite waren da aber solche, von denen ich weiss, dass sie sonst keine Fans von mir sind, diesen Text jedoch für gut hielten und das auch zum Ausdruck brachten. Andere, die politisch komplett anders eingestellt sind, teilten mir mit, dass sie meinen Versuch der Vermittlung schätzten und dass sie meine Gedankengänge interessant gefunden hätten. Das hätten sie alle nicht tun müssen.  

Ich fand das wirklich grossartig, vor allem bei einem solch menschlichen Thema.  

Wenn man sich grundsätzlich einmal achtet, ist es erstaunlich, was für einen Anstieg der Qualität einer Diskussion es ausmacht, wenn die beiden Seiten sich zuhören, auch wenn sie komplett unterschiedlicher Meinung sind, und einander auch zugestehen, wenn der andere einmal Recht haben sollte. Im Volksmund nennt man das wohl Respekt und das ist genau das, was so vielen Diskussionen heute fehlt. Ich nehme mich da durchaus auch an der eigenen Nase – wenn’s emotional wird, schreibe auch ich manchmal Dinge, die ich im Nachhinein bereue.  

Ein Grundproblem, welches meines Erachtens respektvolle Diskussionen verhindert, liegt bereits ganz am Anfang des Austauschs. Im Tenor des ersten Kommentars. Anstatt zu versuchen, die eigene Sichtweise so neutral wie möglich darzulegen, gehen viele gleich auf Angriff, fluchen, zetern, werden ausfällig oder greifen zu Extremen (z.B. «Alles naive Gutmenschen» oder eben «Alle Rechten sind dumm»). Natürlich löst eine so wütende Aussage in jemandem, der anders denkt, sofort ebenfalls Wut aus und der Kommentar, der dann folgt, ist nicht minder charmant im Ton, einfach politisch anders gefärbt (z.B. «Du Nazi» oder «Du arroganter linker Schnösel»). Eine Diskussion wie diese ist von Beginn an zum Ausarten verurteilt und die Wahrscheinlichkeit, dass sie konstruktiv endet, tendiert gegen Null.  

Anders ist es, wenn man die Meinung des Gegenübers anerkennt und dann die eigene Sichtweise aufzeigt, vielleicht sogar auf der Argumentation des anderen aufbauend. Zu einem solchen Austausch gehört, wie oben bereits erwähnt, dem Opponenten auch einmal Recht zu geben, wenn er denn Recht hat. Nichts ist sympathischer und de-eskalierender als wenn jemand sagt: «Stimmt, da habe ich mich getäuscht» oder «Da muss ich dir Recht geben, das habe ich wohl nicht zu Ende gedacht». Nur fällt es bei Diskussionen mit verhärteten Fronten natürlich unglaublich schwer, das zu tun.  

Die Konsequenz daraus ist oft, dass man aus Prinzip alles ablehnt, was der Gegenposition entspricht, anstatt dass man zugeben kann, dass das Gegenüber durchaus den einen oder anderen wichtigen und richtigen Punkt aufzeigt. Und wenn man nicht mehr weiter weiss, geht man unter die Gürtellinie – genau wie beim Streit zwischen PrimarschülerInnen, bei dem in diesem Moment die erste Faust fliegt.  

In der Politik zeigt sich dies am offensichtlichsten, und zwar nicht nur bei (Online-) Diskussionen, sondern auch an der Urne. Man wählt mittlerweile gegen eine bestimmte Partei, weil man «das Böse auf der anderen Seite» nicht unterstützen will – die Sache, über welche man abstimmt, gerät in den Hintergrund.

Ist das nicht entgegen dem eigentlichen Demokratiegedanken? Wenn man diese (weltweit einmalige) Freiheit brauchen muss, um eine Partei oder eine politische Seite ruhigzustellen oder abzustrafen?

