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Bewaffneter Osterhase im «Tatort»: Geiselnahme an Spendengala. Bild: ARD

Faktencheck zum Oster-«Tatort»: Wie realistisch war der Hasen-Terror?

Ballernde Osterhasen, die im «Tatort» Geiseln nehmen – angeblich um eine Amnestie für abgelehnte Asylbewerber zu erwirken. Und ein MEK-Beamter, der mit Auftragsmördern zusammenarbeitet. Ist das realistisch?

06.04.15, 22:30 07.04.15, 16:06

Christina Hebel

Ein Artikel von

Im Hamburger «Tatort» treffen sich betuchte Unternehmer und Honorationen auf einer Spendengala, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln. Auch Kommissarin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ist mit einem Freund unter den Gästen, als fünf linksradikale Aktivisten in Hasenkostümen die Charity-Veranstaltung stürmen und mehr als 70 Geiseln nehmen. «Bad Easter Bunnies» nennt sich die Gruppe. Ihre politischen Ziele bleiben im Ungefähren, nur so viel wird klar: Die Männer wollen mit ihrer Aktion darauf hinweisen, wie scheinheilig die Spender sind, die sich in ihren Augen nur selbst feiern wollen.

«Auch dieses Jahr werden wir nicht eure Eier färben, sondern euch», brüllen die Aktivisten. «Rot wie Blut» soll es werden. Sie fordern per Livestream eine Amnestie für alle Abschiebehäftlinge, konkreter wird es nicht. Doch statt wie sonst Farbbeutel zu werfen, schiessen die Hasen um sich. Der Chef-Bunny tötet einen der Gäste per Kopfschuss, später stirbt auch eine Tänzerin, als sie plötzlich aus einer Torte hüpft.

Kommissarin Lorenz merkt bald, dass hinter der Geiselnahme ein Auftragsmord an einem der anwesenden Mitarbeiter der Rüstungsindustrie steckt. Die Polizistin steht mit ihrem Kollegen Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) heimlich über Handy in Kontakt. Der ruft das MEK und muss später selbst zur Waffe greifen, als Lorenz einen Maulwurf unter den MEK-Beamten stellen will. So weit, so Kugel geladen – doch wie realistisch ist die Geschichte der ballernden Osterhasen? Der Faktencheck:

Wie gehen linksradikale Gruppen vor?

Immer wieder machen linksradikale Gruppen mit gewaltsamen Aktionen Schlagzeilen: In Leipzig griffen Hunderte Linksautomome im Januar das Amtsgericht und Polizisten an – aus Wut über den Tod eines Asylbewerbers und eine Pegida-Demonstration. In Berlin verübten Autonome mehrmals Brandanschläge gegen teure Autos. Damit wollten sie gegen die Gentrifizierung und steigende Mieten protestieren.

Die 2009 aufgelöste «militante gruppe» verschickte Umschläge mit Patronen einer Kleinkaliberwaffe unter anderem an Otto Graf Lambsdorff, den damaligen Regierungsbeamten für die Entschädigung der Zwangsarbeiter. Nach Meinung der Militanten fiel die Entschädigung der Zwangsarbeiter von zehn Milliarden Mark zu gering aus. Später verübte die Gruppe Anschläge auf Amtsgebäude, ein Sozialgericht und Fahrzeuge, darunter auch Bundeswehrwagen.

Auch der Ernstfall wird trainiert. Bild: ARD

Im «Tatort» bewirft die Hasen-Gruppe bis zu der Geiselnahme bei Charity-Abenden Gäste mit Farbe, um die Heuchelei solcher Veranstaltungen zu zeigen. Eine durchaus mögliche Aktion von linken Autonomen, alles andere ist eine Zuspitzung des Regisseurs und Drehbuchautors Thomas Stiller.

Vielleicht hat er sich bei seinen kostümierten Aktivisten an die Gruppe «Prekäre Superhelden» erinnert, die ab 1. Mai 2005 in Hamburg für Aufregung sorgte – aber anders als die ballernden Osterhasen gewaltlos. Als Comic-Helden wie Spider Man verkleidet, plünderten die Linken Büffets in Nobelrestaurants und verteilten die Beute dann an Ein-Euro-Jobber, Praktikanten und Kitas, bis sie nach zwei Jahren gefasst wurden.

Wie werden Flüchtlinge abgeschoben, wann kommen sie in Haft?

Alle Abschiebehäftlinge sollen freikommen, fordern die «Tatort»-Aktivisten. 2011 wurden laut Pro Asyl bundesweit 6500 Abschiebegefangene gezählt. 2010 waren es laut Bundesregierung noch etwa 7500, 2008 rund 8800 Menschen. Ein Grossteil der Abschiebehäftlinge machten damals die sogenannten Dublin-Fälle aus. Das sind Flüchtlinge, die nach Deutschland gereist sind, obwohl sie in einem anderen EU-Staat zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben und dort hätten bleiben müssen.

Mittlerweile dürfte die Zahl der Abschiebegefangenen gering sein. Zum einen dürfen nach einem höchstrichterlichen Urteil im vergangenen Jahr die Dublin-Fälle nicht mehr in Haft. Die Richter begründeten dies damit, dass der Bund es versäumt habe, in einem Gesetz zu klären, wann Fluchtgefahr bestehe und eine Haft gerechtfertigt sei. Zum anderen dürfen Abschiebeflüchtlinge nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2014 nicht mehr in normalen Gefängnissen untergebracht werden.

