Film

Kristen Stewart im Kampf mit der amerikanischen Presse bzw. dem Zauberwald in «Snow White and the Huntsman». Bild:

Nur brave Homos sind gute Homos: Wieso die People-Presse die Liebe von Kristen Stewart und Cara Delevingne zu Frauen monatelang tabuisierte

24.06.15, 13:46 29.12.15, 10:13

Manchmal würde es von simplem Respekt zeugen, wenn die Medien vor dem Schreiben recherchieren würden. Das gilt in diesem Fall auch für uns. Denn auch wir meldeten letzte Woche ganz überenthusiasmiert, dass Kristen Stewart jetzt mit ihrer «persönlichen Assistentin» Alicia Cargile liiert sei. Alle meldeten das so. Obwohl Alicia Cargile eine Frau mit einem eigenständigen Beruf ist, keine Abhängige von Kristen Stewart.

Alicia Cargile arbeitet nämlich seit zwei Jahren bei der Nomad Editing Company in Santa Monica, sie hat dort die Special Effects für «Kill Your Darlings» mit Daniel Radcliffe gemacht und für Werbespots von Starbucks und Hyundai. Davor war sie für Produktion und Postproduktion zahlreicher Musikvideos, etwa für Alicia Keys, Maroon 5 oder Ke$ha, verantwortlich. Eine Frau mit einem satten Portfolio und viel Erfahrung also, die sich bedanken würde für einen 24-Stunden-Celebrity-Sklaven-Job als Assistentin eines Hollywoodstars.

Was nicht gesagt ist, ist nicht wahr

Dass die Medien letzte Woche die Liebe der beiden weltweit verkündeten, geschah bloss zufälligerweise, weil Kristen Stewarts Mutter in einem Interview davon erzählt hatte. Und plötzlich stand es da, plötzlich gab es keine Ausreden mehr: Kristen Stewart liebt jetzt eine Frau. Liebt, liebt, liebt. Plötzlich wurde daraus die aufgebauschte Coming-Out-Story des Sommers. 

Zwei, die zusammen sind. Und zwar richtig: Alicia Cargile und Kristen Stewart. Bild: FAMEFLYNET DUKAS

Dabei waren die beiden zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate zusammen und versteckten dies nicht. Sie küssten sich am Strand von Hawaii, sie gingen zusammen einkaufen, sie besuchten das Coachella-Festival, sie wohnten zusammen, sie waren, für alle sichtbar, ein Paar. Entspannt, glücklich. Alles war klar. Bloss sagte es niemand so richtig. Und was nicht gesagt ist, ist nicht wahr. Ist ein Tabu

Die Paparazzi-Presse gab sich also verklemmt, berichtete in den teilnahmslosesten Sätzen über die beiden und fragte nicht ein einziges Mal nach Cargiles richtigem Job. Dagegen wurden nie enden wollende Gefühlsschübe von Stewart in Richtung Pattinson und dessen Verlobter, der Sängerin FKA Twigs, insinuiert. So, wie Jennifer Aniston auch heute noch Brad Pitt nachtrauern soll. Stewart und Cargile wurden immer wieder zu «gal pals», «BFFs», besten Freundinnen.

«Der People-Journalismus schafft durch seine Allgegenwärtigkeit durchaus gesellschaftliche Sichtbarkeit und damit Relevanz.»

Zur gleichen Zeit in England: Seit sieben Monaten ist Cara Delevingne, das angesagteste Supermodel der Welt, mit St. Vincent, Queen des Indie-Pop, zusammen. Für alle Welt sichtbar. In your face. Auf roten Teppichen, Gala-Events, Modeschauen. Wäre St. Vincent ein Mann, die Presse hätte sich seit vergangenem Dezember nicht mehr eingekriegt über ein so definitionsmächtiges, übercooles Power-Couple. So, wie sie einst Delevingne und den Musiker Harry Styles tagtäglich abfeierte. Aber erst jetzt wagte die «Vogue» mal so richtig nachzufragen und seit vergangenem Freitag ist klar: Die beiden haben eine grosse, starke, stabile Beziehung und fertig.