Es stellen sich mir zum Abschluss folgende Fragen: Kann man es als Linke/r heute vertreten, auch einmal SVP zu wählen, wenn man deren Idee denn (für einmal) für richtig halten sollte? Das passiert natürlich sehr selten, was in der Natur politischer Gesinnung liegt.

Wenn es aber einmal vorkommen sollte: Kann man «Ja» zur SVP sagen oder muss man davon ausgehen, dass alle auf der anderen Seite demonstrativ gegen einen wählen und es die eigene Stimme braucht, um das generelle Gleichgewicht zu halten?  

Und dasselbe natürlich auch andersrum?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Kennst du schon die watson-App?

Über 100'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wird von Apple als «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
22
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 07.09.2015 08:53
    Highlight 1. Lobenswert dass Sie wissen welche User Ihre Kolumnen mögen und welche nicht. ;)

    2. Ich gehöre zu denen, die Sie sonst eher nicht mögen... aber da muss ich Ihnen gleich doppelt Recht geben. Einerseits für diesen guten Beitrag und andererseits, finde ich ist man kein Verräter, wenn man mal einer anderen Partei die Stimme gibt. Selbst bei Wahlen... Ich finde, man sollte Köpfe wählen, nicht Parteien. Es sitzen extrem gescheite Köpfe in der SVP aber auch in der SP und bei der GLP.
    16 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 07.09.2015 13:46
      Highlight (Korrektur: ich meinte natürlich mit "Sie sonst eher nicht mögen" die Kolumne. Nicht Sie persönlich.. hat sich ein grosses S eingeschlichen.)
      5 0 Melden
  • Bruno Wüthrich 07.09.2015 08:44
    Highlight Wählen wohl eher nicht. Aber wenn die Vorlage (z.B. einer Initiative) für mich stimmt, dann stimme ich auch dann dafür, wenn diese von der SVP kommt. Zugegeben, in letzter Zeit gab es davon nicht viele, auf nationaler Ebene keine einzige (mal grob geschätzt in den letzten zehn Jahren). Übrigens: Online-Diskussionen haben den Vorteil, dass man erst nachdenken kann, bevor man etwas schreibt. Schlagfertigkeit ist nicht nötig. Man kann das, was der Andere geschrieben hat, darufhin überprüfen, was tatsächlich gemeint sein könnte. Und man kann emotional etwas runter fahren, bevor man antwortet.
    7 1 Melden
  • Matthias Studer 07.09.2015 00:56
    Highlight Bei einer Initiative geht es nicht um eine Partei, sondern um eine Sache. Und selbstverständlich darf man dazu ja sagen.
    27 0 Melden
    • Thomas Bollinger (1) 07.09.2015 12:24
      Highlight Grundsätzlich einverstanden. ABER: Ich selbst würde nie eine Initiative befürworten, die von der SVP kommt, damit sie so wenig Erfolge wie möglich hat. Für mich ist die SVP ein "wehret den Anfängen" Ding - die umweltunfreundlichste und einzige grosse rechtsnationale Partei der Schweiz. Lieber eine gute Idee begraben als denen einen Erfolg bescheren.
      3 15 Melden
    • Matthias Studer 07.09.2015 12:39
      Highlight Ok, bis jetzt hat es die SVP nicht geschafft eine Initiative nach meinem Bedürfnis zu lancieren.
      3 1 Melden
    • King Susi auf der Autobahn 07.09.2015 15:44
      Highlight @Thomas Bollinger

      Das ist genau die Art von dämlichem Schubladisieren, die einen Kompromiss oder eine auch nur ansatzweise konstruktive Diskussion von Anfang ins Abseits stellt. Ich sehe ein, dass Vereinfachung einfach mal zur menschlichen Natur gehört und dass niemand davor gefeit ist. Aber Grundsatzentscheide haben meistens eine eher statische Auswirkung auf den Status Quo.
      7 1 Melden
    • Thomas Bollinger (1) 09.09.2015 18:00
      Highlight @milkdefeater Sie gehen dabei aber davon aus, dass es sich bei SVP Mitgliedern um ebenfalls konsensorientierte Mitbürger handelt, oder?
      0 0 Melden
    • King Susi auf der Autobahn 10.09.2015 13:10
      Highlight @Thomas Bollinger

