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Yonnihof

Die inneren Werte des Arbeitsmarkts

Gewisse Dinge gelten für die Arbeit wie für die Liebe: Nobody is perfect!

24.10.14, 17:03 27.10.14, 15:27

Die Welt ist schnell und kompetitiv geworden. Das merkte ich vor allem während meiner Zeit als Consultant in der Personalbranche. Ich sah hunderte CVs und führte fast genauso viele Interviews. Junge Menschen werden darauf getrimmt, auf alles eine Antwort geben zu können, schön, repräsentativ und ambitioniert zu sein. Jederzeit und überall. 

Als ich kürzlich für einen Input an die Fachhochschule Nordwestschweiz eingeladen wurde, drehten sich viele Fragen genau darum: Wie mache ich im Bewerbungsgespräch einen guten Eindruck? Wie «verkaufe» ich mich richtig? 

Dabei lernte ich einen neuen Ausdruck: Impression Management. 

Ich hatte davon noch nie etwas gehört. Wikipedia definiert den Begriff als «bewusste oder unbewusste Steuerung des Eindrucks, den Personen oder Organisationen auf andere machen. In der deutschsprachigen sozialpsychologischen Literatur ist synonym auch der Begriff der Selbstdarstellung geläufig.» 

Aha.

Authentizität ist der Schlüssel zum Erfolg

Mich liess das nicht mehr los. Ich persönlich war immer der Auffassung, dass Authentizität der Schlüssel zu einem erfolgreichen (Berufs-)Leben ist. Wer sein Fach tief versteht, ist authentisch professionell und deshalb erfolgreich. Wer Leidenschaft für seinen Beruf empfindet, ist authentisch davon fasziniert und vermittelt das auch nach aussen. Ergo erfolgreich.

Kurz: Wer das liebt, was er/sie tut, braucht sich nicht zu «verkaufen». Meine Erfahrungen im HR bestätigten das.

Setzt also «Impression Management» am falschen Ort an? Sozusagen an den «äusseren Werten des Berufslebens»? 

Logisch, man sollte wissen, dass man nicht in Shorts zum Vorstellungsgespräch gehen sollte, dass man sich kämmen und oft lächeln und nicht zwei Minuten vor dem Termin noch eine Zigi rauchen sollte (wirklich, wirklich nicht). Ist alles schon passiert. Mehrfach. Aber das ist ja eigentlich Allgemeinwissen. 

«Impression Management» geht aber weiter. «Wie vermittle ich Begeisterung?» Nun, wenn man sie nicht so schon hat, dann sollte man sie vielleicht auch nicht zu vermitteln lernen – zumindest nicht für einen Job, der einen offensichtlich nicht echt und authentisch dazu veranlasst.  

«Wie kann ich durch mein Äusseres die Chancen auf einen Job erhöhen?» Attraktivität kann einem zu mehr Jobchancen verhelfen, das sagt auch die Forschung, aber will man denn wirklich zu solchen Mitteln greifen müssen? 

Ein neuer Job ist ein Commitment – wie eine Beziehung

Einen Job anzunehmen ist ein Commitment – ähnlich dem einer Beziehung. Meist verbringt man an der Arbeit ja mehr Zeit als mit der/dem Liebsten. Und wir alle wissen, dass es nichts bringt, sich am Anfang einer Beziehung zu arg zu verstellen, weil man dann dazu verdammt ist, konstant jemanden darzustellen, der/die man nicht ist. Und auch der Arbeitgeber stellt ja nicht nur die Fachkraft, sondern auch deren Persönlichkeit ein. 

Wenn nun also der eigentlich introvertierte Arbeitnehmer am Vorstellungsgespräch den grossen Macker raushängen lässt, um an einen gut bezahlten, eventuell prestigeträchtigen Job zu kommen, der eigentlich nicht zu ihm passt, dann macht das doch am Ende alle Beteiligten unglücklich. 

Impression Management ist der Wonderbra der Jobsuche

Bringt es etwas, sich in eine Beziehung oder ein Anstellungsverhältnis hinein zu manipulieren? Ich bin überzeugt, dass das funktionieren kann. Betonung auf kann. Impression Management ist der Wonderbra der Jobsuche und er kann einen tatsächlich schneller voranbringen. Und vielleicht ist es einfach nur realistisch, wenn man sagt, dass man auch zu eher oberflächlichen Mitteln greifen soll, um mal den Fuss in die Tür zu bekommen. 

Wenn jedoch die inneren Werte gefragt sind, sowohl beruflich als auch privat, dann wird sich schnell zeigen, ob man wirklich geeignet ist oder ob es sich bei der gemanagten Impression – wie beim Wonderbra – nur um heisse Luft gehandelt hat. 

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 24.10.2014 21:08
    Highlight Ich denke, dass Sie die heutige Situation gut schildern und die deckt sich mit meinen Erfahrungen. Da wird das Kennenlerngespräch zum Casting, die Laufbahn zum Laufsteg. Da sitzt jeder Satz, weil wie bei Politikern vorher einstudiert. Man sagt das was der andere hören möchte. Ich orte jedoch das Problem beim Interviewer, der das Gespräch führen sollte und die Person hinter der Fassade herausbringen muss. Da gibt es Diletantismus so weit das Auge reicht, weil der Personalmanager der Firma eine Wollmilchsau liefern sollte und der Auftraggeber vielfach eine Kopie des Vorgängers sucht. Das ist in der Liebe der Moment, wo die Neue wie die Ex aussieht. Autentische und markige Persönlichkeiten haben es schwer, weil sie als schwierig oder als Bedrohung gesehen werden. So bleibt der Mainstream-Mitarbeiter, der keine Kanten und Ecken haben sollte, doch innovativ, ideenreich und querdenkend sein muss. So steht es in der Anzeige, ist aber eigentlich ein Code für Normalität. Es fehlt einfach auf beiden Seiten der Mut, die Fassaden fallen zu lassen und über echte Motivation und Fähigkeiten zu sprechen. Die Stunde der Wahrheit kommt ja noch.
    14 0 Melden
    • saukaibli 30.10.2014 16:56
      Highlight Da kann ich dir absolut zustimmen, wenn wir von Grossbetrieben reden. Dort sitzen meistens sehr Junge im HR, die keine Ahnung vom angebotenen Job haben und die ewig gleichen Bewerbungs-Standard-Fragen runterlabern. "Was ist ihre Schwäche/Stärke?", "wo sehen Sie sich in 5 Jahren?". Wer kennd diese Fragen nicht? Also legt man sich auch eine Standardantwort darauf zu, die bei allen gleich klingt. Beim jetzigen Arbeitgeber (KMU) gab es ein richtiges Gespräch anstatt Standardfragen, nicht nur mit HR sondern mit dem Leiter Technik. Sie haben mich dann eingestellt weil ich ehrlich war.
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