Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Marissa Mayer, Chief Executive Officer, Yahoo, reacts during a panel session on the last day of the 44th Annual Meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Saturday, January 245, 2014. The overarching theme of the Meeting, which takes place from 22 to 25 January, is

Yahoo-Chefin Marissa Mayer: In der Tech-Branche sind nur wenige Frauen so erfolgreich wie sie. Bild: KEYSTONE

Ärger in der Tech-Branche

Anzügliche Witze, frauenfeindliche Gesinnung – das Silicon Valley hat ein Sexismusproblem

Gründerinnen und Programmiererinnen kämpfen in Amerikas Tech-Branche mit Chauvinismus. Jetzt beginnt die überfällige Debatte über den Sexismus im Silicon Valley.

19.08.14, 10:33 19.08.14, 12:26

Thomas Schulz, San Francisco / spiegel online

Ein Artikel von

Vor kurzem hat die Mitgründerin der Dating-App Tinder ihr eigenes Unternehmen wegen sexueller Belästigung verklagt. Über Monate sei sie bedrängt und schikaniert worden, sagt Whitney Wolfe – von ihren männlichen Mitgründern und vor allem vom Chef der erfolgreichen Anwendung. In den Gerichtsunterlagen (siehe PDF) breitet Wolfe – bis vor kurzem auch Tinder-Marketingchefin – im Detail aus, wie sie aus dem Unternehmen gedrängt worden sei, weil sie eine Frau ist. Wie sie als «Hure» und «Schlampe» verunglimpft wurde. Als Beweismittel hat Wolfe einen ganzen Stapel SMS-Nachrichten vorgelegt, die zeigen, wie sie von einem ihrer Ex-Kollegen angegangen wurde.

Kurz zuvor hatten schon wilde E-Mails aus den College-Tagen des Snapchat-Gründers Evan Spiegel die Runde gemacht, die er unter anderem mit «Fuckbitchesgetleid» unterschrieb. Was so viel heisst wie: «Treib's mit Schlampen, bekomm' eine ins Bett.»

Und gleich zwei US-Magazine haben gerade Erlebnisberichte von Start-up-Gründerinnen publiziert, die berichten, was sie als Frauen im Silicon Valley ertragen müssen, wenn sie sich um Startkapital von männlichen Investoren bemühen. Eine App-Entwicklerin erzählt etwa, wie ein Wagniskapital-Finanzierer ihr ins Gesicht sagte: «Ich mag es nicht, wie Frauen denken.» Eine andere Gründerin berichtet, wie sie begann, einen falschen Ehering bei Treffen mit Investoren zu tragen, um die ständigen Annäherungsversuche zu unterbinden. Ihre Schlussfolgerung: «Die schlechte Behandlung von weiblichen Gründerinnen ist kein Programmierfehler, sondern ein Funktionsmerkmal des Silicon Valley.» Und das sind nur die Beispiele der vergangenen Wochen.

Männerdomäne Tech-Branche

Auch in anderen Branchen haben Frauen mit Chauvinismus und Männercliquen zu kämpfen. Aber selten ist der Sexismus so institutionalisiert, wird er so offen ausgelebt, wie in der Tech-Industrie.

Vorstellung der Titstare-App am Techcrunch-Event

video: youtube/anythingeverything

Anzügliche Witze, frauenfeindliche Sprüche sind an der Tagesordnung. Das sieht dann gern mal so aus: Zum Auftakt der jährlichen Start-up-Konferenz der Technologie-Nachrichtenseite TechCrunch präsentierten zwei Programmierer vergangenes Jahr eine von ihnen entwickelte App names «Titstare», «mit der man sich fotografieren kann, während man auf Titten starrt».

Solche Geschichten gelten in der Branche zwar als unschön, werden aber gleichzeitig als unvermeidlich akzeptiert. Schliesslich, so heisst es dann, sei nicht nur die IT-Branche, sondern die ganze Technikwelt schon immer Männerdomäne gewesen.

Silicon Valley diskutiert und streitet neuerdings

Wenn ich mit Gründerinnen, Programmiererinnen, Ingenieurinnen oder Informatik-Studentinnen spreche, höre ich immer wieder ähnliche Geschichten: von Frauen, denen nicht zugetraut wird, dass sie auch nur einen Schraubenzieher halten können, obwohl sie Elektrotechnik studiert haben. Die, wenn sie Startkapital auftreiben wollen, zu hören bekommen: «Du bist ja mal eine Hübsche, deswegen können wir darüber reden.» Immer wieder sagen Start-up-Gründer, dass sie keine Frauen einstellen wollen, «weil sie nicht ins Team passen».

