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Verräterische Apps

Das Geschäft mit Geheimnissen

Zwei neue Apps sorgen in den USA für Furore. Bei Whisper und Secret können Nutzer Geheimnisse und Tratsch anonym und ungeprüft veröffentlichen. Die eine wurde zum Beichtstuhl des Silicon Valley, die andere strebt nach Klatschpressen-Relevanz. 

21.02.14, 16:43

Ein Artikel von

Christian Stöcker, Spiegel Online

 Das Silicon Valley und Hollywood haben viel gemeinsam. Beide produzieren Stars, beide stehen für Branchen, in denen die USA noch führend sind, in beiden werden Unmengen Geld verdient, ausgegeben, verbrannt. Und beide strotzen vor falscher Kumpanei und Tratsch.

Insofern füllen die beiden Apps Secret und Whisper eine Lücke, die in den beiden exaltierten Sonderwirtschaftszonen gleichermassen besteht: Sie schaffen die Möglichkeit, anonym Geheimnisse auszuplaudern, zu lästern oder zu denunzieren. 

Whisper ist eine Fortschreibung eines alten Prinzips: Auf der Seite PostSecret werden schon seit vielen Jahren mehr oder minder dunkle Geheimnisse veröffentlicht, anonym und ganz klassisch auf Postkarten eingesandt. 

Pinkeln bei minus 50 Grad

Mit diesem Prinzip soll Whisper jetzt in Smartphone-tauglicher Form Geld verdienen (siehe Fotostrecke). Dass die App Geld einbringen kann, scheinen zumindest einige namhafte Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley zu glauben: 24 Millionen Dollar hat Whisper bislang eingesammelt. Die App passt gut zum neuen Trend in der Welt der mobilen Kommunikation: lieber ein bisschen privater, anonymer, flüchtiger. Dieser Trend hat auch eine Menge mit dem am Donnerstag verkündeten spektakulären Einkauf von Facebook zu tun: 19 Milliarden für WhatsApp.

Das Prinzip von Whisper ist simpel: «Geheimnisse» in wenigen Worten aufschreiben, sie müssen in großen Buchstaben auf einen Smartphone-Bildschirm passen; Bild aussuchen, aus dem Whisper-Angebot oder dem eigenen Telefonspeicher; veröffentlichen und auf Reaktionen warten. 

Um Publikum zu gewinnen, kaufte Whisper einen Mann ein, der als der König der viralen Internet-Story gilt: Neetzan Zimmerman. Seine Geschichten verbreiten sich in sozialen Netzwerken wie ansteckende Krankheiten, früher hat er bei der Blog-Plattform Gawker gearbeitet und dort Rekorde aufgestellt. Manchmal mehr als 30 Millionen Klicks generierten allein seine Artikel jeden Monat, gelegentlich mehr als die aller anderen Autoren zusammen. Er suchte sich aus einer Vielzahl oft obskurer Quellen Geschichten wie «Fotos zeigen den genauen Moment, in dem Frau von Blitz getroffen wird» oder «Wie es sich anfühlt, bei minus 50 Grad zu pinkeln» und schuf so Klickerfolg nach Klickerfolg. Zimmerman ist eine Art Einmann-«BuzzFeed». 

Nun ist er «Chefredakteur» bei Whisper und hat dort gerade seinen ersten Erfolg eingefahren - von einem Scoop kann man wohl nicht sprechen. Ein Whisper-Posting bezichtigt die Schauspielerin Gwyneth Paltrow, ihren Mann mit einem Anwalt zu betrügen. Zimmerman machte seine Twitter-Follower auf die vermeintliche Enthüllung aufmerksam. 

Zahlreiche Organe der neuen Netz-Klatschpresse der USA sprangen auf die Geschichte an. Das Gawker-Blog «Defamer» fragte bei Paltrows Sprecher nach, der die Geschichte prompt und heftig dementierte, während Zimmerman versicherte, er habe seine Quelle überprüft, sie sei glaubwürdig. Was wiederum die US-Ausgabe der «Huffington Post» aufgriff, ebenso wie «BuzzFeed» und zahlreiche weitere Websites. Zimmerman hat Whisper auf einen Schlag zu einem Akteur im US-Tratschzirkus gemacht. 

