Film

Ein Staat verbleicht: Kurz nach der deutschen Wende zeigte das Xenix im April 1990 einen DDR-Zyklus. Bild: Kurt Seiler

Schätze aus dem Kino Xenix

Sie haben leere Wände? Dann raten wir Ihnen zu 60 wundervollen, wilden Zürcher Kinoplakaten!

31.08.14, 18:08 12.05.15, 18:19

Liebespaare kennen die Kinosofas. Trinker die Bar. Ganz Zürich kennt den Kiesplatz davor mit den Tischen und Stühlen, die schon Retro waren, bevor dieser chic und teuer wurde. Und den Flohmarkt am Samstagmorgen. Zum Openair gibts Wolldecken. Manchmal gibts auch etwas zu Essen. Und wir aus den Kreisen drei, vier und fünf, wir wüssten ohne Xenix oft nicht wohin. Weil es immer da ist, und weil die Bar eins der wenigen Zürcher Bollwerke gegen allzu lahme Sonntagabende ist.

Das Xenix, das einst aus dem Ausdruck «Gseh-Nix» entstand, war eine der kulturellen Sturzgeburten der Zürcher Jugendbewegung Anfang der 80er-Jahre war. Heute ist es 33, und wenn man die Jugenbewegungen von einst und ihren Slogan «Trau keinem über 30!» ernst nehmen würde, dann wäre ihm jetzt nicht mehr zu trauen. Dem Betrieb, der zuerst ein Wanderzirkus war, bevor er im September 1984 in der alten Baracke neben dem Kanzleischulhaus sesshaft wurde. Und der mit dem Alter immer schöner wurde.

Aber das Xenix bleibt, was es schon immer war, ein Programmkino mit mal nostalgischem, mal avantgardistischem Blick abseits aller Terminkalender. Ein Xenix-Programm ist Monat für Monat eine Überraschung und im besten Fall ein kleines Festival. Und ein Xenix-Programm ist Monat für Monat ein Plakat. Eine Auftragsarbeit an eine Grafikerin oder einen Gestalter. Ein Auftrag, der künstlerische Autonomie bedeutet. Ein Angebot, sich inspirieren zu lassen. Vom Weltkino und seinen Regisseuren, aber auch von Weltstars wie dem frühen Johnny Depp, der blutjungen Scarlett Johansson, dem zerknautschten Steve Buscemi, der immer schon grossartigen Tilda Swinton. 

Was zum Teufel hat dieses Plakat aus dem Sommer 2000 mit Al Pacino, Anna Magnani und schwulen Filmen zu tun? Nichts und alles! Zu sehen ist nämlich das Xenix-Areal, also die gemeinsame Heimat all dieser Filme, als Bastelbogen. Bild: Basil Vogt

Im September 1988 wurde der Picadilly Circus in London als pittoreske Retro-Szenerie gezeichnet. Die Figuren wirken wie von Sempé. Bild:  anonym

Griechische Schriftzeichen, ein Mäander-Band aus internationalen Alphabeten, ein Schwammverkäufer – und was will uns dies im Januar 1994 sagen? Etwa, dass alle westlichen Kulturen irgendwie auf der Antike beruhen und diese wie Schwämme aufgesogen haben? Bild: Ilia Vasella

Ein frohes Fest der Streifen: Fesche Flösserinnen kontrastieren im Juni 1990 klare grafische Elemente im Dienst des nordischen Films. Bild: Kristin Irion

Ken Loach wurde im Xenix schon mehrfach beehrt, hier im Oktober 1992 mit Arbeitersilhouetten vor Arbeitersiedlungsstrassen. Bild: Brigitte Nyffenegger

Hommage an den japanischen Regisseur Nagisa Oshima nach Art der japanischen Tuschemalerei aus dem November 1983. Bild: Alfred Messerli

Zwischen Drachenblut und Blumen: Maggie Cheung, die Diva des Hongkong-Kinos, bezirzte im Januar 2005. Bild: Theres Steiner

