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qabel, verschlüsselung

Szene aus einem Werbevideo für Qabel: Nutzer sollen sicher kommunizieren und Dateien speichern können. Screenshot: YouTube/Qabel

Crowdfunding für Sicherheit

Mit Qabel soll die Verschlüsselung Ihrer privaten Daten alltagstauglich gemacht werden

Alles verschlüsseln, immer: Eine Software-Firma aus Hannover will sichere Kommunikation anwenderfreundlicher machen. Ihr Open-Source-Programm Qabel soll Geheimdiensten das Ausspähen schwer machen. Nun bitten die Entwickler um Hilfe.

12.06.14, 17:25

Hilmar Schmundt

Ein Artikel von

Ein Extraprogramm für verschlüsselte E-Mails, ein Extraprogramm zum Chatten: Verschlüsselung gilt auch im Jahr eins nach Snowden noch immer als Nischenhobby für Verschwörungstheoretiker. Verschlüsseln nervt. Und meist hat der Empfänger weder die Software noch das Know-how, um eine verschlüsselte Botschaft wieder zu entschlüsseln. Daher lassen es viele Nutzer gleich ganz bleiben.

Qabel soll das ändern. Die Software befindet sich derzeit im Alphastadium, entwickelt von der rund 20-köpfigen Sicherheitsfirma Praemandatum mit Sitz im Zentrum von Hannover. Einmal auf dem Rechner installiert, soll Qabel unauffällig im Hintergrund werkeln und nach Möglichkeit alle Daten, die das Gerät verlassen, verschlüsseln. 40'000 Euro wollen die Macher nun per Crowdfunding für die Entwicklung einwerben.

Mit dem Programm soll Verschlüsselung nicht länger ein Sahnehäubchen für ganz besondere Nachrichten bleiben, sondern zum Standard werden. Und das, ohne den Alltag zu blockieren. Peter Leppelt, Geschäftsführer von Praemandatum, sagt: «Falls Qabel eine E-Mail nicht verschlüsseln kann, poppt ein Fenster auf und fragt, ob stattdessen mit dem Standard PGP verschlüsselt werden soll.» Und wenn auch das nicht geht, verschickt es die E-Mail eben doch unverschlüsselt. Das klingt wie ein alltagstauglicher Kompromiss.

Das Konzept Qabel

Video: YouTube/Quabel

Politische Software

Qabel ist auch eine programmgewordene Anklage gegen das oft übliche Krypto-Theater: das Suggerieren von Abhörsicherheit, die aber ein leeres Versprechen bleibt. Die angeblich sichere De-Mail zum Beispiel verschlüsselt Nachrichten zwar auf dem Transportweg vom Rechner zum Rechenzentrum. Dort jedoch werden die Nachrichten entschlüsselt, angeblich, um sie auf Schadsoftware zu untersuchen. In dem Moment hat mindestens der Provider Zugriff auf die Inhalte. Dann werden sie erneut verschlüsselt, um zum Empfänger weitergeleitet zu werden. Kritiker bezeichnen De-Mail daher auch als «De-Fail» oder «De-Bakel».

Verqabelte Geräte setzen nicht auf derlei kippelige Transport-Verschlüsselung, sondern auf solide Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Die Daten werden auf dem Endgerät des Nutzers in digitale Umschläge verpackt, die selbst der Provider nicht ohne weiteres öffnen kann. Erst der Empfänger entschlüsselt die Nachricht, den Kalendereintrag oder das Word-Dokument wieder. Die Macher gehen dabei grundsätzlich davon aus, dass jeder Provider ein Einfallstor für Hacker und Spione ist.

Wie jeder andere Provider in Deutschland muss auch Qabel eine Abhörschnittstelle einbauen, damit Strafverfolger Daten abgreifen können. Das schreibt der Paragraf 110 des Telekommunikationsgesetzes vor.

Smartphone mit Qabel: Die Technik soll von Programmierern an verschiedene Plattformen angepasst werden - nur das iPhone muss draußen bleiben, weil Apple das Betriebssystem zu sehr im Griff hat. Screenshot: YouTube/Qabel

Abhörschnittstelle für alle

«Allerdings kommen die Daten der User als unlesbare Bithaufen aus der Abhörschnittstelle und sind somit absolut unbrauchbar», schreiben die Macher. Um das zu beweisen, wird die Schnittstelle, die eigentlich nur Ermittlern vorbehalten ist, jedem frei im Netz angeboten: «Gleiches Recht für alle.» Eine weitere Folge: Wenn ein Provider nicht weiss, welche Datenpakete er transportiert, kann er auch nicht entscheiden, zum Beispiel Videos einer bestimmten Firma besonders schnell weiterzuleiten: «Alle Qabel-basierten Dienste sind inhärent netzneutral», sagt Leppelt.

Viele Anbieter von angeblich verschlüsselten Systemen lassen sich nicht in den Programmcode sehen – die Nutzer müssen ihnen einfach blind vertrauen. Im Gegensatz dazu setzt Qabel auf radikale Offenheit: Die Software ist Open Source, jeder kann den Quellcode auf Fehler und Hintertüren untersuchen. Weil das noch lange keine Garantie dafür ist, dass auch jeder Fehler gefunden wird, soll ein Teil des Crowdfunding-Geldes für ein professionelles, unabhängiges «Code-Auditing» verwendet werden, einen zusätzlichen Sicherheits-Check.

Sichere Verschlüsselung: Spione und Hacker sollen nicht an die Daten kommen, auch wenn diese über das Internet übertragen werden oder in Cloud-Speichern liegen. Screenshot: YouTube/Qabel

Noch ist Qabel lediglich ein Konzept: Die Anpassung an Endgeräte, die Schnittstellen zu Kalendern, E-Mail-Programmen, Browsern müsste von Freiwilligen und von Firmen vorgenommen werden. Die Software soll plattformübergreifend auf MacOS, Linux, Android und Windows laufen. Dass Qabel auf einem herkömmlichen iPhone laufen wird, schliesst Leppelt jedoch schon heute aus: Die iOS-Software sei zu sehr unter der Kontrolle von Apple, warnt er.

Doch mit dem iPhone schliesst er natürlich gleich einen beträchtlichen Teil innovationsfreudiger Nutzer und Entwickler aus. Dieser Purismus macht Qabel glaubwürdig – und könnte ihm gleichzeitig das Genick brechen.

«Vertrauen Sie uns nicht!»

In jedem Fall ist Qabel schon jetzt einer der fundierteren Beiträge zur Snowden-Debatte: Die 110'000 Zeilen Code lassen sich auch als ein politisches Manifest lesen. Ein Aufruf gegen Hilflosigkeit und Lethargie, ein Plädoyer für Checks und Balances, für Institutionen, die sich unabhängig voneinander kontrollieren, passend zum Firmenmotto «Vertrauen Sie uns nicht!» Für zukünftige Software-Entwickler könnte Qabel einmal so kanonisch werden wie die «Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace» von 1996.

Die Qabel-Kampagne beruft sich dabei auf Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA: «Wer wesentliche Freiheit aufgeben kann, um eine geringfügige bloss jeweilige Sicherheit zu bewirken, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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