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Von aussen lässt sich so gut wie nicht erkennen, wo Facebook sitzt. An den Fassaden findet sich kein Logo – man ist nicht unbedingt auf Besucher eingestellt.
bild: spiegel online

Zu Besuch in der Europazentrale von Facebook – bei den Leuten, die gegen den ganzen Hass und Dreck ankämpfen sollen

Warum gelingt es Facebook so schlecht, Hetze zu löschen? Der Konzern will aufklären, bittet Journalisten in seine Zentrale nach Dublin. Die Begegnung mit dem Team, das sich um Hass-Posts kümmert, überrascht.

26.10.15, 19:14 27.10.15, 08:24

Fabian Reinbold, dublin



Ein Artikel von

Soll noch einer sagen, Facebook gehe nicht rigoros gegen Schmutz vor. In der Europazentrale des Konzerns stehen auf fast jedem Tisch Desinfektionsflüssigkeit und Kleenex-Box bereit. Neben den Waschbecken stapeln sich Einwegzahnbürsten, der Handtrockner daneben ist laut Eigenwerbung der «schnellste und hygienischste» überhaupt.

Um Dreck geht es auch bei diesem Besuch, aber um anderen. Facebook hat eingeladen in die Zentrale nach Dublin.

Auf Gäste ist man dort eigentlich gar nicht eingestellt. Am Glasquader in Hafennähe prangt kein Logo, keine Spur von Facebook-Blau. Journalisten kommen nur selten hinein. Doch nun steht der Konzern in Europa wegen seines Umgangs mit Hetze in der Kritik. Man hat ein paar Reporter eingeladen, um zu erklären, was man gegen den Hass tut.

Facebook ist in diesem Jahr der Flüchtlingskrise zur Arena geworden für Streit und Polemik. Der Umgang mit Ausländerhass und Hetze gegen Flüchtlinge hat das Image der Firma in Deutschland beschädigt, die Politik und nun selbst die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.

Der Vorwurf an Facebook: Ein Grossteil der Hetze, den Nutzer melden, bleibe stehen, mit dem automatisierten Hinweis, sie verstosse nicht gegen Facebooks Richtlinien.

Eine kleine Erkläroffensive sollte gestartet werden. Hier reden Julie de Baillencourt, Safety and Policy Manager für Europa (links), und Pressesprecherin Tina Kulow. Neue Informationen über den Umgang mit Hassrede lieferten sie allerdings nicht.
bild: spiegel online

«Toll, ihr habt Bagels, ihr seid also echt wichtige Gäste»

In Deutschland hat Facebook 30 Millionen Nutzer, aber niemanden zum Überprüfen der Beiträge. Das passiert vor allem in Dublin (aber auch in Kalifornien, Austin und im indischen Hyderabad). Es heisst stets, dass jeder deutsche Beitrag, der gemeldet wird, von einem Muttersprachler überprüft wird. Über Abläufe, Details, Zahlen verriet Facebook bislang nichts.

Also sitzen jetzt ein paar Reporter aus Germany in der Zentrale. Es gibt Bagels mit Lachs.

1100 Mitarbeiter sind es in Dublin, ihr Chef heisst Gareth Lambe. Er ist schon morgens gut gelaunt und trägt als Einziger Lederschuhe statt Sneakers. «Toll, ihr habt Bagels, ihr seid also echt wichtige Gäste», sagt er. Und verspricht: «Ihr bekommt später eine Tour durchs Gebäude, und das ist richtig cool.»

Chef der 1100 Facebook-Mitarbeiter in Dublin ist Gareth Lambe. Die meisten Angestellten arbeiten im sogenannten «Community Operations Team», das sich auch um gemeldete Inhalte kümmert.
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Die meisten seiner Angestellten würden in der Abteilung «Community Operations» arbeiten, also der Abteilung, die Hass-Postings und andere gemeldete Inhalte begutachtet. Wie viele es sind? «Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht.» Und das Problem mit der Hetze? Da sei er kein Experte, sagt der Facebook-Chef. «Aber ihr werdet die kommenden Gespräche sehr aufschlussreich finden.»

