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Münchens Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.  Bild: EPA/DPA

«Viele empfinden Freude, wenn sie Angst verbreiten»

Facebook? Twitter? Kann nicht jeder, sagt Münchens Polizeisprecher. Er war in der Amok-Nacht im Juli über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden. Nun spricht er über das verantwortungslose Verbreiten von Gerüchten.

29.10.16, 22:51 30.10.16, 09:26

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Unaufgeregt und selbstsicher, selbst in Stunden der Angst – seine Besonnenheit in der Nacht des Amoklaufs von München brachte Marcus da Gloria Martins viel Lob ein. Die gleiche Souveränität würde sich der Münchner Polizeisprecher von Social-Media-Nutzern wünschen.

«Ich bin überzeugt, dass der überwiegende Teil derer, die heute soziale Medien benutzen, und damit meine ich auch Messaging-Dienste, für dieses Medium noch nicht bereit ist», sagte da Gloria Martins in einem Interview mit dem «Tagesspiegel».

Pressekonferenz am 23. Juli, nach der Bluttat von München. Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Zwar hätten die Informationen, die während und nach dem Amoklauf in den sozialen Medien geteilt wurden, der Polizei genutzt. Allerdings könnte das Verbreiten gerade von Fotos und Videos dazu führen, dass Verunsicherung um sich greift. So habe die Nutzung sozialer Medien in der Nacht des Amoklaufs laut da Gloria Martins dazu beigetragen, dass «die Gerüchte so komplett ausser Rand und Band geraten sind.»

Eine weitere Ursache für die Verunsicherung sei der Umgang klassischer Medien mit der Nachrichtenlage gewesen. «Sie haben versucht, den Spekulationsgrad einer Nachricht in wohlfeile Worte zu packen.» Das verstehe aber der Nutzer in einer Krisensituation nicht mehr. Er überlese Wörter wie «Könnte», «Hätte», «Eventuell». «Und dann wird aus: 'Meldungen berichten von Schüssen am Stachus' im Verständnis 'Schüsse am Stachus'.»

Nutzer sollten sich laut dem Münchner Polizeisprecher stets im Klaren darüber sein, dass sie mit einer unglücklich formulierten Nachricht das erste Glied in einer «grossen Fehlinformations- und Irritationskette» sein können.

(asa)

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