Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Mike Schaffners Fingerkuppe ist magnetisch. Dadurch spürt er Magnetfelder in seiner Umgebung. bild: saw

Mikrochips unter der Haut – wie sich ein Schweizer in eine Menschmaschine verwandelt

Mike Schaffner ist Transhumanist. Er will das menschliche Schicksal selbst in die Hand nehmen und motzt seinen Körper mit Mikrochips auf.

16.09.17, 13:11

Rebecca Wyss / Schweiz am Wochenende



Wenn Mike Schaffner abends von der Arbeit heimkommt, muss er kaum einen Finger krümmen. Er muss nicht wie andere seinen Hausschlüssel mühsam aus dem vollgestopften Rucksack nesteln. Mike hält einfach seine Hand an den Sensor unterhalb der Falle, und schon öffnet sich seine Eingangstür.

Sein Schlüssel ist ein Mikrochip, der unter der Haut zwischen Zeigefinger und Daumen liegt. Den ersten liess er sich vor vier Jahren injizieren, den zweiten vor ein paar Monaten. In einer Fingerkuppe steckt zudem ein kleiner Magnet. Alle drei Implantate sind kaum sichtbar. Aber man spürt sie, wenn man drüberfährt.

«Ich bin ein Nerd.»

Mike Schaffner

Seinen Körper zu modifizieren, kostete den 26-Jährigen keine Überwindung. Damit hat er schon als Teenager angefangen: In die Fläche seiner beiden Ohrläppchen sind zwei Metallringe eingepasst, ein weiterer steckt in seiner Nase. Und ein grosses Tattoo zieht sich vom Arm hoch über die Schulter.

Sogar seine zwei Katzen, mit denen er in Altstetten ZH lebt, sind gechipt. «Ich bin ein Nerd», sagt Mike. Comics, Science- Fiction-Bücher, Computergames – das ist seine Welt. Für ihn sind die Implantate aber nicht nur eine technische Spielerei. Oder reine praktische Hilfen im Alltag. Für ihn sind sie ein erster Schritt Richtung Verschmelzung mit Maschinen, auch mit Computern. Sie fängt mit dem Upgrade des menschlichen Körpers an. Seines Körpers.

Der erste Chip sitzt zu tief

An den Tag, als er seinen ersten Chip bekam, erinnert sich Mike gut. Eine Bekannte setzte ihn ein, eine Krankenschwester. Zuhause am Küchentisch. «Viel zu tief», sagt er. «Das tat höllisch weh.» Mit einer grossen Spritze schob sie das 12 Millimeter lange, zwei Millimeter dünne Gefäss unter die Haut. Seither steckt es im Handballen. Fest mit dem Muskelgewebe verwachsen.

Das sollte nicht passieren. Normalerweise pflanzt man die Chips zwischen Haut und Muskel. Am besten im Bereich Zeigefinger und Daumen, wo er sein zweites Implantat trägt. Dort gibt es wenige Nerven und Blutgefässe. Dort ist auch das Risiko gering, dass die Chips mit dem Fleisch verwachsen. Das ist wichtig, wenn man sich upgraden will. Ohne Schmerz wird Mike dereinst seinen veralteten Chip jedenfalls nicht los.

epa05887654 A picture made available on 04 March 2017 of David Holecek (L) getting a chip implanted in his hand by Jowan Osterlund of the company Biohax, in Gothenburg, Sweden, 02 December 2015. The microchip, the size of grains of rice functions as swipe cards: to open doors, operate printers, or buy smoothies with a wave of the hand. According to reports, a Swedish startup company started implanting its workers such chips in January 2015.  EPA/BJORN LARSSON ROSVALL SWEDEN OUT SWEDEN OUT

Hier wird ein Chip in eine Hand eingepflanzt. Bild: EPA/TT NEWS AGENCY

Dank dem Chip kann er die Tür ins Fitnessstudio öffnen, sein Handy entsperren und die Telefonnummern seiner Freunde auf sich tragen. In Amsterdam bezahlte er sogar im Laden damit. Aber nur mit Bitcoins. Möglich macht all das die «Near Field Communication»-Technik. Mit ihr kommt man im Alltag auch ohne Implantat in Berührung: Wenn man beim Einkaufen zum Beispiel seine Kreditkarte an das Bezahlterminal hält.

