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«Californium»: Ein Game wie aus einer Parallelwelt

Das Spiel «Californium» ist eine Ode an den legendären Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, der die Vorlagen für Filme wie «Blade Runner» und «Minority Report» lieferte. Für Dick-Fans ist das Spiel ein Fest.

Angela Gruber



Ein Artikel von

Spiegel Online

Ein Klick auf das funkelnde Portal und der Raum verschwindet in einer blubbernden Blase. Mitten im Wohnzimmer tut sich eine neue Realität auf, ein schwarzes Loch neben der Couch. So entdecken Spieler im Erkundungsspiel «Californium» (für PC und Mac) eine neue Dimension.

Die Entwickler verstehen «Californium», das mit der parallelen Existenz verschiedener Realitäten spielt, als Ode an den Autor Philip K. Dick. Er ist einer der grossen Visionäre der Science-Fiction-Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Dicks fantastische Gedanken haben zum Beispiel die Vorlage für Filme wie «Blade Runner», «Total Recall» oder «Minority Report» geliefert.

Bis zu seinem Tod 1982 dachte der Autor in seinem Werk über die Grenzen der Realität und was dahinter liegt nach - und versuchte auch, mit bewusstseinserweiternden Drogen, den Antworten auf diese Fragen ein bisschen näherzukommen. «Es ist manchmal eine angemessene Reaktion auf die Wirklichkeit, verrückt zu werden», schreibt Dick 1981 in einem Teil seines halb autobiografischen Romans «Valis». Ein anderes Zitat, das Dick zugeschrieben wird: «Wenn du denkst, dieses Universum ist schlimm, solltest du mal eines der anderen sehen.»

Elvin Green ist der Archetyp eines Dick-Charakters

In «Californium» ist die Realität Dicks Auffassung gemäss nicht mehr als ein brüchiges Konstrukt, abhängig vom Standpunkt des Betrachters. Je tiefer man in die vier Spielwelten, die in vier Kapiteln vorgestellt werden, vordringt, desto grösser werden die Risse. Ist man zu Beginn des Spiels noch im kalifornischen Berkeley, wird die Welt langsam grösser: Es geht durch Kalifornien, im dritten Kapitel schliesslich ins Weltall, bis man zuletzt im vierten Kapitel im «Chaos» landet.

Der Protagonist in «Californium», aus dessen Perspektive der Spieler auf die Welt blickt, ist der Archetyp eines Dick-Charakters: Elvin Green ist ein abgehalfterter Schreiber, manche würden sagen: nicht mehr ganz klar im Kopf. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, seine Tochter hält ihn für einen Loser. Sein Auftraggeber macht ihm Druck, Green hat nicht geliefert.

Wenn man nicht wüsste, dass das Spiel sich die Welt von Autor Dick zum Vorbild genommen hat, könnte man auch denken, die Figur des Elvin Green sei an die von Hank Moody angelehnt, dem Protagonisten der amerikanischen Fernsehserie «Californication», der rauchend, trinkend und heftig fluchend in Los Angeles von einem Schlamassel ins nächste stolpert. Nur das Triebhafte fehlt Green im Gegensatz zum ewigen Schürzenjäger Moody.

Alles eine Einbildung Greens?

Zu Beginn des Spiels befindet man sich in Greens Wohnung, es ist 1967. Der Autor sitzt vor seiner Schreibmaschine am Schreibtisch, wo sonst. Natürlich aber arbeitet er nicht, sondern hängt seinen Gedanken nach. Umzugskartons stapeln sich in der Wohnung, Zigaretten quellen aus den Aschenbechern, sogar auf der Badewannenkante steht einer. Gut gefüllt ist auch das Apothekerschränkchen im Bad, voller Pillendosen.

Die Welt Greens ist ein ins rötliche gekippter Design-Traum für Fans der Sechzigerjahre, mit roten Kugellampen und niedrigem Sofa. Auch den freischwingenden Panton-Stuhl aus Plastik, einen Klassiker der Pop-Art, kann man entdecken.

Was der Spieler als Elvin Green in dieser poppig-bunten Welt tun soll, sagt einem recht bald der sprechende Fernseher, ebenfalls ein Verweis auf Dicks Literatur: «Es gibt eine andere Realität da draussen», lässt einen der flimmernde Bildschirm wissen. Es gilt nun, die Portale zu entdecken, die in der Wohnung versteckt sind. Sie öffnen den Zugang in die alternative Realität, blitzen kurz gleissend hell auf, schimmern aus Kartons heraus. Bei einem Klick öffnet sich im Raum vor einem ein dunkel blubberndes Loch, das den Blick freigibt in eine andere, in Blautönen gehaltene Realität. Was ist echt, was Einbildung? In «Californium» lässt sich diese Grenze für Green immer schwerer ziehen.

Man sucht weiter nach solchen Portalen, findet neue Fernsehgeräte auf der Strasse und begegnet Freunden, oder besser: Weggefährten von Green. Sie stehen als bewegungslose, zweidimensional gezeichnete Gestalten in der poppig-bunten Welt von Orange County und wirken wie die eigentlichen Fremdkörper im Spiel. Ihr Zweck scheint vor allem zu sein, den Spieler über Greens Lebensgeschichte aufzuklären.

Flaneur zwischen den Welten

In «Californium» arbeitet man nicht auf ein Ziel hin. Das Erkunden und Entdecken, das Flanieren zwischen den Welten, ist das Ziel. Für Fans von Philip K. Dick ist das Herumstromern an sich schon reizvoll, der Abgleich mit dem Gelesenen. Wer ohne diesen Hintergrund «Californium» spielt, findet sich immer noch in einer Welt wieder, die so schön gestaltet ist, dass es Spass macht, sie zu entdecken. Andererseits ist der Reiz, die Portale zu entdecken, schon vor dem Ende des ersten Kapitels abgenutzt, zu oft wiederholt sich der einfache Effekt, dass sich dunkle Alternativ-Realitäten auftun - zumal man sie zwar betreten, aber dort sonst wenig tun kann.

Produziert worden ist «Californium» vom Fernsehsender Arte, das einen Programmschwerpunkt über Dick zeigt. Das erste der vier Kapitel des Spiels steht deshalb ab Dienstag bei Arte kostenlos zum Download bereit. Jede Woche kommt ein neues Kapitel hinzu. Wer das Spiel auf einmal durchspielen will, muss sich die kostenpflichtige Version auf Steam kaufen. Die gibt es aber erst ab Mittwoch.

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