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So lassen sich Hassbeiträge auf Facebook bekämpfen

Auf Facebook ist das Alltag: Hetze gegen Flüchtlinge, Falschinformationen, Aufrufe zu Gewalt. Das Netzwerk löscht nur wenige solcher Beiträge. Was also tun gegen Online-Hass? Drei Experten geben Ratschläge.

Markus Böhm



Ein Artikel von

Spiegel Online

Facebook-Nutzer hetzen gegen Flüchtlinge? Bis zu einem bestimmten, nicht genau definierten Punkt hat das Netzwerk damit offensichtlich kein Problem. Facebook hat eine sehr eigene – in Deutschland umstrittene und ungewöhnliche – Haltung zum Thema Hasskommentare. Schon seit Wochen wird Facebook für seine Löschpolitik kritisiert, etwa von Justizminister Heiko Maas. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich per Zeitungsinterview in die Diskussion eingeschaltet.

Immer wieder berichten Nutzer und Medien von Postings wie dem hier gezeigten, die menschenverachtend daherkommen, aber laut Facebook nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien des Netzwerks verstossen.

Image

Hass-Posting auf Facebook: Trotz Beschwerden von Nutzern nicht gelöscht.
Screenshot Facebook

Heisst das für Nutzer, die auf rassistische Beiträge stossen, dass sie eigentlich nur resignieren können? Natürlich nicht – aber von allein wandelt sich Facebook nicht. Wir haben drei Experten gefragt, was sie Nutzern empfehlen, die auf rassistische, menschenfeindliche Postings treffen – ob nun von Fremden oder von Menschen, die sie kennen.

Johannes Baldauf, Leiter des Projekts No-Nazi.net: «Bleibt Rassistisches unwidersprochen, hat das Signalwirkung»

Egal, wie ernüchternd Facebooks jüngste Erklärungen daherkamen: Wer auf rassistische Beiträge stösst, sollte diese weiter über das entsprechende Dialogfenster melden – egal, wie gering die Chancen auf eine Löschung im Moment erscheinen.

Die grossen Netzwerke gehen reaktiv, nicht proaktiv vor – was ihnen nicht gemeldet wird, nehmen sie nicht wahr. Das Melden ist schon allein deshalb wichtig, damit mehr Fälle bekannt werden, anhand derer man Facebook erklären kann, was das Problem mit seiner bisherigen Löschpraxis ist.

Einzig aufs Melden sollte man sich aber nicht beschränken: Die Zivilgesellschaft muss auch online stattfinden. Bei Facebook kommt kein Sheriff und räumt auf. Will ich, dass das Netzwerk ein sicherer Ort ist, an dem ich mich wohlfühle, muss ich etwas dafür tun – etwa Menschen darauf hinweisen, dass das, was sie posten, rassistisch und nicht erwünscht ist. Oder dass ihre Quelle unseriös ist.

Bleiben rassistische Dinge unwidersprochen, hat das die Signalwirkung, dass man solche Dinge wohl posten kann, sie bleiben ja widerstandslos online. Die problematischen Beiträge finden sich meiner Erfahrung nach gar nicht so sehr auf Nazi-Seiten, sondern etwa unter den Postings von Nachrichtenseiten. In die dortigen Diskussionen sollte man sich daher aktiv einmischen – und wenn man das tut, springen einem fast immer auch andere Nutzer zur Seite. Man darf nicht denken, dass man mit seiner Haltung gegen Nazis allein ist.

Postet jemand aus dem persönlichen Umfeld etwas Rassistisches, empfehle ich, ihn persönlich darauf ansprechen – das muss nicht zwingend online passieren. Oft ist ein Gespräch hilfreicher als ein Chat. In vielen Fällen ist es vermutlich auch besser, nicht mit dem Stempel «Das ist Rassismus» auf jemanden zuzugehen, sondern nachzufragen, wie die Person ihre Äusserung gemeint hat.

