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Letters spell the word

Für viele Leute ist Google = Suchen im Internet. Der US-Konzern soll seine Marktmacht missbrauchen. Bild: PASCAL ROSSIGNOL/REUTERS

Ist Android das neue Windows? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Knatsch bei Google

Die EU-Wettbewerbshüter knöpfen sich das Betriebssystem Android vor. Es ist ein direkter Angriff auf Googles Geschäftsmodell. Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

21.04.16, 11:08 21.04.16, 11:59

Markus Becker, Matthias Kremp, Christian Stöcker



Ein Artikel von

In Eile? Die Zusammenfassung folgt am Schluss des Beitrags.

Im Internet etwas suchen = Google benutzen, das definiert fast jeder so. Und Google tut viel dafür, dass das auch auf Smartphones und Tablets so bleibt. Zu viel, findet die EU-Kommission.

Der US-Konzern missbrauche seine dominante Marktposition, schlage Wettbewerber aus dem Feld oder lasse Konkurrenz gar nicht erst entstehen, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager am Mittwoch in Brüssel. Deshalb nimmt die Behörde in ihrem Verfahren gegen den US-Konzern nun auch das Betriebssystem Android ins Visier.

«Googles Verhalten schädigt den Verbraucher, indem es Wettbewerb verhindert.»

EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager

Was sind die zentralen Vorwürfe?

epaselect epa04705179 Denmark's EU Commissioner for Competition Margrethe Vestager gives a news conference after a college meeting at the European Commission Headquarters in Brussels,15 April 2015. The EU Commission sends Statement of Objections to Google on comparison shopping service and opens separate formal investigation on Android.  EPA/JULIEN WARNAND

EU-Kommissärin Margrethe Vestager macht ernst. Bild: JULIEN WARNAND/EPA/KEYSTONE

«Googles Verhalten schädigt den Verbraucher, indem es Wettbewerb verhindert», sagte Vestager. Und es gehe um viele Verbraucher. «Smartphones spielen eine Schlüsselrolle in unserem Leben», so Vestager. «Auf weltweit 80 Prozent dieser Geräte läuft Android.» Zwar sei es kein Problem, wenn ein Unternehme eine dominante Marktposition erreiche. «Aber wenn die Dominanz missbraucht wird, haben wir ein Problem.»

Wie verteidigt sich Google?

Der Konzern kontert, kein Hersteller von Android-Geräten werde gezwungen, Dienste und Apps von Google anzubieten – die Konsumenten wünschten sich das aber. Zugleich könnten Hersteller neben Google-Apps auch ohne Einschränkungen weitere Anwendungen und App-Stores vorinstallieren. Ausserdem könnten Google-Apps auf dem sogenannten "Homescreen" – der ersten Bildschirm-Ansicht mit den wichtigsten Anwendung – durch andere Anwendungen ersetzt werden.

Werden nicht auch auf iPhones Apple-Apps vorinstalliert?

Ja – doch die EU-Wettbewerbshüter sehen keinen Handlungsbedarf, weil Apple sein System nicht an andere Hersteller lizenziert. Ausserdem haben die iPhones einen deutlich geringeren Anteil am Smartphone-Markt als Android, das mit Abstand meistbenutzte Betriebssystem.

Wie könnte eine Lösung im Android-Streit aussehen?

«Ganz einfach», sagt Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager: Die kritisierte Praxis müsse eingestellt werden. Aus Sicht der Kommission hiesse das vor allem, die Vorinstallation von Google-Suche und Chrome-Browser dürfe keine Bedingung für die Integration von Google-Diensten mehr sein. Google gab bisher nicht zu erkennen, wie der Konzern entgegenkommen könnte – denn er weist die Vorwürfe grundsätzlich zurück.

Verbietet die «Anti-Fragmentierungs-Vereinbarung» Herstellern wirklich, Geräte mit modifiziertem Android zu verkaufen?

Nach eigenen Angaben «bittet» Google die Hersteller, eine solche Vereinbarung zu unterzeichnen. Sie sieht vor, dass Apps gleichermassen auf verschiedenen Geräten laufen müssten – «denn je mehr Geräte mit nicht kompatiblen Versionen von Android im Umlauf sind, desto schwieriger wird es für die Nutzer herauszufinden, welche Apps auf ihrem Gerät funktionieren und welche nicht». Zugleich gibt es auch ein paar Hersteller, die Geräte ohne Google-Dienste verkaufen.

Wie begründet Google, dass Hersteller elf Google-Apps installieren müssen, wenn sie Google-Dienste anbieten wollen?

Der Konzern erklärt, das sei nötig, um ein Mindestangebot an Apps auf dem Gerät zu haben, weil die Nutzer Googles Dienste sonst nicht vernünftig einsetzen könnten. «Mobile Google-Apps sind so aufeinander abgestimmt, dass sie einander nahtlos ergänzen.» So könne ein Nutzer dadurch zum Beispiel eine Datei aus dem Online-Speicherdienst Google Drive an eine E-Mail in der Gmail-App anhängen. Oder eine Kalender-Einladung bearbeiten, ohne Gmail zu verlassen. Die vorinstallierten Apps lassen sich grundsätzlich nicht löschen, damit sie noch da sind, wenn die Geräte in den Werkszustand versetzt werden.