Die grossen Player machen nicht mit

Noch geht das nicht mit dem Mikrochip-Implantat. Das ärgert Mike. Er will endlich Geld auf seinen Chip laden, bezahlen, Bahn fahren können und noch viel mehr. Deshalb hat er in den vergangenen drei Jahren zahlreiche Mails verschickt. An Dienstleister wie SBB, Credit Suisse, UBS und Post. Sie sollen das endlich möglich machen. Doch die grossen Player machen nicht mit.

An ihnen liegt es auch nicht, wie Patrick Kramer sagt: «Die Entwicklung der Mikrochips steht noch ganz am Anfang.» Der Chief Cyborg Officer, so nennt er sich, vertreibt von Hamburg aus Mikrochip-Implantate. Mike hat seine von ihm. Wie viele Kramer bislang an Schweizerinnen und Schweizer verschickt hat, will er nicht sagen.

«Für die Grosskonzerne ist die Technologie noch zu heiss.»

Zukunftsforscher Gerd Leonhard

Vergangenen Frühling hat er in Luzern einer Handvoll von Tagungsteilnehmern welche persönlich unter die Haut gesetzt. Weltweit sollen 50'000 Menschen einen Mikrochip im Körper tragen. Warum steckt die implantierbare Mikrochip-Technologie noch immer in den Kinderschuhen? «Sie wird von Kleinen vorangetrieben, die Grossen wollen kein Geld reinstecken», sagt der Geschäftsmann.

«Für die Grosskonzerne ist die Technologie noch zu heiss», sagt der Zukunftsforscher Gerd Leonhard. Sie wollen sich die Finger nicht daran verbrennen. Wegen der verbreiteten Angst vor Überwachung: Wer einen Chip implantiert hat, kann besser getrackt werden – so die Befürchtung vieler Konsumenten. Zudem könnten sich nur wenige Leute vorstellen, ein Stück Maschine in sich zu tragen, sagt Leonhard. «Für diese Technologie begeistert sich nur eine kleine Gruppe von technikaffinen Menschen.»

Auch Mike hat schon gechipt. Fünf Leute aus seinem Bekanntenkreis. Die Community mit Chip-Implantaten ist klein. Meist tauscht sie sich online aus. Ab und zu begegnet man sich an einer Cyborg-Messe. Viele tragen die Fremdkörper, weil sie eine Erleichterung im Alltag sind. Oder aus reiner Begeisterung für die Technik.

Für Mike bedeuten sie mehr: «Der Magnet ist eine Erweiterung meiner Sinne», sagt er. «Ich kann damit Dinge wahrnehmen, die uns alle den ganzen Tag umgeben. Die die anderen aber nicht bemerken.» Mike spürt Magnetfelder, er spürt Strom. Wenn er in der Unterführung Tramschienen passiert, die an der Oberfläche sind, reagiert der Magnetstift. Ebenso wenn er auf der Rolltreppe oder in der Nähe einer Stromleitung steht. «Ich spüre dann immer ein Kribbeln im Finger.»

Keine Massenbewegung

Noch gehört Mike mit seinen Implantaten zu einer Minderheit. «In Zukunft wird es für alle ganz normal sein, Implantate zu tragen, die unsere Fähigkeiten verbessern.» Für Mike sind Mikrochips erst der Anfang. Er will die Menschheit besser machen. Durch Technik optimieren, wie er sagt. Was ist mit der natürlichen Evolution? Die Menschheit entwickelt sich ohnehin weiter. «Darauf kann ich nicht warten», sagt er.

Mike ist ein Transhumanist. Diese gibt es auf der ganzen Welt. Transhumanisten befassen sich mit dem Übergang vom Menschen hin zum digitalen Mischwesen. Deshalb «trans». Und tauschen sich in Facebookgruppen, an Tagungen und an Universitäten aus. Längst nicht alle sind gechipt. Was sie aber verbindet, ist der Glaube daran, dass man mit dem Fortschritt die menschliche Evolution vorantreiben kann. Etwa mittels Gen- und Neurotechnologie.

Mike will mit eigenen Erfindungen nachhelfen. In seiner Wohnung tüftelt er neben seinem Job als Kinotechniker an neuen intelligenten Implantaten. An Bluetooth-Kopfhörern zum Beispiel. «Daran habe ich zwei Jahre gearbeitet.» Der Prototyp besteht aus einem hautfarbenen Kopfhörer, aus dem dünne Drähte, eine Batterie und eine Übertragungsscheibe aus Metall ragen. Um ihn zu testen, verbindet man das Gerät über Bluetooth mit dem Handy und beisst auf die Metallplatte (sonst als Implantat für den Schädel gedacht). Schon ertönt die Musik – ohne Unterbrüche.