Zur Ausreise aufgefordert werden können Ausländer, wenn ihr Asylantrag abgelehnt, ihre möglichen Folgeanträge gescheitert sind und auch keine Duldung aus gesundheitlichen oder anderen humanitären Gründen vorliegt. Wenn sie nicht freiwillig ausreisen, folgt die Abschiebung. Dafür sind die Bundesländer zuständig. Im Fall der «Tatort»-Aktivisten wäre also das Land Hamburg der Ansprechpartner gewesen – die Forderung nach Freilassung «aller Abschiebehäftlinge» kaum möglich.

2014 beantragten bundesweit 202'834 Bewerber Asyl, 154'191 wurden abgelehnt. Davon galten 40'970 Menschen als «unmittelbar ausreisepflichtig». Das heisst, es lagen keine Gründe für eine Duldung vor. Trotzdem bleiben die meisten im Land – im vergangenen Jahr wurden nur 10'884 Ausländer nach Angaben der Behörden abgeschoben, meist per Flugzeug. Oftmals scheitern die Versuche, weil viele Betroffene unter anderem angeben, keine Papiere zu haben, untertauchen oder bei Härtefallkommissionen Erfolg haben. Diese sind bei den Landesinnenministerien angesiedelt (Ausnahmen: Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, dort ist das Integrationsressort zuständig). Die Kommissionen können die zuständigen Minister nach Prüfung und Beschluss bitten, Ausweisungen zu stoppen.

Wie arbeitet das MEK?

Das MEK, das Mobile Einsatzkommando, ist eine Spezialeinheit der Polizei, sie ist der Kriminalpolizei angegliedert. Sie kommt bei «besonderen Lagen» zum Einsatz, bei schwerwiegenden Straftaten wie Geiselnahme, in soweit ist der «Tatort» realistisch.

Weniger wirklichkeitsnah erscheint die Geschichte des MEK-Beamten. Er informiert einen der Geiselnehmer, den Kopf der Hasen-Bande, über den laufenden Einsatz. Als die MEK-Leute das Gebäude stürmen, geht der MEK-Maulwurf in den Keller, um den Mann zu töten. Bei Einsätzen sind die MEK-Beamten aber in Gruppen unterwegs, stehen im ständigen Kontakt. Wenn also ein Kollege länger fehlen und nicht antworten sollte, würde das auffallen. Der MEK-Beamte im «Tatort» aber ist ständig allein unterwegs.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • länzu 07.04.2015 00:09
    Highlight Ich habe einen superspannenden Tatort gesehen und es ist mir ehrlich gesagt egal, ob dieser in den Fakten der Wahrheit oder Realität entspricht oder nicht. Am Sonntagabend will ich in den 90 Minuten gut unterhalten werden und brauche diese schöngeistige Kritiken eigentlich nicht. Der Tatzort hat für sich noch nie in Anspruch genommen, immer hart an der Realität zu spielen.
    6 5 Melden
  • Angelo C. 06.04.2015 23:58
    Highlight Richtig, Joel, du liegst falsch! Ob das aber meinem bildungsmässigen und intellektuellen Niveau Abbruch tut, liegt beurteilungsmässig natürlich ganz in deiner Hand ;-)! Doch im Ernst: Obwohl ich längst nicht jeden TATORT anschaue, habe ich ausgerechnet den am Ostermontagabend gesehen, gelangweilt vor der Glotze hockend. Aufgefallen ist mir positiv, dass es da auch mal etwas vermehrt action gab, die Handlung gemessen an sonst üblicheren Verbrechen mal anders gelagert daherkam. Allerdings pflichte ich dem Autor des Artikels bei, dass der letztliche Zusammenhang um den spiritus rector aus dem MEK nicht sonderlich nachvollziehbar schien.
    5 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 06.04.2015 23:30
    Highlight Ich vermute, dass die wenigsten Leserinnen und Leser den Tatort schauen oder liege ich falsch?
    2 20 Melden
    • Statler 06.04.2015 23:58
      Highlight Wurde heute «gezwungen» zu schauen... und weiss jetzt, warum ich mir das sonst nie antue...
      3 7 Melden
    • Mia_san_mia 07.04.2015 01:26
      Highlight Also ich schaue auch nie...
      1 4 Melden
    • Gelöschter Benutzer 07.04.2015 05:39
      Highlight Wie kommen Sie darauf? Ich schaue regelmässig.
      4 0 Melden
    • kettcar #mo4weindoch 07.04.2015 06:25
      Highlight Wie man sich irren kann. Und es werden immer mehr. Das Galicia in Olten ist die erste mir bekannte Bar, die in der Schweiz schon Public Viewing am Sonntag Abend anbietet. In den Bars von Berlin ist es schon sehr weit verbreitet. Spiessig ist das neue hip. Bis die Karawane weiterzieht :) für mich bleibt es ein schönes Ritual um das Wochenende ausklingen zu lassen.
      5 2 Melden
    • sterpfi 07.04.2015 11:11
      Highlight In Zürich gibts auch einige Bars wo man den Tatort schauen kann.
      1 1 Melden

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