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Bild: AGENCJA GAZETA/REUTERS

Zum Tode von Günter Grass: Abschied von einer Jahrhundertfigur

Als Schriftsteller überragte er die Literatur der Bundesrepublik, als streitlustiger Debattierer prägte er das politische Selbstverständnis des Landes. Günter Grass war eine der grossen Figuren der jüngeren deutschen Geschichte.

13.04.15, 15:13 14.04.15, 09:41

Sebastian Hammelehle

Ein Artikel von

Es war 1958, ein langes Wochenende an Allerheiligen. Durch den Schwarzen Adler, einem Allgäuer Gasthof, in dem sich angeblich schon die Aufständischen des Bauernkrieges versammelt hatten, waberte dichter Pfeifen- und Zigarettenrauch. Unter den an der Wand hängenden Hirschgeweihen schwang Hans Werner Richter, Chef der berühmten Gruppe 47, eine Kuhglocke. Sollte doch endlich Ruhe einkehren unter den versammelten Schriftstellergrössen, damit der Romandebütant, der im Sessel rechts neben ihm wartete, zu lesen beginnen konnte.

Schon nach den ersten Sätzen, so erinnerte sich Richter später, war der Saal wie elektrisiert. Einen Packen Blätter zwischen beide Hände geklammert, trug der Autor mit dem markanten Schnauzbart zwei Kapitel aus seinem Manuskript vor. Es war «Die Blechtrommel». Der Schriftsteller Günter Grass, damals 31 Jahre alt. Bei den Schriftstellertreffen der Gruppe 47 bislang nur ein Zaungast, dem man höchstens einmal gönnerhaft Talent bescheinigt hatte. Nach diesem Herbsttag war alles anders: «Seine Lesung löste eine Art Wirbelsturm aus», so Richter. Der spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld drängte Richter, Grass müsse unbedingt den nur unregelmässig vergebenen Preis der Gruppe 47 bekommen. Spontan starteten die Anwesenden über Telefon bei ihren Verlegern eine Sammelaktion. Grass stand, zufrieden strahlend, am Tresen und leerte, wann immer Richter an ihm mit der Mitteilung «wieder 500 Mark mehr!» vorbeikam, einen Obstler nach dem Hausrezept der Wirts-Tante Finni. Zuletzt waren es 5000 D-Mark.

Die bekanntesten Werke von Günter Grass

Als «Die Blechtrommel» 1959 erschien, erschütterte sie das trotz Romanen von Arno Schmidt oder Wolfgang Koeppen noch immer recht betuliche literarische Leben der jungen Bundesrepublik, wurde in Westdeutschland und im westeuropäischen Ausland hunderttausendfach verkauft, sogar für den US-amerikanischen Markt lizenziert – mit einer Startauflage von 100'000 Exemplaren. Nur in der DDR galt der Roman als «pubertäre Prosa», als Beispiel für «reaktionäre Dekadenzliteratur». Erst 1987 konnte er dort erscheinen.

Grass' Lesung war einer jener Momente, wie sie in der Literaturgeschichte höchstens alle paar Jahrzehnte einmal vorkommen: Der Augenblick, an dem eine Ära endete, die der unmittelbaren deutschen Nachkriegsliteratur. Der Augenblick, an dem mit einem Paukenschlag eine neue begann – die von Günter Grass. Gekrönt wurde sie gut vierzig Jahre später: 1999, mit dem Nobelpreis für Literatur.

Da war Grass längst eine bundesdeutsche Institution. Ein, wie «Die Zeit» schrieb, «Wappentier der Republik». Ein streitbarer politischer Publizist, der sich auch im Alter noch mit einer Vehemenz in die Debatte warf, die manchen, auch ob seiner Leidenschaft für klare Grenzziehungen und plakative Anklagen geradezu befremdete. Ein Schriftsteller, der zeitlebens auch gegen die Übermacht seines eigenen Frühwerks anschrieb: Über Jahrzehnte, mit den Romanen «Hundejahre», «Der Butt», «Die Rättin» und «Ein weites Feld» versuchte, die Wucht seines über 700 Seiten dicken Romanerstlings noch einmal zu erreichen. Das konnte kaum gelingen. Erst, als er sich in seinem Spätwerk, mit der Novelle «Im Krebsgang» und dem autobiografischen «Beim Häuten der Zwiebel», Themen seiner eigenen Jugend zuwandte, hatte er sich freigemacht von dem Gedanken, die pralle Geschichte des Oskar Matzerath zu übertreffen.

