Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Die ARD zeigt heute Abend den Dok-Film «Schlachtfeld Internet» mit Edward Snowden.  Bild: Reuters

Fernseh-Tipp «Schlachtfeld Internet»

NSA-Schreck Edward Snowden warnt vor tödlichen Cyberangriffen auf Spitäler und Atomkraftwerke 

Krankenhäuser ohne Strom, ein lahmgelegtes Telefonnetz: In der ARD-Doku «Schlachtfeld Internet» warnt Edward Snowden vor Hackerangriffen auf kritische Infrastruktur – und beschreibt deren drastische Folgen. 

12.01.15, 11:15 12.01.15, 11:28

Markus Böhm / spiegel online

Ein Artikel von

Online-Angriffe können nicht nur Computersysteme, sondern auch Menschenleben in Gefahr bringen. Das ist eine der zentralen Botschaften aus «Schlachtfeld Internet – Wenn das Netz zur Waffe wird», einer 45-minütigen Doku, die Montagabend ausgestrahlt wird. Der Name der Co-Produktion von NDR, dem US-Sender WGBH und dem österreichischen Servus TV passt zum Erzählstil: Viren und Trojaner werden als «Bomben der Neuzeit» bezeichnet, es ist vom «digitalen Kreuzfeuer» und vom «digitalen Truppenaufmarsch» die Rede und davon, dass der globale Krieg längst ausgebrochen und Deutschland und Europa umzingelt sei. 

Doch so anstrengend martialisch der Film daherkommt: Er ist sehenswert, weil er den Zuschauern mit eindringlichen Beispielen klarmacht, dass der Cyberkrieg auch sie betrifft – nicht nur die Hacker und Regierungen, die ihn ausfechten. Online-Attacken können auch offline drastische Folgen haben, etwa wenn Hacker in der Lage wären, weiträumig das Stromnetz lahmzulegen. 

Dass Cyberwar womöglich mehr ist als ein viel zitiertes Schlagwort, macht «Schlachtfeld Internet» anhand mehrerer berühmter Attacken deutlich: So wird nacherzählt, wie die USA und Israel mit Stuxnet erfolgreich das iranische Atomprogramm angegriffen haben – ein «digitaler Erstschlag». Ebenso widmen sich die Filmautorinnen dem GCHQ-Hack auf das deutsche Unternehmen Stellar und Angriffen auf die Telekom-Gesellschaft Belgacom. Zu den Belgacom-Attacken war Ende 2014 – zu spät für den Film – bekannt geworden, dass vermutlich die Spionage-Software Regin zum Einsatz kam. 

«Gebäude brennen nieder»

In den vergangenen Wochen haben weitere Attacken Schlagzeilen gemacht, die für den Film interessant gewesen wären: So ging etwa aus einem Bericht des deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hervor, dass der Hochofen eines deutschen Stahlwerks durch Computermanipulationen massiv beschädigt wurde. Und «Bloomberg» äusserte den Verdacht, dass ein Hack 2008 die Explosion einer türkischen Ölpipeline herbeigeführt haben könnte

Die Dokumentation nutzt Auszüge aus einem bislang unveröffentlichten Interview des Geheimdienstkenners James Bamford mit Edward Snowden:

«Wenn du anfängst, Krankenhäuser anzugreifen oder Universitäten; wenn du Dinge wie Internetknotenpunkte attackierst und dann geht etwas schief – das kann Menschenleben kosten.»

NSA-Whistleblower Edward Snowden

Seine Sorge macht Snowden mehrfach deutlich: «Wenn die Infrastruktur eines Krankenhauses beschädigt wird, schalten sich lebenswichtige Maschinen ab», sagt er, und: «Wenn ein Internetknotenpunkt offline geht – und Handys laufen heute alle über Internetkommunikationspunkte –, können die Leute nicht mehr Feuerwehr oder Polizei anrufen. Gebäude brennen nieder.» Snowden findet, Angriffe auf Krankenhäuser oder Kraftwerke sollten nicht ausgeführt werden, «ausser es ist unbedingt notwendig, um unsere Existenz als freie Menschen zu sichern». Das Internet sollte seiner Ansicht nach «Frieden und Demokratie fördern und keine Waffe sein». 

Wie gefährdet sind wir? 

Die Doku «Schlachtfeld Internet» betont, dass gerade unser Nachbarland Deutschland für Hacker ein interessantes Ziel ist – und legt nahe, dass man hierzulande nicht sonderlich gut auf diese Bedrohungen vorbereitet ist. Götz Schartner, dem Chef eines Sicherheitsunternehmens, soll es in einem Test gelungen sein, sich auf zahlreiche Steuerungsanlagen zu schalten, die er dann hätte manipulieren können. 

