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Was sieht Anna Odell denn da? Ihre alte Klasse! Beide haben keine Freude aneinander. Bild: Filmcoopi

«The Reunion»: Klassentreffen des Grauens

Who the hell is Anna Odell? Eine Schwedin, vor der Sie sich in Acht nehmen sollten!

Sie liess sich für die Kunst schon verhaften und in der Psychiatrie ruhigstellen und sie spielt in «The Reunion» eine möglichst eklige Fassung von sich selbst: Die Künstlerin Anna Odell schont sich nicht.

Mögen Sie Klassentreffen auch so sehr? Also zum Beispiel Sie, die Sie nie das schönste und nie das lustigste Mädchen waren, aber trotzdem das Gefühl hatten, irgendwie etwas Besonderes zu sein. Bloss, dass das nie jemandem aufgefallen ist ausser Ihnen. Oder Sie, der Sie beim Wort Alpha einfach nicht ans Alphatier, sondern an die Schönheit des altgriechischen Alphabets denken mussten.

Es wird sich an einer Klassenzusammenkunft an Ihrer Rolle rein gar nichts geändert haben, egal, wie viele Jahre lang Sie Ihre Klassenkameraden von einst nicht gesehen haben, machen Sie sich da bloss keine Hoffnung. Es gibt da eine gewisse Grausamkeit einer gesellschaftlichen Grundstruktur, an der sich nichts ändern lässt.

Dass Sie im kollektiven Auge der Klasse restlos alles falsch gemacht haben, das merken Sie spätestens dann, wenn Sie nicht zu einem Klassentreffen eingeladen werden. So, wie Anna Odell. Worüber sie sich nicht wirklich wunderte, aber wahnsinnig ärgerte. Weshalb daraus «The Reunion» entstanden ist. Und der Film, der letzten Herbst am Filmfestival von Venedig einen Preis einheimste, ist eine äusserst irritierende Angelegenheit.

Die Neue in der europäischen Kinoklasse

«The Reunion» geht so: Anna Odell fährt zu einem Klassentreffen und hält dort eine Rede darüber, wie sie zur Schulzeit gemobbt worden ist. Es ist eine jener Reden, für die sich jeder der Anwesenden fremdschämt, so ein furchtbarer Seelenstriptease, der immer schlimmer wird, weil Anna Odell einfach nicht aufhört mit Vorwürfen und Enthüllungen. Bis sie rausgeschmissen wird. Das erinnert alles sehr stark an «Festen» (1998) von Tomas Vinterberg: Ein Sohn entlarvte da auf einer Familienfeier den Vater als Sexualverbrecher.

Dies ist der erste Teil eines Films, den man eigentlich nicht Film nennen kann, denn er ist vielmehr eine investigative Video-Installation. Denn nach dem Klassentreffen, über dessen wahre Beschaffenheit hier nichts mehr verraten sei, folgen Gespräche darüber. Im Film werden sie von Schauspielern nachgestellt, stattgefunden haben sie tatsächlich genau so zwischen Anna Odell und ihrer alten Klasse. Und viel zu oft erkennt man sich in diesem seltsamen, zugleich amüsanten und peinigenden Film wieder. Weil Anna Odell bei aller scheinbaren Selbstbezogenheit eine allgemein gültige soziale Strukturanalyse liefert.

Und jetzt ist sie also in Zürich und sitzt im Hotel Montana an der Konradstrasse hinter dem Bahnhof und ist gar nicht jenes unerträgliche Reibeisen aus dem Film, sondern eine einnehmende 40-Jährige mit auffallenden Augen, mit Haar, um das sie jedes Szenemädchen beneidet, und in einem von ihren vielen weissen, schwarz bedruckten T-Shirts.

In Schweden ist sie eine der meistfotografierten Künstlerinnen, sie sieht aus wie ein fragiler Rockstar, und die Verve, mit der sie sich selbst zum Teil ihrer Kunstprojekte macht, ist tatsächlich umwerfend. Ausserhalb von Schweden lernt man sie jetzt langsam kennen. Anna Odell ist neu. Quasi die Neue in der grossen, europäischen Kinoklasse. Und anders als früher, zur Schulzeit, sind heute alle von ihr begeistert.

Image

Anna Odell, der fragile Rockstar, in Zürich.  Bild: Alan Maag

Berühmt wurde sie 2009, als sie für das Filmprojekt «Unknown Woman» auf einer Brücke in Stockholm ihren Selbstmord inszenierte. Und schon muss sie widersprechen. Etwas anderes hätte man auch gar nicht erwartet. «Nein, nein, das hatte nichts mit Selbstmord zu tun, auch wenn die Medien das alle so geschrieben haben. Bloss mit einer Psychose. Aber ich muss die ganze Geschichte erzählen. Also, ich fuhr in einer kalten Nacht auf dem Rad über diese Brücke und sehe da eine junge Frau in einem dünnen Kleid, die mit sich selbst spricht. Es war mir völlig klar, dass sie sich nicht umbringen will, ich kannte das selbst, zehn Jahre zuvor war ich genauso auf dieser Brücke gestanden.»

