Doping
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Freiburg galt jahrzehntelang als Zentrum der Sportmedizin – und des Dopings

Radfahrer, Leichtathleten, Fussballer: Freiburg galt jahrzehntelang als Zentrum der Sportmedizin – und des Dopings. Lange Zeit wurde dies mindestens stillschweigend geduldet. Auch die Politik gab ihren Segen.

04.03.15, 07:49 04.03.15, 09:31

Peter Ahrens / Spiegel.de

Ein Artikel von

Es könnte solch ein Idyll sein. Die schöne Landschaft, die Menschen in ihren weissen Kitteln, die sich bemühen, Gutes für die Gesundheit zu tun. Es fällt schwer, nicht an die Schwarzwaldklinik zu denken.

Doch die heimelige Umgebung des Schwarzwaldes und das idyllische Freiburg waren jahrzehntelang Kulisse für den grössten Missbrauch sportmedizinischer Arbeit.

Wer sich mit Doping in (West-)Deutschland beschäftigt, der landet ganz schnell bei Armin Klümper, bei Joseph Keul, bei Andeas Schmid, bei Lothar Heinrich. Alle vier gehörten zu den renommiertesten Sportärzten im Lande, alle vier waren vom Standort Freiburg aus tätig. Und alle vier haben ihren Anteil daran, dass Freiburg als Doping-Zentrale berüchtigt wurde.

Die neuen Vorwürfe, in Freiburg seien in den 70er- und 80er-Jahren auch Fussballer des VfB Stuttgart und des SC Freiburg gedopt worden, passen sich ein in eine Geschichte, die schon kurz nach dem Krieg anfängt.

Wer sich mit Doping in Deutschland beschäftigt, landet schnell bei Joseph Keul.  Bild: AP

Keul war ab 1960 deutscher Olympia-Arzt

Die Geschichte vom Doping-Standort Freiburg beginnt bereits in den 50er-Jahren. Schon damals wurde in der dortigen Sportmedizin mit leistungssteigernden Mitteln experimentiert. Aber erst als Klümper und Keul das Regiment übernahmen, begann die systematische Forschung und Erprobung mit Dopingmitteln.

Keul, ein begnadeter Netzwerker, stieg bereits 1960 zu den Olympischen Spielen in Rom zum deutschen Olympia-Arzt auf, er blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Bundesweit bekannt wurde er zudem als Arzt des deutschen Davis-Cup-Teams in dessen grosser Zeit mit Boris Becker an der Spitze. Keul war überall dort, wo es um sportmedizinische Belange in Deutschland mitzureden galt. 1998 wurde er noch zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebundes gewählt, zwei Jahre später zum Ehrenpräsidenten.

Keul war auch bei der grossen Zeit von Boris Becker (l.) als Davis-Cup-Arzt aktiv. (Mitte Tommy Haas, rechts Nicolas Kiefer). Bild: AP

Keul begann in den 70er-Jahren, Anabolika an Gewichthebern zu erproben. Die Unterstützung durch die Politik war ihm dabei gewiss. Am 21. Oktober 1976 hielt der damalige Ministerialrat im Bundesinnenministerium, Gerhard Gross, eine Festrede in Freiburg und sprach Keul dabei direkt an: «Wenn keine Gefährdung oder Schädigung der Gesundheit herbeigeführt wird, halten Sie leistungsfördernde Mittel für vertretbar. Der Bundesminister des Inneren teilt grundsätzlich diese Auffassung. Was in anderen Staaten erfolgreich als Trainings- und Wettkampfhilfe erprobt worden ist und sich in jahrelanger Praxis bewährt hat, kann auch unseren Athleten nicht vorenthalten werden.» Ein Freibrief für Keul.

Wer konnte ging zu Klümper – auch Politiker

Politische Rückendeckung genoss auch Klümper, Leiter der sporttraumatologischen Spezialambulanz in Freiburg. Zu seinen Patienten zählten nicht nur Sportler. Auch Politiker wie Erich Schaible, langjähriger Abteilungsleiter Sport im Bundesinnenministerium, gehörte zu Klümpers Kundschaft. In Sportlerkreisen genoss der Mediziner in seiner Hochzeit Ende der 70er-Jahre einen nahezu legendären Ruf. Er war derjenige, der den Gesundungsprozess verletzter Athleten auf Rekordtempo beschleunigen konnte. Wer konnte, ging zu Klümper. Leichtathleten, Fussballer, Turner.

Dass er auch die Mehrkämpferin Birgit Dressel über Jahre behandelt hatte, die 1987 an einem toxischen Schock starb, dass man bei der Untersuchung ihres Todes in ihrem Körper Rückstände von 78 Medikamenten fand, das hat Klümpers Ruf beschädigt.

Als die Hürdenläuferin Birgit Hamann ihm dann 1997 noch vorwarf, er habe ihr ohne ihr Wissen Wachstumshormone verabreicht, räumte er seinen Stuhl und emigrierte nach Südafrika. Wo er heute lebt. Und sich mit dem Thema Heilfasten beschäftigt.

Armin Klümper konnte den Heilungsprozess verletzter Sportler beschleunigen.

Der grösste Imageschaden des Sportmedizin-Standorts Freiburg ist allerdings mit den Namen Schmid und Heinrich verbunden. Die beiden Ärzte stehen für den Radsport-Dopingskandal des Telekom-Teams. Enthüllungen des «Spiegel» aus dem Jahr 2007 zufolge hatten Schmid und Heinrich das Team mit dem Sauerstoff-Doping Epo versorgt.

Telekom beendete daraufhin die langjährige Zusammenarbeit mit den beiden Medizinern, die Universität Freiburg schloss sich dem an, auch der Deutsche Olympische Sportbund beschloss, jede Kooperation mit den beiden bis mindestens 2020 einzustellen.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat fünf Jahre gegen die Ärzte ermittelt, zu einer Anklage kam es jedoch nie. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem Schmid vor der Staatsanwaltschaft ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte.

Belangt wurde auch Keul nie, obwohl sein Kollege, der Heidelberger Anti-Doping-Experte Werner Franke, schon 1977 schwere Vorwürfe gegen den Arzt erhoben hatte.

Im Gegenteil: Auf Vorschlag des damaligen baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Lothar Späth erhielt der Mediziner 1990 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Verliehen wurde es ihm vom damaligen Sportminister des Landes, Gerhard Meyer-Vorfelder. Der auch Präsident des VfB Stuttgart war.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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