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FILE - In this Thursday, Feb. 27, 2014 file photo, New York City taxis drive through New York's Times Square. The car-hailing service Uber is taking on New York City's taxis, temporarily dropping some of its prices by 20 percent starting Monday, July 7, 2014. (AP Photo/Richard Drew)

Nicht nur den Taxifahrern in New York droht Konkurrenz durch den Dienst Uber. Bild: KEYSTONE

Kapitalismus 2.0

Kalifornischer Goldrausch: Der Taxi-Dienst Uber soll 200-Milliarden-Dollar wert sein

Das Zimmervermittlungsportal Airbnb soll über zehn Milliarden Dollar wert sein und das Start-up Uber mehr Potenzial haben als Audi und BMW zusammen. Ist das alles Wahnsinn – oder der Beginn eines neuen wirtschaftlichen Zeitalters?

29.07.14, 09:01 29.07.14, 10:53

Thomas Schulz, San Francisco / spiegel online

Ein Artikel von

Der Transportdienst Uber hat vor Kurzem eine neue Geldspritze erhalten. Investoren steckten knapp 1,2 Milliarden Dollar in die Taxi-Alternative, die über eine Smartphone-App private Fahrer vermittelt. Uber ist damit aktuell fast 17 Milliarden Dollar wert. Und mit Abstand das heisseste Unternehmen im Silicon Valley. So heiss, dass der Chef von Google Ventures, dem Wagniskapitalarm des Internetgiganten, nun behauptet: Uber könnte bald vielleicht sogar «200 Milliarden Dollar oder mehr» wert sein.

Mal zum Vergleich: Toyota, der grösste Autohersteller der Welt, wird derzeit an der Börse mit rund 190 Milliarden Dollar bewertet.

Anfang des Jahres legte Facebook ohne zu zucken 19 Milliarden Dollar für den Messaging-Dienst WhatsApp auf den Tisch, ein Start-up mit rund 60 Angestellten. Airbnb, die Vermittlungsbörse für Privatunterkünfte, steht derzeit bei rund zehn Milliarden Dollar und ist damit schon jetzt mehr wert als die meisten globalen Hotelketten mit Tausenden eigenen Hotels. Und das ist nur der letzte Stand; wenn das Unternehmen bald noch mal Geld einsammelt, wird es sicherlich doppelt so hoch bewertet.

Ist das alles Wahnsinn? Es gibt viele Wirtschaftsexperten, die sagen: Ja, die Technologiewelt läuft schon wieder aus dem Ruder, zumindest aus finanzieller Sicht. Es bilde sich eine riesige Finanzblase, die irgendwann platzen werde – mit unvorhersehbaren Folgen.

Mit Airbnd werden Privatunterkünfte vermittelt.  Bild: Airbnb

Der alte Kapitalismus wird abgelöst

Es lässt sich aber auch eine andere These vertreten: Die Digitalisierung und der enorme technische Fortschritt bringen nicht nur neue Geschäftsmodelle hervor, sondern verändern auf Dauer die bislang vorherrschenden wirtschaftlichen Strukturen und Gesetze.

Denn die digitalen Technologien verwandeln unter anderem erstaunlich schnell das globale Konsumverhalten. Wenn ein Geschäftsmodell in etablierten Industrien nicht effizient ist, wird es über kurz oder lang angegriffen und verschlankt werden, sodass es für den digitalen Konsumenten besser passt.

Jeremy Rifkin, prominenter Ökonom und seit Jahrzehnten der vielleicht führende Zukunftsforscher, geht sogar so weit zu sagen: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, naht. Rifkin hat darüber ein neues Buch geschrieben, «Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft». Als ich vergangene Woche mit ihm seine Thesen diskutierte, gab sich Rifkin überzeugt: Der technologische Wandel führe zu fallenden Kosten und steigender Produktivität, und damit in den nächsten Jahrzehnten zwangsweise zu einem «neuen Paradigma», einer kooperativen und kommunalen Organisation der Wirtschaft, die den alten Kapitalismus ablösen werde.

Fern solcher ambitionierten Wirtschaftstheorien ist zumindest sicher, dass sich die hochfliegenden Bewertungen von Technologieunternehmen nicht einfach als verrücktes Spekulieren abtun lassen wie zu Zeiten der New Economy. Als Facebook erstmals eine Milliarde Dollar wert sein sollte, war der Aufschrei auch gross. Gerade verkündete der Konzern einen Gewinn von 800 Millionen Dollar – allein für die vergangenen drei Monate.

