Film

Kommentar zu den Oscar-Nominierungen

Hollywoods Angst vor der schwarzen Frau

Bei den Oscar-Nominierungen wurden grossartige Filme wie «Boyhood» und «Grand Budapest Hotel», «Ida» und «Mr. Turner» bedacht. Bei der Hautfarbe aber hörte für die Academy offenbar die Liebe auf.

16.01.15, 20:36

Hannah Pilarczyk

Ein Artikel von

Was für eine grossartige Würdigung amerikanischer Filmemacher! Bei den Oscars 2015 wurden Indie-Veteranen Wes Anderson («Grand Budapest Hotel») und Richard Linklater («Boyhood») mit Nominierungen förmlich überschüttet.

In Damien Chazelle hat die Academy zu Recht ein grosses Talent erkannt und sein Debüt «Whiplash» unter die besten acht Filme des Jahres gewählt. Bennett Miller, der mit der Psycho-Studie «Foxcatcher» den mit Abstand verstörendsten Film des Jahres 2014 gedreht hat, wurde für die beste Regie nominiert, und sogar für Paul Thomas Andersons Drehbuchadaption des vertrackten Pynchon-Romans «Inherent Vice» hatten die Wahlberechtigten genug Liebe übrig.

Apropos Liebe: David Oyelowo als Martin Luther King, Jr. und Carmen Ejogo als Coretta Scott King.  bild: paramount

Doch all diese verdiente Anerkennung kann nicht verdecken: Die Academy hat fast ausschliesslich Weisse gewürdigt, obwohl genug schwarze Talente zur Auswahl standen. Das Bürgerrechtsdrama «Selma» bot mit Ava DuVernay und David Oyelowo würdige Kandidaten für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller. Doch beide gingen leer aus. Immerhin, könnte man meinen, hat es «Selma» unter die besten Filme geschafft. Doch ohne eine Nominierung in dieser Kategorie hätte sich die Academy nur schwer dem Rassismusvorwurf entziehen können.

Nominiert als bester Film

Regisseurin Ava DuVernay. Bild: EPA

Entscheidender wäre eine Nominierung von «Selma»-Regisseurin Ava DuVernay gewesen, die damit als erste Schwarze in die Auswahl für die beste Regie gekommen wäre. Vergleicht man ihr dichtes, stimmungsvolles, überaus klug komponiertes Porträt von Martin Luther King Jr. mit dem grobschlächtigen Alan-Turing-Biopic «The Imitation Game», fällt einem kein Grund ein, warum der Norweger Morten Tyldom den Vorzug erhalten hat – ausser, ja ausser: Hautfarbe.

Martin Luther King, Jr. geht in «Selma» voran. Bild: Paramount Pictures

Erkennen Sie TV-Queen Oprah Winfrey? Bild: ToMerlin

Dieser Verdacht schmerzt umso mehr, als sich die Academy in diesem Jahr so offen wie selten zuvor gegenüber dem europäischen Arthouse-Kino gezeigt hat. Marion Cotillards Nominierung als beste Hauptdarstellerin für das Sozialdrama «Deux jours, une nuit» («Zwei Tage, eine Nacht») von den Dardenne-Brüdern ist eine wunderbare Überraschung.

Der «Selma»-TRailer. video: youtube/movieclips trailers

Vier Nominierungen für Mike Leighs Künstlerporträt «Mr. Turner» sind ebenso herzlich willkommen, auch wenn für Hauptdarsteller Timothy Spall durchaus mehr hätte drin sein können. Die Anerkennung für die Polen Lukasz Zal und Ryszard Lenczewski für ihre Kameraarbeit bei «Ida» ist ebenfalls hochverdient.

Trotzdem wird 2015 wohl als verlorenes Jahr in die Oscar-Geschichte eingehen. Ausser als bester Film ist «Selma» als einziges noch für den besten Song nominiert. Mit «Glory» konnten John Legend und Common bereits bei den Golden Globes siegen, ihre Chancen für den 22. Februar stehen also sehr gut. Wenn dann John Legend singt «One day, when the glory comes/it will be ours, it will be ours», und Common rappt «That's why we walk through Ferguson with our hands up/When it go down we woman and man up», dürfte auch der letzte im Raum merken, was für ein Zerrbild die Oscars abgeben.

Beste Regie

Beste Hauptdarstellerin

Bester Hauptdarsteller

Beste Nebendarstellerin

Bester Nebendarsteller

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    Alle Leser-Kommentare
  • dnsd 17.01.2015 21:21
    Highlight DiCaprio ist weiss!
    1 0 Melden
  • Frohes Locken 17.01.2015 15:45
    Highlight Stimmt das ist sowas von rassistisch, man sollte so schnell wie möglich eine Minderheitenquote einführen, diese sollte mindestens 40% betragen.
    So erhält jeder Künstler dann auch dass, was seiner Ethnie zusteht. Dieser Künstler wird sich dann sicher auch noch vollkommen für seine Leistung wertgeschätzt fühlen.
    2 0 Melden
  • p.f 17.01.2015 03:17
    Highlight Finde es schon fast beleidigend der Academy Rassismus vorzuwerfen, zumal die Präsidentin afroametikanischer Herkunft ist. Dazu wurde letztes Jahr ein Sklaven-Drama zum besten Film gewählt...
    6 0 Melden

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