«Ich habe im Zimmer meiner Eltern Handschellen gefunden»

Nun diskutieren Silicon-Valley-Journalisten über Wohl und Wehe derart anonymer Publikationsmöglichkeiten, während sich offenbar zahlreiche im Valley arbeitende Menschen in ihrer eigenen Geheimnisverrat-App häuslich eingerichtet haben: Secret erlaubt Ähnliches wie Whisper, nur ohne Bilder - und mit einer gewissen Chance, zu erraten, wer etwas ausgeplaudert hat. Die App liest das Adressbuch des Smartphones aus und teilt dem Nutzer mit, ob ein Posting von einem «Freund» oder «Freund eines Freundes» stammt. Anonymität ist hier also relativ, Datenschutz sowieso. 

Im Silicon Valley scheint Secret - die App ist momentan nur in den USA verfügbar - derzeit auch als Selbsttherapie für gequälte Start-up-Angestellte zu dienen, glaubt man dem Tratsch-Blog «Valleywag». Sie lassen dort ihrer Wut über arrogante Gründer und überfröhliche Kollegen freien Lauf. Ein Secret-Nutzer behauptete, die Gründer eines Start-ups hätten «während meines gesamten Vorstellungsgesprächs Gras geraucht, nur um zu sehen, wie ich reagiere». Ein anderer bekannte: «Als Risikokapitalgeber muss ich in meinem öffentlichen Leben so positiv sein, dass alles, was ich Secret zu bieten habe, meine angestaute Wut ist.»

Der eigentliche Reiz der Geheimnisverrats-Apps aber besteht nicht zuletzt darin, dass die Nutzer auch frei Erfundenes veröffentlichen können, in der Hoffnung, jemandem zu schaden - oder einfach zu unterhalten. Viele der bei Whisper veröffentlichten «Bekenntnisse» jedenfalls klingen zu gut, um echt zu sein: «Ich habe im Zimmer meiner Eltern Handschellen gefunden, und weil ich ein Idiot bin, habe ich sie angelegt, jetzt ist mein rechter Arm angekettet. P.S.: Meine Eltern kommen gleich nach Hause.»

Demokratisierung der Klatschpresse

Whisper und Secret bringen die üblichen Funktionen des Social Web mit: Man kann Postings mit einem Klick loben, sie kommentieren oder weiterverbreiten. Sprich: Je aufmerksamkeitsstärker ein Posting, desto erfolgversprechender. Gleichzeitig sind die Whisper-Bildchen mit den kurzen Texten ideales Futter für alle anderen Social-Media-Kanäle: Sie sind, in Form und Inhalt, für virale Verbreitung massgeschneidert. So wirbt Whisper ständig für sich selbst.

Das passt zu Neetzan Zimmermans journalistischem Credo aus Gawker-Zeiten: «Das sind die Sachen, die die Leute wirklich beschäftigen, nicht das Zeug, von dem sie bei Cocktailpartys so tun, als interessiere es sie», sagte er dem «Wall Street Journal» einmal. Gleichzeitig könnte sein neuer Arbeitsplatz ihn vor ein Dilemma stellen, denn journalistisches Ethos beansprucht er durchaus:  «Wenn es keinen Traffic mehr bringt, der Internetkultur die Wahrheit zu sagen, … dann verliere ich vielleicht meinen Antrieb und muss mir eine andere Beschäftigung suchen. »

Es sieht nicht aus, als ob die neuen Tratsch-Apps ihren Erfolg einem Ruf als Hort der Wahrheit zu verdanken haben. Sie sind vielmehr dafür gemacht, das im Zweifel substanzlose, unverifizierte und dank Anonymität auch unverifizierbare Gerücht zum Social-Media-Treibstoff zu machen - und so selbst relevant zu bleiben. Man könnte auch sagen: Die Erfinder von Whisper und Secret demokratisieren die übleren Methoden der Klatschpresse.



Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
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