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Students stand in front of the Chinese national flag as they prepare to take part in a military drill at the Qide Education Center in Beijing June 11, 2014. The Qide Education Center is a military-style boot camp which offers treatment for internet addiction. As growing numbers of young people in China immerse themselves in the cyber world, spending hours playing games online, worried parents are increasingly turning to boot camps to crush addiction. Military-style boot camps, designed to wean young people off their addiction to the internet, number as many as 250 in China alone. Picture taken June 11, 2014.  REUTERS/Kim Kyung-Hoon (CHINA - Tags: SOCIETY)

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Fahnenappell: Chinesische Jugendliche im Erziehungslager Qide in Peking treten in Militärkleidung an. Bild: Reuters

Erziehungslager

Liegestütze statt Netzsperre, Küchendienst statt PC-Verbot: Chinesische Jugendliche werden wegen Internetsucht ins Bootcamp gesteckt

In China bieten Hunderte sogenannter Erziehungszentren Eltern an, deren Kindern das Websurfen auszutreiben – mit Methoden, die an militärische Ausbildungslager erinnern.

02.07.14, 08:30

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Chinesischen Jugendlichen, die in den Augen von Eltern und Obrigkeit zu viel Zeit im Internet verbringen, drohen drastische Massnahmen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sind in dem asiatischen Land in den letzten Jahren rund 250 sogenannte «Erziehungszentren» entstanden. Mit militärischem Drill und psychologischer Betreuung wollen die Einrichtungen den Zöglingen «die Fähigkeit ein normales Leben zu leben» vermitteln.

Als typisch wird der Fall eines Teenagers genannt, der nur seinen chinesischen Nachnamen, Wang, nennen wollte. Seinen Eltern hätten ihm nicht erlaubt, draussen zu spielen, berichtet der junge Mann. Stattdessen habe er immer zu Hause bleiben und lernen sollen.

Diagnose Internetsucht: Jugendliche, die von Psychologen als süchtig eingestuft werden, weil sie angeblich zu viel Zeit im Netz verbringen, können von ihren Eltern in Erziehungslager eingewiesen werden. Bild: Reuters

Dann schildert er, was der Albtraum der behütenden Eltern gewesen sein dürfte: Statt zu tun wie ihm geheissen, verbrachte er immer mehr Zeit im Netz, will einmal an einem Stück drei Tage ohne Unterbrechung sein liebstes Onlinespiel gespielt haben. Resultat dieses Verhaltens seien nicht nur immer schlechtere Schulnoten, sondern auch ein Realitätsverlust gewesen. Statt aus Erfolgen im echten Leben, habe Wang schliesslich mehr Befriedigung daraus gezogen, ein Level weiterzukommen.

Abholung: Haben die Eltern ihr Kind für eine der rund 250 Anstalten in China angemeldet, wird es von Mitarbeitern abgeholt und in sein zeitweiliges neues Heim gebracht. Bild: Reuters

Diagnose «Internet-Suchtstörung»

Reuters zitiert den Psychologen Tao Ran mit der Erklärung, Jugendliche wie Wang seien anfällig für Angstzustände und einen Verlust des Selbstvertrauens, weil sie «die Erwartung ihrer Eltern nicht erfüllen können, jede Herausforderung perfekt zu meistern». Bei Wang sei eine entsprechende «Internet-Suchtstörung» diagnostiziert worden, woraufhin ihn seine Eltern in das Erziehungslager Qide in Peking einweisen liessen.

Xing Liming, ein leitender Mitarbeiter des Lagers, sagte der Nachrichtenagentur: «Erziehung und das Leben in einer militärischen Umgebung sorgen für Disziplin.» Zudem würde das militärische Training bei den Insassen helfen, «die körperliche Stärke zu verbessern und gute Lebensgewohnheiten zu entwickeln». Was er mit Letzterem meint, wird nicht erklärt.

Rock'n Roll: Die von ihren Eltern eingewiesenen Jugendlichen können sich musikalisch betätigen. Erlaubt ist offenbar, was vom Internet ablenkt. Bild: Reuters

Training wie im Bootcamp

Den weiteren Schilderungen und Fotos aus dem Lager zufolge, müssen die jugendlichen Insassen des Erziehungslagers einiges aushalten. Militärischer Drill mit Strammstehen und Marschierübungen wechselt sich mit häuslichen Pflichten wie der Reinigung der Waschräume oder Arbeit in der Küche ab. Eine Kombination, die an die amerikanischen Bootcamps erinnert, in denen verurteilte jugendliche Straftäter ähnliche Massnahmen über sich ergehen lassen können, um ihre Haftzeit zu verkürzen. Im Fall der chinesischen Erziehungslager kommt noch psychologische Betreuung dazu.

Unter Medizinern ist es allerdings seit Jahren umstritten, ob eine Krankheit, die man Internetsucht nennen könnte, überhaupt existiert. Ist jemand, der stundenlang Onlinespiele nutzt, nun süchtig nach dem Internet oder nach Computerspielen? Ist jemand onlinesüchtig, wenn er zu lange mit seinen Freunden bei Facebook kommuniziert? Strittig ist auch, ob man bestimmte Verhaltensweisen ohne Bezug zu einer Substanz überhaupt als Sucht definieren sollte.

Gruppenstrafe: Als Massnahme wegen Fehlverhaltens müssen diese Jugendlichen Liegenstütze machen. Bild: Reuters

Lässt man die Frage einer suchtauslösenden Substanz ausser Acht, müsste man möglicherweise noch viel mehr Menschen als suchtgefährdet oder süchtig einstufen. Schliesslich sitzen viele Zuschauer oft länger als beabsichtigt vor dem Fernseher, verzichten dafür auf Schlaf oder gar darauf, sich mit Freunden zu treffen. Verhaltensweisen, die nach Ansicht der chinesischen Psychologen typisch für Internetsüchtige sind.

Klagen von enttäuschten Eltern

Den Jugendlichen in den chinesischen Erziehungslagern können solche Fragen freilich schnuppe sein. Sie müssen in der Regel sechs Monate durchhalten, bevor sie wieder ins normale Leben entlassen werden. Manche, wie der 23 Jahre alte He, verlassen die Anstalt offenbar tatsächlich geläutert, geben als Berufswunsch Bodenständiges wie Bäcker an, statt weiter Spieleprogrammierer werden zu wollen.

Gemüse putzen: Auch die Arbeit als Küchenhilfe gehört zum Erziehungsprogramm der chinesischen Bootcamps. Bild: Reuters

Doch nicht immer scheint die militärische Ausbildung die gewünschten Ergebnisse zu zeigen. Zumindest berichtet Reuters von einem Fall, in dem eine Jugendliche nach der vorgeblichen Umerziehung noch mehr Zeit als zuvor online verbrachte. Nun klagen ihre Eltern gegen das Erziehungszentrum, in das sie ihre Tochter gesteckt hatten. (mak/Reuters)

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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