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«Wir wissen, wann Sie zu Hause sind»

3,2 Milliarden Dollar will Google für den Thermostat-Hersteller Nest Labs bezahlen. Nest-Gründer Tony Fadell verrät im Interview, wie die internationale Expansion seiner Firma laufen soll – und ob er denn nun Streit mit dem Apple-Marketingchef Phil Schiller hat oder nicht.

27.01.14, 23:14 05.02.14, 09:30

Ein Artikel von

ein interview von christian stöcker, spiegel online

Zur Person

Tony Fadell ist der Gründer des Haustechnik-Unternehmens Nest Labs, das der Suchmaschinenkonzern Google für 3,2 Milliarden Dollar übernehmen möchte. Zuvor arbeitete Fadell viele Jahre bei Apple, wo er massgeblich an der Entwicklung der ersten iPod-Generationen und des iPhones beteiligt war. Im Jahr 2010 gründete Fadell Nest Labs. Er will das Unternehmen weiterhin leiten.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Fadell, als Google ankündigte, man wolle die Haustechnik-Firma Nest Labs für 3,2 Milliarden Dollar kaufen, entspann sich eine grosse Debatte um Datenschutz. Sollten sich die Menschen Sorgen machen, dass Daten aus Nest-Thermostaten jetzt bei Google landen?

Fadell: Bei jeder neuen Technologie sind die Leute besorgt. Diese Diskussion über Privatsphäre und Sicherheit ist sicher gesund. Aber man sollte nicht zu überstürzten Urteilen kommen. Wir sollten alle lernen, welche Vorzüge diese Technologie bringen kann. Nehmen Sie unsere Smartphones: unglaubliche Werkzeuge. Auch da hatten die Leute anfangs Fragen, aber jetzt gehören sie zu unserem Alltag. Die Leute verstehen, welchen Gegenwert sie bekommen, und wenn sie bei einer verlässlichen Marke kaufen, die transparent handelt, vertrauen sie darauf, dass man sich dort korrekt verhält.

Fadell wird als einer der Väter des iPod und des ersten iPhone bezeichnet. Bild: AP

SPIEGEL ONLINE: Sie haben erklärt, dass Sie ihre Datenschutzerklärung vorerst nicht ändern wollen, um Daten an Google weiterzugeben. Wie ist es denn umgekehrt? Ein Android-Nutzer, der den Dienst Google Now auf seinem Handy aktiviert hat, teilt Google schon jetzt automatisch mit, wann er zu Hause ist, dazu bräuchte man gar keinen Nest-Thermostat…

Fadell: Ja, und da steckt ja auch Ihr Kalender drin. Wir wissen, wann Sie zu Hause sind, wann Sie weg sind. Diese Daten können uns helfen, vorherzusagen, wann Sie da sein werden, wann wir die Temperatur herauf- oder herabsetzen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Daten also in dieser Richtung fliessen? Von Google zu Nest?

Fadell: Das ist möglich, ich weiss es noch nicht. Google-Chef Larry Page hat eine kühne Vision, und wir sehen beide, wie viele Möglichkeiten sich uns bieten. Wir werden sehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Unternehmen besitzt bereits Energie- und Verbrauchsdaten über Hunderttausende Haushalte, weil ihre Thermostate vernetzt sind. Könnten diese Daten nicht Energieversorgern oder der Politik nützen?

Fadell: Es sind schon viele Energieversorger mit solchen Forderungen zu uns gekommen: 

«Wir kommen nur ins Geschäft, wenn Ihr uns alle Daten gebt.»

Wir antworten dann: 

«Auf keinen Fall, auf Wiedersehen.»

SPIEGEL ONLINE: Diese aggregierten Daten werden also gar nicht benutzt?

Fadell: Wir nutzen sie, um unser Produkt zu verbessern, zum Beispiel unsere lernenden Algorithmen. Etwa, um herauszufinden, wann die Sonne auf Ihr Gerät scheint und es erwärmt. So wissen wir, dass sich gar nicht die Temperatur im Gebäude verändert hat, nur die des Geräts.

SPIEGEL ONLINE: Wie konkret sind Ihre Pläne für Expansionen in andere Länder? Die deutsche RWE zum Beispiel zeigt ihren Nest-Thermostat auf ihrer Website, gibt es da Gespräche?

Fadell: Wir führen mit vielen Stromversorgern rund um die Welt Gespräche, nicht nur in Europa. Viele davon interessieren sich für unsere Technologie und die Vorteile, die sie ihnen bringen könnte. Dank der Partnerschaft mit Google sagen sie jetzt:

«Oh, das ist kein einfaches Silicon-Valley-Start-up mehr. Dieses Unternehmen wird Jahrzehnte überdauern.»

Aber der Umgang mit unterschiedlichen Energiemärkten und regionalen Vorschriften ist komplex. Dabei kann uns die Partnerschaft mit Google helfen.

SPIEGEL ONLINE: In den USA haben sie bereits Partnerschaften mit Energieversorgern. Wie funktionieren die?

Fadell: Wir haben dort viele Partner aus der Energiebranche. Viele davon geben unser Produkt kostenlos ab, andere subventionieren es stark über Förderung für Energieeffizienz-Massnahmen. Wiederum andere nutzen unsere Zusatzdienste, um mit der Nachfrage in Spitzenverbrauchszeiten besser umzugehen. Diese Dienste erlauben die Nachjustierung unserer Geräte je nach Jahreszeit, um hier ein Viertel- und dort ein Achtelgrad Celsius einzusparen. All diese Programme helfen den Versorgern, weil sie bei gesenktem Verbrauch weniger Stromtrassen und Anlagen bauen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden als einer der Väter des iPod und des ersten iPhone bezeichnet. Finden sie diese Einordnung gerecht? Oder verdeckt der lange Schatten von Steve Jobs die Leistung der übrigen Beteiligten? 

Steve Jobs Bild: AP

Fadell: Steve war sehr gut darin, Talent und grossartige Ideen zu erkennen. Wenn er nicht bemerkt hätte, was ich konnte, was unsere Teams leisten konnten, sähe unsere Welt dann heute so aus, wie sie ist? Würde ich mir mehr Anerkennung wünschen? Ach ja, sei's drum. Ich war damals nur ein kleines Licht, keiner kannte mich. Die Wahrheit wird über die Jahre ans Licht kommen, aber wenn ich darüber nachgrübeln würde, wäre das nicht klug. 

SPIEGEL ONLINE: Besteht die Chance, dass Sie nun bei Google Produkte entwickeln werden?

Fadell: Ich sage nicht «niemals» und auch nicht «sicher». Wir konzentrieren uns jetzt auf die Vision, die wir für Nest haben. Wenn sie wollen, dass ich bei anderen Dingen helfe und ich darum gebeten werde: toll. Aber das ist nicht die Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Die amerikanische IT-Presse machte vor einigen Tagen einiges Aufhebens, weil Apple-Marketingchef Phil Schiller bei Twitter nun nicht mehr zu Ihren Followern zählt…

Fadell: Ich habe so viele nette Nachrichten von Leuten bei Apple bekommen, die alle sagen: «Wir freuen uns für euch.» Sie freuen sich auch für meine Frau, die ja auch bei Apple gearbeitet hat. Unsere Produkte sind ihn den Apple-Stores, wir haben viele Kunden, die unsere iOS-App nutzen. Das ist keine persönliche Angelegenheit. Aber alle wollen immer aus nichts einen Streit machen. Ich mag Phil, ich habe lange mit ihm zusammengearbeitet, ich respektiere seine Arbeit, ich hoffe, er respektiert meine und auch die Entscheidungen, die ich treffe.

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