Es folgt Siobhan Cummiskey, Policy Manager EMEA, also die Verantwortliche für Regeln in Europa und dem Nahen Osten. Sie beginnt mit dem Satz: «Ich weiss, dass dies in Deutschland ein sehr emotionales Thema ist.» Das Ziel sei es, die Verbreitung von Hass zu stoppen. Man könne auch Hassbeiträge löschen, wichtiger sei allerdings, mit counter speech entgegenzuhalten.

«Ehrlich gesagt, ich habe die Zahl heute nicht vorliegen»

Warum werden Beiträge, die in Deutschland als Volksverhetzung gelten, dann so oft stehen gelassen? «Wir sind keine Experten für deutsches Recht.» Wie viele Meldungen gibt es denn? «Wir haben keine Methode, das zu erfassen.» Und wie viele Leute begutachten Meldungen aus Deutschland? Das, sagt Cummiskey, sei eine interessante Frage. Julie werde gleich darüber reden.

Julie de Baillencourt, Safety and Policy Manager für Europa, war selbst mal in der Löschbrigade aktiv, jetzt managt sie. Es gebe keinen Bearbeitungsstau, denn man habe genug Leute. Wie viele? Hunderte Mitarbeiter. Es ist die Standardantwort seit Beginn der Hate-Speech-Diskussion. Also kleine Nachfrage. «Ehrlich gesagt, ich habe die Zahl heute nicht vorliegen.» Und wie viele Deutsche schauen sich die Posts an? «Ehrlich gesagt», sagt die Teamleiterin, «ich weiss nicht, wie viele Deutsche im Team sind».

De Baillencourt hat aber noch einen Trumpf in der Tasche. Ein deutscher Mitarbeiter des Teams, in Fleisch und Blut. Ein Mann von der Front, Angehöriger der Facebook-Feuerwehr. Einer, der sich also tagtäglich mit ausländer- und menschenfeindlichem Schmutz herumschlägt.

In den meisten Räumen stand Desinfektionslotion herum. Auf der Toilette gab es haufenweise Einwegzahnbürsten sowie Mundwasser.
bild: spiegel online

Der Name bleibt geheim, alles andere eigentlich auch

Der Mann trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit der Aufschrift «Community Operations». Sein Name, sein Aussehen, seine Heimatstadt müssen geheim bleiben. Sicherheitsgründe, heisst es. Vielleicht auch, denkt man kurz, damit er freier sprechen kann.

Er sagt: Der Sommer 2014 (Weltmeistersommer) war entspannt in Sachen Hass, der Sommer 2015 (Flüchtlingskrise) war komplett anders. Er sagt: «Es macht keinen Unterschied, ob ein Beitrag einmal gemeldet wird oder zweihundert Mal.» Er sagt: «Wir versuchen, harm zu vermeiden und sind sehr safety-focused

Er macht das schon seit sechs Jahren, was könnte er alles erzählen! Doch mehr sagt er dann nicht. Sobald es um Abläufe geht, Details oder nur die Frage, ob er neben sich andere Deutsche sitzen hat, die er im Zweifelsfall mal fragen kann, verstummt der Mann ohne Namen.

Dann schreitet die Pressesprecherin ein. De Baillencourt müsse erst noch ein paar Folien ihrer Präsentation abarbeiten. Dann spricht sie länger über die sicherlich auch sehr interessanten Themenkomplexe Kindersicherheit, Suizid, den compassion research day und über Fotos von Frauen, die in der U-Bahn essen.

Sie haben andere Sorgen in Dublin

Sie haben einfach andere Sorgen, hier in Dublin. 1,4 Milliarden Nutzer, 350 Millionen Fotos, die Tag für Tag hochgeladen werden. Das Team kümmert sich auch um Rachepornos, Mobbing, Gewaltdarstellungen von Prügelei bis zu Köpfungsvideos von Terrorgruppen.

