Digital
podcasts itunes

Podcast-Angebot von iTunes. screenshot: itunes

Für immer Nische

Alles bekommt im Internet seine 15 Minuten Ruhm – ausser Podcasts. Warum eigentlich?

Katzenfotos, lustige Videos, Twitter-Witze und ausführliche Artikel: Alles geht viral, nur Audio nicht. Zehn Jahre nach der Erfindung stecken Podcasts in der Nische fest.

04.08.14, 10:57 04.08.14, 11:14

Ole Reissmann / spiegel online

Ein Artikel von

«Dann kommt der E-Bass. Der gibt Spannung und drückt gegen das Klavier», sagt Jeff Beal, der Komponist der Titelmusik der Fernsehserie «House of Cards». Der Musiker erzählt, wie er sein Stück aufgebaut hat, welche Vorbilder ihn inspiriert haben und welche Stimmungen er mit Klavier, Trompete und Geige hervorrufen will. Zu hören in der Onlinesendung «Song Exploder», einem sogenannten Podcast, einer Radiosendung ohne den klassischen Verbreitungsweg über einen Sender und ohne strenges Zeitfenster.

Für die intimen Werkgespräche besucht Hrishikesh Hirway regelmässig Musikerkollegen und lässt sie erzählen, oft mehr als eine Stunde lang. The Postal Service, Garbage und The Album Leaf haben schon mitgemacht. Anschliessend schneidet der in Los Angeles lebende Musiker daraus in stundenlanger Arbeit eine 10 bis 15 Minunten lange Sendung und stellt sie ins Netz. «Weitere Stunden verbringe ich damit, mit dem Publikum in Kontakt zu treten», sagt Hirway über sein aufwendiges Hobby.

Seit mindestens zehn Jahren gibt es Podcasts schon. Mit speziellen Programmen können Hörer Sendungen abonnieren, iTunes schaufelt zum Beispiel neue Episoden automatisch auf Abspielgeräte. Wer selbst einen Podcast starten will, kann praktisch sofort loslegen: In Laptops ist ein Mikrofon schon eingebaut, die Software gibt es kostenlos und im Internet lässt sich – zumindest theoretisch – ein riesiges Publikum finden. Produktionsmittel in Nutzerhand, das ist die Mitmach-Revolution.

Männer im Laber-Podcast

Doch Podcasts haben es im Netz schwerer als Videos und Katzenbilder, die sich einfach teilen und in Profile kleben lassen. Das liegt auch daran, dass nicht alle Podcasts so sorgfältig bearbeitet werden wie der «Song Exploder» – sondern einfach stundenlange Gesprächsrunden sind. Für viele Podcaster macht gerade das stundenlange Reden den Reiz aus, gleichzeitig führen die mäandernden Unterhaltungen auch dazu, dass die Podcast-Szene in der Nische bleibt.

Podcaster Hrishikesh Hirway: Seine Sendung «Song Exploder ist liebevoll und gut gemachtes Radio. Der Musiker trifft auf Kollegen, die für ihn einen ihrer Songs erklären. Bild: Hrishikesh Hirway

Fünf Gründe, warum Podcasts in der Nische stecken

Vor allem in Deutschland. Wer die Podcast-Abteilung im iTunes Store aufruft, bekommt zunächst herkömmliche Radiosendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeboten: «1Live Comedy», der «Bescheidwisser» von SWR3, der Radio-«Tatort», bei dem die ARD über eine Viertelmillion Podcast-Zugriffe zählt. Die Sender nutzen die Podcast-Technik zur Verbreitung ihrer Inhalte. Alte Sendungen in neuen Dateiformaten, das ist zwar praktisch, aber wenig revolutionär.

Podcasterin Fiona Krakenbürger mit Hacker-Freunden: Krakenbürger hat «n00bcore» gestartet, einen Podcast, in dem sie sich von Fachleuten das Internet erklären lässt. Bild: SPIEGEL ONLINE

Auch auf diversen Podcast-Charts dominieren die professionellen Radioangebote. Gräbt man tiefer, stösst man doch noch auf die Indies, Podcasts, die vornehmlich für das Netz produziert werden. Zum Beispiel das «Küchenradio» (rund 16'300 Abrufe pro Sendung), «Wir müssen reden» (28'000), «Spieleveteranen» (25'000), «Wer redet ist nicht tot» (15'000) oder das seit 2005 existierende «Schlaflos in München» (10'000), einer der ersten deutschsprachigen Podcasts.