Insgesamt seien 56'000 Steuerungssysteme über das Internet von aussen zugänglich gewesen, darunter Steuerungen von Brennöfen und Wasserpumpen. Oft habe sich nicht einmal erkennen lassen, zu welchem Unternehmen sie gehören. «Deutschland ist vor digitalen Angriffen von Geheimdiensten nicht geschützt», sagt Schartner. 

Dass Attacken auf Industrieanlagen mehr als Tests und Gedankenspiele sind, belegt der Film mit einem Zitat aus dem geheimen Haushaltsplan der amerikanischen Geheimdienste, dem «Black Budget». Darin erwähnt werde der «Ausbau der Übernahme von Systemsteuerungen, um Informationen und technische Daten zu erhalten, unter anderem über Öl- und Gasleitungen und Transportsysteme (...) sowie Systemsteuerungen von Elektrizitätswerken». 

NSA-Analyseprogramm Cybercop wird enthüllt 

Zwischen Snowden-Zitaten, Horrorszenarien und elektronischer Musik enthüllt der Film fast nebenbei ein weiteres NSA-Werkzeug. Der US-Geheimdienst verwendet Snowden-Dokumenten zufolge ein Analyseprogramm namens Cybercop, mit dem sich zum Beispiel besser zurückverfolgen lässt, woher Überlastungsangriffe, sogenannte DDoS-Attacken, kommen. Im Film wird ein iranischer Angriff auf das amerikanische Bankensystem aus dem April 2012 angeführt, der auf den ersten Blick von deutschen Servern auszugehen schien. Mit dem Werkzeug Cybercop könne die NSA den Netzkrieg sichtbar machen, heisst es im Film, «ihn sogar live mitverfolgen». 

So interessant diese und viele andere Filmpassagen sind, der Endsatz von «Schlachtfeld Internet» lässt ein wenig ratlos zurück: «Es ist Zeit, das Internet zurückzuerobern», heisst es dort knallig, aber unkonkret. Im Film ist bis dahin nur vereinzelt deutlich geworden, was Private und Unternehmen tun könnten: Eine Forderung der Filmautorinnen scheint eine umfänglichere Meldepflicht für Computerattacken zu sein, die über das kürzlich beschlossene IT-Sicherheitsgesetz hinausgeht. 

Das IT-Sicherheitsgesetz sieht vor, dass Betreiber wichtiger Infrastruktureinrichtungen künftig einen Mindeststandard an IT-Sicherheit einhalten und «erhebliche» Sicherheitsvorfälle in ihren Systemen dem BSI melden sollen – das Bundesamt soll so schneller auf Bedrohungen reagieren können, die möglicherweise weitere Firmen betreffen. 

Die Doku «Schlachtfeld Internet – Wenn das Netz zur Waffe wird», läuft am Montag, 23.30 Uhr auf ARD.

Die sieben eindrücklichsten Hacker-Attacken

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 13.01.2015 18:07
    Highlight Dann empfehle ich mal dies zu lesen; Autor : Marc Elsberg / Buchtitel:,"BLACK OUT" morgen ist es zu spät. Dann schlaft ihr noch weniger gut ein. Lesen!
    2 0 Melden
  • Lumpirr01 13.01.2015 09:29
    Highlight Dieser Beitrag über Cyberkriminalität ist für jedermann sehr empfehlenswert! Ich hatte zwar schon eine Ahnung, aber was da demnächst passieren könnte, hat mich nach der gestrigen Sendung letzte Nacht schlecht schlafen lassen.
    2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 12.01.2015 12:28
    Highlight Wie ih bereits mehrmals sagte: Der 3. Weltkrieg findet auf dem Netz statt...
    4 1 Melden

Linux-Stick statt Windows-PC: Das muss sich in der IT-Schweiz ändern

Der Schweizer Open-Source-Experte Matthias Stürmer über vergünstigte Schul-iPads, die teuren Folgen der Windows-Monokultur und die unterschätzten Vorteile von «freier» Software.

Herr Stürmer, Apple lanciert ein «Günstig»-iPad für Schulen – was halten Sie von der jüngsten Offensive im Bildungssektor?Matthias Stürmer: Das sind technologisch sehr attraktive und für Schulen auch relativ günstige Geräte, die Apple vorgestellt hat. Allerdings gibt's nichts gratis: Mit den reduzierten iPads für Schulen investiert Apple in die Anwender von morgen, denn logisch werden die iPad-Schülerinnen und -Schüler auch Apple-Geräte kaufen wollen wenn sie älter werden. Wenn …

Artikel lesen