Mittlerweile ist der Prototyp überholt. Der Bauplan für das fertige Gerät steht schon länger. Mike tippt sich an die Schläfe: «Ist alles hier abgespeichert.» Notizen auf dem Computer? Skizzen auf einem Fresszettel? «Brauche ich nicht», sagt er. Er mache sich immer so lange Gedanken, bis das Gerät perfekt funktioniere, sagt er. Bis er jeden Schritt im Schlaf nachvollziehen könne. Mikes Problem ist jetzt, einen Profi zu finden, der ihm die Kopfhörer an den Kopf verpflanzt. Die angefragten Schönheitschirurgen antworteten nicht auf seine Anfrage.

App-Store unter der Haut

Supermenschen aus Fleisch und Technik – sie faszinieren ihn. Heute stapeln sich auf der Kommode in seinem Wohnzimmer Dutzende Comic-Helden wie Hulk, Spiderman und Batman. Seine Faszination begann aber schon viel früher. Seit einem bestimmten Film, den er als Bub sah: «Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann». In ihm wird der Held nach einem Unfall mit Hightech-Körperteilen aufgemöbelt. Und entwickelt so übermenschliche Kräfte. Ein bisschen wie Mike heute.

Die Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschinen, seine Mikrochips sind Teil seiner Identität. Hin und wieder spricht er von sich in der Mehrzahl. Auch wenn er sagt: «Wir streben den Ersatz unseres Körpers an.» Er träumt davon, seinen Verstand digitalisieren zu können. Bis 2045 soll das möglich sein, glaubt er. «Dann könnten wir in einem Roboterkörper ewig leben.» Unsterblichkeit, für manche eine Horrorvorstellung. Für Mike ein logischer Wunsch. «Alles, was unser Leben ausmacht, sind Erfahrungen.» Als Unsterbliche würden wir über ein riesiges Wissen verfügen. «Das ist mein Ziel.»

Vorerst muss er mit dem vorliebnehmen, was heute möglich ist. Bald soll mehr möglich sein. Laut Patrick Kramer wird in fünf Jahren eine neue Generation von Chip-Implantaten erhältlich sein. Dangerous Things, ein bekannter amerikanischer Mikrochip-Hersteller, will bald ein Implantat etablieren, das wie ein App-Store funktionieren soll. Und wie von Mike gewünscht endlich das Portemonnaie überflüssig macht.

Die intelligenten Roboter kommen: Diesen Jobs geht's an den Kragen

Das könnte dich auch interessieren:

21 Momente, in denen die Migros einfach zu weit gegangen ist

Emmen war eine «Einbürgerungshölle»: Jetzt hat ein Migrant einen SVP-Nationalrat besiegt

Kellnerin weiss Millionen-Frage – traut sich aber nicht 😱

Diese 16 Marketing-Pannen sind so peinlich, dass sie schon wieder lustig sind

Abonniere unseren Daily Newsletter

62
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
62Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mr. Stärneföifi 17.09.2017 12:08
    Highlight "Sogar seine zwei Katzen, mit denen er in Altstetten ZH lebt, sind gechipt."

