Frankreich
(FILES) - A photo taken on May 1, 2012 in Paris shows French far right party Front National (FN) former presidential candidate, Marine Le Pen (R), walking near her father and former FN president Jean-Marie Le Pen (R). Anti-racism campaigners reacted with outrage on June 8, 2014 to an apparent anti-Semitic pun by France's former far-right leader Jean-Marie Le Pen that even his own party and daughter were quick to criticise. Le Pen, who has had multiple convictions for inciting racial hatred and denying crimes against humanity, once described Nazi gas chambers as a "detail" of history.    AFP PHOTO / THOMAS COEX

Der jüngste antisemitische Ausfall von Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen hat zum Zwist mit seiner Tochter geführt. Die Entgleisungen des Seniors erschweren Marine Le Pens Pläne in Brüssel. Bild: AFP

Geplante Front-National-Fraktion

Le Pens folgenschwerer Familienkrach

Der jüngste antisemitische Ausfall von Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen hat zum Zwist mit seiner Tochter geführt. Die Entgleisungen des Seniors erschweren Marine Le Pens Pläne in Brüssel.

11.06.14, 23:39 12.06.14, 09:47

Christina Hebel und Gregor Peter Schmitz / Spiegel Online

Ein Artikel von

Hamburg/Brüssel – Madame Le Pen liess bitten: Drei Tage nach der Europawahl lud die Chefin des Front National (FN) bei ihrem ersten Brüssel-Besuch in den grössten Pressesaal des Europäischen Parlaments. Draussen murrten Protestler gegen die französische Rechtsextremistin, drinnen herrschten harmonische Töne vor: «Wir werden eine gemeinsame Front bilden», kündigte die 45-Jährige selbstbewusst an. Ihr FN war mit rund 25 Prozent als stärkste Kraft aus der Abstimmung in Frankreich hervorgegangen.

Neben sich hatte Marine Le Pen Spitzen weiterer EU-feindlicher Parteien versammelt: von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), der italienischen Lega Nord und des belgischen Vlaams Belang. Links neben Le Pen hatte sich der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders von der Freiheitspartei platziert, ihr engster Verbündeter, fleissig schoss er Fotos mit seinem Telefon. Den Medien sei es nicht gelungen, sie zu dämonisieren, sagte die Französin – und gemeinsam strahlte das Quintett, das eine neue Fraktion im Parlament bilden will, in die Kameras.

Doch die schöne Einigkeit wird derzeit getrübt – Marine Le Pen muss ihre zukünftigen Partner im Europaparlament beruhigen. Diese zeigen sich verärgert über die jüngsten Entgleisungen ihres Vaters und Parteigründers Jean-Marie Le Pen.

«Widerlich» findet Wilders die Äusserungen

Der 85-Jährige ist bereits mehrfach mit rassistischen und antisemitischen Ausfällen aufgefallen. Am Wochenende provozierte er erneut, dieses Mal in seinem Videoblog auf der Internetseite des FN. Darin wird er auf all jene Front-National-Kritiker angesprochen, die für seinen Wahlsieg Konsequenzen angekündigt hatten – etwa Frankreich zu verlassen oder nicht mehr in dem Land aufzutreten. Zu diesen Kritikern zählt auch der jüdische Starmusiker Patrick Bruel, und Le Pen wird in dem Video auf ihn angesprochen. «Ja, das erstaunt mich nicht», sagt der Rechtsextremist und fügt unter zufriedenem Lachen hinzu: «Wissen Sie, da machen wir das nächste Mal eine Ofenladung.»

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache distanzierte sich schnell von dieser Aussage: «So etwas hat in der politischen Auseinandersetzung nichts verloren», verkündete er. Wilders nannte die Entgleisung im «Daily Telegraph» schlicht «widerlich». Er verlangte schriftlich eine Erklärung der Parteichefin. Ohnehin gibt sich seine Freiheitspartei – anders als der FN – betont pro-israelisch, nicht zuletzt deswegen wird die Allianz mit Marine Le Pen in den Niederlanden heftig kritisiert.

Die Ausfälle von Le Pen Senior sind mehr als peinlich für die Vorsitzende, offenbaren sie doch den grundlegenden Richtungsstreit in ihrer Partei. Marine Le Pen hat in den vergangenen Jahren versucht, sich von klar rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren. Sie will ihren Front National «entdämonisieren», um ihn mit dieser selbst verordneten Mässigung dauerhaft zu einer wählbaren Partei zu machen. Antisemitismus und offene Ausländerfeindlichkeit sind unter ihrer Führung mittlerweile tabu – was ihr Vater und dessen Anhänger aber nicht akzeptieren wollen. Noch kurz vor der Europawahl hatte Le Pen Senior verlauten lassen, das Problem der Überbevölkerung in Afrika sei durch den Ebolavirus zu regeln.

Nachdem seine Tochter nun das Video mit seiner neuesten Entgleisung rasch aus dem Internet entfernen liess und von ihm öffentlich abrückte, sprach der Parteigründer von «ein bisschen Verrat». Den Vorwurf des Antisemitismus wies er zurück. Vater und Tochter warfen sich gegenseitig «politische Fehler» vor. Kampflustig fügte Le Pen Senior hinzu: «Ich bin ein freier Mann, ich fühle mich nicht verpflichtet, den Pfaden zu folgen, die das Einheitsdenken vorgibt.» Zudem sei er menschlich sehr enttäuscht und sehr verletzt, es herrsche nun Funkstille im Hause Le Pen.

Konkurrenz mit Farage

Marine Le Pen hat aber offenbar genug von den familiären Störfeuern. Sie will endlich ihr seit Monaten angekündigtes Rechtsaussen-Bündnis im Europaparlament schmieden. Schliesslich geht es um viel Geld: Für den Aufbau und Unterhalt einer Fraktion würde sie nach ersten Schätzungen rund drei Millionen Euro im Jahr erhalten. Doch dafür braucht Marine Le Pen mindestens 25 Abgeordnete aus sieben Ländern – genauso wie ihr Konkurrent aus Grossbritannien, Ukip-Chef Nigel Farage.

Der dürfte den Zwist im Hause Le Pen interessiert verfolgen, buhlt er doch für seine Fraktion um die gleichen Parteien. Besonders radikale Gruppierungen wie die ungarische Jobbik-Partei oder die griechische Goldene Morgenröte meiden beide. Gerüchten zufolge soll die Französin aber die litauische Partei «Ordnung und Gerechtigkeit», sowie den polnischen «Kongress der neuen Rechten» auf ihre Seite gezogen haben. Allerdings hat Le Pen sich damit wahrscheinlich schon einen neuen Störenfried angelacht: Parteichef Janusz Korwin-Mikke ist ein Verfechter der Todesstrafe und hält die EU für ein «geistiges Geschöpf von Adolf Hitler».

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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