Welche «finanziellen Anreize» vermutet die EU bei der Vorinstallation der Google-Suche?

Dabei dürfte es darum gehen, dass der Hersteller an den Werbeerlösen beteiligt wird, wenn er nur die Google-Suche vorinstalliert. Zugleich können die Hersteller auf dieses Geld auch verzichten und andere Suchmaschinen einbinden.

Wie gefährlich ist der Schritt der EU für Google?

Für Google ist die Einbeziehung von Android in das Wettbewerbsverfahren ein echtes Risiko, eine Entwicklung, die der Konzern jahrelang zu verhindern versuchte. Die Rolle von Android steht nicht nur in Westeuropa auf dem Prüfstand. In Russland ist Google erst kürzlich mit dem Versuch gescheitert, eine Entscheidung der russischen Kartellbehörde anzufechten, die auf eine Beschwerde der russischen Suchmaschinenfirma Yandex zurückgeht.

A woman uses an Android smartphone in Brussels on Wednesday April 20, 2016. The European Union is broadening its battle with Google, alleging that the technology giant rigs the global market for mobile apps by making its Android operating system give preferential treatment to its own products. EU Antitrust Commissioner Margrethe Vestager said that

Kassiert Google eine Milliardenbusse wie einst Microsoft? 
Bild: Geert Vanden Wijngaert/AP/KEYSTONE

Yandex-Chef Arkadi Wolosch gab bei einer Veranstaltung in Hamburg vor einigen Wochen offen zu, dass sein Unternehmen, einst unangefochtener Marktführer in Russland, Marktanteile an Google verliert. Wolosch begründete das mit der Smartphone-Revolution: «Auf Android-Geräten finden wir eben einfach nicht statt.» Google muss nun seine Verträge mit Geräteherstellern in Russland so ändern, dass auch Apps anderer Hersteller vorinstalliert werden dürfen, entschied die Kartellbehörde.

Besser lief es für Google in Kanada: Die dortigen Wettbewerbshüter gaben am Dienstag bekannt, keine weiteren Schritte gegen Google zu unternehmen. Es gebe nicht genügend Hinweise auf eine erhebliche Einschränkung der Konkurrenz. Vestager gab sich davon unbeeindruckt. Manche Behörden urteilten eben anders als andere. «Das ist etwas, was man akzeptieren muss», meinte die Kommissarin.

Google verteidigt sich mit dem Positivbeispiel Amazon. Macht das Sinn?

In seinem Blog argumentiert Google, Android sei doch ein freies Betriebssystem, dass jedermann, jedes Unternehmen auf seinen Geräten verwenden und modifizieren könne. Amazon – das Unternehmen hat das auf Android basierende Betriebssystem Fire OS entwickelt – wird dabei als prominentes Beispiel genannt.

Ohne Google-Apps und vor allem ohne Googles Play Store, in dem Hunderttausende Apps bereitstehen, verlieren Android-Smartphones und -Tablets für viele Anwender trotzdem ihren Reiz.

Für Amazon, die Google als Beispiel nennt, ist der fehlende Google-Store ein weniger schwerwiegendes Problem als für kleinere Firmen. Der US-Konzern hat seinen eigenen App-Store geschaffen, in dem man sich bedienen kann. So werden Amazons Tablets mit speziellen Apps versorgt und gleichzeitig an Amazons Multimedia-Angebote angebunden. Ein solches Angebot können die meisten Hardware-Hersteller aber nicht bieten: Sie sind auf den Play Store angewiesen.

Wird Google das nächste Microsoft?

Als Menetekel dürfte Google die diversen Kartellentscheidungen gegen Microsoft vor Augen haben, die in der EU über die Jahre gefällt wurden. Insgesamt musste Microsoft Strafzahlungen von fast drei Milliarden Euro leisten. Google hat jetzt zwölf Wochen Zeit, zu den Vorwürfen der EU-Kommission Stellung zu nehmen. Die Android-Untersuchung ist Teil eines grösseren EU-Verfahrens der Kommission. Sie weitete das Verfahren kürzlich auch auf die neue Konzernholding Alphabet aus, deren Teil Google seit vergangenem Jahr ist.

Sollte die Kommission ihre Vorwürfe beweisen können und eine förmliche Entscheidung treffen, droht Google ein Bussgeld von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes. Der Jahresumsatz des Unternehmens lag 2015 bei 74,5 Milliarden Dollar. Der einzige, wenn auch schwache Trost für Google: Der Zehn-Prozent-Rahmen wird üblicherweise nicht ausgeschöpft.

Wie eine mögliche Lösung aussehen könnte? «Ganz einfach», antwortete Vestager. «Diese Praktiken müssen aufhören.» Doch auch das wäre nicht eben billig für Google. Mit Werbeanzeigen in Android-Apps für die Suche, für die Navigation und für E-Mails generiert der Konzern Umsätze von geschätzten elf Milliarden Dollar pro Jahr.

