Film

Filmstill aus Apocalypse Now: Martin Sheen, dem Wahnsinn nahe. Bild: AP AMERICAN ZOETROPE MIRAMAX

Dreh von «Apocalypse Now»

Am Ende waren alle verrückt

Drogen, Naturkatastrophen, rituelle Tierschlachtungen: Der Dreh zu «Apocalypse Now» war so anarchisch, dass der Film kaum fertig wurde. Heute gilt das Werk als Meilenstein der Kinogeschichte – gerade wegen der Exzesse am Set.

29.01.15, 10:08 29.01.15, 11:49

Benjamin Moldenhauer / spiegel online

Ein Artikel von

Die Hauptfigur Captain Willard liegt betrunken auf einem Hotelbett in Saigon und raucht, der Deckenventilator kreist wie ein Helikopterrotor. Dann beginnt Willard, schwankend durchs Zimmer zu tanzen, posiert in Unterhose vor dem Spiegel, zerschlägt das Glas und zerschneidet sich die Hand. Er weint und sinkt in sich zusammen. Francis Ford Coppolas Vietnam-Epos «Apocalypse Now» beginnt mit einem Zusammenbruch – der nicht gespielt war.

Die Szene wurde am Geburtstag des Schauspielers Martin Sheen gedreht, und der liess es ordentlich krachen.

«Ich war so betrunken, dass ich nicht mehr aufstehen konnte»

erinnert sich Sheen. Der Dreh lief vollkommen aus dem Ruder. «Ich wartete, dass Francis herauskam», schreibt Eleanor Coppola, die Frau des Regisseurs, in ihrem Tagebuch. «Schliesslich ging ich hinein. Francis und Marty (Martin Sheen) waren allein. Marty lag auf dem Bett und redete von Liebe und Gott. Er sang 'Amazing Grace', versuchte Francis und mich zum Mitsingen zu bewegen, hielt unsere Hände fest und weinte.»

Trailer zur Apocalypse Now Redux

youtube/moviepilot trailer

«Apocalypse Now» zeigte 1979 den Vietnam-Krieg als beklemmendes und psychedelisches Spektakel und hat seine Wirkung bis heute nicht verloren. Das mag damit zusammenhängen, dass die Dreharbeiten selbst ins Irrsinnige kippten – wie die Dokumentation «Ins Herz der Finsternis» 1991 auf erschütternde Weise belegte.

Freiwillig auf die Minenfelder

Francis Ford Coppola, Drehbuchautor John Milius und George Lucas planten bereits Ende der Sechzigerjahre einen Kriegsfilm, der an Joseph Conrads Roman «Heart of Darkness» angelehnt sein sollte, verlegt nach Vietnam: Mit einer kleinen Mannschaft soll Captain Willard den Fluss hinauf bis nach Kambodscha fahren und den wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz, der im Dschungel eine Art religiösen Opferkult errichtet hat, töten.

Milius hätte gern direkt vor Ort in Vietnam gefilmt – 1969 wohlgemerkt, kurz vor der Tet-Offensive: «All meine Kommilitonen von der Filmschule, die nach Kanada auswanderten oder heirateten, um dem Krieg zu entkommen, wollten mit einem Mal Scheinwerfer und Tonausrüstung über die Minenfelder tragen.» Trotzdem scheiterte der erste Anlauf: 1970 musste Coppolas Produktionsfirma Zoetrope Konkurs anmelden.

Apocalypse Now

Erst nachdem er vier Jahre später mit den ersten beiden «Der Pate»-Filmen nicht nur zu einem der populärsten Regisseure Hollywoods, sondern auch zum Millionär geworden war, beschloss Coppola, einen zweiten Versuch zu starten – finanziert mit seinem eigenen Vermögen. Geplant waren Produktionskosten von 13 Millionen Dollar; ein Betrag, der sich bis zur Premiere des Films fast verdreifachen sollte.

