Charlie Hebdo

Die erste Redaktionssitzung von «Charlie Hebdo» am letzten Freitag. Bild: ap/pool afp

Erste Sitzung von «Charlie Hebdo»

«Wir müssen die Botschaft vermitteln, dass wir leben»

Am Mittwoch erscheint die neue Ausgabe von «Charlie Hebdo». Die erste Redaktionssitzung nach dem Attentat fand am letzten Freitag statt. Wie emotional sie verlief, zeigt die Reportage einer Journalistin von «Libération».

13.01.15, 15:18 13.01.15, 17:20

isabelle hanne / libération

Die Redaktionssitzung von «Charlie Hebdo» wird mehr als drei Stunden dauern. Es geht an diesem Freitagmorgen nicht nur um Layout, Themen und Abschlusszeiten, sondern auch um die Toten, Verwundeten, um Würdigungen und Beisetzungen. Im Konferenzraum, in dem die «Libération» ihre täglichen Sitzungen abhält, haben sich die Überlebenden der Satirezeitung versammelt. Das Zimmer mit dem grossen runden Fenster ist überhitzt und nach allen Seiten geöffnet, damit der Zigarettenrauch entweichen kann.

Die linksliberale Zeitung «Libération» hat der Redaktion von «Charlie Hebdo» Unterschlupf gewährt. Dafür durfte die Journalistin Isabelle Hanne die erste Sitzung nach dem Attentat begleiten. Die Zeitung hat ihre Reportage unter der Lizenz Creative Commons CC BY-SA 3.0 für andere Medien zur Veröffentlichung freigegeben.

Auf dem grossen runden Tisch stehen Computer, die von «Le Monde» zur Verfügung gestellt wurden. Mehr als 25 Personen haben sich versammelt, mit fahlen Gesichtern und geschwollenen Augen, um die nächste Ausgabe von «Charlie Hebdo» vorzubereiten: Der «harte Kern», Angehörige, aber auch gelegentliche Mitarbeiter. Sie muss am nächsten Mittwoch erscheinen, eine Million Exemplare werden gedruckt, das Zwanzigfache der üblichen Auflage (inzwischen sind es sogar drei Millionen).

«Du musst dich nicht schuldig fühlen»

«Ich konnte alle im Spital besuchen», beginnt Chefredaktor Gérard Biard die Sitzung. «Riss hat eine Verletzung an der rechten Schulter, aber der Nerv wurde nicht getroffen. Es geht ihm sehr schlecht. Er sagte als erstes, er habe Zweifel daran, dass wir die Zeitung weiter herausbringen können.» Fabrice Nicolino, der beim Anschlag mehrere Schusswunden erlitt, «geht es besser», doch er habe «grosse Schmerzen».

Anwalt Richard Malka, Chefredaktor Gérard Biard und Kolumnist Patrick Pelloux (von links) geben Auskunft. Bild: ap/pool afp

Patrick Pelloux, Notarzt und Kolumnist bei «Charlie Hebdo», erläutert die Kieferverletzung von Philippe Lançon, der auch als Journalist bei «Libération» arbeitet. Webmaster Simon Fieschi wurde «ins künstliche Koma versetzt». Eine junge Frau bricht in Tränen aus. «Du musst dich nicht schuldig fühlen», tröstet Gérard Biard die Journalistin Sigolène Vinson. Sie war am Mittwoch auf der Redaktion, wurde von den Attentätern jedoch verschont. Alle lassen schweigend die Köpfe hängen.

Biard wendet sich den Todesopfern zu. Wie sollen die Beisetzungen organisiert werden? Die nationale Trauerfeier? Mit welcher Musik? Mit oder ohne Flaggen? «Wir sollten keine Symbole verwenden, die sie selbst verabscheut hätten», meint jemand am Tisch. «Man soll sich an die Bescheidenheit dieser Menschen und ihre Arbeit erinnern und sie nicht öffentlich zur Schau stellen.» Alle stimmen zu.

Die verbliebenen Redaktionsmitglieder erscheinen zur ersten Sitzung im scharf bewachten Gebäude der «Libération». Bild: Getty Images Europe

Ein Journalist stellt eine Spendenaktion im Internet vor, bei der in weniger als 24 Stunden bereits 98'000 Euro zusammengekommen sind. Die Überlebenden von «Charlie» werden mit Abo-Anfragen überflutet, die sie derzeit gar nicht bewältigen können. Die Verlagsgruppe Lagardère sichert Hilfe zu. «Von allen Seiten kommt Geld herein. Man bietet uns Hilfe an, Lokalitäten, Personal, um die Anfragen zu bearbeiten», sagt Richard Malka, der Anwalt von «Charlie Hebdo». 

