Film

Hollywoods schmutziges Geheimnis

Der einflussreiche Filmproduzent Harvey Weinstein soll über Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell belästigt haben. Nun hat sein eigenes Studio ihn entlassen. Doch das Problem sitzt tiefer - und Hollywood duldete es.

09.10.17, 09:59

Marc Pitzke, New York

Harvey Weinstein. Bild: Jordan Strauss/Invision/AP/Invision

Ein Artikel von

Das Luxushotel Biltmore in Los Angeles hat eine lange Hollywoodgeschichte. In seinem Ballsaal wurde 1927 die Academy of Motion Picture Arts and Sciences gegründet, die dort später viele Oscar-Galas abhielt. Das erste Design der Statuette soll auf einer Biltmore-Serviette entstanden sein.

Im Juni trafen sich Hunderte Medienmacher im Biltmore, um die Southern California Journalism Awards zu verleihen. Unter den Preisträgern: Harvey Weinstein, einer der erfolgreichsten Filmproduzenten. Gemeinsam mit Rap-Ikone Jay-Z gewann er den Truthteller Award für «kulturelle Aufklärung».

Vier Monate später scheint diese Auszeichnung reinste Heuchelei. Weinstein («Shakespeare in Love», «The King's Speech») steht im Mittelpunkt des grössten Hollywoodskandals seit Langem: Über Jahrzehnte hinweg soll er Frauen sexuell belästigt und das dann mit Schweigegeld vertuscht haben.

Weinstein, ein Top-Spender der US-Demokraten, hat sich zwar entschuldigt und wurde am Sonntagabend von seinem eigenen Studio fristlos entlassen. Doch damit ist es kaum getan. Denn der Fall ist längst zur Parabel mutiert: auf die Scheinheiligkeit Hollywoods und seiner politischen Freunde.

Trump: «Ich bin gar nicht überrascht»

Die Vorwürfe zerren ein schmutziges Geheimnis ans Licht: Seit jeher tuschelte die Filmbranche über Weinsteins Verhalten, doch unternahm nichts. Obwohl sie sich gerne rühmt, so gewissenhaft und progressiv zu sein. Und obwohl sie sich vor Empörung kaum einkriegte, als Bill O'Reilly und Roger Ailes, die grössten Namen des konservativen Kabelsenders Fox News, ähnlich stürzten.

Selbst US-Präsident Donald Trump, ein alter Hollywoodinsider, bestätigte: «Ich kenne Harvey Weinstein seit Langem, ich bin gar nicht überrascht.» Dass er das ausgerechnet am ersten Jahrestag der geleakten Videos sagte, auf dem er seinerseits mit sexuellen Übergriffen prahlte, störte ihn dabei offenbar nicht.

Klischee vom exzentrischen Mogul

Weinstein, 65, war seit jeher als cholerischer Despot berüchtigt. Er brüllte Filmemacher, Angestellte und Reporter an, manipulierte Oscar-Kampagnen, schüchterte selbst Megastars ein: «Ich bin der verdammte Sheriff dieser verdammten, gesetzlosen Scheissstadt», sagte er einmal. Damit meinte er zwar New York, wo seine Karriere begann, doch es galt auch für Hollywood.

Harvey Weinstein und Ehefrau. Bild: EPA/EPA

Dort wurde sein Benehmen lange als klassisches Klischee vom exzentrischen Mogul beschönigt - auch von den Medien, die mit Weinstein eine lukrative Symbiose pflegten. Dass sein Benehmen oft sexueller Belästigung gleichgekommen sein soll, war ein offenes Geheimnis in Hollywood. «Die einzige Überraschung ist: Warum kam das erst so spät raus?», sagte ein PR-Manager der Website «The Wrap».

Weinsteins Macht ist tief verwurzelt. Er machte Starlets zu Stars, stützte mit seiner Produktionsfirma eine ganze Industrie - und hielt alle, die ihm im Weg standen, angeblich mit Einschüchterungen und Film-Deals in Schach. So berichtet es die «New York Times», die die brisanten Vorwürfe der Schauspielerin Ashley Judd und sieben anderer Frauen exklusiv publizierte.

Nur leichte Panik

Auffallend wenige Hollywoodgrössen distanzierten sich anfangs von Weinstein. Die «NYT» berichtete, etliche «Darsteller, Produzenten und Regisseure» hätten auf eine Stellungnahme verzichtet. Als eine der ersten solidarisierte sich Schauspielerin Lena Dunham («Girls») mit den Frauen. Die bekanntesten Late-Night-Comedians hingegen - die keine Zeit verloren hatten, damals die Sex-Vorwürfe gegen Trump zu thematisieren - ignorierten den Fall. Selbst in der Show «Saturday Night Live» kam er am Samstag nicht vor.

Leichte Panik hingegen bei den Demokraten: Mehrere beeilten sich, Weinsteins Wahlspenden zurückzugeben oder weiterzureichen. Seit 1990 spendete Weinstein fast 1.5 Millionen Dollar an demokratische Kandidaten, allen voran Barack Obama und Hillary Clinton, mit denen er sich oft fotografieren liess. Beide schwiegen bisher. Unter denen, die seine Gelder jetzt schnell abstiessen: die Senatoren Chuck Schumer und Elisabeth Warren.

