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Immer wieder bemerken Frauen erst bei der Geburt, dass sie schwanger waren.
Bild: AP/World Press Photo

«Wie, sie hat das nicht gemerkt?!» – Warum manche Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen

Wie kann eine Frau nicht bemerken, dass sie schwanger ist? Betroffene werden schnell als naiv abgestempelt. Dabei gibt es Gründe, warum eine anstehende Mutterschaft nicht bemerkt wird.

19.04.16, 20:35 20.04.16, 08:42


Ein Artikel von

Plötzlich ist ein Baby da. Ohne Vorwarnung. Ohne Vorbereitung. Wie soll das gehen? Ohne, dass die Frau etwas von ihrer Schwangerschaft bemerkt haben will, denken viele.

Derartige Berichte sorgen immer wieder für Aufsehen. Dabei sei die «Gravitas suppressalis», die verdrängte Schwangerschaft, häufiger als gedacht, sagt der Berliner Frauenarzt und Psychotherapeut Peter Rott. Einer von 500 schwangeren Frauen sei ihr anderer Umstand nicht bewusst – in Deutschland immerhin rund 1300 pro Jahr. Bei 270 davon werde die Schwangerschaft sogar erst bei der Geburt festgestellt, sagt der Frauenarzt.

«Von einer verdrängten Schwangerschaft spricht man, wenn die Frau diese bis zur 20. Woche nicht wahrnimmt», erklärt Rott. In der Regel dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen – den Frauen ist also mindestens die Hälfte der Zeit nicht bewusst, dass sie ein Kind erwarten.

«Sie schiebt es weg»

Fachleute unterscheiden zwischen verdrängten und verleugneten Schwangerschaften. «Der Unterschied liegt in der Wahrnehmung der Frau.» Während bei einer verdrängten Schwangerschaft nach Angaben Rotts die Gefühle komplett im Unterbewusstsein stattfinden, ist der Frau bei der verleugneten Form eigentlich klar, dass sie ein Kind erwartet. «Sie schiebt es aber weg.» Weder die Verdrängung noch die Verleugnung geschehen bewusst.

Was aber passiert mit solchen Frauen?

«Schmerzlichen Ereignissen nähern wir uns nur sukzessive oder gar nicht», erklärt der Psychotherapeut. Eine Abwehr gegen einen inneren Konflikt sei ganz natürlich. «Wir alle kennen das.» Zum Beispiel wenn eine lange ausstehende Rechnung gezahlt werden muss. Wenn der Konflikt so gross sei, dass ein Mensch ihn nicht mehr ertrage, schiebe er ihn ins Unterbewusstsein ab. Bei den schwangeren Frauen entstehe der innere Konflikt meist aus der Lebenssituation, in die gerade kein Kind passt.

Die bisher umfassendste Studie in Deutschland über nicht bewusste Schwangerschaften wurde 2002 von den deutschen Medizinern Jens Wessel und Ulrich Büscher von der Berliner Humboldt-Universität im Fachblatt British Medical Journal veröffentlicht: Ein Jahr lang untersuchten sie in Berlin 62 Fälle von solchen Frauen. Bei 25 von ihnen wurde die Schwangerschaft erst festgestellt, als die Wehen bereits begonnen hatten. Die Ansicht, verdrängte Schwangerschaften seien selten, treffe nicht zu, schreiben die Autoren. So ist es auch in vielen anderen westlichen Ländern.

Die typische Schwangerschaftsverdrängerin gebe es nicht, das Problem ziehe sich durch alle Schichten und Altersgruppen. Eine stärkere Tendenz sei nur bei sehr jungen Frauen und Frauen in einem Alter, in dem sie nicht mehr damit rechneten schwanger zu werden, festgestellt worden. «Das sticht statistisch aber nicht heraus», sagt Rott. Auch dass die Schwangerschaft Folge eines One-Night-Stands ist, trifft in vielen Fällen nicht zu: «80 Prozent der Frauen sind in einer festen Partnerbeziehung.» Und etwa die Hälfte der Frauen sei davor sogar bereits einmal oder mehrmals schwanger gewesen.

DIe Symptome lassen sich verbergen

Selbst der wachsende Bauch lässt sich verbergen.
Bild: shutterstock

Ein runder Bauch, Übelkeit und Ausbleiben der Periode – wie können Frauen nicht merken, dass sie schwanger sind? «Man kann alles umdeuten», sagt Rott. Bewegungen des Kindes werden als Bauchgrimmen wahrgenommen, eine Gewichtszunahme auf eine schlechte Ernährung zurückgeführt. Frauen mit ohnehin unregelmässigen Blutungen machten sich keine Gedanken darüber, dass die Menstruation ausbleibt. «Wir reden uns ja alle Dinge schön», sagt Rott.