    OMG ich bin auch ein Nerd. 🤓
    29 1 Melden
  • Flexon 16.09.2017 19:44
    Highlight Jemand hat mir einmal erzählt: wenn man so einen Chip wieder aus dem Finger herausoperiert, hat man sieben Jahre schlechten Sex. Blinddarm sei aber Ok, wenn das Spital frei von schwarzen Katzen ist.
    29 6 Melden
  • Calvin WatsOff 16.09.2017 17:30
    Highlight 😂😂 "ich bin ein Nerd." Sachä gits 😂
    24 2 Melden
  • giandalf the grey 16.09.2017 17:00
    Highlight Er will sich einen Ohrstöpsel permanent einsetzen? Ist das nicht übertrieben unhygienisch? Also ich habe gelesen, dass sich die Anzahl Bakterien im Ohr pro Stunde Kopfhörer im Ohr verdoppeln...?
    19 4 Melden
  • Datsyuk 16.09.2017 15:39
    Highlight Der Typ merkt gar nicht, was alles mit ihm passieren könnte.
    46 10 Melden
  • He nu.. 16.09.2017 15:26
    Highlight Gut, bin ich siebzig und muss eine solch kommende Scheisszeit mit Vollsteuerung von Google oder was noch verreckterem nicht erleben. Oh, wieviel Krankheit erträgt die Natur ob uns Menschen, bis wir uns selber wegputzen?
    49 15 Melden
  • Sebastian Wendelspiess 16.09.2017 15:25
    Highlight Sind ha zum Glück alles Verschwörungstheorien...
    18 3 Melden
  • BoomBap 16.09.2017 14:53
    Highlight Ich hab erst kürzlich "Hardwired" gesehn. Werbung direkt ins Hirn...niemals!
    39 6 Melden
  • Pisti 16.09.2017 14:07
    Highlight "In Zukunft wird es für alle Normal sein solche Implantate zu tragen" niemals dagegen muss massiv angekämpft werden. Da befürworte ich sogar Gewalt. Dass es keine Gesetze gibt solche Chips bei Menschen einzupflanzen beunruigt mich sehr. Eine sehr gefährliche Entwicklung.
    101 36 Melden
    • giandalf the grey 16.09.2017 16:57
      Highlight Es spricht doch gar niemand von Gesetzen, dass man das müsse. Ich denke Mike stellt sich das eher wie das Smartphone vor, zu dem niemand gezwungen wird, mit dem sich aber dennoch jeder sehenden Auges überwachen lässt.
      31 2 Melden
    • Pisti 16.09.2017 18:12
      Highlight Giandalf du verstehst wohl nichts. Einen normalen Pass kriegst du Heute auch nicht mehr, sondern nur den biometrischen. Man wird schon Wege finden dass jeder solch einen Chip eingepflanzt bekommt. Ausser man geht jetzt schon dagegen vor.
      16 8 Melden
    • giandalf the grey 16.09.2017 19:07
      Highlight Biometrische Pässe sind nicht der Grund, dass die NSA denen Fingerabdruck hat. Dein Smartphone mit Fingerprintscanner ist es. Es wird garantiert nie jemand zu Chips gezwungen, das ist sooo 19hundertgestern. Die Leute werden sich wenn, garantiert freiwillig chippen und überwachen lassen. Wenn dir das nicht klar ist, hast du nichts verstanden, was moderne staatliche Überwachung angeht.
      25 3 Melden
  • Philippe Ray 16.09.2017 13:46
    Highlight Sogar seine zwei Katzen sind gechipt? Echt jetzt? Ist ja nicht so, dass jede Katze einen Chip hat...
    121 5 Melden
    • Sensenmaa 16.09.2017 14:01
      Highlight Das habe ich auch gedacht 😁
      68 5 Melden
    • loquito 16.09.2017 18:53
      Highlight Katzen müssen heute in der CH nicht gechippt sein... andera als Hunde
      13 2 Melden
  • o.shry 16.09.2017 13:40
    Highlight Wo krieg ich son chip?
    17 46 Melden
    • Madison Pierce 16.09.2017 15:02
      Highlight Beim Tierarzt, die Katzen haben den gleichen. Evtl. setzt ihn Dir der Tierarzt auch ein.
      46 1 Melden
    • Päsu 16.09.2017 16:55
      Highlight Wenn du den Tierarzt lieb fragst, wirst du sogar in die Datenbank der STMZ aufgenommen 🤣
      30 0 Melden

Tschüss Telefonkabinen – der lange Abschied von den Festnetz-Leitfossilien

Seit Anfang Jahr ist die Swisscom nicht mehr verpflichtet, in jeder Gemeinde einen öffentlichen Telefonanschluss zu unterhalten. Die Folge: Das Gros der Telefonkabinen wird rückgebaut. Die Kleinarchitekturen verschwinden aus unserer Gegenwart. Abgelöst durch das Mobiltelefon in der Hosentasche. Zeit für einen Rückblick auf die Ära der Telefonkabinen.

2016 definiert der Bundesrat die Grundversorgung im Fernmeldebereich neu. Etwas fehlt dabei: Die verabschiedete Verordnung enthält keinen Passus mehr, der in jeder Gemeinde eine öffentliche Sprechstelle (Publifon) vorschreibt. Damit entfällt ab 2018 für die Swisscom die Pflicht, landesweit Telefonkabinen zu unterhalten.

Sie sind ohnehin Auslaufmodelle – ausgehungert durch einen boomenden Mobiltelefonmarkt. Laut Swisscom ging die Anzahl Publifon-Gespräche zwischen 2004 und 2016 um 95 …

Artikel lesen