«Am Anfang war das Feuer» sagt und diese Hippieschrift-Komposition aus dem Januar 2000. Bild:  Michel Casarramona

60 von über 300 Xenix-Plakaten gibt es jetzt in einer Sonderausgabe, auf 30 beidseitig bedruckten A2-Bögen. Die beiden Gestalterinnen Cornelia Diethelm und Sabina Albanese haben sie ausgewählt und dafür eine Kartonmappe angefertigt, und da steht man jetzt vor drei Jahrzehnten Zürcher Film- und Plakatgeschichte und hat keine Wand, die gross genug wäre, um sie damit zu tapezieren.

Das Zürcher Museum für Gestaltung hat das netterweise übernommen, vor dem grossen Vortragssaal gehört jetzt eine Wand ganz dem Xenix, und der angrenzende Flur ist mit Einzelplakaten bestückt. Und da sind sie: all die Lockvögel, ausgesetzt auf den weiten Strassen der Kinofanherzen. Mal ernst, gelegentlich gar albern (etwa die Reihe «WC-Filme»), auf jeden Fall leidenschaftlich. 

Und: Wilde, bunte und ewig junge Rauchzeichen im visuellen Gedächtnis von Zürich. Rückkoppelungen an Gründerseelen, die einst so viel für Zürichs Kulturlandschaft erreichten, wie es den grossen Institutionen höchstens punktuell gelang. Das Xenix, die Rote Fabrik, das Moods, die WoZ, das Theaterspektakel, sie wären nicht, wenn Zürich in den 80ern nicht gebrannt hätte. Und sie brennen immer noch weiter. Unermüdlich, kreativ, schön und gern auch stachelig. Feurige Rosen. 

Der portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira ist wird am 11. Dezember unfassbare 106 Jahre alt. Sein Werk reicht bis in die Stummfilmzeit zurück, und bereits seit 2001 gilt er als noch ältester aktiver Filmemacher der Welt. Im November 1994 verewigte Daniel Müller fürs Xenix eine Retro zu seinen Ehren auf der Imitation einer portugiesischen Kachelwand. Bild: Daniel Müller

Nacktkultur, natürlich schwul und hier sehr heldisch. Im Juni 1986. Bild:  anonym

Und auch im September 2004 scheint sich eine heimliche Leidenschaft der Xenixen zu offenbaren! Und da dieses Thema offenbarer Voyeuristen-Trash ist, wurde das Bild auch nach Art billiger Trashmagazine extragross gerastert. Bild: Bonbon – Valeria Braun

(Kein) Entkommen! Okay, Bikerfilme sind eine heimliche Leidenschaft gewisser Xenix-Programmeure und finden sich regelmässig in diversen Retrospektiven wieder. Februar 2009. Bild: Trix Barmettler

Uschi Glas hat Wirtschaftswunder-Spass, und die DDR feiert Auferstehung im revolutionären Film. Man beachte hier besonders die diversen Schiessgeräte, aus denen das schwarz-rot-goldene deutsche Band abgefeuert wird. Eine Kult-Retrospektive aus dem April 2005. Bild: Trix Barmettler, Miriam Bosshard

Oh, Pedro! Der spanische Kinogott verwandelte im Januar 1995 das Kino in einen Laufsteg exaltierter Weiblichkeit und schöner Männer. Bild: Alberto Vieceli

Die schönsten Xenix-Plakate aus über 30 Jahren

Die von Cornelia Diethelm und Sabina Albanese gestaltete Mappe mit den Postern und mehreren Essays gibt es unter dem Titel «Kino Xenix – Plakate 1981-2013» für 58 Franken im Museum für Gestaltung, im Xenix, im Buchhandel oder beim Applaus Verlag. Alle hier gezeigten Bilder sind aus der Mappe.

Das Museum für Gestaltung zeigt die Plakate bis zum 28. September.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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