Nur die Deutschen kommen immer an mit der Diskussion um Hass. Dabei gibt es doch andere Themen. Weitere Redner erklären, dass es in Sachen Datenschutz und bei den Geschäften mit kleinen und mittelständischen Unternehmen richtig gut für Facebook läuft.

Und so erhält man auch in Dublin keine Indizien für Facebooks Behauptung, dass der Umgang mit Hetze gut funktioniere. Rechnet man die gefallenen und ausgebliebenen Äusserungen zusammen, kommt man zu diesem Ergebnis: Facebook dürfte nichts ändern an seiner Politik, die in Deutschland Teile der Nutzer und der Öffentlichkeit so frustriert. Egal was Mark Zuckerberg der Kanzlerin gesagt hat.

Die Stoppschilder begegneten einem des Öfteren auf den Fluren. Gäste erhalten keinen Zutritt zu den Büros dahinter.
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Zum Schluss absolvieren die Besucher die vom Facebook-Chef als «ziemlich cool» angekündigte Tour durchs Haus. Es ist bunt, aber nicht zu sehr. Ein bisschen Start-up, aber mehr Konzernzentrale, sehr funktional. Halbjunge Menschen sitzen an Rechnern, hier und da stehen Gratismüslispender, Schokoriegel liegen aus, die Tischtennisplatte ist facebookblau. Wo es interessant werden könnte, steht eine Super-Mario-Figur oder ein David Hasselhoff aus Pappe mit einem Stoppschild: No visitors beyond this point.

Dahinter könnte, irgendwo, jenes Team sitzen, wie gross auch immer, das sich ansieht, was die Nutzer melden. Möglicherweise durchforsten dort gerade auch ein paar Deutsche die vielen Nazisprüche, Drohungen und Hasskommentare, die täglich gemeldet werden. Aber genau wird man es nicht mehr erfahren.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Oberon 26.10.2015 22:21
    Highlight Die machen so viel kohle aber bekommen eine länderspezifische Überprüfung nicht hin. Da sieht man mal das Moral in der heutigen Zeit nicht mehr zählt.
    8 2 Melden
  • Gsnosn. 26.10.2015 19:56
    Highlight Sexuelle Darstellungen sind auch viel einfacher und sicher auch schneller zum Löschen als Hass Beiträge. Bei nackten Brüste ist es in der Regel ein klare Fall und es kann von jeder Person bei FB gelöscht werden, Franzose, Engländer oder Deutscher. Bei Hass Beiträge wird das sicher kompliziert, da braucht es jeweils Sprachkenntnisse und mehr Zeit. Ich denke FB ist einfach überfordert.
    27 1 Melden
    • niklausb 26.10.2015 20:59
      Highlight Wenn dem so ist also wenn Fb überfordert ist dann ist diese verschleierung umso schlimmer. Dann müsste sichergestellt werden das diese überforderung gehandhabt wird bzw. dass das Unternehmen dazu verpflichtet wird diese missstände zu beheben schliesslich ist es ein Geldgenerierendes Unternehmen und nicht irgend etwas das keine Mittel hat um sich lösungen leisten zu können
      13 1 Melden
    • Charlie Brown 27.10.2015 06:26
      Highlight @Gsnosn: Der Unterschied ist aber auch ganz einfach, was fb als "gefährlich" ansieht und sonit wo die Ressourcen eingesetzt werden. Übrigens: Eine nackte Brust ist noch lange keine sexuelle Darstellung.

      Zudem ist die automatisierte Texterkennung mindestens so einfach wie die Bilderkennung. Zumindest bei korrekt verfasster Schriftsprache. Aber daran wird es bei der Zielgruppe wohl oft scheitern...
      3 1 Melden
  • niklausb 26.10.2015 19:43
    Highlight bedenklich wie untransparent ein Unternehmen ist dem sich viele komplett (also abgesehen von nippeln :-P) entblössen bzw. sich zum gläsernen User machen...
    22 4 Melden
    • July 26.10.2015 22:04
      Highlight free the nipple !🤘🏽
      8 2 Melden

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