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Kranker Deutscher bloggt über den Tod: «Sei wie Dimi (minus das mit dem Sterben)»

Dmitrij Panov weiss, dass er bald sterben wird. Also zockt der 25-Jährige, so viel er kann, schaut so viele Filme, wie er schafft, und bloggt darüber, wie es ist, bald tot zu sein.

06.09.16, 13:56 06.09.16, 15:25

Francesco Giammarco / Spiegel Online

Ein Artikel von

Dmitrij Panov ist 25 Jahre alt und wird bald sterben. Er nimmt es mit Humor. Zumindest schreibt er so darüber. Über den Tumor in seinem Kopf, der jeden Tag grösser wird.

Über Morphiumspritzen, Chemotherapie und die Freude, die man verspürt, wenn man nach Wochen Verstopfung endlich wieder Stuhlgang hat. Über die heilsame Wirkung von Computerspielen und das befreiende Gefühl, einem Endgegner auf der Playstation «endlich die verdiente Sterbehilfe zu geben».

Profilbild von Dmitrij Panov.

Und über Sushi. Dmitrij liebt Sushi. Aber er kann es nicht mehr essen. Seit der Chemo ist seine Mundschleimhaut entzündet. Da brennt roher Fisch wie Feuer. Und das Wasabi erst.

Dmitrij schreibt über diese Dinge in seinem Blog "Sterben mit Swag". Swag, das kommt von dem englischen to swagger und bedeutet so viel wie prahlen oder stolzieren. Und so liest sich der Blog auch – als prahle er mit seiner Krankheit.

Das ist Dimi.

Dimi wird relativ bald sterben.

Dimi heult aber nicht deswegen rum, sondern zockt, wann immer er zocken kann, und lädt Leute zum Filmeschauen ein, wann immer Leute Zeit haben, bei ihm Filme zu schauen (so ungefähr).

Dimi ist cool.

Sei wie Dimi (minus das mit dem Sterben).

Ausserhalb des Internets hat Dmitrij Panov überhaupt keinen Swag. Was auch mit dem Tumor zu tun hat und den vielen Operationen, die hinter ihm liegen. Er ist dünn und langsam und weiss wie ein Stück Papier. Unter seinem Kapuzenpulli trägt er ein T-Shirt vom «König der Löwen». Er wohnt in Marburg in einer WG im Erdgeschoss. Ein Glück, denkt man sich, er sieht nicht aus, als würde er die Treppen schaffen.

Dmitrij führt in sein Zimmer, das vollgestopft ist mit Filmen und Computerspielen. An den Wänden hängen Filmposter: «Django Unchained», «Enter the Void» oder «Amer». Eine weisse Stelle ist auch zu sehen, da wo der Beamer beim Zocken das Bild hinstrahlt. Er überlässt dem Gast das bequeme Sofa und setzt sich auf den Schreibtischstuhl.

Viele Künstler haben über ihr Sterben geschrieben. Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief zum Beispiel, der britische Journalist Christopher Hitchens, oder auch der Autor Wolfgang Herrndorf. Das Schreiben war für die Autoren eine Möglichkeit Kontrolle auszuüben im Angesicht des Unvermeidlichen.

Im Schreiben zeigte sich auch, wer sie waren: Schlingensief blieb ein Dramatiker, Hitchens Journalist, über seinen Speiseröhrenkrebs schrieb er wie ein Korrespondent aus dem Land der Kranken. Und auch als Wolfgang Herrndorf seine Diagnose bekam, entschied er sich dazu, ihr mit Arbeit zu entgegnen. In seinem Blog «Arbeit und Struktur» schrieb er über sein Sterben. Bis er sich selbst das Leben nahm.

Christoph Schlingensief auf einem Foto von 2009. Bild: AP

Dmitrij Panov ist ein Nerd, der gerne Filme guckt und zockt. Und das bleibt er auch in seinem Schreiben. Im Unterschied zu ihm waren Herrndorf und Schlingensief schon berühmt, als sie anfingen, sich künstlerisch mit dem Tod zu befassen. Sie konnten sich ihres Publikums sicher sein.

Insofern hatte es Dmitrij schwerer, ihn kannte keiner. Seinen ersten Blogeintrag vom Februar 2016 schrieb er ins Nichts hinaus. Dabei wünscht er sich doch Reaktionen, die selbsternannte «Fame-Hure». Immerhin versteht er sich als Künstler. «Das ist mir das Wichtigste, dass ich etwas Künstlerisches hinterlasse», sagt er.

«Wenn du leidest, mach einfach Kunst daraus. Je grösser das Leid, desto eindringlicher die Kunst. Und das will ich doch sein, Künstler meiner selbst.»

Blogger Dimi

Aber war er denn auch ein Künstler, bevor er sterbenskrank war? «Ja, auch dann», sagt Dmitrij, «halt nur ein inaktiver.»