Die Idee zu einem Selbstexperiment war geboren: «Ich habe mich mit Spitälern, Ärzten und der Polizei in Verbindung gesetzt und sie gefragt: Was passiert, wenn ich auf der gleichen Brücke einen psychotischen Anfall spiele? Die Ärzte und Polizisten haben mir das genau erklärt, wie ich abgeführt und eingeliefert werden würde, was im Spital alles mit mir passieren würde. Sie sagten auch: ‹Sobald Sie sagen, dass Sie das bloss spielen, ist das für uns der Beweis, dass Sie wirklich krank sind.›»

Die Skandinavier können nicht anders

Anna Odell wollte herausfinden, wer eigentlich welche Macht über die geistige Gesundheit hat. Wer wie darüber spricht. Sie instruierte ihren Bruder und ihren Anwalt, die sie nach einem Tag wieder aus der Psychiatrie befreien sollten, stellte sich auf die Brücke und sprach mit sich selbst. Und wurde von acht Polizisten gepackt und eingeliefert, in eine Zwangsjacke gesteckt, zur Ruhe gespritzt und liegen gelassen. Am nächsten Tag wurde sie rausgeholt, und der Spitaldirektor erzählte der Presse schlimme Schauergeschichten über die wahnsinnige Patientin, die versucht hätte, seine Angestellten zu beissen, und zerrte sie vor Gericht. Eine riesige Debatte brach los in Schweden, über Freiheit und Grenzen der Kunst, über Machtmissbrauch im Gesundheitssystem und über die Rolle der Medien.

Anna Odell machte aus all diesem Material eine fünfteilige, filmische Installation. Und gilt seither als radikale bis rabiate Künstlerin. Weshalb sie auch nicht zu jener fatalen Klassenzusammenkunft eingeladen wurde, die «The Reunion» auslöste. Gab es das mal, so einen Auftritt von ihr an einer Klassenzusammenkunft wie im ersten Teil des Films? «Nein, nein, das ist pure Fiktion. Ich habe mir überlegt: Wenn sich meine alte Klasse eine möglichst unangenehme, unsympathische Version von mir vorstellen würde, was käme dabei heraus? Ich habe diese Leute ja seit zwanzig Jahren nicht gesehen, aber sie haben viel Schlimmes über die verrückte Selbstmord-Künstlerin gelesen und gehört.» 

Trailer von «The Reunion»

Video: Youtube

Was dabei herausgekommen ist, ist nun eben die verrückte, nachtragende, wahrheitsfixierte Anna Odell auf der Klassenzusammenkunft. Der Sprengkörper. Dieses Wesen, dass einem plötzlich vorkommt, wie all jene Eindringlinge in den Theaterstücken des Norwegers Henrik Ibsen, die Ehen und Familien zerstören, weil sie den Leuten gnadenlos und übertrieben obsessiv ihre Lebenslügen vorhalten. Die Skandinavier können einfach nicht anders.

«Ich wollte herausfinden, weshalb so eine Gruppendynamik zustande kommt, wieso es Leute gibt, die andere ausschliessen müssen, wieso es Leute gibt, die ausgeschlossen werden, was auf beiden Seiten geschieht, was für Folgen das hat. Das funktioniert in einer Klasse genau gleich wie in einem Betrieb.» Und wie hat die Klasse von damals auf «The Reunion» reagiert? «Einer hat mir nach Venedig zu den tollen Kritiken gratuliert und gesagt, der Film sei bestechend nah an der Wahrheit.» 

Mutter Odell macht sich grosse Sorgen

Was ist eigentlich der Hintergrund von Anna Odell, der Neuen, die so offensichtlich ein schweres Trauma aus ihrer Schulzeit davongetragen hat? «Ich komme aus der unteren Mittelklasse, aus einem Vorort von Stockholm. Ich habe zwei jüngere Brüder, der jüngste macht Dokumentarfilme und hat auch an ‹The Reunion› mitgearbeitet, der ältere ist Fotograf. Alle von uns arbeiten mit Bildern. Unsere Eltern haben allerdings nichts mit Kunst zu tun.» 

Und? verkraften die Eltern den rundum kreativen Nachwuchs? «Meine Mutter macht sich grosse Sorgen: Wenn wieder jemand über Ingmar Bergman und seine komplizierte Kindheit redet, fragt sie sich immer, was die Leute sich wohl unter unserer Kindheit vorstellen. Dabei war unsere Kindheit gar nicht kompliziert. Ich habe einfach schon immer gern mit meinen Händen gearbeitet und Dinge geschaffen oder auch nur gespielt. Es ist meine Art, mich als Mensch zu fühlen. Und Künstlerin zu sein, heisst für mich, auch als Erwachsene noch spielen zu dürfen.» Das sei ihr und uns gegönnt. Es muss ja nicht jedes ihrer Spiele gleich in die Psychiatrie führen. Aber ins Kino schon.

«The Reunion» läuft ab 17. April im Kino.



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