Der Los Angeles Press Club, der Weinstein im Juni mit dem Truthteller Award ausgezeichnet hatte, nannte die Vorwürfe am Sonntag «abscheulich» - erkannte ihm den Preis aber nicht ab, da er einem spezifischen Projekt gegolten habe, einer Dokumentation über einen fälschlich inhaftierten schwarzen Teenager. «Der Press Club», erklärte die Gruppe, «steht dazu.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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14
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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • äti 09.10.2017 21:25
    Highlight Was nimmt die 'Ehefrau' gegen galoppierenden Brechreiz?
    9 0 Melden
  • Mikki 09.10.2017 15:56
    Highlight Schönes paar! 🤣😂🤣😂
    16 1 Melden
  • John Carter 09.10.2017 14:08
    Highlight Wie es wohl unseren Schweizer Missen in Hollywood ergangen ist: Melanie Winniger, Jennifer Ann Geber, Mahara Mc Kay oder Ursula Andress und Michelle Hunziger könnten einem wohl sicher von vielen gelebten Insidergeschichten erzählen....
    23 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 09.10.2017 11:30
    Highlight Die Schausteller, die sonst so moralapostelisch sind?
    35 10 Melden
    • SemperFi 09.10.2017 22:50
      Highlight Apostelische Schausteller? Kreativ, momoll...
      3 3 Melden
  • Don Sinner 09.10.2017 11:21
    Highlight "Schmutziges Geheimnis". Ich ging davon aus, man meine die üblichen entsprechenden Praktiken. Stattdessen tut man so, als sei HW das schwarze Schaf. Die NYT schreibt 22,500 Zeichen über den Fall. Aber die Ausbeute ist sehr dünn. Praktisch niemand will mehr Stellung nehmen, auch nicht die Frauen, nicht Rose McGowan, die die Geschichte vor Monaten initiierte. Dafür enden die Autorinnen mit einem vielsagenden Zitat von Lauren O’Connor, einer der Belästigten: "She also wrote a letter to Mr. Weinstein thanking him for the opportunity to learn about the entertainment industry."
    37 6 Melden
  • Karl33 09.10.2017 11:12
    Highlight Auch Feministen sind eben nur Menschen. Und nicht moralisch höhere Wesen, als welche sie sich gerne verkaufen.

    https://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/im-freien-fall/story/17314273
    "Die sexuellen Belästigungen Harvey Weinsteins sind ein Problem für ganz Hollywood. Der Starproduzent inszenierte sich gerne als Feminist."
    17 26 Melden
    • alessandro 09.10.2017 13:36
      Highlight Stichwort: Inszenierte
      16 4 Melden
  • freundeskreismelona 09.10.2017 10:53
    Highlight Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass junge weibliche Talente in der Unterhaltungsindustrie (Musik, Film, Mode) über das Bett der mächtigen Herren dieser Industrie, die Karriereleiter empor steigen.
    81 11 Melden
    • Don Sinner 09.10.2017 11:48
      Highlight Das ist der Punkt. Und nun tut man so, als sei Weinstein der einzige. Hexenjagd. Journifutter. Gespielte Empörung.
      54 9 Melden
  • MacB 09.10.2017 10:23
    Highlight Solange es mit den Karrieren aufwärts ging - der Erfolg zum Greifen nah, machten alle brav mit und nahmen es als Teil des Businesses hin.

    Jetzt, 5, 10 oder 20 Jahre danach - wo kein Hahn mehr nach den Schauspielerinnen kräht - fällt ihnen ein, wie schlimm das war.

    Weinstein ist ein Ekelpaket und das ist nicht schönzureden. Die opportunistische Haltung seiner Opfer missfällt mir aber sehr.
    111 27 Melden
    • Nausicaä 09.10.2017 12:02
      Highlight Als ob irgendjemand unbekannten Starlets zuhören würde...Das wissen diese Frauen nur zu genau. Beispiel: die Vorwürfe zweier nicht sehr bekannter Frauen gegenüber Casey Affleck. Der konnte in aller Ruhe seinen Oscar abholen...
      Das ist kein individuelles, sondern ein soziales Problem.

      Aber Hollywood kann man manchmal wirklich nicht ernst nehmen. Verurteilen Trump und ignorieren die zum Teil ziemlich patriarchalen Verhältnisse um sich herum...(alternde Schauspielerinnen haben es schwerer, Rollen zu bekommen, Lohnunterschiede, usw.)
      51 7 Melden
    • Snowy 09.10.2017 15:11
      Highlight @MacB: Nagel auf den Kopf getroffen.
      10 5 Melden
    • Marty_2015 09.10.2017 23:01
      Highlight Naja, Weinstein's Verhalten ist schlimm, aber der will nicht Präsident werden und ein Land (auch moralisch) führen. Kleiner, aber gewichtiger Unterschied.
      2 3 Melden

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