Im Oktober 2011 beginnt Dmitrij in Marburg das Psychologiestudium. Einen Monat später hat er plötzlich Schmerzen im Nacken. Schwindel und Übelkeit. Vom Orthopäden über die Physiotherapie landet er schliesslich beim Hausarzt und dann beim Neurologen. Dort im Wartezimmer holt Dmitrij seinen Game Boy heraus und beginnt zu spielen. Dann fällt er um.

In der Klinik wacht er wieder auf. Ein Arzt kommt zu ihm. «Herr Panov, sie haben einen Hirntumor.»

Eintrag vom 1. Februar: «Ich heisse Dmitrij Panov und ich werde bald sterben. Klingt komisch, ist aber so. Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen.»

Er wird operiert, der Tumor abgeschnitten und weggesaugt. Alles verläuft gut, auch die Bestrahlung und die Chemotherapie übersteht er. Gehirntumor besiegt. 2015 dann ein Rezidiv, der Tumor ist zurück. Selbe Prozedur noch mal: Kopf aufschneiden, bestrahlen, Chemotherapie. Alle vier Jahre, das ist eigentlich ein okayer Rhythmus, denkt sich Dmitrij.

Ende 2015 wieder ein Rezidiv, das auch noch in die Wirbelsäule gestreut, oder wie Dmitrij schreibt, «gekotzt hat». Metastasen im Rückenmark, diesmal ist nichts mehr zu machen. So sagen es ihm die Ärzte auch. Sie können es verlangsamen, aber in naher Zukunft wird er zum Pflegefall und stirbt.

Was ich davon so halte? Ich schwanke irgendwo zwischen «Passiert» und «Gibt Schlimmeres». Man kann ja auch bei lebendigem Leibe von Ameisen gefressen werden. Oder aufwachen und feststellen, dass man Donald Trump ist. In Relation dazu geht's mir ja eigentlich echt gut.

Eigentlich wollte Dmitrij seinen Blog «Sterben mit Stil» nennen. Aber der Name war schon vergeben, ärgerlicherweise für einen Blog, in dem nur ein einziger Eintrag steht. «Super, Hauptsache den Namen geklaut», dachte sich Dmitrij. Also ersetzte er Stil mit Swag.

Eintrag vom 4. September: «Testament immer noch nicht fertig (damned), hoffentlich kriege ich das noch in den Lot, so kurz vor meinem Tod.»

Swag. Was ist das überhaupt? Dmitrij denkt nach: «Ja, irgendwie Coolness ... so genau habe ich das nicht definiert». Sterben mit Stil, Sterben mit Swag, egal, es soll ums Sterben gehen. «Aber halt anders sterben. Sterben, aber nicht so verrecken. Nicht so traurig», sagt er. «Mit einem gewissen Schwung sterben.»

Deshalb schreibt Dmitrij seinen Blog eben nicht nur, um was zu hinterlassen. Sondern auch, um gegen das Mitleid anzukämpfen, das man mit jungen, sterbenden Menschen automatisch hat. Vor allem das Mitleid, das er mit sich selber hat.

Jetzt klingt es wieder wie eine Beschwerde, dabei geht es mir doch richtig gut. Bissel müde, bissel Schmerzen, bissel verspannt. Andere werden von Bären plattgewalzt und finden die Kraft zum Weiterkriechen. Ich sitze in meinem Bürostuhl und mache «mimimi».

Wenn man eine Diagnose bekommt, wie Dmitrij, dann stellt sich unweigerlich die Schuldfrage. Wer ist Schuld an dem Mist, der mir passiert? Es gibt Leute, die wollen es nicht akzeptieren, manche geben ihren Mitmenschen die Schuld, den Ärzten, manche auch sich selbst.

«Ich versuche, deterministisch zu sein», sagt Dmitrij. Alles war vorherbestimmt, dass er so sterben würde, war schon klar, als er geboren wurde. «So kann ich es leichter annehmen», sagt Dmitrij. Ist er denn gläubig? «Ja, sehr.»

Wenn alles vorherbestimmt war, dann muss er sich auch nicht die unausweichliche Frage stellen: Warum ich? Dann passiert es eben, es war Schicksal. Das ist Dmitrijs Haltung. «Es ist nur schwierig, sie aufrecht zu erhalten, wenn die Schmerzen richtig stark werden.»

Eigentlich hat Dmitrij allen Grund zum Selbstmitleid. Wenn es wirklich Gott war, der Dmitrijs Schicksal vorherbestimmt hat, dann hat er allen Grund, von ihm genervt zu sein. Immerhin gängelt er Dmitrij schon seit dem ersten Tag.

Ich wurde geboren ... nein, schon falsch. Vielmehr wurde mein lebloser Körper am 13. Januar 1991 auf dem Gebiet der gerade noch so existierenden Sowjetunion aus dem aufgeschlitzten Bauch meiner Mutter rausgezogen und anschliessend mehrere Stunden wiederbelebt.