Zudem blieben die ungeborenen Kinder häufig unterdurchschnittlich klein, da sich die Frauen nicht schwangerschaftskonform verhalten. Sie rauchten oder tränken Alkohol, erklärt der Frauenarzt. Auch die typische Silhouette mit Kugelbauch lasse sich verbergen: Schlanke ziehen unbewusst den Bauch ein. Bei Frauen mit ohnehin ein paar Kilos mehr auf den Rippen falle der Unterschied weniger auf.

Mit einem solchen Fall hatte auch die Heidelberger Frauenärztin und Psychoanalytikerin Susanne Ditz zu tun: Eine 18-Jährige wird mit Verdacht auf eine Nierenkolik ins Krankenhaus gebracht – wenige Stunden später ist sie Mutter. Die starken Rückenschmerzen, die bei Nierenkoliken häufig vorkommen, seien in Wirklichkeit Wehen gewesen, berichtet Ditz. Weil ihr Gewicht schon öfter geschwankt habe, hatte sich die junge Frau keine Gedanken über die Gewichtszunahme gemacht. «Die Geburt verlief dann komplett problemlos», erzählt Ditz.

Informationsdefizit nach der Geburt

Die 18-Jährige hatte auch gemerkt, dass ihr Bauch hart wurde. «Sie deutete das aber als Darmprobleme, mit denen sie davor schon zu tun hatte.» Auch die leichte Übelkeit führte sie auf Magenprobleme zurück. Das Kurioseste an der Geschichte sei gewesen, berichtet die Ärztin, dass die Frau eine Ausbildung zur Arzthelferin machte und auch dort niemanden etwas aufgefallen war. Die Familie der jungen Frau habe das Neugeborene sofort aufgenommen, auch die Beziehung zum Vater hielt. Später sei ein zweites Kind dazu gekommen. «Das war ein guter Fall», sagt Ditz. Eine Psychotherapie sei nicht nötig gewesen.

Beim grösseren Teil der Betroffenen sei diese aber unbedingt erforderlich. «Man muss den Frauen mit Empathie begegnen und klar zeigen, dass sie kein Einzelfall und nicht verrückt sind.» Ohne psychologische Unterstützung bestehe das Risiko, dass die Frau sich oder dem Kind nach verdrängten Schwangerschaften etwas antue. Frauenarzt Rott erklärt, dass es in Deutschland pro Jahr etwa 30 Fälle von Kindstötung gibt. Dahinter steckten häufig verdrängte Schwangerschaften.

Doch neben der psychischen Belastung einer nicht vorbereiteten Geburt fehlt auch die gesamte Organisation für den Alltag mit Kind. Deshalb werde nach der Entbindung zur Unterstützung meist ein Sozialarbeiter eingeschaltet. «Das wesentliche Problem der Frauen ist ein Informationsdefizit.» Welche Formulare muss ich ausfüllen? Und wie kümmere ich mich überhaupt um einen Säugling? Alle diese Fragen wollen beantwortet werden.

Wie lange eine Betreuung der Mütter nach der Geburt dauere, müsse individuell festgelegt werden. Jede Frau brauche unterschiedlich lang, um wirklich Mutter zu werden. (Amelie Richter, dpa/joe)

Passend dazu: Was dich während der Schwangerschaft erwartet

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Charly Otherman, 5.5.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Maria B. 20.04.2016 12:02
    Highlight Verdrängen mag ja durchaus sein, keinesfalls aber "nicht bemerken", denn wenn bei mir die Menstruation monatelang ausbleiben würde, bräuchte ich wohl kein Quiz zu veranstalten, um zu checken, dass ich doch tatsächlich schwanger bin :-))!
    23 30 Melden
    • Miicha 20.04.2016 14:13
      Highlight Überraschung, kannst auch mit Mens schwanger sein!
      45 9 Melden
    • weisse Giraffe 21.04.2016 16:28
      Highlight Pubertät? Menopause? Pille durch Antibiotika wirkungslos? Etc.

      Ich weiss von einem Fall, bei dem die Frau mit Ende 40 schwanger wurde und die ausbleibende Mens als Menopause gedeutet hatte, bis der Bauch wuchs.

      Und eine andere, sehr junge Frau, die trotz Pille (eben wegen Antibiotika) schwanger war und es deshalb lange nicht ahnte.