«Ich hoffe, man wird uns nicht länger als säkulare Fundamentalisten beschimpfen und die Meinungsfreiheit mit einem ‹Ja, aber› relativieren.»

Gérard Biard, Chefredaktor

«Sehr viele Medien unterstützen uns», bestätigt Christophe Thévenet, ebenfalls Anwalt der Zeitung. «Die Vereinigung für Presse und Pluralismus hat 250'000 Euro zugesagt, Kulturministerin Fleur Pellerin eine Million. So viel Geld hatte ‹Charlie› noch nie!» Der Anwalt muss es wissen: Er hat das Redaktionsstatut verfasst und leitet die Hauptversammlungen der Zeitung. Sie hat in den letzten Monaten einen Spendenaufruf erlassen, um die gähnend leeren Kassen zu füllen. 

«Also, machen wir die Zeitung?», fragt der sichtlich kampflustige Gérard Biard. «Womit füllen wir die Seiten?» «Keine Ahnung, was läuft denn gerade?», meint Patrick Pelloux. Nervöses Gelächter. Biard nimmt nochmals Anlauf: «Ich bin für eine in Anführungszeichen normale Ausgabe. Damit die Leser ‹Charlie› wiedererkennen.» Andere schlagen vor, jene Flächen weiss zu lassen, die von den am Mittwoch getöteten Mitarbeitern gefüllt werden sollten. Das Team lehnt jedoch ab. «Ich will keine leeren Seiten», sagt Gérard Biard. «Sie sollen alle präsent sein, auch Mustapha.» Der Korrektor Mustapha Ourrad war am Mittwoch ebenfalls getötet worden. «Dann lasst auch meine Fehler drin», scherzt Patrick Pelloux.

«Wir sollen keine Gedenkausgabe machen»

«Ach was! Fidel Castro ist tot!» ruft Luz mit gestrecktem Mittelfinger, als er die Nachricht (die rasch dementiert wird) auf seinem Handy entdeckt. Reporter Laurent Léger wendet sich wieder der Zeitung zu: «Ich denke, wir sollten keine Nachrufe verfassen, keine Gedenkausgabe machen.» Die Redaktion diskutiert über den Inhalt. «Ich hoffe, man wird uns nicht länger als säkulare Fundamentalisten beschimpfen und die Meinungsfreiheit mit einem ‹Ja, aber› relativieren», meint Biard. 

Ministerpräsident Manuel Valls mit Kulturministerin Fleur Pellerin und «Libération»-Chefredaktor Laurent Joffrin. Bild: AP/POOL AFP

«Wir waren in den letzten Jahren ziemlich einsam», ergänzt Laurent Léger. «Wir sollten uns in dieser Ausgabe auch damit befassen, wie es weiter geht», sagt Luz. «Wir müssen die Botschaft vermitteln, dass wir leben», sagt die Zeichnerin Corinne Rey. «Und dass wir uns die Kritik an den Religionen nicht nehmen lassen», ergänzt Richard Malka.

«Das ist eine richtige Redaktionskonferenz, das totale Chaos – wir sind wieder da!»

Patrick Pelloux, Kolumnist

«Charlie Hebdo» ist eine eigenartige Zeitung. Es gibt keine Rubriken, sondern «Räume» für jeden Autor und jeden Zeichner. Für jene der Verstorbenen soll bislang unveröffentlichtes Material verwendet werden. In der Ausgabe vom Mittwoch werden also auch Charb, Cabu, Wolinski, Honoré vorkommen. Während der Sitzung kommt es immer wieder zu spontanen Schluchzern, wie auflodernde Buschfeuer, die in den Armen des Nachbarn erstickt werden. Man hält sich die Hände, die Augen sind feucht.

«Manuel Valls ist eingetroffen», räuspert sich Anwalt Malka. Der Ministerpräsident erscheint in Begleitung von Kulturministerin Fleur Pellerin, die einen Aufkleber «Je suis Charlie» auf der Brust trägt, und einer Meute von Journalisten, Assistenten und Kommunikationsleuten. Valls schüttelt die Hände der Anwesenden, informiert über den Einsatz in Dammartin-en-Goële – «die beiden Attentäter sitzen in der Falle» – und wünscht allen «jede Menge Mut».

Biard wagt sich vor: «Sind die Journalisten und Minister weg? Was kommt auf Seite 16?» Seine Stimme wird übertönt durch das Öffnen von Cola-Dosen, das Knabbern von Schokobrötchen, von Weinkrämpfen und Polizeisirenen. Patrick Pelloux meint lachend: «Das ist eine richtige Redaktionskonferenz, das totale Chaos – wir sind wieder da!»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Lezzelentius 13.01.2015 15:41
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