Film

Mein Captain – Patrick «Picard» Stewart wird 75

Die Rolle des Jean-Luc Picard machte Patrick Stewart zum Star. Über Jahre reiste er mit dem Raumschiff Enterprise durchs All – und veränderte dabei das Publikum. Eine Liebeserklärung zum 75. Geburtstag. Energie!

14.07.15, 07:01

Christian Neeb

Ein Artikel von

Mir ist kotzübel. Auf dem Schreibtisch häufen sich die Papierchen, daneben die aussortierten Bilder. Sobald ich ein neues der kleinen Päckchen öffne, riecht es nach Plastik und Zucker. Meine Hände sind klebrig von dem Zeug, das wir in uns hineinstopfen. Ich habe mittlerweile einen Kloss im Hals, aber ich muss weiteressen. Damit ich ein Bild von ihm bekomme. Von dem kleinen Mann mit Halbglatze in einem roten Spandex-Anzug.

Und irgendwo in einer dieser verdammten Kaugummipackungen muss er drin sein. Es ist 1991. Durch die Lamellen vor den Scheiben von Jonas Kinderzimmer dringt helles Sommerlicht. Jona ist mein bester Freund. Ich bin 8, er 9. Eigentlich schleichen wir uns um diese Jahreszeit immer in den Garten der Nachbarin – Rhabarber klauen.

Teamplayer: Gemeinsam mit seiner Crew brach Patrick Stewart 1987 zu den Sternen auf. Über den Verlauf der Serie gewährten die Autoren Stewart immer mehr Einfluss auf die Rolle. «Als wir in der siebten Staffel angekommen waren, gab es eine totale Überschneidung zwischen Jean-Luc Picard und Patrick Stewart», sagte der Schauspieler in einem Interview. «Ich kannte diesen Charakter in- und auswendig. Er war mir sehr, sehr nah.» Bild: dfd/Deutscher Fotodienst

Jetzt sitzen wir im Haus seiner Eltern und fressen, man kann das nicht anders sagen, ein Kaugummi nach dem nächsten. Denn in den Packungen sind Sammelbilder der Serie «Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert» eingerollt. Die Kaugummis verlieren nach zwei Sekunden ihren Geschmack. Ich spucke sie in den Papierkorb. Jona hat angefangen, sie runterzuschlucken. Uns ist schlecht, aber wir können nicht aufhören. Wir grinsen, sortieren, kauen. Und irgendwann halte ich sein Bild endlich in den Händen: Jean-Luc Picard, Captain der USS-Enterprise NCC-1701-D - mein grösstes Idol.

Bühnenpräsenz: In der Rolle des Launce mit seinem Hund Crab während der Proben zu «Zwei Herren aus Verona» für die Royal Shakespeare Company am 15. September 1970. «Ich habe so viel Zeit mit Shakespeares Welt, Leidenschaft und Ideen in meinem Kopf und in meinem Mund verbracht, dass er wie ein Freund für mich ist», sagt er über den Dichter, der sein Leben so sehr geprägt hat. «Jemand, der nur gerade aus dem Zimmer gegangen ist, um eine neue Flasche Wein zu holen.»

Der erste Kontakt

«Ich wollte diesen Job wirklich nicht», hat Patrick Stewart Jahre später in einem Interview über seine berühmteste Rolle gesagt. «Ich war mir ganz sicher, was mich erwartete. 'Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert' würde ein kompletter Reinfall werden, und ich würde in ein paar Monaten wieder auf dem Weg nach England sein. Ich würde zum ersten Mal in meinem Leben etwas Geld verdienen, mich etwas bräunen und nach Hause fahren.»

Nicht nur Patrick Stewart ist Ende der Achtziger skeptisch angesichts der Neuauflage von «Star Trek», die beinahe 20 Jahre nach den originalen Abenteuern von Kirk und Spock auf Sendung gehen soll. Auch die alten Fans zieren sich. Und James Doohan, der in der ersten Serie den Techniker Scotty gespielt hatte, schnaubt empört, ohne die originale Besatzung sei «Star Trek» überhaupt nicht denkbar. Selbst Serienschöpfer Gene Roddenberry glaubt nicht, dass ausgerechnet dieser Brite, seit seinem 19. Lebensjahr wegen einer genetischen Erkrankung glatzköpfig, wirklich einen neuen Aufbruch zu den Sternen anführen konnte.

