Europa
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epa04197050 European People's Party candidate as President of the European Commission Jean-Claude Juncker, right, and his counterpart from the Party of the European Socialists Martin Schulz, left, pose for media prior to a live television discussion at the capital studios of the ZDF (Second German Television) in Berlin, Germany, 08 May 2014.  EPA/Markus Schreiber / POOL

Beide wollen Präsident der EU-Kommission werden: Der amtierende EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (links) und sein Kontrahent Jean-Claude Juncker, ehemaliger Regierungschef Luxemburgs. Bild: EPA/AP POOL

Die Kandidaten für den EU-Chefposten im TV-Duell

Ohne echte Streitpunkte wird der Angriff zur besten Werbung

Der deutsche SPD-Mann Martin Schulz attackiert, auch sein konservativer Widerpart aus Luxemburg, Jean-Claude Juncker punktet. Aber die Kandidaten müssen sich beim ersten deutschsprachigen TV-Duell vor der Europawahl fast anstrengen, echte Streitpunkte zu finden – persönlich schätzt man sich sehr.

09.05.14, 05:33 09.05.14, 09:23

Ein Artikel von

Gordon Repinski und Christoph Schult / Spiegel

Und plötzlich war es mit der fröhlichen Gesprächsatmosphäre vorbei. Gerade noch hatten die Kandidaten über ihr Alter gewitzelt, hier ein Scherz, da eine Frotzelei. Dann ging es um den EU-Beitritt der Türkei. Und Martin Schulz wechselte in die Rolle Angreifers. Jetzt stellte er plötzlich die Fragen an Gegner Jean-Claude Juncker.

Und die Moderatoren? Wurden nicht mehr gebraucht.

«Sind Sie für oder gegen den EU-Beitritt der Türkei?».

«Ich bin dafür, mit der Türkei zu verhandeln», antwortete Juncker.

«Also sind sie dafür, dass die Türkei beitritt?», hakte Schulz nach.

«Sie sollten sich daran gewöhnen, manche Fragen differenzierter zu beantworten, als mit Ja oder Nein.»

Martin Schulz gegen Jean-Claude Juncker - es ist ein Duell, dass es so noch nicht in Europa gegeben hat. Erstmals treten zu einer Wahl des Europäischen Parlaments Spitzenkandidaten für Parteifamilien an, Schulz ist der gemeinsame Kandidat der europäischen Sozialisten, der Luxemburger Juncker geht für die Konservativen ins Rennen.

Zweieinhalb Wochen haben die beiden noch, durch die restlichen der 28 EU-Länder zu reisen und Werbung für sich zu machen. TV-Duelle in verschiedenen Ländern wurden zu Beginn der Kampagnen geplant, der Auftritt am Donnerstagabend war der zweite. Zudem das erste in deutscher Sprache.

Dass Deutschland damit eine Sonderbehandlung in Europa bekommt, geschieht nicht ohne Grund: Schliesslich ist für die beiden Kandidaten das Land mit den meisten EU-Ländern auch das Land, in dem es die meisten Sitze im Parlament zu holen gibt.

Und darauf dürfte es am Ende ankommen. Denn Juncker und Schulz liefern sich mit ihren Fraktionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Und nur der Kandidat mit der stärksten Fraktion hinter sich hat echte Chance, am Ende auch EU-Kommissionspräsident zu werden - so etwas wie der Bundeskanzler Europas also.

Frauenquote vs. Steuerwettbewerb

Dass beide die Chance ergreifen wollen, wurde beim Schlagabtausch beim ZDF in Berlin schnell klar. Immer wieder zeigten die beiden sich angriffslustig. Beispiel Steuerpolitik: Der konservative Juncker plädierte dafür, «auch steuerlichen Wettbewerb» zuzulassen. Schulz punktet mit seinem Bekenntnis zur Frauenquote: «Ich will eine Kommission, die zur Hälfte aus Frauen besteht.»

«Da bin ich entschieden anderer Meinung», ging Schulz dazwischen. Gerade das sei die Ursache für einen Unterbietungswettbewerb im Steuersystem. Lange deutete es in dem Wahlkampf nicht darauf hin, dass es zu diesen Gefechten kommen würde. Zu ähnlich sind sich die beiden Kandidaten in vielen inhaltlichen Punkten, zu sehr schätzen sie sich auch persönlich.

Gelegentlich werden auch die Gemeinsamkeiten deutlich. Beispiel Ukraine: Juncker fordert, den Gesprächsfaden mit Russland nicht abreissen zu lassen. Schulz will die Ukraine um jeden Preis zusammenhalten. Im Kern sind sich beide in den Punkten nah.

Auf die Ähnlichkeiten angesprochen antwortet Juncker spöttisch: «Ich verstehe Wahlkampf nicht als das Organisieren von Massenschlägereien.»

Wendepunkt auf dem Weg zur Europawahl

Trotzdem: Das TV-Duell scheint eine Art Wendepunkt auf dem Weg zur Europawahl zu markieren. Spätestens ab jetzt sind beide im Wahlkampf-Modus. Jetzt kämpft jeder für sich selbst.

Auch beim Abschlussstatement wird klar, dass hier ein Konservativer gegen einen Linken kämpft. Schulz, der Sozialdemokrat, stellt die «Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa» als sein wichtigstes Ziel voran. Jean-Claude Juncker dagegen will «dauerhaftes Wachstum, Ergo: stabile Staatsfinanzen».

Immer versuchen sich beide abzugrenzen, das erste Mal auch in der breiten Öffentlichkeit. Schulz ist der bessere Angreifer, Juncker punktet mit seiner langjährigen Erfahrung als Regierungschef: Als Schulz behauptet, Merkel habe den Türkei-Beitritt beschlossen, belehrt ihn Juncker eines besseren. Das habe Schulz' Parteifreund Gerhard Schröder 1999 als Kanzler mitentschieden, auf dem Gipfel von Helsinki. Er wisse das genau, er sei nämlich dabei gewesen.

Es lässt interessante letzte Wahlkampfwochen erwarten. Endlich. 



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