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Bild: Cnet

Autos der Zukunft

Unheimlich schlau: Wenn das Auto klüger ist als sein Fahrer

Im Silicon Valley entwickelt Mercedes-Benz gemeinsam mit Tech-Konzernen das Auto der Zukunft. Doch wie lange wird die Autoindustrie die Kontrolle über die fahrenden Computer behalten?

14.04.14, 07:30 14.04.14, 11:15

Ein Artikel von

Thomas Schulz

Vor wenigen Monaten hat Mercedes-Benz ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum eingeweiht, das die Zukunft des Autobauers langfristig sichern und die Traditionsmarke bei jungen Käufern beliebter machen soll. Es steht nicht in Sindelfingen, sondern in Sunnyvale, Kalifornien. Das Hauptquartier von Apple ist nur zehn Minuten entfernt, die Yahoo-Zentrale liegt noch näher.

Wer den Glasbau betritt, vorbei an einem drei Meter hohen Mercedes-Stern, bekommt noch in der Eingangslobby die Zukunft des Autos präsentiert, wie Mercedes sie sich erträumt. Sie trägt den etwas sperrigen Namen «Dynamic and Intuitive Control Experience» und sieht so aus: Die ganze Windschutzscheibe ist ein einziges grosses Display für Augmented Reality. Wer zum Beispiel an einem Museum vorbeifährt, bekommt beim Blick aus dem Fenster gleich dazu eingespielt, welche Ausstellungen hier gerade laufen. Gesteuert wird das ganze über Gesten und Sprache.

Noch ist diese Zukunft einige Jahre entfernt, sagen die Mercedes-Leute. Aber klar ist schon jetzt: Das Auto wird immer mehr zum fahrenden Computer.

Wer sich künftig gegen die Konkurrenz in der Oberklasse behaupten will, der müsse wissen, wie sich das digitale Leben der Kunden ins Auto übertragen lässt, betonten die Ingenieure. Immer mehr werden die Armaturenbretter deswegen von grossen Bildschirmen dominiert, von aufwendigen Infotainment-Zentralen, vernetzt mit der Online-Welt.

In einer Garage im Erdgeschoss des Forschungszentrums steht ein halbes Dutzend Testwagen, vollgestopft mit Elektronik und Messgeräten, mit denen die Mercedes-Techniker die digitale Zukunft des Autos erproben. Eine schwarze S-Klasse ist mit aufwendigen Radar- und Kamerasystemen zum «autonomen Fahren» hochgerüstet: die Antwort von Mercedes auf Googles selbststeuerndes Auto.

Dröge Autoradios gehören bald der Vergangenheit an. Bild: Reuters

Die Navigationsdaten werden auf Google Glass übertragen

Mercedes hat bereits 1995 einen ersten kleinen Valley-Aussenposten eröffnet. Heute arbeiten 150 Programmierer, Designer und Ingenieure in Sunnyvale daran, Bordcomputer und Smartphone immer enger zu verbinden. Schon jetzt können die Fahrzeugsysteme unter anderem Twitter-Nachrichten vorlesen, Internetradio-Stationen abspielen, Kalendertermine anzeigen und Google Street View in der Navigationsansicht aufrufen.

Nun arbeiten die Ingenieure daran, den Bordcomputer auch mit der nächsten Generation mobiler Computer zu verbinden: Smartwatches und Datenbrillen wie Google Glass. Wer etwa weit entfernt von seinem per Navigation gesuchten Ziel parken muss, kann seine Zielführung anschliessend auch zu Fuss fortsetzen. Die Navigationsdaten werden automatisch auf die Brille oder auf die Smartwatch übertragen.

«Letztlich geht es um alles, was dem Autofahrer das Leben leichter macht», sagt Matthias Schneider, Abteilungsleiter für Software-Entwicklung. Er klingt wie ein Google-Ingenieur, wenn er sagt: «User Interface und User Experience verschmelzen zunehmend miteinander.»

Tatsächlich pflegen die Mercedes-Leute eine enge Beziehung zu den benachbarten Tech-Konzernen. «Das ist der grosse Vorteil dieses Standortes», sagt Schneider. «In Sindelfingen kann man nicht einfach mal rüber zu Facebook gehen, um über App-Entwicklungen zu sprechen.»

