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This image released by Paramount Pictures shows Russell Crowe in a scene from "Noah." (AP Photo/Paramount Pictures, Niko Tavernise)

Bild: AP Paramount Pictures

Noah-Regisseur Aronofsky im Interview

«Die nächste Sintflut erzeugen wir selbst»

US-Regisseur Darren Aronofsky erzählt in «Noah» düster und bildgewaltig die Geschichte der Sintflut – und bekam jede Menge Ärger: Gläubige fürchten Blasphemie, das Studio wollte mehr Happy End. Dabei will der US-Regisseur doch nur vor der Klimakatastrophe warnen.

07.04.14, 23:00 16.04.14, 16:04

Ein Artikel von

Andreas Borcholte, spiegel online 

Spiegel Online:
Mr. Aronofsky, in den USA ist «Noah» mit einem Hinweis versehen, der die Kinozuschauer darauf aufmerksam macht, dass sie es mit einem fiktionalen Werk und keiner bibeltreuen Geschichte zu tun haben. Irre, oder?

Karnofsky:
Um ehrlich zu sein, ja. Ich weiss nicht genau, warum Paramount sich dafür entschieden hat, sie wirkten zum Schluss eigentlich ganz glücklich mit dem Film. So ein Hinweis erscheint mir ausserdem ziemlich sinnlos: Natürlich ist «Noah» eine Interpretation! Die Original-Geschichte ist so mythisch aufgeladen wie alles andere, was in der Bibel steht, dass jede Form religiöser Kunst zwangsläufig eine Interpretation sein muss – von Michelangelos David-Statue, die nicht beschnitten ist, obwohl sie den König der Juden zeigt, bis zum Deckengemälde im Vatikan mit seiner Abbildung von Adam und Gott in Menschengestalt.

Spiegel Online:
Trotzdem gab es bereits vor dem US-Start eine Kontroverse: Christliche Organisationen und Medien empörten sich, Ihr Film verletze religiöse Gefühle. In manchen muslimischen Ländern wird «Noah» gar nicht erst gezeigt. Können Sie die Aufregung verstehen?

«‹Noah› ein sehr philosophischer und theologisch fundierter Film ...» 

Karnofsky: 
Die Kontroverse entstand ja, bevor der Film überhaupt gezeigt worden war. Sobald die Bedenkenträger im Kino waren, wird sich das in Luft auflösen, dann ist offensichtlich, dass «Noah» ein sehr philosophischer und theologisch fundierter Film ist. Dennoch: Er richtet sich an Gläubige ebenso wie an Nichtgläubige. Letztere bekommen den düsteren, grüblerischen Actionfilm zu sehen, den sie von mir erwartet haben, Gläubige finden ausserdem etwas zum Nachdenken über ihre christlichen Werte. 

Spiegel Online:
Etwas ambivalenter ist es dann aber doch: Man könnte Ihren Noah auch als durchgeknallten Ultra-Umweltaktivisten sehen, der sich in den Wahn hineinsteigert, er müsse im Auftrag Gottes die Menschheit vernichten. Der Film endet dennoch versöhnlich. Inwieweit hat sich da das Studio eingemischt?

Aronofsky:
Paramount hätte sich sogar ein noch harmonischeres Happy End gewünscht. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte sich Noahs Sohn Ham nicht von der Familie losgesagt. Nein, es ist tatsächlich komplett mein Film. Mir war es wichtig, die Idee zu transportieren, dass wir alle eine zweite Chance bekommen haben: Am Ende der biblischen Geschichte entscheidet Gott, dass er die Menschen nicht mit einer zweiten Flut vernichten will. Aber wir können das natürlich immer noch selbst tun – mit unserer eigenen, selbst fabrizierten Sintflut. 

«Mir war es wichtig, die Idee zu transportieren, dass wir alle eine zweite Chance bekommen haben ...»

Spiegel Online:
Sie selbst engagieren sich seit Jahren aktiv für den Umwelt- und Klimaschutz. Ist «Noah» also gar kein Bibelfilm, sondern ein Öko-Thriller?

Darren Aronofsky Bild: EPA

Darren Aronofsky

Darren Aronofsky, 1969 in Brooklyn geboren, wurde mit seinem verstörenden Debütfilm «Pi» (1999) zum neuen Wunderkind des Independent-Kinos, ein Ruf, den er ein Jahr später mit der Hubert-Selby-Verfilmung «Requiem for a Dream» ausbaute. Für sein Zeitreiseepos «The Fountain» (2006) erntete Aronofsky größtenteils Spott, mit dem Ballett-Horrorfilm «Black Swan» errang er eine 2011 eine Oscar-Nominierung als bester Regisseur. «Noah» ist Aronofskys erste Blockbuster-Produktion.

Aronofsky:
Nun ja, auch ein überwiegender Teil der Wissenschaftler ist sich zum Glück inzwischen einig, dass wir gerade dabei sind, unsere eigene Sintflut zu erzeugen, es gibt auch fotografische Beweise, etwa vom Abschmelzen der Eismassen am Nord- und Südpol. Insofern: Ja, wir betreiben das gerade selbst. Nicht nur in Bezug auf den globalen Klimawandel, sondern in allen Bereichen der Umweltverschmutzung und Zerstörung natürlicher Reservate. Fundamental ökologische Botschaften sind aber bereits in der Bibel angelegt. 