Mit dem inzwischen auf mehrere Hundert Seiten angewachsenen Drehbuch, dem Filmteam, seiner Frau, seinen drei Kindern und einem eigenen Filmvorführer reiste Coppola im Februar 1976 auf die Philippinen. Das Projekt liess sich gut an: Marlon Brando hatte zugestimmt, Colonel Kurtz zu spielen, Harvey Keitel übernahm die Rolle des Captain Willard. Auch die Frage, wie man schweres Kriegsgerät beschaffen sollte, liess sich anfangs leicht klären. Da die U.S. Army die Kooperation verweigerte, mietete man Helikopter der philippinischen Armee. Grössere Probleme gab es keine.

«Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen»

Aber das änderte sich bald: Coppola begann, Milius' Script umzuschreiben. Nach zwei Wochen bemerkte er, dass sein Hauptdarsteller nicht seinen Vorstellungen entsprach, und entliess Harvey Keitel. Grosse Teile des entstandenen Materials mussten neu gedreht werden. Auf Keitel folgte Martin Sheen. Marlon Brando wiederum drohte nach der Verzögerung, er würde nun doch nicht auf die Philippinen kommen, dafür aber die Million Dollar Vorschuss behalten.

In der fünften Woche wurde die berühmte Sequenz gedreht, in der eine Truppe Soldaten um den Surf-Enthusiasten Lt. Col. Kilgore («Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen») ein Küstendorf bombardiert, um Zugang zum Strand zu bekommen. Die Proben liessen sich kaum organisieren, die Helikopterpiloten wurden immer wieder kurzfristig zur Bekämpfung von Rebellentruppen in den Süden des Landes abberufen.

Ride of the Valkyries – Helikopterangriff

youtube/c2h5hpromile

Es kam aber noch schlimmer: Im Mai 1976 fegte ein Taifun über das Land, der etwa 200 Philippiner das Leben kostete. Fast alle Sets wurden zerstört, die Produktion musste erneut pausieren, diesmal für sechs Wochen. Jeder Tag Verzögerung kostete zwischen 30'000 und 50'000 Dollar und brachte den Regisseur näher an die Privatinsolvenz.

Dabei waren die Sets noch vergleichsweise kostengünstig: Die zahlreichen philippinischen Arbeiter, die die opulenten Kulissen für «Apocalypse Now» bauten, bekamen einen Lohn von 14 Dollar die Woche – während Marlon Brando im gleichen Zeitraum eine Million Dollar kostete.

Seitensprünge und Herzinfarkte

Nachdem die Arbeit im Juli wieder aufgenommen wurde, wurde das Treiben auf dem Set immer ausschweifender: Coppola liess teure Weine, Steaks und Klimaanlagen aus den USA einfliegen und begann eine Affäre mit einer Assistentin. Die Pasta für den Kameramann und sein Team wurde aus Italien eingeflogen.

«Am Swimming Pool des Hotels, in dem die Crew untergebracht war, waren Hunderte Bierflaschen aufgereiht», erinnert sich der Produktionsassistent Doug Claybourne. «Die Leute sprangen von den Dächern in den Pool.» Martin Sheen, der inzwischen drei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte, erlitt beim Joggen einen Herzinfarkt und fiel für sechs Wochen aus.

LSD, Speed und Marihuana

Als der Schauspieler Mitte April 1977 wieder auf die Philippinen zurückkehrte, war die Drehzeit bereits dreimal so lang wie geplant. Coppola schrieb immer neue Szenen und liess die Schauspieler improvisieren. Inzwischen war sein Anspruch ins Riesenhafte gewachsen: «Apocalypse Now» sollte nicht weniger als das Wesen des Menschen ergründen. Die Realität wirkte im Vergleich profan: Viele Crewmitglieder waren dauerbekifft, LSD und Speed kursierten auf dem Set.

