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Willkommen bei der IT-Firma Decos. Papier suchen Sie hier vergebens. bild: benjamin dürr

Kein Blatt, nirgends!

Diese Firma verzichtet komplett auf Papier – auch auf dem WC

Gähnende Leere auf allen Schreibtischen: Ein niederländisches Unternehmen setzt voll auf Digital. Funktioniert das? Ein Besuch.

02.10.14, 18:49 03.10.14, 09:53

benjamin dürr, noordwijk / spiegel online

Ein Artikel von

Einen Briefkasten gibt es zwar noch – gebraucht wird er aber fast nicht mehr. «Einmal im Jahr schickt das Finanzamt noch einen Brief», erzählt Paul Veger. «Das geht nicht anders.» Die andere Post kommt digital zu Decos, Vegers IT-Firma in einem Industriegebiet von Noordwijk, zwischen Amsterdam und Den Haag. Es ist eines der wenigen Unternehmen der Welt, das vollständig papierlos arbeitet.

Die Büroräume gleichen einem Möbelhaus. Das Chaos von Verwaltungen, das Rascheln von Papier oder das Rauschen von Druckern ist verschwunden. In den hellen Räumen klacken nur die Tasten von Computern. 

Alle Dokumente werden digital bearbeitet, gespeichert und archiviert. Auf den Schreibtischen liegen keine Notizzettel. Im ganzen Gebäude gibt es keinen Stift mehr, geschrieben wird digital. In Besprechungen machen Mitarbeiter Notizen auf dem Tablet oder Smartphone. Unterschrieben wird digital. Nicht einmal die Arbeitsverträge werden noch ausgedruckt.

Das Toilettenpapier wurde ersetzt durch eine Wasserspülung. Ist in Japan ja auch Usus. bild: benjamin dürr

99 Prozent seien bereits erreicht, sagt der Geschäftsführer. Vor kurzem wurde selbst die Toilette ausgetauscht. Es gibt kein Toilettenpapier mehr. Stattdessen wird, wie in Japan üblich, automatisch mit Wasser gespült und gereinigt.

Papierlos mit Sendungsbewusstsein

Paul Veger hat Decos Ende der achtziger Jahre gegründet. Seit 2011 arbeiten die Mitarbeiter ohne Papier. Das passt zum Geschäft: Software zur Verwaltung von Dokumenten. «Wir wollten zeigen, dass man heutzutage alles digital verwalten kann», sagt Veger. Daraus sei die Idee entstanden, selbst den ersten Schritt zu machen und zu zeigen, dass es keines Papiers mehr bedürfe. 

Am Anfang habe man noch diskutiert, welche Ausnahmen man zulasse, erzählt Veger. Am Ende hat sich das Team darauf geeinigt, konsequent zu sein und auch andere vom Konzept überzeugen. 

Der letzte seiner Art

Ein Papierkorb. Aber er ist leer. Einmal im Jahr landet der Briefumschlag vom Finanzamt drin, vielleicht ab und zu ein Taschentuch. bild: benjamin dürr

Bis auf den Brief des Finanzamts hat Decos alles Gedruckte abbestellt. Man arbeitet mit einer Rentenversicherung und einer Bank zusammen, die einen vollständig digitalen Service anbieten. Entsprechend werden auch Lieferanten und Geschäftspartner ausgewählt. Wer per Post einen Brief oder eine Rechnung schreibt, wird gebeten, sie digital zu verschicken.

Selbst den Steuerprüfern des Finanzamts sagte Veger, sie sollten im Gebäude von Decos kein Papier verwenden. «Am ersten Tag wussten sie noch nicht, wie sie das machen sollen», erzählt er. «Am Ende der Woche waren sie begeistert, wie einfach es geht.» 

Nie mehr aufräumen 

Daten und Dokumente werden in der Cloud abgespeichert, auf Servern. Die Mitarbeiter können auch von Zuhause oder unterwegs arbeiten. Im Büro gibt es keine feste Sitzordnung. Jeder kann sich mit seinem Laptop einen Platz suchen. Kein Papier bedeutet auch keine Stifte – «man muss den Schreibtisch nicht mehr aufräumen, denn es gibt nicht mehr viel zum Aufräumen.»

Der einzige Nachteil sei die Gefahr eines Datenverlusts, sagt Veger. Das Risiko sei allerdings auch nicht grösser als bei ausgedruckten Dokumenten. Veger vergleicht die Situation mit der Luftfahrt: «Man weiss, dass es beim Fliegen ein kleines Risiko gibt, und man akzeptiert es.» Nirgendwo und bei keiner Technik gebe es volle Sicherheit. «In anderen Bereichen wird das Minimal-Risiko toleriert – nur bei Computerspeichern wird auf einmal erwartet, dass es hundertprozentig sicher ist.»

«Wir sparen jährlich einen viertel Baum pro Mitarbeiter», sagt Geschäftsführer Paul Veger. Über die Jahre sei das allein in seinem 65-köpfigen Unternehmen schon ein halber Wald. bild: benjamin dürr

Für Geschäftsführer Veger überwiegen die Vorteile: Sein Unternehmen spart Geld, weil es keine Drucker, kein Papier und keine Umschläge mehr kaufen muss. Viel grösser sei die Ersparnis noch durch die höhere Effizienz, erklärt er. Papierlos zu arbeiten spare vor allem viel Zeit. Man könne Dokumente viel einfacher weiterleiten und austauschen; man finde sie schneller und könne sie besser be- und verarbeiten.

