Digital

Wenn der Schmerz im Kopf pocht, steht die App M-sense mit Ratschlägen beiseite. Shutterstock

Good-News für Betroffene – Start-up bringt App gegen Migräne

Jede zehnte Person in der Schweiz leidet an Migräne. Die Ursachen der neurologischen Erkrankung sind weitgehend ungeklärt. Das Smartphone soll das nun ändern.

13.06.17, 07:38 13.06.17, 12:39

Riccardo Castellano / Nordwestschweiz

Noch ehe der Schmerz im Kopf sticht, schlägt das Smartphone Alarm – und sagt eine bevorstehende Migräneattacke voraus. Entwickelt hat das Frühwarnsystem für Kopfschmerzen das Berliner Start-up Newsenselab.

Es schickt sich an, die Behandlung von Kopfschmerzen zu revolutionieren – mobil und personalisiert. «Für Migräneanfälle sind anhaltende elektrische Entladungen von Nerven verantwortlich. Stress oder andere Auslöser legen einen Schalter im Gehirn um», sagt Markus Dahlem, Migräneforscher und Mitgründer des Start-ups. Dieses Phänomen könne man mithilfe von mathematischen Algorithmen analysieren, abbilden und prognostizieren.

Die Volkskrankheit Migräne ist weit verbreitet. In der Schweiz leidet mehr als jede zehnte Person daran, wobei Frauen dreimal häufiger davon heimgesucht werden.

Therapie inklusive

Betroffene notieren mögliche Einflussfaktoren direkt in die Tagebuchfunktion der App. Dazu gehören beispielsweise Schlafmuster, Aktivitätslevel, Stressphasen, Periode und auch eingenommene Medikamente. Das Wetter und die Temperatur werden automatisch hinzugefügt. Je mehr Daten der Nutzer in die App einträgt, desto besser wird der Algorithmus, der Muster und Einflussfaktoren erkennt, bei denen die Migräne ausgelöst wird. Für Dahlem ist das der spannende Beginn einer neuen Ära: «Wir werden neue biologische Zyklen ausmachen können und erkennen, dass Faktoren, die heute als Auslöser klassifiziert werden, gar nicht zu jeder Zeit gleich relevant sind.»

Andreas Gantenbein, Facharzt für Neurologie und Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft, findet den Ansatz vielversprechend. «Eine solche App als Begleiter kann ich durchaus empfehlen», meint der Experte, der nicht an der Entwicklung der Applikation beteiligt war. «Tagebücher sind für die Diagnostik und Therapie ein wichtiges Element», sagt Gantenbein. Man könne damit Muster erkennen und die Kopfschmerzen richtig einteilen. Auch sei der Einbezug von Umweltfaktoren wie Wetter oder Temperatur sinnvoll, da Patienten zwar oft über deren Einfluss klagen, es jedoch noch keine Beweise gibt, ob diese die Migräne beeinflussen.

Gantenbein weist aber auch darauf hin, dass die die App den Besuch beim Arzt nicht ersetzen kann. Bei stärkeren und regelmässigeren Migräneanfällen brauche es oft Medikamente oder andere Therapieformen wie psychologisches Schmerzcoaching, die nur der Arzt verschreiben kann.

M-sense warnt nicht nur vor bevorstehenden Attacken, sondern schlägt auch Gegenmassnahmen vor. Wenn Stressmuster oder andere Auffälligkeiten beim Nutzer entdeckt werden, fragt die App beispielsweise: «Kennst du die progressive Muskelentspannung nach Jacobson?» Bei dieser Therapieform von Edmund Jacobson, einem amerikanischen Arzt des 20. Jahrhunderts, werden bewusst bestimmte Muskelgruppen angespannt und schliesslich wieder entspannt. Ziel ist ein Zustand tiefer Entspannung des ganzen Körpers, welcher nach einigen Minuten erreicht werden soll. Das hilft gegen Migräneanfälle.

Die in der App vorhandene Muskelentspannungsübung seien durchaus nützlich, sagt Schmerzexperte Gantenbein: «Wir verwenden solche Therapiearten auch in unserer Praxis – sie sind einfach zu erlernen, fördern die Entspannung und haben einen bewiesenen positiven Effekt auf Migräne.»

App will Anfälle halbieren

Doch was passiert mit den Daten, welche die Nutzer bereitwillig der App preisgeben? Das Jungunternehmen M-sense betont, dass die Nutzer selber bestimmen können, ob sie ihre Daten mit dem Server synchronisieren wollen oder diese lediglich auf dem Handy gespeichert werden dürfen. Trotzdem hoffe das Start-up auf viele Daten, denn damit könne man die App und eine personalisierte Therapie weiter verbessern: «Daten sind der Schlüssel zur personalisierten Therapie», sagt Dahlem. Jeder Nutzer kann also mit seinen Daten zu einem bessern Verständnis der neurologischen Erkrankung beitragen.

Erfunden und entwickelt hat die App ein vierköpfiges Gründerteam, zu dem auch der CEO und Experte für Mensch-Maschine Interaktion Stefan Greiner gehört. «Unser Ziel ist es, die Kopfschmerztage der Betroffenen um mindestens 50 Prozent zu reduzieren», sagt er. Die Zahl stützt sich auf bestehende klinische Studien. M-sense ist die erste App, die in Deutschland als Medizinprodukt zertifiziert ist, da sie die Richtlinien für digitale, medizinische Anwendungen erfüllt. Nun steht sie bald auch Schweizer Nutzern zur Verfügung.

Die App «M-sense» wird am 15. Juni für Android erscheinen. Der iOS-Release erfolgt etwa einen Monat später. (aargauerzeitung.ch)

1m 20s

Russische Forscher entwickeln neue Antibiotika

Video: reuters

Das könnte dich auch interessieren:

Definitiv kein Höhepunkt – am Valentinstag bei Fifty Shades of Grey 3

Das haben diese 17 Stars getrieben, bevor sie richtig berühmt wurden

Es ist die Rassenfrage, Dummkopf!

Cartoonist setzt die Wünsche seiner Fans um, und das Resultat ist ... anders als erwartet

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Habedi 15.06.2017 14:09
    Highlight "Andreas Gantenbein, Facharzt für Neurologie und Präsident der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft"

    Es gibt eine schweizerische Kopfwehgesellschaft?
    0 0 Melden
  • SwissMafia 13.06.2017 08:12
    Highlight wer dachte beim titelbild auch als erstes an ein 9gag meme? 😆
    10 0 Melden

Was Männer anstelle von «Dick Pics» verschicken können

Wir sollen Sex-Selfies auf Facebook laden, damit diese nicht weiterverbreitet werden. Das ist so absurd, wie es klingt. Doch es gibt auch noch andere Lösungen...

Es gibt viele Gründe, wieso man keine Nacktfotos von sich verschicken sollte. Trotzdem ist Sexting ein Dauerthema – nicht nur bei Jugendlichen, die von Ex-Partnern mit Rache-Pornos erpresst werden, sondern auch bei Prominenten, deren private Foto- und Videoaufnahmen von Hackern ins Netz gestellt werden.

Seit November laufen bei Facebook nun erste Pilotversuche, welche das Problem eindämmen sollen: Wer ein Nackt-Selfie von sich versendet hat, sei es im Liebeswahn oder im Alkoholrausch, kann …

Artikel lesen