Apple drängt ins Auto. Bild: Mercedes

Zurzeit sind vor allem Apple-Ingenieure bei Mercedes zu Gast, mitunter wochenlang. Ein Techniker demonstriert, woran die beiden Firmen gemeinsam arbeiten. In einer schwarzen C-Klasse, aufgemotzt von AMG, steckt neben der Schaltung ein iPhone in einem weissen Ständer. Auf dem Bordcomputer-Display erscheinen Symbole nicht im Mercedes-Design, sondern in Apple-Optik. Er fragt die iPhone-Sprachsteuerung: «Wo finde ich ein italienisches Restaurant?» Auf dem Display erscheint eine Auswahl samt Bewertungen. Das Ziel wird in die Navigation übertragen. Car Play nennt Apple das. Bislang funktioniert es allerdings nur mässig, vor allem die Sprachsteuerung Siri hakt.

Mercedes hatte sich zunächst darauf konzentriert, seine Fahrzeuge ausschliesslich mit dem iPhone zu vernetzen. Inzwischen sucht der Konzern aber auch die Nähe zu Google. Im Sommer wird es auch eine Android-App geben.

Die erforderliche Software wird immer komplexer

Künftig sollen die Auto-Infotainment-Systeme grundsätzlich so weitgehend wie möglich durch alle möglichen Smartphones ergänzt werden können, um schneller auf technologische Sprünge zu reagieren. Denn was im Auto fest verbaut wird, ist schnell überholt. «Es ist wichtig, die Halbleiterzyklen von den Fahrzeugzyklen zu entkoppeln», sagt Schneider. Die Entwicklung neuer Automodelle dauert oft noch über sechs Jahre, Sprünge in der digitalen Welt gibt es wenigstens alle sechs Monate.

Wird es dann überhaupt noch teure, selbst entwickelte Infotainment-Bordcomputer geben, wenn immer leistungsstärkere Smartphones letztlich fast das Gleiche können? Die Mercedes-Ingenieure betonen, dass die festinstallierten hauseigenen Systeme stabiler und besser auf das Auto abgestimmt seien. Und dass man vor allem bei so wichtigen Fragen wie Verkehrssicherheit und Ablenkung des Fahrers lieber selbst die Kontrolle behalte.

Bild: Ingenieur

Die erforderliche Software wird jedoch immer komplexer. Und die Tech-Konzerne haben das vernetzte Auto längst als potentiell riesigen Markt entdeckt. Nicht nur Apple, auch Google und andere arbeiten an einem übergreifenden Betriebssystem für den Bordcomputer. Die Autokonzerne haben zwar grossen Vorsprung und jahrzehntelange Erfahrung. Aber die Softwarekonzerne haben die Programmierer, die grössere Expertise und Hunderte Millionen Kunden, die ihre Benutzeroberfläche kennen.

Insofern stehen die Chancen nicht schlecht, dass in einigen Jahren immer mehr Fahrzeugsysteme von Android Car, Windows Car oder Car Play betrieben werden. Schon bald sollen nicht nur PC und Smartphone, sondern auch Haus und Auto von einem vernetzten, übergreifenden Betriebssystem gesteuert werden. So wollen es die Tech-Konzerne. Die Frage ist, ob auch wir das wollen.

Der Silicon-Valley-Reporter berichtet in einer wöchentlich erscheinenden Kolumne aus dem Zentrum des globalen technischen Fortschritts.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 14.04.2014 16:29
    Highlight Jaja ihr Phantasten... Und selbstverständlich werden sich dann auch nicht mehr Neo und Triniti vermehren, sonder die Maschinen:-) Also wird es bald auch keine Autofabriken mehr geben, dafür aber lauter kleine Mercedes-Kindchen:-) Hach is das süss. ut (dp)
    1 0 Melden
  • CinaDaVinci 14.04.2014 14:28
    Highlight Überbrücken und Anschieben geht dann nicht mehr! Stehst auf der Kreuzung: Ihr Auto benötigt ein neues Update - Bitte warten - nach 10 Minuten (der Verkehr ist durch mich total blockiert) - Uodate erfolgreich installiert -Bitte neu starten - ...
    2 0 Melden
  • Ghorbani 14.04.2014 11:15
    Highlight Irgendwann werden die Roboter die Welt beherrschen und nicht mehr wir Menschen!
    0 1 Melden
    • Philipp Rüegg 14.04.2014 13:07
      Highlight Ich sag nur: Skynet :)
      2 0 Melden

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