Dmitrij Panov kam in Russland zur Welt, auf der Insel Sachalin, oberhalb Japans. Er hatte sich im Bauch seiner Mutter so gedreht, dass sich die Nabelschnur um seinen Hals gewickelt hat. Er musste per Kaiserschnitt geholt werden. Als die Narkose bei Dmitrijs Mutter nicht wirkte, erhöhten die Ärzte die Dosis. Das Baby im Bauch bekam auch etwas ab. Dann kam er auf die Welt, halb erwürgt, halb betäubt.

Dmitrijs Vater verliess die Familie, als er noch klein war. Seine Mutter arbeitete als Kindergärtnerin, später als Putzfrau. Dann, als er sechs Jahre alt war, zog Dmitrij mit seiner Mutter und Grossmutter nach Deutschland.

Sie sind damals für ihn nach Deutschland gegangen, vor allem wegen der Schule, Dmitrij sollte es besser haben als seine Eltern. «Meine Mutter wusste, dass es hier keine Chance für sie gab.» Dmitrijs Mutter wohnt allein, spricht kaum Deutsch, hat kaum Kontakt zu anderen Menschen.

Und jetzt sitzt er hier, mit einem Tumor im Kopf. «Es ist schon ein bisschen tragisch.»

Dmitrij liebt Filme und Spiele. Mit seinem Blog macht er sich zum Helden seiner eigenen Geschichte. Zu jemandem mit einem Auftrag. «Ich merke, wie ich manchen Menschen durch meinen Blog etwas gebe. Etwas, das ihnen hilft, mit dem Tod besser umzugehen», sagt er.

Sterben fällt leichter, wenn man ein Held ist. Wenn man einen Auftrag hat.

Das Ende von Dmitrijs Geschichte ist schon klar. Und bis dahin gibt es noch einige weltliche Dinge zu erledigen. Zum Beispiel ein Testament schreiben, irgendwer muss die ganzen Filme doch erben. Oder den letzten Blogeintrag schreiben, für den Tag, nachdem er gestorben sein wird. Den wird seine Mitbewohnerin auf die Seite stellen, wenn es soweit ist. Er wird nicht besonders lang werden. Bis dahin ist ja hoffentlich das meiste auch schon gesagt.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • JThie 01.10.2016 00:24
    Highlight Habe seinen Blog komplett durchgelesen. Er hat sich vorgenommen alle 4 Tage an seinem Blog zu schreiben. Seit dem 11. September kam aber nichts mehr.
    Nun eine Frage an watson: Wisst ihr etwas?
    0 0 Melden
    • WStern 01.10.2016 08:24
      Highlight Leider nein, allerdings gibt es einen Facebook-Eintrag vom 15. September.
      1 0 Melden
    • JThie 01.10.2016 14:22
      Highlight Danke. Bitte sagt Bescheid wenn ihr was erfährt.
      0 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 06.09.2016 16:53
    Highlight Ich empfinde Schlingensief in seinem Buch nicht als Dramatiker, eher als Entdecker seiner selbst: er, von sich selbst erkannter Zyniker anerkennt auch seine Religiosität, das Schweigen und den Tod seines Vaters. Bei Dimi erstaunt mich sein Rückzug ins Alleinsein in Filme und Blog, das ausgrenzen seines Selbstmitleids, das verniedlichen seiner Schmerzen. Wer, ausser seiner Mutter und Fremde, geben Dimi Antwort? Ich wünsche Ihnen, mutiger Dimi, viel, viel Kraft, mögen die letzten Tage und Momente erträglich sein und ein stetes Licht Sie begleiten.
    15 0 Melden
  • James McNew 06.09.2016 15:45
    Highlight Ob schon berühmt oder nicht: Herrndorf-Blog ist grossartig. Schonunglos ehrlich, humorvoll und bewegend, absoluter Tipp. Dieses hier muss ich erstmal lesen.
    14 0 Melden
  • John M 06.09.2016 15:11
    Highlight Sonniges Gemüt hat der Dimitrij. Wünsche ihm alles gute auf seinen restlichen weg. Werde mir seinen Blog auf jeden Fall ansehen
    25 2 Melden
  • glüngi 06.09.2016 14:42
    Highlight sehr guter beitrag, werde mir den blog ansehen.
    23 1 Melden
  • Tommy Holiday 06.09.2016 14:37
    Highlight Echt krass... und wieder einmal wird mir bewusst wie unbedeutend meine Sorgen sind und wie viel Glück ich habe gesund zu sein.
    69 1 Melden
  • Vernon Roche 06.09.2016 14:30
    Highlight 'Die meisten Götter würfeln, aber das Schicksal spielt Schach, und zwar mit zwei Damen.' T. Pratchett

    Alles Gute auf dem Weg.
    36 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 06.09.2016 14:04
    Highlight "um als künstler was zu taugen, darf man nicht komplett am arsch sein, aber blickkontakt zum abgrund muss schon da sein"
    27 1 Melden

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