Oskar Matzerath, neben Faust und Mutter Courage eine der markanten, weltberühmten Figuren deutscher Dichtung: Wie Grass ein Junge aus Danzig, der im Alter von drei Jahren beschloss, nicht mehr zu wachsen, die deutsche Geschichte von den 30er- bis zu den 50er-Jahren an entscheidender Stelle miterlebte, die Trommel immer dabei. Wenn Matzerath mit bloss 94 Zentimetern Körpergrösse auch von zwergenhaftem Wuchs war – er warf doch einen weit überlebensgrossen Schatten, auch auf die Karriere von Günter Grass.

So sehr Grass in der «Blechtrommel» mit politischer Respektlosigkeit und sexueller Drastik nach zehn Jahren Adenauer-Regierung einer der Vorboten der gesellschaftlichen Öffnung der späten 60er war, so sehr provozierte er diejenigen, die sich nach dem kollektiven Mord- und Zerstörungsrausch von Nazi-Zeit und Zweitem Weltkrieg im Restaurationsdeutschland der 50er eingerichtet hatten. Wegen vermeintlicher Blasphemie und Obszönität verweigerte der Bremer Senat Grass 1959 den Bremer Literaturpreis, bei seiner Novelle «Katz und Maus» 1961 wurde die Indizierung gefordert. Insgesamt waren gegen den Autor bis 1963 zwei Dutzend Strafanzeigen eingegangen, allerdings erfolglos. Als Grass 1965 Wahlkampf für Willy Brandt machte, wurde seine Rede im tiefschwarzen Cloppenburg mit Eier- und Tomatenwürfen, Plakaten wie «Kommunisten-Herold» so massiv gestört, dass er sie nur unter Polizeischutz zu Ende bringen konnte.

«Bild» nannte Grass den «Dichter mit der Dreckschleuder». «Der schreibt ja so unanständige Dinge, über die nicht einmal Eheleute miteinander sprechen» sagte der damalige Bundespräsident Lübke. Hier der CDU-Politiker, neben dem Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger die Symbolfigur für Nazi-Mitläufertum oder Mittäterschaft – dort der junge Schriftsteller, der bis dahin in zwei Wahlkämpfe für die SPD ins Feld zog: Die Frontstellung war klar in den 60er-Jahren.

Um so grösser waren öffentliches Erstaunen und öffentliche Empörung als Grass knapp vier Jahrzehnte später in seinem autobiografischen Buch «Beim Häuten der Zwiebel» fast beiläufig erwähnte, als 17-Jähriger als Panzerschütze in der Waffen-SS gedient zu haben. Es war denkbar leicht, Grass in diesem Moment zu verurteilen, wie es Kulturstaatsminister Bernd Neumann stellvertretend für eine ganze Phalanx von Grass-Kritikern tat: «Als moralische Instanz, als die er sich selbst immer sah, hat er Schaden genommen.»

Der deutsche Schriftsteller Günter Grass an der Vernissage zur Ausstellung seiner Zeichnungen und Radierungen im Kunstmuseum Solothurn am 5. Maerz 1975. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Grass selbst hat es sich mit seinem Eingeständnis wohl weniger leicht gemacht: «Ich bin die Summe meiner Figuren, einschliesslich der SS-Männer», hatte er schon 1988 angedeutet.

Niemand erkannte damals das Gewicht seiner Aussage. In einem Fernsehinterview mit Ulrich Wickert sagte Grass 2006 nach der Veröffentlichung von «Beim Häuten der Zwiebel» über seine Monate in der SS-Panzer-Division «Frundsberg»: «Es hat mich immer beschäftigt, es war mir immer präsent, und ich war der Meinung, dass das, was ich tat, als Schriftsteller, als Bürger dieses Landes, was all das Gegenteil dessen bedeutete, was mich in meinen jungen Jahren während der Nazi-Zeit geprägt hat, dass das ausreicht.»

Auch, wenn es sich ein bisschen so anhört, als ob sich Grass hier zum Richter in eigener Sache aufschwingt, um sich dann mit einem Freispruch zu entlasten – selbst, wenn man gar nicht vorhat, Grass' Zeit in der Waffen-SS gegen spätere Verdienste aufzuwiegen: Man wird nicht umhin kommen, ihm grösste Verdienste um die gesellschaftliche Öffnung der Bundesrepublik, den Kampf gegen Schlussstrich-Politik und Vergangenheitsbeschönigung zuzugestehen.