This photo released by HBO shows, from left, Martin Starr, Kumail Nanjiani, and Thomas Middleditch, in a scene from the television series,

Der TV-Serie «Silicon Valley» wurde ebenfalls Sexismus vorgeworfen, weil keine Frau eine zentrale Rolle besetzt. Bild: AP/HBO

Manche Frauen ertragen all das mit Gleichmut, andere mit stiller Wut, die meisten aber weitgehend fatalistisch. Ahnend, dass sich die Verhältnisse wohl nie ändern werden. Seit einigen Wochen jedoch wird im Silicon Valley, dem chauvinistischen Herz der Techwelt, diskutiert, gestritten sogar, ob es wirklich so weitergehen kann.

Sam Altman, Chef von Y-Combinator, des einflussreichsten Start-up-Inkubators im Valley, hat etwa in einem Blogbeitrag festgestellt: «Es gibt Sexismus in der Tech-Branche.» Die Aussage ist alles andere als banal, denn das Silicon Valley hält sich gleichzeitig für den egalitärsten und progressivsten Ort der Welt, an dem zu Recht über Zukunft und Fortschritt der Menschheit entschieden werde. Deswegen, so Altman, sei die offizielle Linie bislang immer gewesen: «Andere Industrien haben vielleicht ein Problem mit Sexismus, unsere aber nicht.»

Frauen wollen nicht freiwillig in feindlicher Umgebung arbeiten

Das Argument auf Männerseite geht dabei bislang oft so: Frauen können es vielleicht schon aus genetischen Gründen einfach nicht. Das ist oft zu hören hier, von 25-jährigen Programmierern beim Bier genauso wie von 45-jährigen Wagniskapitalgebern beim Abendessen. Hinter vorgehaltener Hand natürlich, aber ihre Meinung ist klar: Frauen seien veranlagungsbedingt weniger risikobereit, von der Natur auf Sicherheitsdenken festgelegt. Nicht einmal bereit, das Studium hinzuschmeissen wie Marc Zuckerberg oder Bill Gates, um sich ganz auf eine Idee zu stürzen. Frauen wollten oft einfach keine Unternehmer sein.

Wahrscheinlicher ist, dass nicht viele Frauen freiwillig in so einer feindlichen Umgebung arbeiten wollen. Auch, weil sie oft nicht einmal in Betracht gezogen werden für Führungsaufgaben. Twitter zum Beispiel sah sich erst nach einer öffentlichen Debatte genötigt, zumindest eine Frau in den achtköpfigen Verwaltungsrat des Unternehmens zu holen.

Nur 13 Prozent der Führungskräfte in der IT-Branche sind weiblich. Nur zehn Prozent aller Wagniskapital-Deals werden mit von Frauen geführten Unternehmen gemacht. Die Risikokapital-Szene ist nahezu eine reine Männerrunde. Nur eine Handvoll der 50 grössten Wagniskapitalgeber hat mehr als eine weibliche Partnerin in der Führungsetage, die mitentscheidet, welche Unternehmen eine Anschubfinanzierung bekommen.

Das Web ist zunehmend weiblich

Grosses Aufsehen erregte deshalb vor rund zwei Jahren Ellen Pao, eine taffe Computerwissenschaftlerin aus der Führung des Wagniskapital-Finanzierers Kleiner Perkins Caufield & Byers, als sie ihren Arbeitgeber wegen sexueller Belästigung und absichtlicher Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz verklagte.

Viele Frauen im Silicon Valley sind allerdings skeptisch, dass sich mehr Respekt erklagen lässt. Wichtiger sei, dass mehr Frauen sich selbst als Investoren engagieren und sich das wichtigste Machtinstrument überhaupt mehr zu eigen machen: Geld.

Führende Managerinnen wie Yahoo-Chefin Marissa Mayer oder die Facebook-Führungskraft Sheryl Sandberg empfehlen, sich in den Job so sehr es geht «reinzuhängen» und sich gegenseitig zu fördern.

