Digital

Millionen von Songs und Videos, die noch keiner gehört oder geschaut hat

Im Internet entsteht eine Gegenbewegung zu den algorithmisierten Auswahlprozessen auf Video- oder Shopping-Portalen.

05.02.17, 20:07 06.02.17, 12:57

Adrian Lobe

Als das Internet noch das Web 1.0 war und man mit Frontpage seine eigene, etwas pixelige Homepage bastelte, gab es noch den Typus des Cyberflaneurs, für den Surfen eine Erkundung war, eine Entschlüsselung der Untiefen des virtuellen Raums. Man liess sich treiben, stöberte auf Seiten, blieb hier und da hängen.

Heute ist alles vorbestimmt. Algorithmen entscheiden, welche News uns auf Facebook angezeigt werden, mit wem wir uns vernetzen und welches Produkt uns auf Amazon empfohlen wird. Algorithmen kreieren eine wirkmächtige Inszenierung. Doch inzwischen gibt es eine Gegenbewegung zu diesem Determinismus.

Die Seite astronaut.io zeigt einen Stream zufällig ausgewählter Youtube-Videos aus der Perspektive des Weltalls. Der Nutzer schwebt wie ein Astronaut im Kosmos und wird bei seiner Erdumrundung in verschiedene, randomisierte Youtube-Clips hineingesogen. Es tauchen auf: ein Kirchenchor, Russen beim Laubrechen, Japaner in einer Karaoke-Bar, ein possierlicher Hundewelpe, eine Garküche irgendwo in Asien, ein Schüler beim Nachhilfeunterricht, eine Konferenz von Wissenschaftlern, ein Landwirtschaftsmarkt in Singapur, Jungs beim Basketballspielen und und und.

Was innerhalb 20 Sekunden auf astronaut.io abgeht:

Es ist ein Kaleidoskop der Erde. Jeder Clip dauert zehn Sekunden, dann kommt das nächste Video. Die Videos sind unbearbeitet, sie dokumentieren, wie das Leben spielt. Als «Dosis alltäglicher Freude» bezeichnete das Magazin «New York» die Seite.

Gegründet wurde astronaut.io 2011 von den Softwareentwicklern Andrew Wong und James Thompson aus San Francisco (letzterer arbeitet beim Big-Data-Spezialisten Palantir).

Die beiden programmierten eine Software, die aktuell hochgeladene Youtube-Clips selektiert, die kaum Klicks haben. Das Ziel ist es, die ungesehene Seite von Youtube zu zeigen. Videos, die irgendwo in den Serverfarmen schlummern, aber niemand ansieht. «Als wir anfingen, war es eine Art Anti-Bemühung zum algorithmischen Ansatz, den wir sehen», sagte Thompson dem «New York Mag». «Es gibt all diese Seiten, bei denen die viralsten Videos an die Oberfläche gespült werden. Wir dachten: Was können wir machen, um eine Antithese zu entwickeln?»

Kontemplation statt Binge Watching

Mit ihrer Seite verschaffen die Entwickler Videos eine Bühne, die nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie ein Schattendasein fristen würden. «Eine der tollen Sachen, die astronaut.io macht, ist, dass Sie unmittelbar in das nächste Video eintauchen», sagte Thompson. «Es ist so, als wenn man die Strasse runterliefe – es gibt keinen künstlichen Übergang zwischen den Szenen.»

Die Site astronaut.io macht das verschlungene Wegenetz des World Wide Web für den Cyberflaneur wieder begehbar. Kontemplation statt Binge Watching.

Ganz ähnlich funktioniert die Seite forgotify.com (in Anlehnung an den Musik-Streaming-Dienst Spotify). Rund vier Millionen Songs auf Spotify wurden bis 2014 noch nie abgespielt. Das entspricht 20 Prozent des gesamten Bestands. Forgotify macht diese in Vergessenheit geratenen Lieder wieder hörbar.

Nie gehört? Salam Ae Aamna Ke Lal.

Forgotify-Nutzer haben das Privileg, auf der Seite Lieder zu hören, die es auf keiner Playlist gibt. Man klickt sich von Song zu Song, es geht quer durch alle Genres: Techno, Trance, Jazz, Rock, Klassik. Man kann diese Songs auch in den sozialen Netzwerken teilen.