Kleine Meinungsverschiedenheit am Set: Francis Ford Coppola und Dennis Hopper

giphy

John Milius wurde zu Coppola geschickt, um ihn zur Vernunft zu bringen. «Ich sollte ihm sagen, dass er verrückt geworden ist», erinnerte sich Milius. «Ich war wie Gerd von Rundstedt, der Hitler 1944 die Nachricht überbringen musste, dass der Krieg verloren und das Benzin an der Ostfront alle ist. Nach anderthalb Stunden kam ich wieder raus, und Francis hatte mich überzeugt, dass 'Apocalypse Now' der erste Film sein würde, der den Nobelpreis bekommt. Also ging ich zurück zur Crew und rief: 'Wir können gewinnen! Wir brauchen kein Benzin!' Er hatte mich komplett umgestimmt. Ich hätte alles getan.»

Glückselig im Chaos

Im September 1976 traf schliesslich Marlon Brando ein, das Finale im Tempel von Colonel Kurtz und seinen Anhängern sollte gedreht werden. Brando allerdings hatte Joseph Conrads «Herz der Finsternis» nie gelesen und seit «Der Pate II» ziemlich zugelegt, obwohl das Drehbuch eine ausgezehrte Figur vorsah.

Während Coppola und sein Star sich tagelang zurückzogen, um die Rolle neu zu konzipieren, machte sich auf dem Set ausgelassene Stimmung breit. Es wurde getanzt und gesungen, auch Darsteller Dennis Hopper war inzwischen auf den Philippinen eingetroffen und rutschte vergnügt – wenn auch kaum in der Lage, sich seinen Text zu merken – durch die Kulissen, die mehr und mehr im Matsch versanken.

150 Millionen Dollar, drei Golden Globes, zwei Oscars

«Noch nie in meinem Leben», erinnert sich ein Produktionsassistent, «habe ich so viele Menschen gesehen, die sich so sehr über ihre Arbeitslosigkeit freuen.» Coppola kollabierte in der Hitze und berichtete später von einer Nahtoderfahrung. Ein paar Statisten veranstalteten rituelle Tierschlachtungen.

Erst im Mai 1977 verliess die Crew die Philippinen wieder. Abzüglich der erzwungenen Pausen hatte der Dreh 238 Tage gedauert. «Apocalypse Now» spielte weltweit etwa 150 Millionen Dollar ein und gewann drei Golden Globes, zwei Oscars und die Goldene Palme.

Nach der umjubelten Premiere in Cannes fasste Coppola die Extremerfahrung des Drehs zusammen:

«Wir waren im Dschungel, wir waren zu viele, wir hatten zu viel Geld und zu viele Geräte, und nach und nach wurden wir alle verrückt.»

Er formulierte damit eine ziemlich genaue Beschreibung des Vietnamkriegs selbst – und vermutlich den entscheidenden Grund, wie aus einem Jahr unfassbarem Chaos in den Philippinen eines der grössten Meisterwerke der Filmgeschichte hervorgehen konnte. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gleis3Kasten9 29.01.2015 11:50
    Highlight Auch ein interessantes Detail: Die unglaublichen Bilder des brennenden Regenwaldes waren genau genommen... Bilder eines brennenden Regenwaldes. Kein Wunder erscheint der Wahnsinn in diesem Fall so real bei diesen "widrigen" Umständen.
    7 0 Melden
  • renard79 29.01.2015 10:55
    Highlight Unglaublich, wie manchmal trotz katastrophalen Umständen grosse Werke entstehen... dass dieser Film tatsächlich zu Ende gebracht wurde, ist echt ein Wunder - und ein Riesenglück. Ich werde nie die "redux" Aufführung im Open Air Kino auf dem Münsterplatz in Basel vergessen! Obwohl das schon Jahre her ist...
    8 0 Melden
    • E. Edward Grey 29.01.2015 11:37
      Highlight Gerade deshalb. Um die Abgründe der Menschheit glaubhaft zu erfassen muss man sie durchschreiten und tief in deren Sumpf herumwühlen.
      8 0 Melden

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