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Diese Webseite hilft Geheimagenten auszusteigen

Mitarbeiter von Geheimdiensten, die ihr Gewissen plagt, haben jetzt die Chance auszusteigen. Ein Bündnis von Anti-Überwachungs-Aktivisten will ihnen dabei helfen. Aber ist Intelexit ein Fake?

29.09.15, 12:06 29.09.15, 12:33

Felix Knoke / spiegel online

Ein Artikel von

«Kennen Sie Menschen beim Geheimdienst?», steht auf einem Plakat, das die Aktivisten vor dem BND-Gebäude in Berlin-Lichterfelde installiert haben. «Helfen Sie auszusteigen.» Ein anderes Plakat richtet sich direkt an Beamte, die an der Ethik und Moral ihrer Arbeit zweifeln: «Schluss mit Paranoia – Wir helfen Ihnen, beim Geheimdienst auszusteigen.»

Die Strassenaktion wurde von einer Twitter-Kampagne unterstützt: «So zerschlagen wir die Geheimdienste intelexit.org – Wir rekrutieren ab sofort! #intelexit»

Im Internet ist am Montagmorgen eine ganze Solidaritätswelle über Intelexit geschwappt, bei Twitter und in Blogs. Dabei kann man durchaus an der Authentizität des Aussteigerprogramms zweifeln: Der Duktus des Werbevideos, die etwas anbiedernde Aufmachung der Website, die etwas unseriöse Crowdfunding-Kampagne ... und dann sind da ja noch die Initiatoren.

Wer nach mehr Informationen sucht, landet auf der Website Intelexit.org, auf der für den kontrollierten Ausstieg aus dem Leben als gewissensgeplagter Geheimdienstler geworben wird.

Per Multiple-Choice-Methode klickt man sich dort bequem ein Kündigungsschreiben zusammen, findet Argumente für den Ausstieg («Geheimdienstmitarbeiter gehören zu den meistüberwachten Menschen einer Gesellschaft») und erhält Antworten auf «die häufigsten Fragen» von Ausstiegsbereiten, zum Beispiel: «Was soll ich tun, um eine solche Entscheidung zu treffen?» Antwort von Intelexit: «Nehmen Sie sich ausreichend Zeit und überstürzen Sie nichts. Es ist keine einfache Entscheidung und oft erfolgt sie durch einen Prozess, der sich von zwei bis drei Monaten bis zu zwei Jahren hinziehen kann.»

Es gibt sogar ein Video: Der NSA-Aussteiger Thomas Drake, der renommierte IT-Experte Bruce Schneier und weitere Experten – oder Schauspieler? – erzählen dort vom Psychostress, den die Arbeit bei und der Ausstieg aus einem Geheimdienst verursachen könne: Moralische Dilemmata durch kognitive Dissonanz, argumentiert etwa die angebliche Wiener Psychologin Angelika Scheider. Sie, wie auch ein angeblicher Stasi-Mitarbeiter, lassen sich durch eine Internetrecherche nicht als reale Personen identifizieren.

In Wahrheit ist Intelexit eine Kunstaktion der Berliner Aktivistengruppe Peng! Collective. Die Aktion – ein buntes Spektakel für eine ernste Sache – ist nicht ungewöhnlich für die Gruppierung: Ihr Ansatz ist die Vermischung von Inhalten und Methoden kommerzieller und politischer Kampagnen zu subversiver Agitprop, wie sie auch zum Beispiel von den amerikanischen Aktivisten «The Yes Men» eingesetzt wird. Sie nutzen sogenannte Tactical Media, die Aneignung von Medien und Methoden der kritisierten Seite: Die Ausstiegs-Angebote der Bundesregierung, die Bonbon bunte Web-Ästhetik kommerzieller Lebenshilfen und die geschickte, zielgenaue Ansprache ihrer Klientel. Dass hierbei Authentizität und Täuschung vermischt werden, ist Absicht: Die Aktion soll verwirren.

Der gleichen Logik folgend hat das Peng! Collective auch schon mit einem aufwendigen Werbeclip dazu aufgerufen, Flüchtlinge aus dem Urlaub mit nach Deutschland zu bringen und dafür eine Art europäisches Verdienstkreuz zu erhalten. Für grössere Aufmerksamkeit sorgte auch eine Aktion aus dem Jahr 2013, bei der sie eine Werbeveranstaltung der Petrofirma Shell gekapert und mit einer inszenierten Ölfontäne gestört hatten.

Ernsthafer Ansatz

Für Intelexit hat das Peng! Collective aber mit prominenten Überwachungskritikern aus Europa zusammen gearbeitet, etwa der Wiener Aktivistin Lizvlx und dem prominenten Netzaktivisten Jérémie Zimmermann von La Quadrature du Net.

Im Gespräch mit Spiegel Online beteuert Zimmermann den ernsthaften Ansatz von Intelexit: «Zumindest wollen wir damit eine Diskussion in den Geheimdiensten und den Angehörigen von Geheimdienstmitarbeitern befeuern.» Viele Projektbeteiligte hätten schon Kontakt mit Geheimdienstlern gehabt – und für deren Sorgen Mitgefühl entwickelt: «Viele von ihnen stehen für starke moralische Werte, sind aber im Alltag mit der düsteren Wirklichkeit ihrer Arbeit konfrontiert. Mit unserer Aktion könnten wir sie vielleicht zum Innehalten und Nachdenken anregen: Vielleicht gibt es ja doch etwas, das ich dagegen tun könnte.»

Wenn dann tatsächlich jemand ausstiege oder zumindest Whistleblower würde, könnte Intelexit die Person mit Aktivsten, Rechtsanwälten und anderen Whistleblowern in Kontakt bringen und so zu ihrer Sicherheit beitragen. Wenn der Plan aufgehe, würden andere geplagte Geheimdienstler sehen, dass es eine Alternative zum Leben mit dem Geheimdienstgrusel gibt – die eines gesicherten Ausstiegs.

Der Weg dorthin sei aber eine höchst persönliche Angelegenheit, weswegen Intelexit auch an das Individuum und dessen Gerechtigkeitssinn appelliert und nicht etwa den Geheimdienstapparat an sich kritisiere. Vielleicht sind es letztlich Angehörige von Geheimdienstmitarbeitern, die von der Aktion erfahren und so die Initiative zum Ausstieg geben, hofft Zimmermann.

Überhaupt wolle Intelexit einen Prozess starten: «Je mehr Menschen wir dabei helfen können, je mehr positive Geschichten es von Menschen gibt, die erfolgreich Whistleblower wurden und trotzdem noch frei sind, desto sicherer werden sich potenzielle Informanten fühlen.»

Es geht darum, diesen Gedanken zu etablieren: Aussteigen ist möglich. Und nicht jeder muss es so schwer haben wie Edward Snowden oder Thomas Drake.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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