Traumpaar: Cara Delevingne und St. Vincent. Bild: DUKAS

Der Boulevard liebt es, heterosexuelle Paare tagtäglich durch alle Stationen des Paar-Desaster-Fleischwolfs zu drehen. Clooney und Amal? Verliebt, verheiratet, in Scheidung, doch nicht, oder doch? Beyoncé und Jay Z? Toootal verkracht, Millionen-Scheidung steht bevor, verliebt wie nie, schon wieder schwanger? Die Liebesleben von Miley Cyrus und Taylor Swift? C.H.A.O.S! Und kann man nicht noch irgendwo, irgendwas dazudichten?

Lindsay Lohan ruft Paparazzi an

Und wie verhält sich der People-Journalismus, der mit seiner Allgegenwärtigkeit durchaus gesellschaftliche Sichtbarkeit und damit eine gewisse Relevanz schafft, zu gleichgeschlechtlichen Promi-Paaren? Zu Ellen DeGeneres und Portia de Rossi? Zu Elton John und David Furnish? Zu Patrick Harris und David Burtka? Zu Ellen Page oder Beth Ditto und ihren Lebensgefährtinnen? 

Er verhält sich gar nicht. Er blendet aus. Ausser bei Lindsay Lohan. Ihre gewitterhafte Liebe zu Samantha Ronson war vor ein paar Jahren tägliches Paparazzi-Futter. Aber Lindsay Lohan, diese Ruine eines einstigen Kinderstars, die ausser ihrem puren Dasein keine Karriere mehr hatte, lebt in einer Symbiose mit der Presse. Lindsay Lohan ruft die Journalisten an und sagt ihnen, wann ihr wo was zustossen wird. 

Lieb und lustig: Ellen DeGeneres und Ehefrau Portia de Rossi. Bild: Jordan Strauss/Invision/AP/Invision

Doch sonst will der Boulevard von gleichgeschlechtlichen Paaren am liebsten eins: heile Welten, heile Familien, Harmlosigkeit, Überanpassung. Gerade in Amerika gilt: Nur brave Homos sind gute Homos. Nur wer versucht, exakt das zu re-inszenieren, was der Boulevard den Heteros schon längst abspricht, ist für den Hetero-Mainstream attraktiv. Denn die Märchen der Masse, die sind nun mal einfach heterosexuell. Neil Patrick Harris gibt sich wenigstens noch Mühe, zu den Feiertagen rührselige Familienbilder mit seinen Kindern zu vertwittern.

«Mit Robert Pattinson war Kristen Stewart früher Teil eines Wirtschafts-Imperiums namens ‹Twilight›.»

Cara Delevingne dagegen gilt als «wild child», ebenso wie Kristen Stewart. Also als unabhängig, unkonventionell, ein bisschen fremd. Kristen Stewart wird oft als distanziert und kratzbürstig beschrieben. Das war sie allerdings auch schon früher.

Bloss war Kristen Stewart früher – mit Robert Pattinson – Teil eines riesigen Unternehmens namens «Twilight». Und das private Drama war für das professionelle ein erstklassiger PR-Stunt. Enorm viele Leute dürften da an einer steten medialen Aus- und Abschlachtung der beiden interessiert gewesen sein. Jetzt sind da zwei berufstätige Frauen, von denen die eine gerade in europäischen Arthouse-Filmen reüssiert und die andere ein Nerd ist. 

Eine Liebe wie im Film! Robert Pattinson und Kristen Stewart vor Jahren, im Central Park, äh, nein, natürlich in «Twilight» Bild: AP Summit Entertainment

Amerikas liebstes lesbisches Paparazzi-Futter: Lindsay Lohan und Samantha Ronson. Bild: X17

Nun kann man natürlich sagen, dass es nichts Angenehmeres gibt, als vor lauter Desinteresse sedierte Paparazzi. Nur sind sie das nicht. Sie folgen Kristen Stewart und Cara Delevingne weiterhin. Bloss unbeholfener. Und gehorchen damit einer kulturgeschichtlichen Konstanten.

