Europa
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Flucht über die Grenze

«Wir haben die Unabhängigkeit, aber nichts zu essen» – Tausende Kosovaren flüchten vor der Armut

In dem nordserbischen Ferienort Palic herrscht in diesem Winter Hochbetrieb. Tausende Kosovaren bevölkern seit Wochen die Hotels und Gasthäuser rund um den gleichnamigen See.

Sie suchen dort aber keine Erholung, vielmehr warten sie auf eine günstige Gelegenheit, um der Armut in ihrem Heimatland zu entkommen. Das Eintrittstor zu einer vermeintlich besseren Zukunft liegt nur wenige Kilometer entfernt: Über die Grenze zu Ungarn wollen die Flüchtlinge irregulär in die EU einreisen, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.

A Kosovo man carries his baby as he crosses illegally the Hungarian-Serbian border near the village of Asotthalom February 6, 2015. The European Union is experiencing a steep rise in the number of Kosovo citizens smuggling themselves into the affluent bloc, with 10,000 filing for asylum in Hungary in just one month this year compared to 6,000 for the whole of 2013. It follows a relaxation of travel rules allowing Kosovars to reach EU borders via Serbia and has coincided with political turmoil and street unrest in Kosovo fuelled by poverty, high unemployment and economically debilitating corruption.  REUTERS/Laszlo Balogh (HUNGARY  - Tags: SOCIETY IMMIGRATION POLITICS TPX IMAGES OF THE DAY)

Ein Mann flieht mit seinem Baby aus dem Kosovo über die ungarisch-serbische Grenze in der Nähe des Dorfes Asotthalom am 6. Februar 2015.  Bild: LASZLO BALOGH/REUTERS

Das Kosovo hatte sich 1999 im Zuge eines blutigen Konflikts unter Beteiligung der NATO von Serbien abgespalten. Im Jahr 2008 erklärte Pristina seine Unabhängigkeit, die jedoch bis heute von Belgrad nicht anerkannt wird. Der Kleinstaat zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Etwa 40 Prozent der 1.8 Millionen Einwohner leben in Armut.

In Palic hat sich ein Netzwerk von Schleppern eingenistet, die sich ihre Dienste von den Fluchtwilligen teuer bezahlen lassen. An Nachfrage mangelt es nicht: Laut Medienberichten starten täglich etwa zehn Busse aus dem Kosovo in Richtung Palic.

Kosovars, many of them hoping to reach the European Union and seek asylum, board buses headed for Serbia, in the capital Pristina February 2, 2015. The European Union is experiencing a steep rise in the number of Kosovo citizens smuggling themselves into the affluent bloc, with 10,000 filing for asylum in Hungary in just one month this year compared to 6,000 for the whole of 2013. It follows a relaxation of travel rules allowing Kosovars to reach EU borders via Serbia and has coincided with political turmoil and street unrest in Kosovo fueled by poverty, high unemployment and economically debilitating corruption. Picture taken February 2, 2015. To match KOSOVO-EU/MIGRANTS REUTERS/Hazir Reka (KOSOVO - Tags: SOCIETY IMMIGRATION POLITICS)

Die Reise in eine bessere Zukunft? Kosovaren in einem Bus von Pristina nach Serbien am 2. Februar 2015.  Bild: HAZIR REKA/REUTERS

«Unabhängig – aber nichts zu essen»

Allein das Touristikunternehmen Adio Tours aus der Hauptstadt Pristina schickt an einem Februartag drei Busse mit etwa 150 Kosovo-Albanern an Bord auf die Reise. 

«Wir haben die Unabhängigkeit, aber nichts zu essen», sagt der 27-jährige Hasan Fazliu, der seinen einjährigen Sohn in den Armen trägt. Die Fahrt nach Palic dauert etwa zehn Stunden. Endstation ist die Villa Lira, ein geheimer Treffpunkt der Schlepper.

«Ich bin hier mit meiner Frau und meinen beiden Kindern», erzählt der 32 Jahre alte Selman. «Wir zahlen 100 Euro für das Zimmer und sie verlangen 980 Euro, um uns nach Ungarn zu bringen.» Für einige ist dies unbezahlbar. Auch der 29-jährige Rizah, Vater eines Babys, kann sich die Dienste der Schlepper nicht leisten: 

«Ich hab das Geld nicht, ich weiss nicht, was ich machen werde.»

Währenddessen erreichen vier junge Kosovaren im Schneegestöber das Gasthaus Lira. «Wir werden es heute Abend auf eigene Faust probieren», sagen sie, nachdem sie erfahren haben, welche Preise die Fluchthelfer verlangen.