Hatschi! – Ausnahme!

Vor allem schont ein papierloses Büro die Wälder: «Wir sparen jährlich einen Viertel Baum pro Mitarbeiter», sagt Veger. 65 Mitarbeiter beschäftigt Decos in den Niederlanden. Pro Jahr macht das 16 Bäume, rechnet er vor. «Über die Jahre ist das allein in unserem Unternehmen schon ein halber Wald.»

Eine Ausnahme gibt es aber doch: Papiertaschentücher bei Schnupfen sind weiterhin erlaubt. Mitarbeiterin Marcia van Kampen gibt zu, immer noch ein paar in der Tasche zu haben. Dagegen wurden Küchentücher aus Papier durch Textiltücher ersetzt. 

Paul Vegers nächste Idee: weniger Erdöl und Erdgas. Das Gebäude funktioniert bereits vollständig elektrisch, ohne Erdgas-Anschluss oder Ölheizung. Auch sechs der Firmenwagen wurden durch Elektro-Autos ersetzt. «Ab dem 1. Januar soll es keine anderen Fahrzeuge mehr geben.»

Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist Korrespondent und Auslandsreporter. Er berichtet für Spiegel Online unter anderem aus den Niederlanden und regelmässig aus Afrika.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Magic_mouse 04.10.2014 16:33
    Highlight Finde ich eine guet idee :) kann gut sein, dass dies in einigen jahren öfters anzutreffen ist. Aber z.B. Auf dem bau unmöglich .. Man kann den arbeiter ja nicht ein iPad geben statt einem Papierplan:/
    0 0 Melden
  • teha drey 03.10.2014 08:34
    Highlight Während meiner Studienzeit an der Tourismusfachschule in Luzern (1988!) haben wir die Firma INTERHOME besucht. Der damalige Chef Bruno Franzen (jener Mann, der nach eigenen Angaben, wenn er ein Buch las, jede Seite nach dem Lesen rausriss und wegschmiss...) zeigte uns seine Firma und die papierlosen Büros. Das einzige Papier damals gab es in der im Keller angesiedelten Druckzentrale der Firma. Es waren die Umschläge und die Bestätigungen für die rückständigen Kunden, die halt noch nicht alle Computer hatten... Ich vergesse nie seine Worte: "In zehn Jahren werden alle Büros so aussehen".
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  • Nyi Phy 03.10.2014 00:16
    Highlight Generell bin ich derselben Überzeugung. Jedoch arbeitet es sich in vielen Bereichen mit einem Stift viel besser als mit der Tastatur (Skizzen etc). Wer dies ernsthaft und dauerhaft betreiben will, sollte sich einen Wacom-Digitizer besorgen. Ein normales Tablet und ein Stift ist gut gemeint, aber viel zu ungenau.
    2 1 Melden
    • ast1 03.10.2014 10:50
      Highlight Ich brauche mein iPad im Gymi mit dem Adonit Jot Script. Das funktioniert nach etwas Eingewöhnen gut, sieht oftmals besser aus als das Grafiktablett, das unsere Mathlehrerin verwendet...
      0 0 Melden
  • Tomlate 02.10.2014 23:46
    Highlight Und was ist mit dem Stromverbrauch, der durch reines digitales Arbeiten vermutlich ansteigt?
    1 6 Melden
    • goschi 03.10.2014 08:42
      Highlight Wieso sollte er ansteigen?
      Die PCs laufen alle sowieso, auch wenn das Waldsterben durch exzessives Internet ausdrucken vorangetrieben wird, da Drucker und co fehlen hat man eher weniger als mehr Stromverbraucher.
      5 0 Melden
  • SpikePony 02.10.2014 21:45
    Highlight nur digital zu arbeiten macht krank.
    5 9 Melden
    • goschi 03.10.2014 00:13
      Highlight Ach ist das so? So wie einem menschen die Augen platzen müssen, wenn er schneller als 50km/h fährt? (das war eine beliebte These zu Beginn des Eisenbahnzeitalters von Leuten wie dir)
      10 0 Melden
    • Nyi Phy 03.10.2014 00:16
      Highlight Vielleicht gibt es deshalb zu wenig Informatiker. Die armen!
      3 0 Melden
  • Hugo Wottaupott 02.10.2014 21:12
    Highlight hehehe! kann mirs bildlich vorstellen! kein nix papier wir guti aber mit lambo zur arbeit :D
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  • christianlaurin 02.10.2014 20:04
    Highlight ich habe Verständnis für kein Papier im Büro. aber die Toilette? sie verwenden Wasser und da Frage ich mich ob das nicht eine Milchmädchen Rechnung ist. und Toiletten Papier ist recycelt.
    6 1 Melden
    • Swissbite 02.10.2014 20:29
      Highlight Nicht zwingend. Es gibt auch solches welches nicht aus Altpapier gemacht wurde....
      Und auch recyceltes Papier brauchte im Ursprung Papier...
      5 2 Melden
    • goschi 03.10.2014 00:18
      Highlight Und vor allem ist die Papierherstellung sehr Energie- und Wasserintensiv, auch von Recyclingpapier, das spart nur das Baumfällen, alles danach ist +/- identisch.
      Und da man zum spülen wegen dem klopapier mehr Wasser braucht ist ein gutes Bidet sogar direkt sparsamer, in der gesamtrechnung noch viel mehr.
      7 0 Melden

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