Zusammengefasst: 
Die EU-Kommission wirft Google vor, seine dominante Marktposition bei den Handy-Betriebssystemen zu missbrauchen. Das Unternehmen hält diese Kritik für unberechtigt, Android sei schliesslich ein freies Betriebssystem. Kann die Kommission ihre Vorwürfe belegen und trifft sie eine förmliche Entscheidung, droht Google ein Bussgeld von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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10
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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sentir 22.04.2016 09:18
    Highlight Bei mir läuft Cyanogenmode auf dem Handy. Ich kann also Apps von irgendwoher installieren, vorausgesetzt der Entwickler bietet die apk Installationsdatei zum Download an. Das ist aber sehr selten.

    Darum meine Frage:
    Wenn ein App-Entwickler seine Software im Playstore anbieten möchte, zwingt ihn Google dann, die App nur im Store anzubieten? Sprich, darf er sie z.B. nicht auf seiner Website zum Download anbieten?
    1 0 Melden
  • DerTaran 21.04.2016 22:30
    Highlight Habt ihr euch schon mal überlegt, warum Google das macht? Aus purer Freundlichkeit? Wohl kaum, (w)ihr bezahlt mit unseren Daten und personalisierter Werbung.
    Android kostet kein Geld, aber es ist nicht umsonst.
    2 2 Melden
  • Hand-Solo 21.04.2016 13:20
    Highlight Bitte nicht.
    Ihr straft die Nutzer, indem ihr ihnen das Leben kompliziert macht. (Siehe die "Browserwahl" unter Windows, obernervig...)

    Wenn ich ein Auto kaufe, werden mir die Zusatzsysteme (Navi, Radio etc.) auch vom Hersteller vorgeschrieben...

    EU-Bürokratie at its best.
    17 8 Melden
  • Madison Pierce 21.04.2016 12:18
    Highlight Die EU hat Android nicht verstanden. Das System selbst ist Open Source und jeder darf eigene Varianten davon erstellen und anbieten (auch ohne die Google Apps). Die Google Apps andererseits sind nicht Open Source. Wenn man die installieren will, muss man gewisse Bedingungen akzeptieren, unter anderem muss man alle Apps installieren und nicht nur zB. Maps. Das ist doch legitim.

    Android erlaubt (im Gegensatz zu Apple) auch die Installation aus Drittquellen. Man muss den Play Store nicht nutzen.

    Zudem kann jeder ein OS entwickeln, Google kann nichts dafür, dass Nokia & Co. geschlafen haben.
    33 11 Melden
    • Hand-Solo 21.04.2016 14:56
      Highlight @Groll. Ehm? Hää? Was genau soll das denn jetzt bedeuten?
      Was soll Google denn deiner Meinung nach machen? Den Play-Store nicht mehr zur Verfügung stellen, damit Android-Handys "witzlos" sind?

      Als ob ein Hersteller die Möglichkeit hätte, ein eigenes Handynetz zu betreiben.
      Ohne Telefonfunktion ist so ein Android-Handy relativ witzlos, findest du nicht?
      Ist das denn auch Zwang?

      Sie sind nicht gezwungen, den Play-Store zu integrieren, wie Amazon beweist. Der Play-Store macht aber den meisten das Leben leichter, Google selbst, den Herstellern, und vor allem den Usern. Wo ist das Problem?
      7 2 Melden
    • Hand-Solo 21.04.2016 14:59
      Highlight @Groll: Nachtrag:
      Samsung zum Beispiel hat einen eigenen App-Store neben dem Google Play-Store (welcher ebenfalls drauf ist, da die User das so wollen)
      5 0 Melden
    • Hand-Solo 21.04.2016 16:57
      Highlight @Groll im Gegensatz zum Swisscom Netz, ist der App Store (und alle anderen Google Apps) aber kostenlos. Ausserdem ist der Play-Store Teil des Google Software Pakets. ähnlich wie Word beim Office, oder InDesign bei der Creative Suite. Das sie Google Apps z.T. technisch voneinander abhängen ist durchaus Vorstellbar.
      Zudem: Die Gmail, oder Maps App tun nicht weh und sie sind kostenlos. Der User muss sie nicht benutzen nur weil sie drauf sind, es steht jedem Frei eine eigene Mail oder Navi App zu installieren ohne die anderen zu benutzen.
      3 1 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • saukaibli 21.04.2016 11:37
    Highlight Google stellt eine komplettes Mobile OS frei als Open Source zur Verfügung und die EU-Wächter kritisieren das? Soll Red Hat kritisiert werden, weil sie für ihre Updates Geld verlangen, obwohl sie ihre Quellen frei zur Verfügung stellen? Apple aber darf App-Entwickler mit fadenscheinigen Gründen vom App Store ausschliessen ohne eine Alternative zu bieten (die es bei Android zu Hauf gibt) und die EU hat kein Problem damit? Ich kann diese Kommission einfach nicht ernst nehmen.
    35 11 Melden

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