Film

Beim Kommerz hört die Toleranz auf

Schwule, Lesben, Dicke und Schwarze – runter vom Filmplakat!

Sei dies im Namen der Prüderie, der Homophobie oder der gängigen Körperästhetik – Filmwerber haben offenbar das Gefühl, nur dann mehrheitsfähig zu sein, wenn sie ohne Minderheiten auskommen. Acht Beispiele.

12.01.15, 20:25 13.01.15, 10:58

1. «Pride»: Aus Schwulen und Lesben werden «Aktivisten»

So sieht es im Film wirklich aus. Schwule und Lesben unterstützen die Minenarbeiter ...

Die britische Plakat-Version: «Lesbians & Gays support the Miners!» Bild: Nicola Dove

... aber nicht auf der DVD-Hülle.

Die amerikanische Plakat-Version: «Eine Gruppe von Londoner Aktivisten unterstützen die Minenarbeiter!» Bild: via theguardian

«Pride» ist eine britische Komödie von Matthew Warchus, die auf einer wahren Begebenheit beruht: 1984 reist eine Gruppe sehr lauter und sehr homosexueller Aktivisten in ein kleines walisisches Bergdorf, um die dort ansässigen Minenarbeiter in ihrem Streik gegen Margaret Thatchers Politik zu unterstützen. 

Obwohl der Film nicht einmal ansatzweise explizite Sexszenen enthält, sich sogar im Gegenteil unheimlich züchtig zeigt – die Schwulen kuscheln nur miteinander und mit den Sexspielzeugen fuchteln eigentlich nur die Waliserinnen mittleren Alters herum. Alles andere spielt sich im Schatten ab. 

Die Schwulen und Lesben reisen mit ihrem Bus zu ihren Waliser Verbündeten.  gif: watson

Dennoch. Für den «US Home Entertainment»-Markt findet die inhaltlich sehr gewichtige Tatsache, dass es sich bei den Unterstützern der Minenarbeiter um Homosexuelle handelt, keinerlei Erwähnung: Das DVD-Cover besticht mit einem wegretuschierten Plakat des homosexuellen Grüppchens und dem absurd anmutenden Beschrieb, der Film handle von «Londoner Aktivisten», die Geld sammeln für die Familien der streikenden Minenarbeiter. 

Hinfort also mit Begriffen wie «schwul» oder « lesbisch», Finger weg auch von deren Substantiven! Den London-Euphemismus sollte man ab sofort einführen, witzelt der Guardian, und zwar so: 

«Mum ... Dad ... I've got something to tell you. I'm ... I'm ... London-based!»

«Mami, ... Papi... Ich muss euch etwas sagen. Ich bin ... Ich bin ... Londoner!»

3. «12 Years a Slave»: Was? Brad Pitt war einmal ein schwarzer Sklave?

Schwarze sind offenbar nicht gut für den italienischen Markt. Das verhilft Brad Pitt zur Grösse.  Rechts ist die britische Plakat-Version mit schwarzem Hauptdarsteller zu sehen. bild:allstar

Kurzauftritt hin oder her: Brad Pitt prangt für die italienische DVD-Ausgabe von «12 Years a Slave» auf dem Cover. Der eigentliche Star des Films, Chiwetel Ejiofor, wurde drastisch geschrumpft und in die rechte Ecke des Bildes verbannt. Das mutet schon geschmacklos zynisch an, in Anbetracht des Filmthemas. 

2. «The Heat»: Fett, was? Niemals!

Bild links: McCarthy in ihrer wahren Pracht. Bild rechts: Die retuschierte Fitness-Version. bild: thecoastdanharfield

Nein, Mellissa McCarthy hat für «The Heat» keine Diät gemacht. Das war Photoshop, der ihr rund 14 Kilogramm wegradiert hat. Photoshop im Namen von «20th Century Fox». 

4. «Prick Up Your Ears»: Pink ist zu schwul für die Amis

Leider keine Ménage à trois, aber für den US-Markt so verkauft. Auf der rechten Seite ist das britische Filmplakat zu sehen.  bild: BFi

Stephen Frears Film über das Leben des schwulen Dramatikers Joe Orton hat eine subtilere Anpassung an die amerikanischen Konsumenten erfahren als «Pride». Der pinke (= schwule?) Schriftzug in Form eines erigierten Penis' musste einem geschmackvollen – aber leider völlig inexistenten – Beziehungsdreieck zwischen Gary Oldman, Alfred Molina und Vanessa Redgrave weichen. 

