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Ob hetero- oder homosexuell: Soziale Netzwerke verraten noch mehr über uns, als wir bisher glaubten. Bild: KEYSTONE

Shadow Profile

Facebook und Co. kennen Ihre sexuelle Gesinnung – auch wenn Sie keinen Account haben

Soziale Netzwerke verraten mehr über einen, als man denkt. Besonders überraschen dürfte das jene, die nicht mal Mitglied sind. Eine aktuelle Studie der ETH deckt Überraschendes auf.

26.09.14, 19:33 30.09.14, 11:27
Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Redaktor

Dass Facebook vorhersagen kann, wann man sich verliebt, ist bereits ein Knüller. Dafür werden verschiedene Daten, wie die Anzahl geschriebener Beiträge, ausgewertet, um eine Prognose zu erstellen. Die ETH Zürich geht noch einen Schritt weiter.

Laut einer aktuellen Studie, basierend auf User-Daten des ehemaligen Sozialen Netzwerks Friendster (heute eine Game-Seite), kann anhand sogenannter Shadow Profile die sexuelle Gesinnung eines Users bestimmt werden. Shadow Profile bestehen aus einer Sammlung aus Daten wie Telefonnummern oder Geschlecht, die aus den Interaktionen mit anderen Usern hergeleitet werden. Der Studie zufolge seien Facebooks Shadow Profile bloss die Spitze des Eisbergs, wenn es darum geht, was Soziale Netzwerke über uns verraten können.

Die roten Linien verbinden jeweils zwei Benutzer mit der gleichen sexuellen Gesinnung. Insgesamt wurden sechs Gesinnungen untersucht: Hetero-, Homo-, und Bisexuell. Jeweils für beide Geschlechter. Bild: ETH

Zur Studie

Die Studie basiert auf Daten des ehemaligen Sozialen Netzwerks Friendster. Aus den ersten 20 Millionen US-Mitgliedern konnten Informationen von 6 Millionen extrahiert werden. Rund 3,4 Millionen User führten ihre Kontakte, ihr Alter und Geschlecht auf. Daraus resultierten rund 11 Millionen indirekte Freundschaften zwischen den Benutzern.

Das Aussergewöhnliche an der ETH-Studie ist jedoch, dass auch Shadow Profile für Personen erstellt werden können, die nicht bei Facebook und Co. angemeldet sind. Darin lag das Hauptaugenmerk der Arbeit, erklärt Emre Sarigöl, einer der drei Initianten. «Wenn ein User seine Kontaktliste mit einem Online-Netzwerk teilt, kann der Internet-Provider überprüfen, welche Adresse einem Account zugeordnet werden kann und welche nicht.» Auf diese Nicht-User können dann die gleichen Data-Mining-Techniken angewendet werden, um den Wohnort, das Alter, das Geschlecht etc. zu bestimmen, schreiben die Forscher. Mit dem Ergebnis, dass auch von Offline-Usern die sexuelle Ausrichtung determiniert werden konnte.

Online-Verbindungen können auch die Wand zu Nicht-Usern durchbrechen. Bild: eth

Der Auslöser war ein Facebook-Bug

Die Idee zur Arbeit entstand vor rund einem Jahr, als es ein Facebook-Bug ermöglichte, Daten von Nicht-Facebook-Usern auszulesen. Diesem Phänomen wollte man auf den Grund gehen.

Die Essenz der Studie lautet: Je mehr Menschen sich Sozialen Netzwerken anschliessen, desto mehr Informationen werden auch über Aussenstehende verraten. Das gleiche Prinzip lasse sich allerdings nicht so einfach auf aktive Netzwerke wie Facebook und Co. anwenden, meint Sarigöl. «Es wäre wesentlich komplizierter. Da die Daten nicht öffentlich zugänglich sind, müsste man Daten-Sammler-Tools einsetzen. Aber ich bin sicher, wir würden wesentlich bessere Resultate erzielen, da Facebook viel aktiver genutzt wird.»

Die ETH-Studie zeigt eindrücklich, welche Informationsmacht Soziale Netzwerke besitzen. In dem sich immer mehr Menschen Facebook und Co. anschliessen, steigt auch das Interesse der Privatwirtschaft an unseren Nutzerdaten weiter an. Die Diskussion um was ist noch Privat und was nicht wird uns noch lange beschäftigen.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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