Manchmal ist den Leuten ohne Hinweis gar nicht bewusst, wie problematisch ihre Sätze sind und welche Aussenwirkung das Geschriebene hat.

Sylvia Riemschneider vom Netzwerk für Demokratie und Courage: «Nazis aus der Freundesliste löschen»

Bei Projekttagen erkläre ich Schülerinnen und Schülern, wie sie mit Hate Speech umgehen sollen. Die Tipps, die ich gebe, sind für Erwachsene aber genauso hilfreich. So sollte man sich etwa vor einem Posting überlegen, was man einer Person mitgeben will, die gerade etwas Rassistisches gepostet hat: Will man nur ein Statement grundlegender Ablehnung abgeben – etwa, weil man mit der Person offenkundig sowieso nicht diskutieren kann? Oder will man sie zum Nachdenken anregen?

Zweitens sollte man sich solidarisch mit den Menschen zeigen, die die Aussagen betreffen – etwa mit Geflüchteten. So wird deutlich, dass man anders denkt als der rassistische Kommentator.

Und drittens sollte man, wo es geht, versuchen, sachlich zu bleiben. Mich wühlt das Thema Rassismus emotional auf, aber ich versuche, mich vor jedem Posting herunterzufahren. Ich schreibe mir per Hand auf, was ich mitteilen will, dann lese ich es noch einmal durch und stelle es erst dann online.

Allgemein rate ich Facebook-Nutzern, Pseudonyme statt Realnamen und Avatare statt echten Bildern zu nutzen – egal, ob das Netzwerk das nun gut findet oder nicht. Mit einem Fake-Namen fällt es auch viel leichter, Nazis öffentlich die Meinung zu sagen.

Jeden, der bewusst rassistische Äusserungen macht, würde ich entfreunden. Wenn Leute aus meiner Freundesliste Hasskommentare posten, kann das irgendwann auch auf mich zurückfallen. Will man nicht direkt Freundschaften kündigen, ist es wichtig, sofort auf problematische Beiträge zu reagieren – mit einer sachlichen, aber eindeutigen Distanzierung. Danach kann man ja noch per Direktnachricht oder im echten Leben das Gespräch suchen.

Michael Wörner-Schappert, Referent für Rechtsextremismus bei jugendschutz.net: «Dem Netzwerk eine Rückmeldung geben»

Als Facebook-Nutzer sollte man alle Beiträge melden, die man für rassistisch oder menschenverachtend hält. Es ist wichtig, dass eine aufmerksame Community das Problem immer wieder durch Meldungen anprangert und sich damit auch unterstützend an die Seite der Opfer stellt.

Löscht Facebook Inhalte nicht oder nicht sofort, können Nutzer die aus ihrer Sicht mangelhafte Reaktion bewerten und kommentieren. So bekommt die Plattform eine zusätzliche Rückmeldung, was die Community toleriert und was nicht.

Hat man das Gefühl, eine Meldung bei Facebook reicht nicht, kann man auch Stellen wie uns (jugendschutz.net) auf problematische Webinhalte hinweisen. Wir prüfen eingehende gemeldete Beiträge auf einen Verstoss gegen Jugendschutzregelungen. Werden tatsächlich unzulässige Inhalte, also beispielsweise volksverhetzende Postings dokumentiert, werden wir aktiv.

Ist ein unmittelbar Verantwortlicher bekannt, geben wir den Fall an die zuständige Aufsichtsbehörde ab, also die Kommission für Jugendmedienschutz. Falls nicht, treten wir in Kontakt mit dem jeweiligen Plattformbetreiber und fordern zur Entfernung der Inhalte auf. Das funktioniert auch bei den grossen ausländischen Diensten gut.

Steht man vor dem Problem, dass sich zum Beispiel ein Bekannter rassistisch äussert, kann es helfen, sich an die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus zu wenden. Dort bekommt man Tipps für den Umgang mit der Situation, zudem ist ein anonymer Kontakt über das Internet möglich.

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