Kapitäne unter sich: Patrick Stewart und "William Shatner. Bild: Barry Brecheisen/Invision/AP/Invision

Für mich gilt all das nicht. Im Jahrhundert nach den Ereignissen in «Star Trek» erforscht Captain Picard mit der Crew der neuen Enterprise unsere Galaxie. Mit Warp-Antrieb rast das Raumschiff durch die unendlichen Weiten, besucht fremde Welten und Kulturen, kämpft mit ganz alltäglichen Problemen - und gegen Aggressoren wie das Kollektiv der Borg. Patrick Stewart lebt auf dem Bildschirm meinen Traum von den Sternen. Und ich? Telefoniere mit meinem Plastik-Kommunikator in den Nachthimmel. Und untersuche mit meinem Plastik-Tricorder den Rhabarber der Nachbarin, statt ihn zu essen. Immer mit der Stimme im Ohr, die vor jeder Folge die Mission von Picard beschrieb:

«Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.»

Energie!

Egal welche Abenteuer die Besatzung der Enterprise erlebt, das Zentrum der Serie ist ihr Captain. Eine moralische Instanz mit einer Tasse Earl Grey in der einen und einer «Hamlet»-Ausgabe in der anderen Hand. «Star Trek»-Schöpfer Gene Roddenberry war schon immer Humanist durch und durch. Im Gegensatz zu vielen Dystopien der Achtziger ist auch seine neue Serie eine optimistische Zukunftsvision. Und Patrick Stewart verkörpert diesen Humanismus wie kein zweiter Charakter des «Star Trek»-Universums.

Vor seinem Einsatz auf der Brücke des Raumschiffs hatte Stewart lange Jahre in Grossbritannien mit der Royal Shakespeare Company auf der Bühne gestanden. Für eine Sci-Fi-Rolle bringt er eine ungewöhnliche Schwere mit - und verleiht dem Franzosen Picard einen unnachahmlichen britischen Akzent. Im Gegensatz zum Frauenheld und Draufgänger Kirk ist Stewarts Picard Verstandesmensch und Vaterfigur zugleich.

Stewart 2008 Bild: AP

«Es ist Showbusiness», sagt Stewart über seine Rolle. «Aber ich habe mein ganzes Leben lang gehofft, dass wir darüber hinaus noch die winzige bescheidene Ambition hatten, die Welt zu verändern.»

Seine grössten Kämpfe ficht Picard folgerichtig auch nicht gegen abstrakte Bösewichte aus, sondern gegen Intoleranz, Rassismus und Gender-Vorurteile. Er macht sich stark für die, die anders sind. Auch, wenn er dafür gegen die Oberste Direktive der Föderation, das Prinzip der Nichteinmischung in die Entwicklung fremder Spezies, verstossen muss. Und doch verstecke ich meine Liebe zu Picard und seiner ergebenen Crew - denn «Trekker» sind uncool. Sie leben in einer Märchenwelt, bevölkert von Leuten in peinlichen Kostümen. Behaupteten jedenfalls die Leute, die in Buffalos auf dem Schulhof stehen und rauchen.

Das Picard-Manöver

Meinen Kommunikator zeige ich niemandem. Den Tricorder habe ich im Urlaub an der Nordsee verloren. Ich hätte heulen können, aber wem sollte ich davon erzählen? Die Serie bedeutet mir alles - und doch spreche ich nicht über «Star Trek». Bis zur Oberstufe, als Holger an meine Schule kommt. Holger sagt spitz «Jean-Luc» und rückt sein T-Shirt zurecht. Wie beim Picard-Manöver. So nennen Fans die Bewegung, mit der Patrick Stewart vor jeder Grosseinstellung in der Serie seine widerspenstige Uniform wieder gerade rückt.