Gebaut hat die «Entdeckungsmaschinerie» der Amerikaner Lane Jordan mit zwei Bekannten. Sie durchwühlt das Spotify-Universum nach ungespielten Songs und katalogisiert diese wie eine Juke-Box. Würde es nicht so blöd klingen und würde es nicht Trump-Assoziationen wecken, könnte man sagen: Jordan will den vergessenen Songs eine Stimme geben.

Radio für Cyberflaneure

Das niederländische Digitalradio-Projekt Radio Garden nimmt den Hörer mit auf eine Weltreise. Auf einer interaktiven Karte kann man aus dem Livestream von knapp 8000 Sendern auswählen: Jazz aus Kobe auf RadioCro, Blues auf BigBlue-Swing in Austin/Texas, karibische Klänge auf Belradio Guadeloupe, bezaubernde arabische Musik auf Gaza FM.
Digitalradio, obschon es weltweit zu empfangen wäre, macht in der Praxis doch meist an der Landesgrenze Halt. Auf Radio Garden hört man noch die knarzigen, teils übersteuerten Sender, die aus irgendeinem Hinterzimmer in Buenos Aires funken, und wo Moderatoren nicht diese banalen, werblichen Sätze von Youtube-Stars aufsagen.
Es ist eine filterlose Kommunikation: ehrlich, authentisch, ungeschminkt. Radio Garden ist das Anti-Internet, das die Vielgestaltigkeit der Welt hörbar macht. Kein Algorithmus würde einen zu Radio Baku führen. In der bunten Musiklandschaft von Radio Garden kann der Cyberflaneur noch flanieren. Der Internet-Kultur tut das gut. (alo)

Das Tragische ist, dass die Songs beim Anhören ihren Zauber verlieren, weil sie ja dann nicht mehr ungehört sind. Und auch die Randomisierung, das zufällige Auswählen von Songs oder Videos, ist letztlich ein mathematischer Prozess, der der algorithmischen Selektion sehr nahe kommt. Dennoch schaffen astronaut.io und Forgotify mit ihrem alternativen Angebot eine Plattform für ein neues Publikum, die sich den Mechanismen des Mainstreams widersetzt.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Pasch 09.02.2017 18:28
    Highlight Cool macht Spass,nur bitz nervig das videos von den gleichen machern mit einem video dazwischengezeigt werde. So konnt ich grad einer Familie beim Schlitteln zugucken... einer nach dem anderen 😂
    0 0 Melden
  • D(r)ummer 06.02.2017 12:48
    Highlight Ja, diese Algorithmen...

    Manchmal frage ich mich wie komisch der drauf ist, wenn ich auf Youtube unterwegs bin.
    Ihn gibts zum Glück nur im Internet, denn wäre er ein Mensch, könnte dieser Verwirrte kein normales Leben führen.^^
    4 0 Melden
  • ket4mon 06.02.2017 07:45
    Highlight Die Lösung ist eigentlich denkbar einfach: Haltet euch von diesen Plattformen fern, wenn euch der Umgang mit Anzeigen nicht gefällt. Suchen kann man selbst jede Menge, die Musikindustrie bietet genug Alternativen: Bandcamp, Beatport und Soundcloud um ein paar Beispiele zu nennen. Ihr könnt die Algorythmen auch zu eurem Vorteil nutzen, wie müsst ihr selbst rausfinden. Der Content welcher mittlerweile auf Youtube und Facebook angeboten wird, ist vielfach unter jeder Gürtellinie, da hilft nur solche Sachen zu melden (passt auf!) oder ganz einfach zu ignorieren.
    2 4 Melden
  • Anam.Cara 06.02.2017 07:28
    Highlight Kleine Notiz am Rande: das Internet gab es schon lange vor Web 1.0. Es war nur weniger grafisch Und ohne Google. Es war damals wirklich spannend, sich im Dschungel der Html-links von Thema zu Thema zu klicken.
    Die beiden Ideen im Artikel finde ich toll. Werd ich ausprobieren...
    9 1 Melden
  • Micha Moser 06.02.2017 01:31
    Highlight Fantastische Idee! Mittlerweile denkt man sich durch die Filterblase beinahe das es "keine neuen" Videos mehr gibt auf Youtube, auch wenn das natürlich quatsch ist.
    10 0 Melden

Punk oder Schlager? Erkennst du es an der Textzeile?

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