5. «Stranger by the Lake»: Auf die Idee, was die im Hintergrund machen, muss man erst kommen

Nanu, wo ist der Herr im roten Kreis nur hinverschwunden? Links sehen sie das französische Plakat, rechts die retuschierte Version für die Londoner Underground. Und der unter dem Kreis hat eine Badehose gekriegt!  bild: pr

Im Vordergrund dieses französischen Erotikfilm-Plakates knutschen ganz offensichtlich und prominent zwei Männer. Aber was sich hinter ihnen abspielt, war für die Tapezierung der Londoner U-Bahn wohl zu viel des Guten und so wurde der Herr, der dem anderen da im Hintergrund Freude bereitet, einfach ausradiert. Und was macht der Hinterbliebene? Genau. Liegenstütze.

6. «Lesbian Vampire Killers»: Titten gehen immer, aber die Lesben müssen weg

Links das DVD-Cover, rechts die Supermarkt-Version. bild: Pr

Das DVD-Cover der britischen Horrorkomödie von Matthew Horne und James Corden musste für die Verkaufsregale ein bisschen zurecht geklebt werden. Vor allem dem Wort «lesbisch» wurde der Garaus gemacht. Es verschwand einfach kurzerhand unter einer Warnung vor den «heissen, blutsaugenden Schnitten». 

7. «Shut Up & Sing»: Verhüllt euch, in Amerikas Namen! 

Zieht euch was über! Zumindest für die Amerikaner. Die Kanadier haben nichts dagegen.  bild: pr

Das texanische Country-Trio mit dem verheissungsvollen Namen «Dixie Chicks» hat sich 2003 bezüglich der amerikanischen Politik an einem Livekonzert in London geäussert: Sie seien strikt gegen die Invasion im Irak und sie würden sich schämen, aus demselben Land zu stammen wie ihr Präsident George W. Bush. 

Drei Jahre lang haben die Dokumentarfilmerinnen Barbara Kopple und Cecilia Peck die kritischen Sängerinnen begleitet. Das Originalplakat des Films wurde in der Zeitschrift «Entertainment Weekly» abgedruckt: Emily Robison, ihre Schwester Martie Maguire und die Leadsängerin Natalie Maines posieren darauf nackt. Und irgendwo an ihren Körpern steht «Saddams Engel» und «Dixie Schlampen» («Dixie Sluts»). Auf dem offiziellen amerikanischen Filmposter wurden die Country-Frauen dann stracks in Laken eingehüllt und waren auch keine Schlampen mehr, sondern nunmehr Häschen («Bimbos»).

8. «Man Bites Dog»: Senioren töten, ja, Babys umbringen, nein

Babys werden hier nicht getötet, nur Gebisse.  bild: pr

Diese belgische Mockumentary, mit einem mächtigen Schuss Medienkritik aus dem Jahr 1992, erzählt die Geschichte eines Reporterteams, das den Serienmörder Ben bei seinen Morden begleitet. Und weil Ben so unheimlich charmant ist, werden die Dokumentarautoren mehr und mehr zu seinen Mittätern. 

Die Macher folgten der Grundregel, auf dem Plakat keine Waffen zu zeigen, die auf den Betrachter oder eine Figur gerichtet sind. Sie haben sich also für die Erschiessung eines symbolischen Schnullers entschieden. Der wurde dann aber wiederum vom symbolischen Gebiss ausgetauscht. Nun, alte Menschen umzubringen, die sowieso schon die Dritten tragen, das kann man ertragen. 

(rof via The Guardian)

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 13.01.2015 08:29
    Highlight Es scheint, dass in der US- Filmindustrie Schwule und Lesben nur Platz finden, wenn sie stereotypisiert dargestellt werden können. Politisch aktive Schwule und Lesben passen scheinbar nicht in dieses Bild. Schade!
    5 0 Melden

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