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In Zukunft wolle man auch bei kleinen Krisen die «Safety Check»-Funktion einsetzen.
screenshot: facebook

Nach dem Anschlag von Istanbul: Das musst du über Facebooks neue Krisenpolitik wissen

«Bist du in Sicherheit?», fragt Facebook seine Nutzer mittlerweile auch nach Terrorattacken. Nach öffentlicher Kritik wird der «Safety Check» überarbeitet – und soll in Zukunft auch bei kleineren Vorfällen automatisch anspringen.

30.06.16, 12:20 30.06.16, 12:36

Fabian Reinbold

Ein Artikel von

Zwei Stunden nach den Eilmeldungen ploppten die ersten Benachrichtigungen auf. Bekannte, die in Istanbul leben, wurden «als in Sicherheit markiert» – solche Mitteilungen im etwas schiefen Facebook-Deutsch bekommen Nutzer nach dem Anschlag von Istanbul auf ihre Smartphones gespielt.

Facebook sogenannter «Safety Check», eigentlich für Naturkatastrophen entworfen, kam auch beim Anschlag auf den Flughafen Atatürk zum Einsatz, wie auch bei anderen Terrorangriffen der vergangenen Monate.

Während sich die Nutzer gerade erst langsam an diese Funktion gewöhnen, ändert der Konzern hinter den Kulissen das Feature gerade grundlegend. Facebook will den «Safety Check» (in der deutschen Version recht ungelenk «Überprüfung des Sicherheitsstatus») in Zukunft deutlich öfter und auch bei vergleichsweise kleinen Krisen wie Bränden einsetzen, selbst bei Hausbränden.

Doch die Entscheidung, wann man die Nutzer damit behelligt, fällt dem Netzwerk nicht leicht – bald soll dabei der Algorithmus helfen.

4,7 Millionen Nutzer markierten sich in Paris «in Sicherheit»

Die Funktion wird erst seit anderthalb Jahren eingesetzt, Premiere war nach einem Taifun auf den Philippinen im Dezember 2014. Seit den Anschlägen von Paris im November 2015 wird die Funktion auch für Terror aktiviert – damals markierten sich 4,7 Millionen Nutzer «in Sicherheit», 370 Millionen Nutzer bekamen die Meldungen zu Gesicht. Viele deutschsprachige Nutzer kamen erstmals mit der Funktion in Kontakt.

Seitdem erntet Facebook auch Kritik für seine Entscheidungen, wann es die Funktion aktiviert und wann nicht. Wenige Tage nach Paris gab es einen Anschlag in Beirut mit 43 Toten. Der «Safety Check» blieb aus. Wenige Tage danach: Bombenanschlag in der nigerianischen Stadt Yola, Sicherheitsfunktion wieder aktiviert.

Das Orlando-Massaker

Im März 2016 wurde die Funktion auch bei den Anschlägen von Brüssel eingesetzt (890'000 Nutzer teilten ihren Facebook-Freunden hier mit, dass sie in Sicherheit sind), beim Attentat in Orlando Anfang Juni erstmals in den USA. Dabei wurden stets alle Nutzer, die Facebook in der Stadt des Vorfalls verortet aufgefordert, auf «in Sicherheit» zu klicken.

Das Vorgehen, das etwa bei mehreren Tatorten wie in Paris sinnvoll war, warf in Orlando neue Fragen auf. Die Tat konzentrierte sich auf einen bestimmten Club für Homosexuelle. Obwohl der Opferkreis also schnell recht eindeutig war, forderte Facebook alle in Orlando verorteten Nutzer zum «Safety Check» auf – also auch viele, bei denen es äusserst unwahrscheinlich war, dass sie die Nacht in einem Schwulenclub verbracht hatten.

Facebook und der Terror

Facebook hat ein Problem, wenn es unfreiwillig mit der Tat verbunden wird. Erst vor zwei Wochen streamte der Polizistenattentäter in Paris seine Morde beim neuen Dienst Facebook Live in Echtzeit. Solchen Dingen will Facebook eben auch mit dem Ausbau der «Safety Check»-Funktion etwas entgegensetzen.

Dass der Prozess verbessert werden muss, hat man selbst gemerkt. «In Zukunft soll nicht mehr Facebook, sondern die Community selbst entscheiden, wann sie ‹Safety Check› einsetzen will», sagt die zuständige Teamleiterin des Netzwerks, Katherine Woo.

In Orlando hatte ihr Team den neuen Ansatz schon einmal geprobt, am Ende aber doch alle Nutzer in der Stadt aufgefordert, sich zu ihrem Status zu erklären, erzählte Woo kürzlich bei einem Berlin-Besuch.

Ein Brand in Zürich – relevant genug für den «Safety Check»?

In Zukunft wolle man bei kleinen Krisen die Funktion einsetzen. Ein Beispiel: In Zürich brennt ein Haus. Wenn viele Nutzer in einem bestimmten Viertel dazu Beiträge verfassen, sollen sie gefragt werden: Ob sie sich als «in Sicherheit markieren» und ob sie von Freunden diese Info bekommen wollen.

So soll die Funktion sich «organisch entwicklen», anstatt dass alle direkt von Facebook aufgefordert werden. Nutzer selbst legten dann fest, was relevant ist und was nicht.

Ob Facebook nun in Istanbul wirklich schon nach dem neuen Modell vorgegangen ist, können die Konzernsprecher in Europa am Mittwoch auf Anfrage noch nicht sagen. Man wisse das erst in ein paar Tagen, heisst es.

Woo, die bei Facebook ein Team namens «Social Good Product» leitet, stellt sich ohnehin vor, dass künftig der Algorithmus diese Übergabe übernimmt. Anhand vermehrter Statusmeldungen der Nutzer sollen Programme erkennen, dass etwas passiert und Nutzern automatisch die Sicherheitsfrage stellen.

Mitarbeiter, die momentan noch nach Nachrichtenlage manuell die Funktion aktivieren, müssten dann nur noch aktiv werden, wenn sich der Algorithmus irrt – also etwa hinter vermehrten Beiträgen zu einem vermeintlichen Brand nur ein Feuerwerk steckt und ein Sicherheitscheck die Nutzer nur irritieren würde.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 30.06.2016 13:43
    Highlight Was für eine kranke Angstmacherei
    5 0 Melden

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