Charlie Hebdo

Screenshot aus dem Video: Viele Medien zeigten nur Ausschnitte. Bild: geenstijl.nl

Anschlag auf «Charlie Hebdo»

Amateurfilmer bereut, den Film von der Tötung des Polizisten veröffentlicht zu haben

Ein Mann hat kurz nach dem Attentat auf die Redaktion «Charlie Hebdo» gefilmt, wie der Polizist Ahmed Merabet erschossen wurde. Er stellte den Film ins Netz. Jetzt entschuldigt er sich bei der Familie des Opfers. 

12.01.15, 16:06 12.01.15, 17:03

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Mittlerweile dürfte jeder, der die Nachrichten verfolgt, mit diesem Video auf irgendeine Art in Berührung gekommen sein – und sei es über ein Standbild. Der ungekürzt 42 Sekunden lange Film eines Augenzeugen zeigt, wie einer der Attentäter auf offener Strasse einen wehrlosen Polizisten erschiesst.

Jordi M. hat das Video gedreht und ins Netz gestellt – und bereut seine Entscheidung mittlerweile. Es sei ein «dummer Reflex» gewesen, das Video zu teilen, sagt M. der Nachrichtenagentur AP, die mit ihm gesprochen hat.

«Ich war total in Panik geraten», so M. Er habe allein in seinem Apartment gesessen und E-Mails geschrieben. Dann hörte er von draussen Schüsse und dachte zunächst, er werde Zeuge eines Bankraubs. Also filmte er mit – ohne zu wissen, was eigentlich vor sich ging. Als er die beiden schwerbewaffneten Männer sah, habe er erst gedacht, es handele sich um Spezialkräfte der Polizei, die dem verwundeten Kollegen zur Hilfe kommen wollten. Mit Entsetzen habe er dann festgestellt, dass sie anderes vorhatten.

Nur eine Viertelstunde lang hat er den Film im Netz gelassen

Auch nach dem Vorfall sass der Augenzeuge allein in seiner Wohnung, erzählte er AP: «Ich musste mit jemandem reden.» M. entschied sich daher nicht nur dafür, eine Kopie des Clips anzufertigen und der Polizei zu übergeben, sondern das Video auch auf Facebook zu stellen. «Das war mein Fehler», sagt er.

Diesen Fehler habe er aber rasch bemerkt: Nach nur 15 Minuten habe er den Clip bereits wieder entfernt – da war es aber längst viel zu spät. Das Video hatte sich über seine 2'500 Follower rasant verbreitet, jemand hatte es schon bei YouTube hochgeladen. Nicht einmal eine Stunde, nachdem M. sein Posting mit dem Video gelöscht hatte, sah er es bereits im Fernsehen.

Der Film hat weltweit Empörung ausgelöst. Wer ihn gesehen hat, wird diese Bilder kaum vergessen können. Sie sind für immer mit dem Attentat auf «Charlie Hebdo» verknüpft. Für die Familie des Opfers ist das eine Qual. Der Bruder des Polizisten sagte Journalisten: «Wie könnt ihr es wagen, dieses Video zu senden? Ich habe seine Stimme gehört. Ich habe ihn erkannt. Ich habe gesehen, wie er abgeschlachtet wurde und ich höre jeden Tag, wie er abgeschlachtet wurde.»

Darauf trainiert, jedes Bild sofort zu veröffentlichen

Manche sagen, das Video spiele eine wichtige Rolle, weil es der Welt zeige, wie brutal und herzlos die Attentäter vorgegangen sind. Filmer M. sagt, für ihn sei der Mord an dem Polizisten «wie ein Kriegsfoto» gewesen.

Nach der Veröffentlichung gab es eine grosse Welle der Solidarität für den Polizisten Ahmed Merabet und seine Familie. Es gab nicht mehr nur den Slogan «Je suis Charlie», sondern auch «Je suis Ahmed». An der Stelle, an der Merabet starb, haben die Menschen Blumen abgelegt.

Augenzeuge M. macht sich offenbar schwere Vorwürfe, weil er das Video ins Netz gestellt hat. Womöglich, so der Mann in seinen Fünfzigern, hätten ihn die letzten zehn Jahre in sozialen Netzwerken darauf trainiert, alles zu teilen, was er sieht und jedes Bild sofort zu veröffentlichen.

«Das war mir eine Lektion»

Er wolle der Familie des getöteten Polizisten mitteilen, dass es ihm «sehr leid» tue, und dass er alle Geldangebote für das Videomaterial ausgeschlagen habe. Er wünsche sich ausserdem, dass die Medien zumindest das Bild des Polizisten pixeln und den Tod des Opfers herausschneiden, bevor sie das Video ausstrahlen.

In den Nachrichtenredaktionen hatte das Video für Diskussionen gesorgt. Die meisten Portale haben sich letztlich dafür entschieden, das Video nicht oder zumindest entschärft auszustrahlen. Auch SPIEGEL ONLINE verzichtete darauf, die Schussszene zu zeigen. In den sozialen Netzwerken hingegen, auf Facebook und YouTube, war der Film noch Tage nach dem Attentat in voller Länge zu sehen.

«Auf Facebook gibt es keine Vertraulichkeit», sagt M. nun, «das war mir eine Lektion.» (juh/AP)

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