Uber gibt es mittlerweile auch in Europa wie hier in Barcelona, aber auch bei uns in Zürich. Bild: Getty 

Die vergangenen Jahre haben deutlich bewiesen: Selbst kleine Technologieunternehmen können regelmässig in kürzester Zeit mit relativ geringen Kosten nationale und globale Märkte aufrollen, Millionen von Kunden finden und dabei auch noch sofort profitabel sein.

Vor Kurzem habe ich einen Nachmittag in der Zentrale von Airbnb verbracht, einem Unternehmen, das erst 2010 so richtig als Hotel-Alternative loslegte und nun rund eine Million Übernachtungen pro Monat verbucht. Das alles sei nur der Anfang, so sagt es Nathan Blecharczyk, einer der drei Gründer, als wir die Zukunftspläne von Airbnb diskutieren. Ganz nüchtern beschreibt Blecharczyk, wie Airbnb sich nicht nur als neuer Teil der Hotelbranche versteht, sondern den gesamten Tourismus aufrollen will. Ein Markt, bei dem es nicht um Milliarden, sondern um Billionen von Dollar gehe, sagt er in ebenso selbstverständlichem Tonfall, ohne die Miene zu verziehen.

Kalifornischer Goldrausch

Ähnlich geht auch die Theorie der Uber-Enthusiasten: Das Unternehmen sei nicht dabei, eine bestehende Branche anzugreifen, sondern einen ganz neuen globalen Transportmarkt zu schaffen, in dem wir alle viel weniger selbst fahren, immer seltener ein eigenes Auto besitzen und stattdessen günstige lokale Fahrdienstnetzwerke nutzen.

Tatsächlich ist Uber schon jetzt ein höchst erfolgreiches Geschäft: Das Start-up ist bereits in knapp 140 Städten und 38 Ländern vertreten. In der ultraschicken neuen Unternehmenszentrale in San Francisco geht es zu wie im Bienenkorb, monatlich werden Dutzende neue Mitarbeiter eingestellt.

Nur: Selbst in den positivsten Szenarien hat ein Start-up wie Uber deswegen noch lange nichts in der Preisklasse von Automobilherstellern zu suchen. Der Taximarkt in den USA ist rund elf Milliarden Dollar gross. Schätzungen für den globalen Markt liegen bei rund 100 Milliarden Dollar. Mehr als 20 Prozent Marktanteil weltweit sind mittelfristig selbst im besten Fall für Uber kaum vorstellbar. Und gerade wenn man nach Deutschland blickt, muss man sich fragen, ob das Uber-Modell in vielen Märkten nicht höchst limitiert ist, sobald es auf gut funktionierende lokale Taxidienste trifft.

Uber ist nur eines von vielen Start-ups in das Investoren ihre Millionen versenken. Bild: Getty 

Am Ende haben die ausufernden Tech-Unternehmensbewertungen deswegen auch nicht nur damit zu tun, dass es so viele tolle neue Geschäftsmodelle gibt, sondern dass die Finanzwelt so gelangweilt ist von allen anderen. Es sind dabei keineswegs nur die Profis von der Wall Street, die Zocker und Casino-Fans, die die Preise in schwindelnde Höhen treiben. Die globalen Geldströme, angefüttert mit unseren Ersparnissen aus Lebensversicherungen, Investmentfonds und Pensionskassen, überschwemmen die Wagniskapitalgeber und Geldverteiler im Silicon Valley mit immer neuen Milliarden.

Wöchentlich schlagen dazu hier im Silicon Valley neue Busladungen auch mit deutschen Unternehmensberatern, Kleininvestoren, Finanzchefs und Strategieentwicklern mittelständischer Unternehmen auf. Manche kommen nur, um zu lernen. Viele aber wedeln mit Scheckbüchern.

Fast scheint es, als wäre ein neuer kalifornischer Goldrausch im Gange. Wenn das so weitergeht, wird Uber vielleicht wirklich bald 200 Milliarden Dollar wert sein.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Asper 29.07.2014 15:03
    Highlight Ich sollte schleunigst meinen zusammengewürfelten und halbverbotenen Flohmarktstand, gegen den in mehreren Ländern klagen laufen, an die Börse bringen. Bei so viel Geschäftsunsicherheit sollten doch schon etwa 2 bis 3 hundert Milliärdchen Börsenwert drinn liegen... ;)
    0 0 Melden
  • Dä Mö 29.07.2014 14:12
    Highlight blase!
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