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Netzwerke entstanden mit Titeln wie «Girls in Tech» oder «Women Who Code» (zu Deutsch: Frauen, die programmieren). In Berlin haben sich über 200 Frauen aus der Tech-Szene unter dem Namen Geekettes zusammengeschlossen.

Und noch eines macht Hoffnung: Selbst die grössten Tech-Chauvinisten kommen nicht vorbei an einigen zentralen wirtschaftlichen Fakten: Das Web ist zunehmend weiblich, das legen Studienergebnisse wie die folgenden nahe: In den USA besitzen mehr Frauen als Männer Smartphones. Die Mehrheit der US-Nutzer von Facebook und Twitter ist weiblich. Ebenso kaufen Frauen mehr über das Internet ein.

Wer also Software, Online-Angebote und Geräte für eine weibliche Zielgruppe entwickeln will, der kann das auf Dauer nicht allein Männer machen lassen.



Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
6
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • John Smith 19.08.2014 12:30
    Highlight "Start-ups wollen keine Frauen einstellen weil sie nicht in's Team passen."
    Diese Einstellung ist doch nur gerechtfertigt, wenn andere Start-ups für sexuelle Belästigung angeklagt werden weil sie in einem Streit das Wort "Bitch" gesagt haben.
    "Frauen wollen nicht in der Tech-Branche arbeiten weil sie ein feindliches Umfeld ist." Glaubt irgendwer ernsthaft dass es auf dieser Welt eine Branche gibt bei der man als Unternehmer nicht von allen seiten attackiert wird? Entweder man hat die "Eier" sich diesen Hürden zu stellen oder man ist eines von 90 aus 100 Start-ups die bankrott gehen.
    5 6 Melden
  • Zeit_Genosse 19.08.2014 11:36
    Highlight Die Poronogeneration frisst ihre Kinder. Was viele Techies, Gamer und ITler mit ihrer experimentellen Art in der Branche etabliert haben, scheint jetzt zum Problem zu werden. Mehr verantwortungsbewusste Führungskräfte mit guten Managerfähigkeiten in den Start-Ups (w/m) statt hinaufgespühlte Tüfftler und Bastler, könnten das Umfeld professionalisieren. Zudem sollten die Boni an cleveren blanced scorcards hängen, wo Ziele einer geschlechtlichen Durchmischung, Geschlechterumgang und Knigge auch Einzug halten. Ob es hilft, die anzüglichen Männerwitze entgültig aus dem Arbeitsbereich zu verbannen?
    1 3 Melden
    • mastermind 19.08.2014 13:42
      Highlight Start-ups wollen keine Frauen einstellen, weil man sich voll und ganz auf die Produktion konzentrieren will/muss und man somit keine Zeit hat, um zwischenmenschliche Probleme, Gefühle und Geläster zu behandeln. Es ist leider so, dass viele Frauen sich schon beim ersten kleinen (zwischenmenschlichen) Konflikt bei der Arbeit in die Opferrolle quetschen und motzen/lästern und somit das Arbeitsklima und die Produktivität erheblich beeinträchtigt werden. Männer können einfach besser mit Konflikten umgehen und weiterarbeiten, auch wenn sie sich von Arbeitskollegen hintergangen fühlen.
      5 2 Melden
    • Petar Marjanović 19.08.2014 14:27
      Highlight Ich kann Ihnen versichern, diejenigen, die am meisten bei watson lästern und/oder Gefühle haben, sind wir Männer.
      5 4 Melden
    • Zeit_Genosse 19.08.2014 15:34
      Highlight @mastermind
      Sie schliessen von sich auf andere, resp. die Frauen. Gerade da passiert die erste Panne.
      0 0 Melden

«Absolut krass und krank»: Schweizer Internet-User werden mit Kinderpornos erpresst

Eine kriminelle Cyber-Attacke hat am Sonntag Schweizer Internet-User ins Visier genommen. In einem Erpresser-Mail wurden die Angeschriebenen aufgefordert, innert kurzer Frist umgerechnet 1100 Franken auf ein Bitcoin-Konto zu überweisen, wie der Blick berichtet. Ansonsten würden die Betroffenen «grossen Schaden» erleiden. 

Die Drohung richtet sich nicht nur gegen den jeweiligen Empfänger, sondern auch gegen dessen Angehörige. «Am 22.08.18, um 16 Uhr läuft eine Frist ab, welche über …

Artikel lesen