Facebook

Die drei Ello-Gründer: nicht nur Computer-Nerds, auch Künstler und Kreative tummeln sich auf Ello.  Bild:

Soziales Netzwerk Ello

Ein bisschen Text, Nacktbilder, Pseudonyme: ist das das Rezept gegen Facebook?

Werbung? Fehlanzeige! Das soziale Netzwerk Ello positioniert sich gerade recht erfolgreich als Alternative zum durchreguliertem Facebook. 

26.09.14, 15:56 30.09.14, 19:06

ole reissmann / spiegel online

Ein Artikel von

Ein kleines, auf Pump finanziertes Netzwerk will es mit dem Giganten Facebook aufnehmen. Auf Werbung wollen die Macher von Ello verzichten: Der Nutzer soll nicht das Produkt sein, das verkauft wird. Neue Funktionen sollen sich dann auch ausschliesslich an den Bedürfnissen der Mitglieder orientieren – nicht an denen der Werbekunden. 

Einlass findet derzeit nur, wer eine Einladung auftreiben kann. Die werden zum Beispiel auf Twitter verschenkt. Einmal drin, fällt vor allem die grosse Leere auf: ein bisschen Text, grosse Fotos, viel Platz. Ello hat bisher nur rudimentäre Funktionen. Keine Fotoalben oder Gesichtstags, dafür aber viel Weissraum.

Seit vergangenem Jahr arbeiten der Kidrobot-Designer Paul Budnitz, das Büro Berger & Föhr und die Entwickler von Mode Set an ihrem Netzwerk. Jetzt geht es richtig los: Mehrere grosse US-Seiten berichten lobend über Ello, alle drei, vier Tage soll sich die Nutzerzahl derzeit verdoppeln.

Nacktbilder gehen in Ordnung

Einer der Gründe für die plötzliche Popularität: Facebook hat gerade mehrere Dragqueens gesperrt, die statt ihres echten Namens einen Künstlernamen angegeben hatten. Die Facebook-Polizei beharrt auf dem Zwang zu echten Namen – aus diversen Gründen eine schlechte Idee – und bringt damit nun die Queer-Community gegen sich auf. 

Bei Ello muss niemand seinen offiziellen Namen angeben. Kein Spam, kein Hass, keine Bots, keine Parodie, das sind die Ello-Regeln. Die Nutzer sollen sie selbst und nett zueinander sein. Noch ein Unterschied zu Facebook: Nacktbilder gehen in Ordnung, wenn die Nutzer ihr Profil mit der Warnung NSFW versehen, not safe for work.

Nur wer nicht nett ist und gegen das Manifest verstösst, soll rausfliegen. Eine Funktion, mit der Nutzer aufdringliche Zeitgenossen stummschalten könnten, fehlt bisher allerdings. Auch sonst wirkt Ello an vielen Ecken noch unfertig. Das Interesse war diese Woche so gross, dass zeitweise keine neuen Einladungen mehr ausgegeben werden konnten.

Ein bisschen Text, Fotos, viel Platz – Website von Ello. Bild: 

Diaspora und App.net

Eine werbefreie Alternative zu Facebook sollte schon Diaspora werden. Vor vier Jahren sammelten vier Studenten 200'000 Dollar für ihr Netzwerk und programmierten eine dezentrale Plattform. Doch die Nutzer blieben lieber bei Facebook, zwei Jahre später gaben die Entwickler ihr Projekt auf. Die Überreste des Diaspora-Traums werden von Freiwilligen verwaltet. 

Als nächstes ging App.net ins Rennen, eine minimalistische Kurznachrichten-Plattform. App.net sollte ein Bindeglied zwischen Webdiensten sein, den Facebook-Loginbutton ersetzen, der auf vielen Webseiten und in vielen Apps mittlerweile auftaucht. Der Erfolg lässt allerdings noch auf sich warten.

Wieder zwei Jahre später ist jetzt Ello die nächste Facebook-Alternative, die es gross in die Medien schafft. Kein Wunder: Facebook mag zwar weiter wachsen, wird aber auch nicht sympathischer. Im Gegensatz zu den eher technischen Projekten Diaspora und App.net steht bei Ello von Anfang das minimale Design im Vordergrund. Blättert man die Liste der ersten Nutzer durch, finden sich darunter viele Kreative - nicht bloß männliche Software-Entwickler.

Sorge um finanzielle Unabhängigkeit

Künftig sollen die Nutzer Ello finanzieren, indem sie für zusätzliche Funktionen Geld bezahlen. Bis es soweit ist, greifen die Ello-Entwickler auf fremdes Kapital zurück: 435'000 Dollar hat die Ventura-Capital-Firma FreshTracks Capital im März ausgelegt. 

Der Web-Entwickler Andy Baio warnt deswegen vor allzu grossen Unabhängigkeitsträumen: Zwar haben die sieben Ello-Gründer das Sagen, doch die Investoren würden schliesslich ihr Geld zurückverlangen. Und ein Manager der Venture-Capital-Firma sitze im Aufsichtsrat von Ello: In der Regel würde so ein Investment in ein Start-up auf einen Exit abzielen, also einen Börsengang oder einen Verkauf an eine andere Firma.

Die Ello-Gründer halten dagegen, dass ein Verkauf von Nutzerdaten oder das Schalten von Werbeanzeigen für sie nicht in Frage kommt. Die Nutzer, sie eingeschlossen, würden sonst das Netzwerk verlassen. Das Löschen eines Accounts soll ganz einfach gehen. Bisher fehlt allerdings auch eine Funktion, die in Ello gespeicherten Nutzerdaten - Texte und Bilder – zu exportieren.

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