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Italiens Sensationserfolg im Kino

«Ihr habt auf den Niedergang des Landes gewettet und gewonnen»  

Bild: movienet

«Il capitale umano» (deutscher Titel «Die süsse Gier») ist ein Klassenkampf-Drama mit vielen überraschenden Kniffen. Der Film, der nun auch in den Schweizer Kinos läuft, zeigt ein moralisch gründlich ruiniertes Italien – und hat dem Regisseur Paolo Virzi grossen Erfolg beschert.

12.01.15, 17:23 12.01.15, 17:36

Wolfgang Höbel / Spiegel online

Ein Artikel von

Die spätkapitalistische Bourgeoisie sei gar nicht so übel, hat der Regisseur Claude Chabrol einmal behauptet: «Bürger sind Menschen, die sich regelmässig duschen und die in der Lage sind, halbwegs gesittete Gespräche zu führen.» In «Die süsse Gier», einem italienischen Film, der schamlos dem grossen Meister Chabrol huldigt, sagt die hier stets extrem frischgeduscht auftretende Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi die schönsten Sätze.

Sie spielt die superreiche Ehefrau eines superreichen Börsenzockers und blafft ihren Gatten einmal voller Verachtung an: «Ihr habt auf den Niedergang des Landes gewettet, und ihr habt gewonnen.» Worauf ihr Ehemann ein formvollendetes Haifischgrinsen zeigt und sie korrigiert. «Du meinst: Wir haben gewonnen. Du gehörst auch dazu, Liebling!»

Valeria Bruni-Tedeschi als reiches Biest. bild: movienet

«Die süsse Gier» heisst im Original «Il capitale umano», also «Das Humankapital». Er vereint die zwangsläufige Plattfüssigkeit einer fundamentalen Kapitalismuskritik mit der Eleganz eines Thrillers. Der Film war in Italien ein grosser Hit und brachte es auf mehr als anderthalb Millionen Kinozuschauer. 

Dabei verblüfft der Regisseur Paolo Virzi durch ein alle Standes- und Altersgrenzen kühn niederreissendes Menschenbild: Die reichen Leute sind hier gnadenlos profitgeil. Die armen auch. Sämtliche Erwachsenen sind leidenschaftliche Lügner. Praktisch alle Halbwüchsigen allerdings auch.

Der Film beginnt damit, dass ein Radfahrer mitten in der Nacht auf einer norditalienischen Landstrasse von einem Unbekannten über den Haufen gefahren wird. «Die süsse Gier» erzählt die Vorgeschichte und die Aufklärung dieses tödlichen Unfalls mit Fahrerflucht, und zwar aus drei verschiedenen Perspektiven. 

Der Trailer von «Die süsse Gier». video: youtube/movienetfilmgmbh



Die Story dreht sich um einen Kleinstadt-Immobilienmakler namens Dino, der die Karikatur eines Mittelstandshanswursts mit lachhafter Brille und schrecklichem Bartwuchs (Fabrizio Bentivoglio) abgibt; um seine hübsche Tochter Serena (Matilde Gioli) und deren Bonzenfreund Massimo (Guglielmo Pinelli); und um Massimos ausgesprochen neureiche Eltern Giovanni (oberfies: Fabrizio Gifuni) und Carla (die allseits verehrte Bruni-Tedeschi).

bild: movienet

Lauter ziemlich fürchterliche Leute sind es, die uns der Regisseur da mit der kühlen Distanz eines Insektenforschers vorstellt. Der sowieso in Geldnöten steckende arme Schlucker Dino schleimt sich so lange an den reichen Giovanni ran, bis er sich in dessen Spekulanten-Fonds einkaufen darf – und verliert natürlich ruckzuck seinen per Bankdarlehen erschwindelten Spieleinsatz, der ihm ein Leben in Saus und Braus bescheren sollte.

Das Mädchen Serena stösst den schnöseligen Massimo nach allen Regeln der Zurückweisungskunst ins Unglück einer null erwiderten Liebe. Dabei ist Massimo sowieso geschlagen mit einem Prügel-Vater und seiner schöngeistig verstrahlten Mutter: Mama Carla widmet sich der Restaurierung eines kaputten Theaters und vögelt vor den Augen des Sohnes mit einem eitlen Pseudo-Künstler.

Eliteschule verbindet: Massimo und Serena. bild: movienet

Man merkt schon: «Die süsse Gier» ist ein Klassenkampf-Drama, in dem weder an Klischees noch an Gemeinheiten gespart wird. Trotzdem sieht man dem hier ausgebreiteten menschlichen und moralischen Elend oft mit Begeisterung zu. Warum? 

Weil die Welt, in der diese Schlammschlacht spielt, das Hügelland der Region Brianza nördlich von Mailand, quasi von Natur aus ungeheuer schön ist. Weil aus der Weigerung des Regisseurs Virzi, für irgendeine der beteiligten Figuren Partei zu ergreifen, eine grimmige Komik entsteht. Und weil die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen Bruni-Tedeschi und Gioli trotz aller Widerwärtigkeiten dem Kinozuschauer eben doch ans Herz wachsen. Schon Claude Chabrol fand: Im Kino wie im Leben sind Frauen prinzipiell die interessanteren Menschen.

Der Regisseur Paolo Virzi ist 50 Jahre alt und gilt im italienischen Filmgeschäft als wackerer, politisch engagierter Routinier. Mit der frivolen Beschwörung einer Gesellschaft im Zustand des sozialen und politischen Totalbankrotts ist ihm ein toller Coup gelungen. Dabei beruht «Die süsse Gier» auf einer bereits vor zehn Jahre erschienenen Krimi-Vorlage des US-amerikanischen Autors Stephen Amidon – was vielleicht erklärt, dass spät im Film (wie in jeder guten Weltuntergangsgeschichte) eine junge Hoffnungsfigur auftaucht.

Virzi selbst sieht wenig Grund zur Zuversicht. Angesichts der Zustände in Italien, sagt er, bleibe einem nur eine Haltung: «verzweifelter Sarkasmus».

Die süsse Gier (Italien, Frankreich 2013) 
Regie: Paolo Virzì
Buch: Paolo Virzì, Francesco Bruni
Darsteller: Fabrizio Bentivoglio, Valeria Golino, Valeria Bruni-Tedeschi, Fabrizio Gifuni, Matilde Gioli, Guglielmo Pinelli, Giovanni Anzaldo, Luigi Lo Cascio
Produktion: Indiana Production, Motorino Amaranto, Manny Films, Rai Cinema
Verleih: Movienet Film
Länge: 110 Minuten
FSK: 12 Jahre
Start: 8. Januar 2015

Deutlich lebendiger: der italienischsprachige Trailer des Films. video: youtube/01distribution

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