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Der sündige Zwerg und die Damen vom Porno Hill – Warum wir Trashfilme lieben

So mies, dass es schon wieder gut ist? Ach, das ist doch öde Hipster-Ironie. Dabei gibt es einen guten Grund, den Trashfilm zu lieben: Er ist von radikaler Leidenschaft getrieben.

10.03.15, 12:09 10.03.15, 14:40

Benjamin Moldenhauer / spiegel online

Ein Artikel von

Wir schreiben das Jahr 2015. Der Atomkrieg hat Städte voller marodierender Banden hinterlassen. Der italienische Actionkracher «The Riffs III – Die Ratten von Manhattan» aus dem Endzeitjahr 1984 ist aus Versatzstücken zeitgenössischer Kassenknüller wie «The Warriors», «Mad Max» und «Die Klapperschlange» zusammengerührt. Das Ergebnis ist bestürzend: die Schauspieler sind Knallchargen, der Plot ist nicht nachvollziehbar, die Special Effects treiben einem die Schamesröte ins Gesicht.

Glaubt man dem Filmhistoriker Christian Kessler, handelt es sich bei «The Riffs III» jedoch um ein verkanntes Glanzstück. Dass der Film «rattenschlecht» ist, steht für ihn ausser Frage («Man weiss zu keiner Zeit des Filmes, was die Flitzpiepen da eigentlich treiben»), aber nichtsdestotrotz: «Vergesst Stanley Kubrick – das hier ist der wahre Jakob. Hier wohnt Moses.»

Trashfilme

Für sein Buch «Wurmparade auf dem Zombiehof. Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben» hat Kessler an den äussersten Rändern der Filmgeschichte gegraben und Erstaunliches zutage gefördert.

Die vierzig Kapitel erhellen schlaglichtartig die weithin verborgene Geschichte eines Kinos, das geläufige Qualitätsvorstellungen mit Nachdruck unterläuft. Es wimmelt in «Wurmparade auf dem Zombiehof» von verunglückten Monsterattrappen, irrwitzigen Plotvolten, sinnloser Gewalt, nackten Frauen und hanebüchenen Dialogzeilen. Das Buch ist ein unterhaltsames Kompendium filmischer Absonderlichkeiten, die sich durch Ignoranz gegenüber allem auszeichnen, was als ästhetisch und ethisch angemessen gilt.



Ehrlicher als der Mainstream

Neben üblichen Verdächtigen wie den Filmen Ed Woods, dem sehr animierenden Dreissigerjahre-Drogenaufklärungsfilm «Reefer Madness» oder dem Werk von John Waters kann man zahlreiche komplett vergessene Machwerke entdecken. Die karnevaleske deutsche Synchronfassung eines amerikanischen Softsexfilms, der hierzulande unter dem Titel «Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill» erschienen ist – wird als selbstreflexives Gesamtkunstwerk vorgestellt.

Dem politisch brachial unkorrekten Vietnam-Film «Die grünen Teufel» attestiert Kessler, dass er, einfach weil ihm der Filter fehlt, ein hässlicheres, ehrlicheres Bild zeigen könne als seine Mainstream-Äquivalente. Kalkulierter Trash wie die «Sharknado»-Reihe und «Zombiber» hingegen bleibt aussen vor.

Man merkt dem wertungsfrohen Text den Spass an den Bildern an, und diese Begeisterung überträgt sich. Selbst über einen obskuren schwedischen Pornofilm mit dem Titel «The Sinful Dwarf», den man, bei aller Liebe, dann lieber doch nicht sehen möchte, lässt man sich gerne etwas erzählen. Das mag daran liegen, dass hier ein Autor einen Sprachduktus gefunden hat, der zwar sehr komisch ist, sich aber dennoch nie über seinen Gegenstand erhebt.

Mit dem Film lachen, nicht über ihn

«Man lachte nicht über den Film, man lachte mit ihm», ist über eine Vorführung von «The Mad Foxes – Feuer auf Räder» zu lesen (es steht tatsächlich «Räder» auf dem Filmposter, ohne N). «Diese Unterscheidung ist mir sehr wichtig.» Die Haltung, mit der sich Kessler dem Trashfilm nähert, ist frei von Häme. Es geht in «Wurmparade auf dem Zombiehof» nicht darum, etwas zu feiern, das so schlecht sei, dass es schon wieder gut ist. Dem Nicht-Perfekten und Unverhältnismässigen wird hier aufrichtige Zuneigung zuteil.

Der Text ist frei von Überheblichkeit, auch wenn es um Ed Wood geht, den angeblich schlechtesten Regisseur aller Zeiten: Der erscheine «in seinen Filmen als jemand, der von grosser Ehrlichkeit und grossem Enthusiasmus beseelt war, und von solchen Menschen kann man wesentlich mehr lernen als von den unzähligen begabteren Filmemachern, die ihr Leben damit verbringen, die technisch kompetente Hochglanzgülle zu produzieren, die die Kinoleinwände bis zum heutigen Tage zum Austragungsort der Jagd nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner macht.» Das ist programmatisch gemeint.

«Trash» versteht Kessler in diesem Sinne als Spielwiese für unbedingten Eigensinn. Die grosse Qualität der Filme liege in einer radikal subjektiven Perspektive auf die Welt – eine «Weltsicht, die einzigartig ist und nicht selten zauberhaft». Leser, die sich auf diesen oftmals jecken Unterstrom der Kinogeschichte einlassen, können sich die eigenen Massstäbe ordentlich durcheinanderwürfeln lassen.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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