      Das kann ich so nicht sagen. Ich hoffe/gehe davon aus, dass dem so ist. In einem medial verstärkten Zeitalter der Demagogie ist dies aber weder für Politiker noch für Stimmbürger einfach zu sagen. Und dies erstreckt sich m.E. über sämtliche Grenzen der Politlandschaft.
      1 0 Melden
  • googelhupf 06.09.2015 23:56
    Highlight endlich mal jemand der erkannt hat, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt (bzw. rechts & links). wenn mehr menschen sich um sachliche lösungen kümmern würden, als immer nur die gegenpartei zu bekämpfen, gäbe es wohl weniger probleme oder zumindest mehr lösungen.

    habe oft das gefühl, dass sich die meisten schon sozial fühlen, wenn die nur gegen die böse svp wettern, aber wirklich was machen, tun leider nur die wenigsten.
    24 0 Melden
  • däru 06.09.2015 21:10
    Highlight Natürlich kann man das. Ja, man sollte sogar! Denn so würde wieder mehr Sachpolitik betrieben, was begrüssenswert wäre. Feindselige Parteispielchen kosten viel Energie, Zeit und Ressourcen, die anderweitig besser eingesetzt werden könnten. Man sollte bei jeder Abstimmung/Wahl überlegen: Was bringt es mir? Was bringt es den anderen? Dem Staat? etc. Am besten dabei bis an die Grenzen des eigenen Horizonts gehen. Dann kommt's gut.
    32 0 Melden
    • stadtzuercher 06.09.2015 22:27
      Highlight es wird ja sachpolitik gemacht. energiefragen. asylthemen. alles sachpolitik. aber offenbar unterscheidliche ansichten darüber.
      0 7 Melden
  • Statler 06.09.2015 20:48
    Highlight Das nennt man nicht Verrat, Yonni, sondern selbständiges Denken. Willkommen im Club ;)
    Niemand hat die absolute Wahrheit für sich gepachtet - und politische Parteien schon gar nicht. Vor allem die Polparteien neigen dazu, ihre Ideologie als alleinseligmachend zu erklären, was dann oft fast religiöse Züge annimmt. Und damit kann ich einfach wenig anfangen, weil es eine vernünftige Diskussion verhindert.
    Dieser Zirkus wird leider auch von den Medien gefördert, weil eine Arena, in der nach Konsens und Lösungen gesucht wird, medial wenig hergibt.
    35 0 Melden
  • Datsyuk * 06.09.2015 19:37
    Highlight Ja, man kann eine ungeliebte Partei unterstützen, sofern diese eine Anliegen vertritt, das einem für einmal zusagt.
    19 0 Melden
  • KafiWell 06.09.2015 19:32
    Highlight Ich war so froh über deine letzte Kolumne. Hatte bisher immer versucht diese Gedanken in einigen Diskussionen auch einzubringen, was sich aber als schwierig herausgestellt hat. Dieses Parteidenken verhindert wirklich eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema, zu dem es leider keine einfachen Antworten gibt. Wir alle, die positiv auf deine jetzige und die letzte Kolumne reagiert haben sollten diese Diskussionshaltung in die agressiven Diskussionen einzubringen versuchen. Ich scheue mich mittlerweile davor, raffe mich nun aber gerne wieder dazu auf. Danke Yonni!
    13 2 Melden
  • pinex 06.09.2015 19:22
    Highlight yonni for president! oder so...
    15 3 Melden
  • koks 06.09.2015 19:09
    Highlight easy, normalerweise bewegen sich die meisten gealterten menschen in richtung rechtes gedankengut. hängt wohl damit zusammen, dass die linke politik dir dann keine vorteile, sondern bloss noch kosten und nachteile bringt. du bist 33 jahre alt, mit 40 wirst du fdp, svp oder cvp wählen, je nachdem, wo deine pfründe liegen. dann wirst du dich nicht mehr schuldig fühlen jedesmal wenn du feststellst dass du rechts wählst.
    9 20 Melden
    • Matthias Studer 07.09.2015 00:55
      Highlight Muss nicht sein, bei mir ist es umgekehrt, je älter desto mehr links.
      17 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 07.09.2015 15:39
      Highlight @ koks: Etwas krasses Schubladen-Denken... Als würden alle Ü40 eher rechts oder rechts wählen.