      Ich kenne auch jemanden mit so unregelmässiger Mens plus Pillenunversträglichkeit, dass der Panik-Schwangerschaftstest eine zeitlang fast schon Routine war. Wieviele Fehlalarme brauchts, bis man gar nicht mehr testet?
      16 3 Melden
  • jeanette_mueller 20.04.2016 10:20
    Highlight Wir haben meine beiden SS in vollem Bewusstsein dessen genossen. Mein lieber Ehemann und ich.
    19 55 Melden
    • jeanette_mueller 20.04.2016 15:46
      Highlight Ich schreibe aus meinem Leben, und da gibts Leute die den Blitz drücken? Echt jetzt? Kann mir mal einer der Blitzdrücker schreiben, wieso?
      11 25 Melden
    • sEribaZ 20.04.2016 17:36
      Highlight Selbstverständlich! Der Grund für mein Blitz war, dass Ihre Aussage gar nichts mit dem Thema zu tun hat. (Ausser natürlich die Schwangerschaft.) Nebenbei wollten Sie ja einfach mitteilen, dass Sie ein tolles Leben haben. Dies ist schön für Sie, ist aber nicht weiter erwähnenswert und wirkt für mich in diesem Kontext sogar ein wenig arrogant. Es gibt, wie Sie im Artikel lesen können, auch andere Umstände bei einer Schwangerschaft. Trotzdem wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie alles Gute! Es ist schön, wenn Kinder ohne Sorgen aufwachsen können.
      85 3 Melden
    • Martiis 20.04.2016 17:39
      Highlight Gemäss Artikel bemerken 99.8% der Frauen ihre SS vor der 20. Woche, bei Wunschkindern dürfte die Rate noch deutlich näher bei 100% liegen. Vielleicht fanden einige deine Aussage deshalb unnötig, weil wenig überraschend. Das wäre meine Erklärung.
      27 1 Melden
    • evalina 20.04.2016 18:00
      Highlight jeannette: weil es hier nicht um dich geht, vielleicht? Warum nur meinen so viele Frauen, sie und ihre Nachkommenschaft seien das Wichtigste auf der Welt?

      Ich kann mir das Verdrängen der Schwangerschaft sehr gut vorstellen, das Nichtwahrhabenwollen und die Qualen, da man es unbewusst wohl weiss, sich aber nicht darauf einstellen kann oder will, müssen schrecklich sein.
      32 3 Melden
  • patnuk 20.04.2016 09:46
    Highlight Wir hatten eine Mitarbeiterin, Sie musste zum Arzt vor ein paar Jaahren. Mein damaliger Chef kam mit einem Lächeln zu uns, er sagte, dass Ihr Arzt gesagt habe dass Sie nicht krank war sondern schwanger und Sie in ein paar Wochen ein Kind erhalten würde.
    Wir haben dann in Eile für Sie dass nötigste Vorbereitet und eingekauft was man normalerweise in 9 Monaten vorbereitet...war super Initative an unserem Arbeitsplatz für Sie.
    85 3 Melden
  • dracului 20.04.2016 08:09
    Highlight Es gibt auch wirklich doofe Zufälle: Nach dem Absetzen der Pille nie die Periode gekriegt. Der Arzt hat einen negativen Schwangerschaftstest gemacht. Bei der 2. Untersuchung, weil immer noch keine regelmässige Blutungen, stellte der Arzt fest, dass das Kind bereits in der 5. Monat war ... Das war eine Erlösung, weil plötzlich so viele "Symptome" erklärbar waren. 😊
    43 4 Melden
  • Baba 20.04.2016 07:14
    Highlight "Zudem blieben die ungeborenen Kinder häufig unterdurchschnittlich klein..."

    Wohl eher 'überdurchschnittlich' klein? Unterdurchschnittlich klein = grösser als Durchschnitt, überdurchschnittlich klein = kleiner als Durchschnitt, was ja häufig der Fall ist, bei Babies deren Mütter in der SS rauchten/Alkohol konsumierten.

    Interessanter Artikel über ein Phänomen, das sich mir bis anhin nicht wirklich erschlossen hat. Es muss unglaublich traumatisch sein, 'urplötzlich' mit einem Kind dazustehen und sich erst zu diesem Zeitpunkt mit der Mutterschaft auseinandersetzen zu können/müssen...
    47 3 Melden
  • NicoleTa 19.04.2016 22:55
    Highlight Ich habe in der 1 Schwangerschaft nach der 4. Woche nur noch erbrochen und ging nicht mer ins Hochzeitskleid... Da nütze alles leugnen nix mehr... Bei der 2. war es mir in der 7. Woche auch klar wie Klosbrühe, da ich wieder nur noch über der Kloschüssel hieng. Und obwohl ich etwas fülliger bin und nur kleine Bäuche hatte habe ich den Unterschied zwischen SS und Fettleibigkeit also gut bemerkt... Auch wenn man mir im 8. Monat noch nix ansah...
    faszinierend wie man sich selbst und den eigenen Körper so verleugnen kann...
    25 57 Melden
  • Mayadino 19.04.2016 21:43
    Highlight Finde es irgendwie faszinierend, habe gedacht ich hätte es spät bemerkt, 'erst' in der 7. woche.
    Aber habe auch schon einige mütter kennengelernt, welche es erst bei der geburt bemerkten. Auch in ihrem imfeld hatte es niemand bemerkt.
    Kann mir das kaum vorstellen, wie es ist plötzlich ohne seelische vorbereitung ein baby zu haben.
    46 4 Melden

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