Das «Lilienbanner» der lesbischen Liebe

Denn es gibt zwei kulturelle Perspektiven auf Frauenpaare: die pornografische, die eine Lindsay Lohan gern und eifrig bedient, und die utopische. Letztere idealisiert und stilisiert lesbische Liebe bis zur Abwesenheit aller Sinnlichkeit, bis zur absoluten Leere. 1938 schrieb Walter Benjamin: «Die lesbische Liebe trägt die Vergeistigung bis in den weiblichen Schoss vor. Dort pflanzt sie das Lilienbanner der reinen Liebe auf, die keine Familie und keine Schwangerschaft kennt.»

Die Kunst- und Literaturgeschichte, die Philosophie bis zu den französischen Dekonstruktivisten, die Psychoanalyse sind durchdrungen von der Vorstellung einer interesselosen, leidenschaftsfreien, irgendwie sterilen, total friedlichen Liebe zwischen zwei Frauen. Mit dem Leben hat das alles nichts zu tun. Die Lesbe als Leerstelle. Robert Musil träumte sogar davon, dass sich die Welt vor kommenden Kriegen retten liesse, wenn alle Menschen Lesben würden. Und das Grundrauschen all dessen: die Hilflosigkeit der Männer gegenüber einem Phänomen, zu dem ihnen der Zugang fehlt.

Eine Hilflosigkeit, die neben Ignoranz enorm viel Fiktion, Fehlinformation, Respektlosigkeit und fortwährende Tabuisierung gebiert. Und die am Ende von genau dem zeugt, was Dichter, Philosophen und Paparazzi vorgeben, überwunden zu haben: nämlich von uralter, noch immer latent wirksamer Homophobie.

Kristen Stewart für Vanity Fair

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Metalhat 25.06.2015 01:22
    Highlight Schon eine verzwickte Welt diese Boulevard Presse, man könnte doch auch einfach die Leute so leben lassen wie sie wollen, aber naja, solange man damit Geld verdient...

    Was mich aber viel interessanter dunkt, imfall jetzt echt, was ist das für ein übergrosser Stecker in der Wand auf dem ersten Kristen Stewart Bild?!
    12 0 Melden
    • Simone M. 25.06.2015 07:19
      Highlight that is indeed the question! wahrscheinlich soll er «powerfrau» signalisieren...;)
      4 0 Melden
  • Sunking_Randy_XIV. 24.06.2015 21:32
    Highlight Guter Artikel, aber irgendwie klingt das fast schon servile Geschreibe über irgendwelche überbezahlten Glitzerweltpromis ja selber schon nach People-Presse. Das Leben dieser Menschen hat ja eh kaum etwas mit der Lebensrealität eines Normalos zu tun, also ist doch auch eine Analyse, wie die Leserschaft der Boulevardpresse die Beziehung dieser Frauen aufnimmt, irgendwie irrelevant. Wäre es nicht viel wichtiger über Homosexuelle und deren Akzeptanzprobleme zu reden, die eben nicht auf Titelseiten hipper Magazine erscheinen?