Verbündet mit lokaler Unterwelt

Anführer der Schlepper in Palic, die sich mit der lokalen Unterwelt verbündet haben, ist ein Mann namens Sami. «Macht eure Arbeit und kommt erst zurück, wenn sie erledigt ist», schnauzt er in sein Handy und lässt sich erst beruhigen, als einer seiner Mitstreiter ihm den Gewinn der vergangenen Nacht übergibt. An einem Tisch im Gasthaus zählt er das Geld.

Sami und seine Komplizen sind aber nicht die Einzigen, die von der Verzweiflung ihrer Landsleute profitieren. «Mein Chef ärgert sich, dass er nur zwei Busse besitzt. ‹Auch wenn ich fünf hätte, wären die Sitze eine Woche im Voraus ausverkauft›, hat er mir erzählt», berichtet einer der Busfahrer in Palic.

Seit Jahresbeginn haben bereits 13'000 Menschen in Ungarn Asyl beantragt. Ihre Zahl könnte sich 2015 auf insgesamt 100'000 belaufen, schätzt Antal Rogan, ein ranghoher Politiker der in Ungarn regierenden Fidesz-Partei. Dies wären mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

Die Behörden im Kosovo lassen keinen grossen Ehrgeiz erkennen, die Massenflucht aus ihrem Land zu verhindern. Stattdessen sehen sie das Nachbarland in der Pflicht, die Ausreisen zu verhindern.

«Serbien hat seine Tore weit geöffnet für illegal Ausreisende aus dem Kosovo.»

Kosovos Präsidentin Atifete Jahjaga

In this photo taken on Thursday, Oct. 16, 2014, Kosovo President Atifete Jahjaga gestures during an interview with The Associated Press in Kosovo's capital Pristina. Jahjaga welcomed the return of Erion Zena, an 8-year-old boy who was taken to Syria by his jihadi father, and pledged the Ballkan country will not tolerate religious extremists. (AP Photo/Visar Kryeziu)

Kosovos Präsidentin am 16. Oktober 2014.  Bild: Visar Kryeziu/AP/KEYSTONE

Begehrte serbische Pässe

Die serbische Polizei gab unterdessen bekannt, innert drei Tagen nahezu 450 Kosovo-Albaner an der Ausreise gehindert und festgenommen zu haben. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die einen serbischen Pass beantragt haben. 

A Serbian border policeman (R) checks a Kosovar man after he was detained while trying to cross the border to Hungary, in the town of Subotica, near the Serbian-Hungarian border, February 6, 2015. The European Union is experiencing a steep rise in the number of Kosovo citizens smuggling themselves into the affluent bloc, with 10,000 filing for asylum in Hungary in just one month this year compared to 6,000 for the whole of 2013. It follows a relaxation of travel rules allowing Kosovars to reach EU borders via Serbia and has coincided with political turmoil and street unrest in Kosovo fuelled by poverty, high unemployment and economically debilitating corruption. REUTERS/Marko Djurica (SERBIA - Tags: SOCIETY IMMIGRATION POLITICS)

Ein serbischer Grenzpolizist durchsucht einen Kosovaren, der beim Überqueren der ungarischen Grenze bei Subotica festgenommen wurde. Bild: MARKO DJURICA/REUTERS

Allein 60'000 solcher Anfragen wurden in den vergangenen Wochen nach Angaben Belgrads registriert. Die Kosovaren benötigen ein Visum, um in die EU einzureisen. Serbische Staatsangehörige können sich hingegen in den meisten EU-Ländern frei bewegen

(sda/afp)



Abonniere unseren Newsletter

Themen
1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

«Die Blauen»: Ex-AfD-Chefin Petry will offenbar neue Partei gründen

Nach ihrem Bruch mit der AfD arbeitet Frauke Petry offenbar an der Gründung einer neuen Partei. Bereits im Juli wurde die Domain «DieBlauen.de» registriert, bestätigt nun Petry.

Eines steht fest: Frauke Petry und ihr Ehemann Marcus Pretzell wollen die AfD verlassen. Nun scheinen sie bereits an einer neuen Alternative zu basteln – unter dem Namen «Die Blauen».

Denn bereits am 3. Juli wurde die Internetdomain «DieBlauen.de» registriert. Die Anmelderin nennt sich «Frauke Petry», die Postanschrift sei dieselbe wie bei Petrys einstiger Patentanmeldung für Reifenfüllstoffe, wie der AfD-Berichterstatter bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», Justus Bender, …

Artikel lesen
Link to Article