Eigenpublikation des Selbst

Einige der Sendungen dauern mehr als drei Stunden. Vor allem Männer treffen sich zur Aufnahme länglicher Plauder-Podcasts. Tim Pritlove, der neun verschiedene Podcasts macht, sucht nach einer Erklärung für den Frauenmangel: «Hier wiederholt sich irgendwie die gleiche Leier wie wir sie eigentlich in den meisten technisch geprägten Disziplinen sehen.» Ausserdem sei Podcasting ein persönliches Medium. «Da kann ich die Zurückhaltung bei der Eigenpublikation des Selbst im Internet wiederum sehr gut nachvollziehen», sagt Pritlove und verweist auf den #Aufschrei.

Trotzdem gebe es gerade eine ganze Reihe neuer Produktionen von Frauen: Der «Erscheinungsraum» von Katrin Rönicke, einem Podcast über Gesellschaft und Politik. In der aktuellen Episode spricht sie mehr als zwei Stunden lang mit einem Gast über das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen, rund 1000 Abrufe verzeichnet sie damit. Bei ihrem «Lila Podcast», den sie zusammen mit Susanne Klingner bestreitet, sind es rund 10.500.

Ebenfalls neu dabei: Alexandra Tobor mit dem Literatur-Podcast «In trockenen Büchern», Stephanie Dahn befasst sich in «Vorzeiten» (rund 4000 Downloads) mit Geschichte, und Tine Nowak in «Kulturkapital» mit Kultur und Bildung. Ein wichtiger Sammelpunkt ist die «Hörsuppe». Die Seite ist das inoffizielle Programmheft der deutschsprachigen Podcast-Szene. Christian Bednarek stellt dort regelmässig neue Podcasts vor und kündigt Livesendungen an. Immerhin rund 8000 Zugriffe zählt er pro Tag.

Podcaster Michael Seemann: Bekannt für Drei-Stunden-Wortorgien «Wir müssen reden», befeuert von Alkohol. Manchmal gehen die Talkgäste zwischendurch auf Toilette. Bild: Wir müssen reden

YouTube-Stars und Massenblogger

Podcasts haben augenscheinlich ein überschaubares Publikum. Kein Vergleich zur vielfältigen Blogszene oder zu den YouTubern, wo es eben beides gibt: kleine Angebote für die Nische und revolutionäre Konkurrenz für alte Medien mit Massenwirkung. Blogger, die ihr Hobby zum Beruf machen. YouTuber, die ein Millionenpublikum erreichen und ihren Eltern den Hauskredit abbezahlen.

«Die Zahlen sind doch egal», sagt Fiona Krakenbürger, die gerade ihren eigenen Podcast gestartet hat. Für «n00bcore» trifft sie sich mit IT-Experten und lässt sich von ihnen erklären, wie genau das Internet eigentlich funktioniert, oder was ein Betriebssystem ist. Die Berlinerin freut sich über jeden Einzelnen, dem sie mit ihrer Erklärsendung Technik näherbringen kann. Dafür investiert sie pro Episode mehrere Stunden.

«n00b», das steht für Anfänger. «Ich habe schon lange Podcasts gehört, wollte aber nie selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen», sagt sie. Doch das Thema sei ihr so wichtig gewesen, dass sie sich überwunden habe: Mit viel Enthusiasmus rein in die Nische. Mit anderen Podcastern teilt sie sich die Ausrüstung, ein paar Kopfhörer mit eingebautem Mikrofon, damit die Tonqualität stimmt. Ihr Tipp für Podcast-n00bs: «Einfach machen.»

Wer sich nicht daran stört, dass so gut wie alle Punkte für das Nischendasein auch auf den «One More Level»-Podcast von watson-Game-Redaktor Philipp Rüegg zutreffen, kann sich hier ein Ohr voll holen.

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Teslas E-Brummi ist vielleicht sexy, aber wir Schweizer bauen schon lange E-Lastwagen

Elon Musk hat seinen ersten Elektro-Lkw präsentiert. Die Innerschweizer Firma E-Force One baut schon seit 2013 E-Lastwagen – spezifisch für den Schweizer Markt.

Tesla-Chef Elon Musk hat in der Nacht auf Freitag einen strombetriebenen Sattelschlepper vorgestellt. Er soll auch mit voller Ladung von 40 Tonnen eine Reichweite von rund 800 Kilometern haben. Die Produktion werde im Jahr 2019 starten.

Musks E-Brummi ist sexy und die bislang bekannten technischen Daten sind beeindruckend. Aber wer Tesla kennt, weiss, dass es auch mal ein paar Jährchen länger dauern kann, bis den vollmundigen Ankündigungen Taten folgen. In der Innerschweiz ist man Musk …

Artikel lesen