    7 3 Melden
  • zimtlisme 24.06.2015 18:12
    Highlight hey psst...vielleicht ist die stewart ja bisexuell..! die gibts nämlich auch. es mag ja eine 'lesbische liebe' sein, aber gut möglich, dass mindestens eine partnerin darin ja bi ist. numä so.
    14 2 Melden
    • Simone M. 25.06.2015 07:18
      Highlight ja eh. sogar ziemlich sicher. und vielleicht ist sie nach alicia cargile wieder mit einem mann zusammen. trotzdem gewichten und bewerten die medien das bis heute immer noch unterschiedlich. that's my point.
      5 0 Melden
  • Eisenhorn 24.06.2015 17:52
    Highlight Ich interessiere mich nicht für die Sexuelle Ausrichtung von irgendwelchen Leuten von denen ich nicht gerade selber sexuell angezogen bin. Deshalb ging mir auch das Wurscht Thema zum ESC auf den Wecker weil es etwas als besonders thematisiert was eigentlich niemanden zu interessieren bräuchte. Ich werde kein Song/Film/Sänger/Sängerin gut oder schlecht finden aufgrund der Sexuellen Ausrichtung. Wiederum soll niemand von mit erwarten das ich mich dafür zu interessieren habe oder mich damit beschäftige. Ich habe ein Desinteresse für Transsexuelle, Homosexualität, Autos,Konsolenspiele und Promis.
    13 4 Melden
    • SVRN5774 25.06.2015 12:54
      Highlight Hahaha ich schliesse mich an. :D
      Es ist so als würde man berichten, dass jemand Nudeln viel lieber mag als Pizza. Who cares?!
      5 0 Melden
  • _mc 24.06.2015 14:31
    Highlight Neeeeeeeinn!! Caaaaaraaaaa!!!!!!
    7 3 Melden
  • Coffee2Go 24.06.2015 14:03
    Highlight Robert Pattinson war so schlecht, da musste sie einfach lesbisch werden! Versteht doch jeder!
    24 27 Melden
    • Simone M. 24.06.2015 15:48
      Highlight Das hätte ich jetzt nicht zu behaupten gewagt...
      6 3 Melden
    • Macke 24.06.2015 16:04
      Highlight Und schon wieder ein Kommentar, der vor Homophobie nur so strotzt: Das Lügenmärchen von Lesben, die nur lesbisch werden, weil sie (sexuell) enttäuscht wurden von Männern. Die Bedeutung von Sex mit Männern wird in deinem Kommentar völlig überschätzt. Zudem ist es unangebracht, Beziehungsformen und sexuelle Identitäten in eine Hierarchie zueinander zu bringen a la Flussdiagramm "Habe Sex mit Pattinson --> Verändere deine sexuelle Identität". Ich nehme an, dass du deinen Kommentar witzig/ironisch meintest. Aber trotzdem hältst du ein Lügenmärchen aufrecht und verbreitest es. Damit trägst du genauso zur Diskriminierung bei, wie andere mit ernstgemeinten homophoben Aussagen. Du schaffst ein Homo-feindliches Klima und bist Teil des Problems. Also sage nächstes Mal doch einfach nichts.
      43 29 Melden
    • Simone M. 24.06.2015 16:26
      Highlight Bitte? Da hast du aber restlos alles in diesem Text falsch verstanden. Mit enttäuschten Frauen hat das rein gar nichts zu tun, sondern mit einer vollkommen freien Auffassung von Sexualität. Vielleicht liebt die eine von beiden übermorgen wieder einen Mann und in einem Jahr eine Frau? So fucking what? Die Medien gewichten und bewerten es trotzdem anders. Darüber geht dieser Text. Und er ist kein bisschen ironisch gemeint. Das käme mir als Lesbe in diesem Zusammenhang auch echt nicht in den Sinn. Also: Schreib nächstes Mal besser nichts.
      14 6 Melden
    • compuking 24.06.2015 16:31
      Highlight Ich glaube du hast den Sarkasmuss nicht verstanden!

      Ich kann Hans jetzt nur zustimmen :D
      5 5 Melden
    • Simone M. 24.06.2015 16:34
      Highlight ach so! hans meinte das alles nur «witzig/ironisch»! ja dann... :D:D:D
      4 1 Melden
    • compuking 24.06.2015 16:36
      Highlight @Simone: ich habe mich auf Macke und nicht dich bezogen.
      Das war jetzt ein wenig verwirrend mit der Aufschalterei :)
      7 0 Melden
    • Simone M. 24.06.2015 16:51
      Highlight ja, ich meinte auch macke und nicht hans. hans hat recht... so ein trouble aber auch hier, soooooorry...
      4 1 Melden

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