Grass, nach eigenen Angaben Erfinder der Brandtschen Jahrhundertformel «mehr Demokratie wagen», warf sich mit Lust in fast jede politische Auseinandersetzung – auch wenn er mit seiner 2012 im Gedicht «Was gesagt werden muss» (hier im Wortlaut) vorgetragenen Israelkritik gerade einstmals Gleichgesinnte befremdet haben dürfte. Als Schriftsteller war er da längst eine gesellschaftliche Institution, eine Jahrhundertfigur, wie es in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts wohl nicht einmal Bertolt Brecht, sondern nur Thomas Mann noch war. Nichts aber war Grass fremder, als der Manns grossbürgerlicher Habitus. Die Rauflust, die deutlichen Worte, mit denen Grass zeitlebens in den Ring stieg, hatten etwas plebejisches.

Sein Intellekt wirkte geerdet. Linksradikal war Grass nie, anders als bekannte Generationsgenossen, so Walser und Enzensberger. Und doch stand er lange auf der linken Seite des Spektrums. Die Geschichte der bundesdeutschen Protestkultur wird man dereinst allein anhand von Günter Grass nachvollziehen können. Hatte er sich früher gegen Notstandsgesetze, NATO-Doppelbeschluss oder die Art der deutschen Wiedervereinigung engagiert, so nahm er, der einmal gesagt hatte, der Begriff «littérature engagée», ein Modefloskel der 60er-Jahre, öde ihn an, im Alter gegen die Macht der Banken Stellung, forderte die Abkehr vom Kapitalismus, unterschrieb Aufrufe wie den gegen Gorleben als Atomendlager.

Grass trifft den schwedischen König Carl Gustaf und Königin Silvia am 10. Dezember 1999 in Stockholm.  Bild: TT NEWS AGENCY/REUTERS

Geboren wurde Grass am 16. Oktober 1927 im Danziger Arbeitervorort Langfuhr. Sein Vater war Kolonialwarenhändler, seine Mutter, Grass beschwor und mythisierte es gern, Abkömmling der slawischen Volksgruppe der Kaschuben. Das Kind wuchs in einer Zweizimmerwohnung mit winziger Küche und Toilette auf dem Flur auf. Ein Kinderzimmer gab es nicht: «Meine Schwester und ich hatten unter den Fensterbänken des Wohnzimmers jeder eine Nische. Dort hatte ich meine Bücher und meine Sachen.»

Wenn Grass auch nach einer Steinmetzlehre von 1948 bis 52 Bildhauerei und Grafik an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, hielt er sich doch zeitlebens für einen Autodidakten: «Ich bin ein ungebildeter oder nur partiell gebildeter junger Mann gewesen. Mit 15 Jahren hörte bei mir die Schule auf, und als ich ernsthaft zum ersten Mal ein längeres Manuskript zu schreiben begann, beherrschte ich nicht einmal die deutsche Rechtschreibung.» Das Manuskript der «Blechtrommel» war voller Schreibfehler.

Der bissige Elan dessen, der sich ganz alleine nach oben gearbeitet hat, blieb Grass zeitlebens erhalten. Ein bekannter deutscher Dichter nannte ihn einmal hinter vorgehaltener Hand «Mister Testosteron». In seinen Memoiren schreibt der Feuilletonist Fritz J. Raddatz, mit dem Schriftsteller über Jahrzehnte befreundet: «Er hat immer diese Mittelpunkts- und Herrschaftsgeste ‹Jetzt will ich reden›, wird nervös und geradezu ärgerlich, wenn andere sich unterhalten und nicht auf sein Sphinxwort warten, mit dem er alle sieben Welträtsel löst.»

Nach langen Jahren in Berlin-Friedenau und einem zeitweiligen Rückzug an die Algarve lebte Grass im schleswig-holsteinischen Behlendorf. Seit 1979 in zweiter Ehe verheiratet. Leiblicher Vater von sechs Kindern aus vier Beziehungen. Hier sah man ihn, die obligate Pfeife rauchend, am Kanal spazieren gehen.

2010 veröffentlichte Grass sein letztes grosses Buch: «Grimms Wörter», Biografie der Brüder Grimm und Fortsetzung der eigenen autobiografischen Schriften in einem. Den «Spiegel» empfing er zum Interview. Auf den Literaturnobelpreis angesprochen wiegelte Grass ab. Wegweisend für sein Leben sei eine andere Auszeichnung gewesen: «Der Preis der Gruppe 47 im Jahr 1958 war für mich eigentlich wichtiger, weil ich zu dem Zeitpunkt arm wie die Kirchenmaus war.»

Grass hat aus dieser Auszeichnung das Bestmögliche gemacht. Aus dem Romandebütanten wurde eine Jahrhundertfigur.

Am Montagmorgen ist Günter Grass in Lübeck gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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