      Anhand Ihres Kommentars muss ich davon ausgehen, dass Sie Yonni schon sehr gut kenne um über sie und ihr Wahl-verhalten urteilen zu können. Und wie das so in ein paar Jahr aussehen wird.

      Wo erlernt man diese hellseherischen Fähigkeiten? Bei der SVP?
      8 0 Melden
  • Lionqueen 06.09.2015 17:56
    Highlight Ich denke man hat immer alle Optionen offen. Wenn man sich auf eine Seite stellt, muss man nicht automatisch für immer dort bleiben. Jede/r sollte die Möglichkeit haben seinen Standpunkt zu wechseln und auf andere einzugehen.
    Gute Gespräche entstehen, wenn nich alle der gleichen Meinung sind, sich aber nicht gegenseitig kritisieren, sondern versuchen die Standpunkte kritisch zu hinterfragen.
    14 0 Melden
  • Jol Bear 06.09.2015 17:30
    Highlight Wir können uns bei Wahlen für einzelne Parteien und deren Programme oder für einzelne Personen aussprechen. In den meisten Demokratien der Welt hat es sich damit. Einmal gewählt, können die Parteien und Politiker ohne Korrektur durch die Bevölkerung vier Jahre lang schalten und walten. Bei uns gibt es jedoch zusätzlich unzählige Abstimmungen. Und hier zeigt sich, dass Politik nicht allein aus Parteien besteht. Die Leute entscheiden mehrheitlich sachbezogen, setzen Anliegen mitunter unabhängig von Parteimeinungen durch. Auch wenn man mit einer bestimmten Partei sympathisiert, heisst das noch lange nicht, dass man deren Initiativen befürwortet und wenn man eine Partei nicht mag, heisst das nicht, dass mit einer Initiative von denen nicht auch mal ein Anliegen bringt,übereinstimmt. Ich meine, dass die direkte Demokratie die sachliche Argumentation fördert.
    19 0 Melden
  • Guardian 06.09.2015 17:14
    Highlight Ich bin absolut deiner Meinung! Die beiden politischen Seiten entfernen sich immer mehr voneinander. Beide Seiten werden extremer und gestehen dem Anderen nichts ein. Es wird aus Prinzip immer gegen die andere Partei gewählt, was genau der Vorstoss beinhaltet interessiert niemanden. Würde man sachlich über ein Thema diskutieren, könnte man auf eine Lösung kommen, welche alle glücklich stimmt. Das ganze "Parteiendenken" schadet der Politik. Ich hoffe die Menschen merken, dass es Kompromisse braucht!
    33 0 Melden

Wegwerfgesellschaft der Herzen? Die Liebe in Zeiten der Freiheit

Am letzten Sonntag diskutierte ich in der Arena/Reporter-Sendung die ewige Liebe. Basis war der aktuelle Reporter-Film, welcher zwei Paare im hohen Alter begleitete (bitte vor allem den Film unbedingt anschauen, er ist unheimlich berührend).  

Aus Debatten im Studio und danach mit Gästen der Sendung und mit Zuschauern kam hervor: «Wir sind oberflächlicher geworden in der Liebe.»  

Aha. Ist das so?  

Schon einmal habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass die grosse Liebe in …

Artikel lesen