Bild: Giphy

Spiegel Online:
Wo zum Beispiel?

Aronofsky:
Zunächst einmal reden wir hier immerhin über einen Mann, der die Tiere rettet. Und Gott sagt zu Adam nicht nur, dass er sich um den Erhalt des Gartens Eden zu kümmern hat, er soll sich auch ausschliesslich von den Pflanzen ernähren. In der Genesis steht: «Gott sah sich die Erde an: Sie war verdorben, denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben.» Und es tat ihm in seinem Herzen weh. Ich weiss nicht, wie man das nicht mit ökologischen Fragen in Verbindung bringen kann. Besonders jetzt, da wir die ersten Auswirkungen bereits zu spüren bekommen. 

Jennifer Connelly und Russell Crowe in «Noa» Bild: AP Paramount Pictures

Spiegel Online:
Sie selbst sind ja eigentlich kein religiöser Typ. Stimmt es, dass Ihr Interesse für Noah von einem Gedicht herrührt, das Sie als Siebtklässler geschrieben haben? Ihrer früheren Lehrerin gaben Sie nun sogar eine Statistenrolle. Was genau war damals ihr Auftrag?

Aronofsky:
Sie sagte eigentlich nur: «Schreib etwas über Frieden.» Anlass war ein Schreibwettbewerb der Vereinten Nationen. Warum ich mich für Noah entschied, weiss ich gar nicht mehr so genau. Das Gedicht hiess «The Dove» («Die Taube», d. Red.), also ging es mir vermutlich um das Symbol der Friedenstaube.

Spiegel Online:
Haben Sie es noch? 

«‹Noah› ist genaugenommen ja auch eine Geschichte über den Wettstreit zwischen Gut und Böse, der seit der Ursünde in uns Menschen tobt.»

Aronofsky:
Tatsächlich habe ich es gerade erst vor kurzem wiedergefunden, als ich für meinen siebenjährigen Sohn in alten Kartons nach Baseball-Karten aus meiner Kindheit suchte. Ich zeigte es dann meinem Freund Ari Handel, mit dem ich das Drehbuch zu «Noah» geschrieben habe, und er kriegte sich gar nicht wieder ein: Die Ideen und Themen des Gedichts seien dieselben, die nun auch im Film vorkommen, meinte er. Anscheinend trieb mich das alles schon länger um. «Noah» ist genaugenommen ja auch eine Geschichte über den Wettstreit zwischen Gut und Böse, der seit der Ursünde in uns Menschen tobt. Fluch und Segen zugleich: Wir können uns für eine Seite entscheiden.

Spiegel Online:  
Die Idee, aus der Noah-Story einen Film zu machen, hatten Sie bereits vor über 15 Jahren, nun bekamen Sie, auch befeuert durch den Erfolg Ihres Films «Black Swan», von Paramount einen Vertrauensvorschuss in Form eines Budgets von mehr als 130 Millionen Dollar. Zuletzt gab es heftigen Streit über die endgültige Fassung. Worum ging es dabei genau?

Aronofsky:
Da prallten grundsätzlich unterschiedliche Arbeitsweisen aufeinander. Der normale Studio-Prozess ist: Jede mögliche Perspektive und Stimmung wird ausprobiert, Szenen hin- und hergeschoben, und dann wird in Test-Vorführungen die jeweilige Reaktionen des Publikums geprüft, um das Risiko eines Flops zu minimieren. Ich drehe keine Filme auf diese Weise. Wenn man, wie Ari und ich, ausreichend Zeit mit der Entwicklung des Drehbuchs verbringt, dann ist es irgendwann nicht mehr möglich, wie im Baukasten mit den einzelnen Elementen zu spielen.

Spiegel Online: 
Dennoch, so war zu lesen, testete Paramount immer wieder unterschiedliche Schnitt-Versionen...

Russell Crowe in «Noah» Bild: AP Paramount Pictures

Aronofsky:
Ja, aber ich verwende bei meinen Filmen so viel Zeit darauf, alles im Vorwege zu planen, dass es am Ende nicht funktioniert, wenn ich die eine Szene mit Russell Crowe vom Anfang ans Ende oder in die Mitte verschiebe, weil er zu jedem Zeitpunkt im Film etwas ganz Spezifisches spielt. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um den Film zu drehen, auf den wir uns alle anfangs geeinigt hatten, und ich glaube, ich habe meinen Teil dieser Abmachung erfüllt, so gut ich es konnte. Und am Ende haben sie dann ja auch meine Fassung genommen. Nun werden wir sehen, was das Publikum sagt.

Spiegel Online:
Setzt Sie das unter Erfolgsdruck, gerade weil so viel Geld im Spiel war? 

«Im besten Fall bringen wir eine Diskussion in Gang ...»

Aronofsky:
Klar, die Einspielergebnisse sind wichtig, aber ganz ehrlich: Sie sind mir auch herzlich egal. So oder so, ich bin zufrieden. Und im besten Fall bringen wir eine Diskussion in Gang.



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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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