Wir vergöttern ihn – dabei ist sein Picard zutiefst menschlich. Ein Charakter mit Brüchen und Verletzungen. So wie Stewart selbst. Der Schauspieler war im englischen Mirfield als Sohn eines Offiziers der britischen Armee aufgewachsen. Schon früh hatte Stewart mitansehen müssen, wie der Vater, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, seine Mutter schlug. Ein Erlebnis, das ihn nachhaltig verändert habe, wie er bei einem Fan-Treffen erklärte.

Stewart mit Ehefrau Sunny Ozell. Bild: KEVORK DJANSEZIAN/REUTERS

Als Picard stellt sich Stewart immer wieder gegen die Unterdrückung Unschuldiger. Genau wie abseits der Bühne als Schirmherr der britischen Hilfsorganisation Refuge, die missbrauchten Frauen zur Seite steht.

Die Queen hat ihn vor fünf Jahren zum Ritter geschlagen. Für seine Verdienste um die Schauspielkunst. Er ist mehrfacher «sexiest man on television», hat einen Stern auf dem Walk of Fame, und war Kanzler der Universität in Huddersfield. Was Millionen von «Star Trek»-Fans aber viel wichtiger ist: Er hat dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Vorurteile Gestalt gegeben. Mit Taten und Worten. So vielen weisen Worten.

Machen Sie es so!

«Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen», sagt Captain Picard im Film «Treffen der Generationen». «Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu geniessen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen, ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben.»

Obwohl er auch als MacBeth auf der Bühne brilliert oder als Professor X in den «X-Men»-Filmen - der Mann, der Picard über 15 Jahre ein Gesicht und eine Stimme gegeben hat, wird für mich immer mit dieser einen Rolle verschmolzen sein. Als bester Captain der Sternenflotte. Als wandelnder Wertekanon in roter Spandex-Uniform. Er selbst hätte wohl keine Probleme damit. «Wenn die Welt heute Nacht unterginge, und man sich nur für diese Serie an mich erinnern würde, wäre ich glücklich damit», sagt Patrick Stewart. Ich habe Lust, Kaugummis zu essen, bis ich platze.

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    Alle Leser-Kommentare
  • christian_denzler 14.07.2015 21:47
    Highlight Obwohl ich durch und durch ein DS9er bin und Avery Brooks für mich einer der Grössten ist, liebe ich Next Gen und ihren Captain. Sir Patrick zählt dann auch zu einer Schauspielelite, die es heute kaum noch gibt und ist immer noch mit ein Grund, warum ich heute auf der Bühne stehe.

    Star Trek war, ist und wird immer ein grosser Teil von mir sein. Schade endete der gute Trek nach «Der Aufstand» und «Enterprise».
    0 0 Melden
  • Toerpe Zwerg 14.07.2015 08:14
    Highlight Next Gen war um Welten besser als das Original. Bessere Drehbuecher, bessere Schauspieler, bessere Umsetzung.
    6 0 Melden
    • EvilBetty 14.07.2015 09:17
      Highlight Und Jean-Luc musste auch nicht dauernd den Bauch einziehen 😂
      1 0 Melden
    • Asmodeus 14.07.2015 10:27
      Highlight Ich denke es ist Unfair eine Serie aus den Siebzigern mit einer Serie aus den 90ern zu vergleichen.

      Das originale Star Treck war damals bahnbrechend im Bereich der Sci-Fi-Serien und ist die Einzige an die man sich noch erinnert. (Neben Flash Gordon)

      Ich benötigte damals Jahre um mich mit Next Gen anzufreunden (und habe es mit DS9 noch immer nicht geschafft). Aber Jean-Luc wird immer der sympathischste Captain der Enterprise bleiben.
      Und keiner reitet seine Stühle so sexy wie Ryker.
      3 0 Melden
    • christian_denzler 14.07.2015 21:50
      Highlight Classic ist das Original und somit sowieso ausser Konkurrenz. Bei den Folgeserien hatte man auch massive mehr Ressourcen. Klar sind sie also «besser». Persönlich ist und bleibt DS9 die Nummer 1.
      0 0 Melden

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